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Donnerstag, 6. September 2012

"Herz Jesu, ruf mich Du" - Von Heiligen und Hysterikerinnen

"Müde bin ich, geh zur Ruh'
Schließe beide Äuglein zu
Vater, lass die Augen Dein
Über meinem Bette sein.

Hab ich Unrecht heut gethan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an
Deine Gnad und Jesu Blut
Macht ja allen Schaden gut."

Stellen wir uns vor: die Verfasserin dieser unsterblichen Verse, Luise Hensel, eine Schwippschwägerin von Felix Mendelssohn Bartholdy, nachts mit einem Spaten auf dem Friedhof von Dülmen in Westfalen. Wir schreiben das Jahr 1824. Luise steht am Grab einer schon zu Lebzeiten als Heilige verehrten stigmatisierten Nonne und fragt sich: Wie, um Gottes Willen, bin ich hierher gekommen?

Die Antwort ist ebenso einfach wie bizarr: Ihr Freund und Dichterkollege Clemens Brentano, das enfant terrible der Romantischen Schule, hat sie beauftragt, ihm die Hand der toten Nonne zu bringen. Luise hat eingewilligt, aber nun, am bereits offenen Grab - - und das Mondlicht so schaurig, und die Tote, Anna Katharina Emmerick, wie lebendig in ihrem Sarg – da packt die die Angst, und sie kann es nicht tun.

Was aber wollte Brentano mit der Hand einer toten Nonne?
-- Man kann nur spekulieren.

Brentano hatte seit fünf Jahren viel Zeit am Krankenbett der Emmerick verbracht. Jeden Freitag hatte sie Visionen von der Passion Christi und anderen Ereignissen der biblischen Geschichte, und Brentano protokollierte diese Visionen und brachte sie, literarisch aufgearbeitet, in Buchform heraus. Das bekannteste der so entstandenen Bücher, Das bittere Leiden unseres Herrn Jesu Christi, diente später als Vorlage für Mel Gibsons Film Die Passion Christi, aber weder Emmerick noch Brentano werden in den credits des Films genannt. Das ist kein Plagiarismus: Mel Gibson glaubt an die Echtheit dieser Visionen, und auf die Wahrheit gibt es kein Urheberrecht.

Brentanos Interesse an der stigmatisierten Nonne von Dülmen beschränkte sich jedoch nicht darauf, sie oder den Heiligen Geist als Ghostwriter zu nutzen. In seinem Ringen mit seinem eigenen Katholizismus war ihm die Emmerick gleichermaßen Objekt schwärmerischer Verehrung wie tiefer Skepsis. Um der letzteren Herr zu werden, unterwarf er die Nonne einer Reihe bizarrer Prüfungen: So ließ er sie Tierknochen, Haare seiner eigenen Kinder und Heiligenreliquien auseinandersortieren, um zu testen, ob sie über die Gabe der Hierognosie, des Erkennens heiliger Dinge, verfüge.

War diese Skepsis auch verantwortlich dafür, dass er die Hand der Toten in seinen Besitz bringen wollte? Wollte er sich von der Echtheit ihrer Stigmata überzeugen? Anna Katharina Emmerick, 1811 im Zuge der Säkularisierung aus ihrem Kloster vertrieben, hatte nicht nur Visionen, sondern trug auch die Wundmale Christi. Leider gehörte Westfalen ab dem Wiener Kongress zu Preußen, und Preußen schätzen dergleichen nicht. Wunder gefährden die öffentliche Ordnung. Darum hatten die preußischen Behörden ein Auge auf die Emmerick und versuchten sie des Betrugs zu überführen. Es gelang ihnen nicht.

