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Montag, 25. April 2016

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne - Teil 1

Einige meiner Leser werden wohl schon mitbekommen haben, dass ich studierter Germanist bin und über deutsche Unterhaltungsliteratur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts promoviert habe - ein wissenschaftlich noch kaum erschlossenes Gebiet. Im Mittelpunkt meines Forschungsinteresses stand dabei die Nutzung von Unterhaltungsliteratur als Vehikel für die Popularisierung politischer Ideologien - insbesondere der Propagierung einer deutschen Nationalidentität im zeitlichen Umfeld der Reichsgründung. Ein besonders interessanter Aspekt, auf den ich in meiner Dissertation aber nur in vergleichsweise geringem Umfang eingehen konnte, ist dabei der Umstand, dass die bürgerlich-liberale deutsche Nationalbewegung der 1860er und 1870er Jahre stark von einem rabiaten Antikatholizismus geprägt war. 

In einem Unterkapitel über die in mehreren Romanen der von mir untersuchten Autorin E. Marlitt präsente Klosterthematik ging ich am Rande auf einen zeitgenössischen Skandal ein, nämlich  
"de[n] Fall der polnischen Nonne Barbara Ubryk, die 1869 nackt, mit ihren eigenen Exkrementen besudelt und halb wahnsinnig in einer Zelle des Krakauer Karmelitinnenklosters aufgefunden wurde, wo sie angeblich jahrelang eingekerkert gewesen war. der Fall wurde in der zeitgenössischen Presse und in mehreren Kolportageromanen weidlich ausgeschlachtet; Sir John Retcliffe erwähnt Barbara Ubryk im 1875 erschienenen achten Band seines Romanzyklus Biarritz und stellt sie als Opfer einer Intrige dar." (S. 541) 
Den Hinweis auf die "mehreren Kolportageromane" konkretisierte ich in einer Fußnote: 
"Günter Koschs und Manfred Nagls Bibliographie des Kolportageromans führt fünf Titel zum Fall Ubryk auf, alle zwischen 1869 und 1871 erschienen." (ebd., Anm. 93) 
Kürzlich nun habe ich mich aus irgendeinem Grund an dieses Thema erinnert - und festgestellt, dass es einen dieser Kolportageromane bei Google Books als kostenloses eBook gibt: "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau. Aus den Papieren eines Karmeliter-Mönchs" - verfasst von einem "Dr. Rode" und erschienen München 1869.



