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Sonntag, 1. Oktober 2017

Zu Gast in Deinem Zelt II: Man müsste Gitarre spielen können

Mir kommt es zwar so vor, als wären die Sommerferien gerade erst vorbei, aber andernorts bereitet man sich schon wieder auf die nächsten vor. So zum Beispiel - aus nachvollziehbaren Gründen - bei "Willi's, der Urlauberkirche in Butjadingen". Im diesjährigen Sommerurlaub haben meine Liebste und ich es, wie berichtet, nicht geschafft, von den Aktivitäten dieses Urlauberseelsorgeprojekts mehr zu Gesicht zu bekommen als ein verschlossenes Zelt. Aber jetzt sucht "Willi's" Mitarbeiter für die Urlaubssaison 2018, und noch ehe ich die PDF-Datei mit der Stellenausschreibung geöffnet hatte, warf meine Liebste ein: "Vielleicht sollten wir uns da bewerben." 

Sie meinte das ernst, und auch ich fand den Gedanken durchaus nicht uninteressant. Gesucht werden mehrere Teams, die im Zeitraum vom 30. Juni bis 25. August jeweils einen 14-tägigen Einsatz übernehmen. Mal rechnen: Da wird das Baby so acht bis zehn Monate alt sein. Was machen Kinder in dem Alter so? Einschlägige Ratgeber sagen: krabbeln und brabbeln, mit Bauklötzen spielen, aber selbstständig laufen wahrscheinlich noch nicht. Na, dann wär's ja ungefährlich. Okay, vielleicht ist unser Kind auch motorisch hochbegabt, aber wenn ja, dann hat es das nicht von mir


Also, ganz ohne Flachs: Mit Frau und Kind im Sommer zwei Wochen in Butjadingen am Strand verbringen und Urlauberseelsorge machen, das könnte ich mir tatsächlich ganz gut vorstellen. Zumal die Oma - also meine Mutter - auch ganz in der Nähe wäre; kinderbetreuungstechnisch eigentlich eine Win-Win-Situation. Also schaute ich mir die Ausschreibung mal etwas genauer an. Gemeinsam mit meiner Liebsten, versteht sich. 

"[I]n der Sommersaison 2018", heißt es da, solle "zum 2. Mal ein ökumenisches Kirchenzelt am Burhaver Strand aufgebaut werden. Dieses steht so zentral, dass Camping- & Strandgäste, aber auch Gäste der umliegenden Orte die Angebote des Kirchenzeltes nutzen können." -- Interessant. Das muss dann wohl ein anderer Stellplatz sein als im vergangenen Sommer, denn den würde ich nicht direkt als "zentral" bezeichnet haben, sondern eher als "in the middle of nowhere". Was natürlich insbesondere dann ein Problem darstellt, wenn man zudem noch - wie bereits geschildert - so gut wie keine Werbung für das Angebot macht, jedenfalls keine, mit der man irgend jemanden erreicht, der nicht aktiv nach einem Urlauberseelsorge-Angebot sucht. Na, ich will mich nicht über Gebühr wiederholen, auch wenn ich mich - wie man wohl merkt - immer noch aufregen könnt'. Lieber mal weiter im Text: 

"Im Kommunikationszentrum 'OASE' oder am Strand in Tossens sollen 2018 wieder Angebote gemacht werden." Na, das will ich doch wohl hoffen, sonst hätte man sich die pompöse Wiedereröffnung der OASE auch gleich sparen können. Zumal ich, auch wenn ich noch nicht drin war, den Eindruck habe, dass das Haus beträchtliches Potential hat, das nur darauf wartet, genutzt zu werden. 

"Für diese Urlauberkirche suchen wir (studentische) Teams – bestehend aus zwei bis drei Personen m/w." Okay, "studentische" steht in Klammern, dann gehe ich mal davon aus, dass das nicht unbedingt zwingend ist. Und immerhin waren meine Frau und ich zumindest mal Studenten. Dass die Ausschreibung sich besonders an diese wendet, dürfte u.a. mit der verbreiteten Auffassung zu tun haben, Studenten hätten einerseits "Zeit für sowas" und bräuchten andererseits das Geld. Womit wir dann auch gleich bei den "Eckdaten" wären: 
  • Ein Team (2-3 Personen m/w) ist 14 Tage bei uns zu Gast und arbeitet in der Urlauberkirche mit 
  • Jede Person bekommt 300 € Aufwandsentschädigung, sowie 50 € Taschengeld als Fahrtkostenzuschuss 
  • Eine Unterkunft wird durch die Gemeinde nach Absprache in Burhave und/oder in Tossens gestellt (Rat-Schinke-Haus, OASE oder Wohnwagen) 
  • Die Teams versorgen sich vor Ort selbst 

...und haben dafür wohlgemerkt 300 € pro Person zur Verfügung, vorausgesetzt, die 50 € für die Fahrtkosten haben ausgereicht. Bei einem 14-tägigen Einsatz macht das also ein Budget von knapp 21,50 € pro Tag und Person. Bei freier Unterkunft halbwegs vertretbar, und ein bisschen Askese darf man den Interessenten ja wohl zumuten. Dann kommen wir mal zum Inhaltlichen. 

Folgende Struktur ist hier vor Ort geplant: 
  • Programmangebote in Burhave in enger Kooperation mit „Kirche unterwegs“, sowie in Tossens für Kinder, Jugendliche, Familien und Erwachsene entwickeln, vorbereiten und durchführen 
  • Programm ist Mo-Fr 10.30 Uhr und abends um als 19-Uhr-Gute-Nacht-Geschichte 
  • Vorbereitung und Durchführung von Grillabenden  
  • Mitwirkung bei der Weiterentwicklung von „Willi’s – Die Urlauberkirche in Butjadingen“ ggf. auch nach der Saison 
Ich muss sagen, insbesondere der erste und der letzte Punkt erscheinen mir durchaus interessant. Also, dass man nicht nur für die Durchführung, sondern auch für die Entwicklung von Programmangeboten zuständig sein und sich auch bei der Weiterentwicklung des Urlauberkirche-Konzepts einbringen darf und soll. 