Das spontane Auftreten der Wundmale Christi am Körper lebender Menschen – genannt Stigmatisation – ist ein häufigeres Phänomen, als man denken sollte, und es scheint tatsächlich überwiegend Frauen zu betreffen. Einige Fälle hat die Katholische Kirche als echt anerkannt, einige wurden als Betrug entlarvt, viele sind umstritten. Demnächst, am 21. Oktober, steht die Heiligsprechung einer Stigmatisierten an: Anna Schäffer, genannt "Schreiner-Nandl", wird zur Ehre der Altäre erhoben. Nandl, geboren 1882 im zur Diözese Regensburg gehörenden oberbayerischen Dorf Mindelstetten, verstorben 1925 ebendort, verbrachte den Großteil ihres Erdenwallens leidend. Als Kind wollte sie Nonne werden, nahm mit 13 Jahren eine Stelle als Dienstmädchen an, um die Aussteuer für den Eintritt ins Kloster aufzubringen. Als sie 18 war, erlitt sie bei einem Arbeitsunfall schwere Verbrennungen an beiden Beinen, wurde zur Frühinvalidin erklärt und blieb lebenslang ans Bett gefesselt. Fortan widmete sie ihr Leben dem Gebet, der Stickerei und dem Verfassen religiöser Lyrik und Prosa. An diesen Texten lässt sich ablesen, wie Nandl ihr schweres Leiden bewältigte, indem sie es als Sühneopfer und Teilhabe an der Passion Christi auffasste. Diese heroische Haltung im Angesicht unvorstellbarer Schmerzen – am 05.10.1925 stirbt Anna Schäffer nach 30 Operationen an Mastdarmkrebs – macht sie aus Sicht der Kirche zum Vorbild für alle Kranken und Leidenden; darin zeigt sich auch eine aktuelle Relevanz ihrer anstehenden Heiligsprechung vor dem Hintergrund der Auseinandersetzungen um Sterbehilfe und pränatale Diagnostik. Aber zu einer Heiligsprechung gehören auch Wunder, und in der Tat: Auch Anna Schäffer trug die Wundmale Christi, und auch sie hatte Visionen, immer in der Karwoche. Schon zu ihren Lebzeiten wurde ihr Wohnort Mindelstetten zum Wallfahrtsort. Ihr letztes Gedicht datiert aus dem Jahr 1923:

"Herr, Deine Magd ist müde.
ole HHHole mich heim zur ewigen Ruh'.
Hienieden ist kein Friede.
Herz Jesu, ruf mich Du."

Karl Marx schrieb einmal, wenn Geschichte sich wiederhole, dann ereigne sie sich das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce. Dieses Gesetz bestätigt sich auch im Bistum Regensburg der 20er Jahre. Während sich in Mindelstetten Anna Schäffers Leidensweg dem Ende nähert, ereignet sich auch am anderen Ende der Diözese Wundersames: Im oberpfälzischen Konnersreuth lebt Therese Neumann, 16 Jahre jünger als Nandl und Dienstmagd wie diese. Ab 1918 treten bei ihr plötzlich Beschwerden auf, für die sich keine organischen Ursachen feststellen lassen: Lähmungserscheinungen, Epilepsie-ähnliche Anfälle, Sehstörungen, schließlich vollständige Erblindung. Aber am 23.04.1923, am Tag der Seligsprechung der Thérèse von Lisieux, kann sie plötzlich wieder sehen; als Thérèse von Lisieux am 17.05.1925 von Papst Pius XI. heilig gesprochen wird, verschwinden auch die Lähmungen. Die Diözese Regensburg hat ihr neues Wunder, aber damit nicht genug: Ab 1926 stellen sich bei Therese Neumann die Wundmale Christi ein, dazu Blutungen aus den Augen, besonders an Freitagen. Vor bis zu 5000 Zuschauern verfällt "Resl" in visionär-ekstatische Zustände, in denen angeblich Christus selbst aus ihr spricht; aber hatte nicht Papst Benedikt XIV. Mitte des 18. Jhs. erklärt "Eine Person, aus der der Heiland spricht, täuscht oder ist getäuscht"? Auch fällt es auf, dass, wenn Resl in ihren Visionen Auskunft über das Schicksal Verstorbener gibt – wer im Himmel, wer im Fegefeuer, wer in der Hölle sei –, das jenseitige Schicksal dieser Menschen ausschließlich davon abzuhängen scheint, wie sie zu Lebzeiten zu Therese Neumann gestanden haben. Ebenfalls ab 1926 nimmt Resl – so sagt sie, und so behaupten es ihr nahestehende Zeugen – außer der täglich empfangenen Eucharistie keinerlei Nahrung mehr zu sich. Aber vergessen wir nicht, es ist Mitte der 20er Jahre; sollte man da nicht annehmen, dass jedes Kind, vielleicht sogar Therese Neumann selbst, Karl Mays In den Schluchten des Balkan gelesen hat, wo Kara Ben Nemsi den "heiligen Mübarek" entlarvt? Hatte es nicht auch vom Mübarek geheißen, er nehme weder Trank noch Speise zu sich, und hatte er nicht der armen Nebatja weismachen wollen, er habe ihren verstorbenen Mann im Höllenfeuer schmoren sehen? Und doch war der Mübarek kein Heiliger, sondern ein ganz ordinärer Verbrecher. Nein, wer mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar rund 3000 Druckseiten lang durch das Reich des Großherrn geritten ist, der lässt sich von einer oberpfälzischen Bauernmagd nicht so leicht ins Bockshorn jagen!

Zweifel an der Echtheit der Wunder von Konnersreuth bleiben also nicht aus und werden durchaus lautstark vorgetragen, aber gleichzeitig wächst die Verehrung der Wundergläubigen für Resl Neumann ins Unermessliche, nicht nur unter der ungebildeten Landbevölkerung, sondern bis hinauf in höchste Kreise. Für die Kirche ein Dilemma. Die bayerischen Bischöfe, schließlich auch die römische Kurie dringen darauf, dass Resls Wundmale und ihre angebliche Nahrungslosigkeit in einer Klinik untersucht werden, aber die Familie Neumann verweigert dies. Der Verehrung durch die Wundergläubigen tut das keinen Abbruch; ebenso wenig lassen sie sich beirren, wenn Resl in ihren Visionen sich selbst widerspricht, trotz angeblicher Nahrungslosigkeit immer korpulenter wird oder wenn ihre freitäglichen Visionen immer häufiger ganz ausbleiben, was sie mit den bezeichnenden Worten begründet: "I will do a amal mei Ruh' hob'n!". Auch die NS-Zeit übersteht Resl unbeschadet, obwohl sie aus ihrer Abneigung gegen Hitler und seine Spießgesellen keinen Hehl macht. 1962, in dem Jahr, in dem die Beatles ihre erste Single veröffentlichen und der Schatz im Silbersee in die Kinos kommt, stirbt Therese Neumann an Herzversagen.

Schnell werden aus den Reihen der Resl-Verehrer Stimmen laut, die eine Seligsprechung der Stigmatisierten von Konnersreuth fordern; das zuständige Bistum Regensburg gibt sich solchen Forderungen gegenüber wohlwollend, hat es mit der Einleitung des Seligsprechungsverfahrens aber offenbar nicht eilig: Erst 2005 wird der Prozess offiziell eröffnet; ob er jemals erfolgreich zum Abschluss kommen wird, bleibt ungewiss.

Für Kritiker wie den Mediziner Josef Deutsch und den Priester und Religionslehrer Josef Hanauer – beides übrigens gläubige Katholiken, die stets betonten, mit ihren Warnungen vor der Stigmatisierten von Konnersreuth lediglich "Schaden von der Kirche abwenden" zu wollen – stand von jeher fest, dass Therese Neumann eine schwer hysterische Person war, kein Fall für die Ritenkongregation, sondern einer für die Psychiatrie. Skeptische Geister mögen an dieser Stelle auf den Gedanken kommen, auch anerkannte Mystikerinnen früherer Zeiten wären womöglich in der Psychiatrie gelandet, wenn es die damals schon gegeben hätte. Aber das ist, Skepsis hin oder her, eine recht zweischneidige Annahme. Sie kann bedeuten, dass viele vermeintliche Heilige vergangener Epochen in Wirklichkeit verrückt waren; sie kann aber ebenso gut bedeuten, dass viele vermeintlich Verrückte unserer Tage in Wirklichkeit heilig sind. Wer weiß, wie viele seherische Begabungen der Welt verloren gegangen sind, weil die betreffenden Personen den berühmten Rat Helmut Schmidts beherzigt haben:
"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen!"


[Nachbemerkung: Den vorstehenden Text habe ich für ein Bühnenprogramm geschrieben und am 01.09.2012 "uraufgeführt". Insbesondere der Schlussabsatz war darauf berechnet, solche Zuhörer, die von Heiligenverehrung und Wunderglauben prinzipiell nichts halten, zu verunsichern und/oder zu provozieren; im Ernst gesprochen glaube ich sehr wohl, dass es möglich sein sollte, echte mystische Phänomene von Symptomen psychischer Erkrankungen zu unterscheiden. Nicht zu leugnen bleibt aber wohl, dass allzu große Leichtgläubigkeit eine solche Unterscheidung ebenso erschweren kann wie allzu große Skepsis... Über den "Fall" Therese Neumann kann, solange das Seligsprechungsverfahren läuft, natürlicherweise kein abschließendes Urteil gefällt werden; bei mir allerdings überwiegen bis auf Weiteres die Zweifel.]

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