Der Haken an der Sache versteckt sich in den Punkten dazwischen. Zunächst mal: Zweimal am Tag "Programm", einmal vormittags und einmal abends - und was macht man den ganzen Rest des Tages, mit den knapp 21,50 €, die einem zur Verfügung stehen? -- Scherz beiseite: Wie letztens schon angemerkt, scheint es mir recht unbefriedigend, wenn das Zelt den Großteil des Tages über leer steht; zwar kann man kaum erwarten, dass den ganzen Tag über irgendwie "Programm" stattfindet, aber das muss es ja auch gar nicht. Im Gegenteil, die Fokussierung auf "Programm" scheint mir ein grundlegender Webfehler des ganzen Konzepts zu sein. Ich jedenfalls stelle mir unter Urlauberseelsorge nicht unbedingt und nicht in erster Linie Bespaßung vor. Viel wichtiger fände ich es, dass einfach jemand da ist, präsent, ansprechbar. So ein Zelt könnte sich ja auch gerade als ein Ort der Stille und des Rückzugs im Urlaubstrubel anbieten. 

Dass gerade Grillpartys einen offenbar so zentralen Bestandteil des Konzepts darstellen, erscheint mir in diesem Zusammenhang ebenfalls recht bezeichnend. Aber da diese vermutlich nicht vom Selbstversorgungs-Budget bestritten werden müssen, hat das für die "Teamer" natürlich unbestreitbare Vorteile. 

(Über den Satzbau-Holperer in der Passage mit der Gute-Nacht-Geschichte möchte ich übrigens milde hinwegsehen. Der Satz ist vermutlich mehrfach umformuliert worden, und am Ende standen dann ein paar Partikel da, wo sie nicht hingehören. Sowas kommt vor.) 

Bleiben noch die "Voraussetzungen für eine Mitarbeit" zu betrachten: 
  • Teilnahme an einem Präventionskurs zur Kindeswohlgefährung, der durch das Bistum Münster anerkannt ist 
  • Abgabe eines erweiterten Führungszeugnisses 
  • Interesse an der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Erwachsenen 
  • Erfahrungen in der katholischen / evangelischen Kinder- & Jugendarbeit 
  • Lust und Laune mit den Urlaubern Zeit zu gestalten und zu teilen
Gegen so einen Präventionskurs hätte sie nichts, meinte meine Liebste; na gut, sie ist Lehrerin, da hat man Erfahrung mit dergleichen. Auf mich hingegen wirken solche Fortbildungen ungefähr so attraktiv wie ein Zahnarzttermin, aber okay, allein daran würde ich's nicht scheitern lassen wollen. Problematischer ist der Punkt "Erfahrungen in der katholischen / evangelischen Kinder- & Jugendarbeit", denn das dürfte sich, wenn mich mein Eindruck nicht ganz stark trügt, auf die Arbeit in einschlägigen Verbänden beziehen. Und damit können wir nicht nur nicht dienen, sondern es sieht mir auch nach einem klaren Signal aus, dass kein Interesse daran besteht, mit Leuten zusammenzuarbeiten, die in der Lage wären, außerhalb der Box zu denken. Was natürlich auch das Potential der oben angesprochenen "Weiterentwicklung" erheblich einschränkt. Bemerkenswert ist auch, was im Anforderungsprofil nicht vorkommt: nämlich irgendwas mit Glauben oder so

"Ich schätze, wir werden unser eigenes Zelt aufstellen müssen", resümierte ich. Meine Liebste war nicht abgeneigt. "Wir könnten da zum Beispiel das Stundenbuch beten", regte sie an. "Wenn jemand kommt und mitbeten will, schön; und wenn nicht, dann machen wir das eben alleine. Und ansonsten sind wir einfach da, als Kontaktangebot, und schauen, was passiert." 

Mal sehen: Viellicht machen wir das wirklich. Hängt natürlich unter anderem auch davon ab, wie sich das Leben mit Kind bis dahin so entwickelt, aber was das angeht, sind wir beide recht optimistisch. Ein Problem sehe ich an ganz anderer Stelle: Uns fehlt jemand, der Gitarre spielen kann. So eine Gitarre ist nicht einfach nur ein Musik-, sondern auch und nicht zuletzt ein Pastoralinstrument. Mit einer Gitarre findet man immer ein Publikum. Wenn irgendwo, wo viele Leute sind, jemand eine Gitarre auspackt und anfängt zu spielen, dann hören ihm Leute zu, ganz egal, was er spielt. So gesehen wäre es eigentlich perspektivisch - und auch unabhängig von dem konkreten Urlauberseelsorge-Projekt - eine feine Sache, Gitarre spielen zu können. Aber ob ich das in meinem Alter und mit meinen dicken Fingern (und dass ich motorisch nicht gerade hochbegabt bin, habe ich ja auch schon angedeutet) noch lerne? 

Vielleicht wäre es doch die einfachere Lösung, sich einen Mitstreiter zu suchen, der das schon kann



Kommentare:

  1. Mit oder ohne Gitarre - ich halte Dich für hochbegabt für sowas. Und Deine Liebste auch.
    Blöd nur, daß ich nicht über Eure Einstellung als Urlaubsseelsorger zu befinden habe.

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  2. Noch bevor ich in Deinem Artikel so weit war dengelte es bei mir schon im Hinterkopf: "Alles schreit nach Mittagsgebet!"

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