Bereits die Vorrede "An den freundlichen Leser" (S. 3f.) macht neugierig: 
"Kaum sind vierzehn Tage verflossen, daß die Nachricht von dem schauerlichen Schicksale der Nonne Barbara Ubryk, welche einundzwanzig Jahre in furchtbarem, einsamen Kerker geschmachtet hatte, an die Oeffentlichkeit gelangte und die Runde durch alle Blätter machte. Durch die ganze gebildete Welt ging ein Schrei des Entsetzens, alle Welt vernahm mit Abscheu und Eckel [sic] die Enthüllungen, welche die Untersuchung brachte und verfolgte mit dem tiefsten Mitleid und dem gespanntesten Interesse die Geschichte der armen, unglücklichen Nonne.
Heute bereits senden wir dieses Buch in die Welt, das sich nicht nur mit den Leiden der Unglücklichen, sondern auch mit den Geheimnissen des ganzen Klosters beschäftigt.
Das ganze Werk liegt bereits fertig vor uns.
'Wie ist das möglich?' wird der freundliche Leser nun fragen, 'wie kann man in vierzehn Tagen ein ganzes Werk von zwanzig Lieferungen schreiben? Das ist eine Buchhändlerspeculation.'
Durchaus nicht.
Wer sich die Mühe nehmen will, die nächstfolgenden Seiten aufmerksam durchzublättern, der wird die Sache sehr einfach und verständlich finden, er wird erfahren, daß das Buch schon seit lange geschrieben und daß nur der gegenwärtige Augenblick sein Erscheinen beschleunigte.
Vor einem Monat sprach uns Dr. Rode von seinem Werke. Wir nahmen mit dem lebhaftesten Antheile Einsicht in dasselbe und während wir es einer strengen Prüfung unterwarfen, durchflog wie ein Blitz die Nachricht von den Krakauer Ereignissen die Welt.
Der Druck ward augenblicklich beschlossen - hier ist es.
Wir wollen kein Wort weiter sagen, dasselbe anzupreisen oder zu empfehlen. Allein wir sind überzeugt, daß es ebenso gewaltiges Aufsehen machen wird wie einst Monte Christo und der ewige Jude und daß es niemand aus der Hand legen wird, bevor er die letzte Zeile gelesen. 
München, August 1869
Der Verleger." 
Man beachte: Aufgefunden und aus ihrer Zelle befreit wurde Barbara Ubryk am 21. Juli 1869; und schon im August erscheint ein umfangreicher Roman über den Fall! Die Verlagsvorrede versucht den Eindruck zu erwecken, der Autor habe von der Ubryk-Affäre und ihren Hintergründen bereits Kenntnis gehabt, bevor der Fall an die Öffentlichkeit gelangte - aber glauben wir das? Wohl kaum! -- In Michael B. Gross' materialreicher Studie The War Against Catholicism (University of Michigan Press, Ann Arbor 2004) liest man auf S. 161: "One writer in a seemingly superhuman effort managed to produce in four weeks a twelve hundred-page tome entitled Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau." In einer Fußnote fügt Gross hinzu: 
"For incredulous readers who doubted that such a large book could be produced so rapidly, the publisher in the preface to the book explained that these and other chapters had already been written. Only the concluding chapter on Sister Barbara had been hurriedly written and added to the volume in order to take advantage of the moment." (ebd., Anm. 73) 
Nun, ganz so offenherzig ist der Verleger in seinem Vorwort, wie wir gesehen haben, dann doch nicht; aber realistisch betrachtet dürfte Gross mit seiner Paraphrase schon so in etwa den Kern treffen. -- Zu beachten sind hier die Produktions- und Vertriebsmechanismen des Mediums Kolportageroman. Wenn der Verleger in seinem Vorwort betont "Das ganze Werk liegt bereits fertig vor uns", dann lässt das ja darauf schließen, dass dies nicht selbstverständlich war; kurz darauf ist von "zwanzig Lieferungen" die Rede. Für Kolportageromane ist es charakteristisch, dass sie in Fortsetzungen erschienen - in Heften zu je drei oder vier Druckbogen, also 48 oder 64 Seiten. Fahrende Buchhändler (Kolporteure) suchten Käufer für die Hefte, verteilten die ersten Nummern gern auch zur kostenlosen Ansicht, aber dann mussten die Käufer ein Abonnement für den ganzen Roman abschließen - auf der letzten Seite des Google Books-Scans erfährt man, dass die Leser, wenn sie sich entschlossen, die ersten zwei Folgen zu behalten, zur Abnahme des vollständigen Werks verpflichtet waren. Es war nicht unüblich, dass die ersten Hefte eines Romans schon erschienen, während der Autor noch mitten in der Arbeit steckte, ja nicht selten war der Autor beim Schreiben den wöchentlichen oder vierzehntägigen Lieferungen nur um wenige Wochen voraus. Das konnte durchaus Vorteile haben, denn so konnte man flexibel auf das Leserinteresse reagieren. Nun behauptet der Verleger von Dr. Rodes Barbara Ubryk-Roman, das Werk liege zu Beginn des Erscheinens bereits vollständig vor; man wird gut daran tun, diese Aussage in Zweifel zu ziehen. 

Das erste Kapitel des Romans, "Die beiden Manuscripte", enthält eine Quellenfiktion, die an sich schon die Glaubwürdigkeit arg strapaziert: Der Ich-Erzähler, den man sich als mit dem Autor identisch vorstellen soll, entdeckt bei verschiedenen Büchertrödlern in Paris und London Teile eines in lateinischer Sprache verfassten Manuskripts, zudem ein Buch über "die (geheime) Geschichte eines Klosters" - "Das Manuscript, welches ich in Paris gekauft hatte, behandelte denselben Gegenstand" (S.13) - sowie "allerlei andere Papiere [...] - Briefe, ein kleines Heftchen mit den Regeln des Karmeliterordens und einer kleinen Abhandlung über die Jesuiten" (S. 14). Ergänzt wird der Inhalt dieser Schriftstücke durch mündliche Mitteilungen des Londoner Trödlers Jedediah Pumpkins (sic!) über die Herkunft der zuletzt genannten Papiere. Zur Spannungssteigerung trägt es bei, dass sich in der in Paris spielenden Passage dieses Kapitels auch ein Priester - "groß und hager, mit tiefliegenden Augen, feingeschnittener Nase und blassen ascetischen Gesichtszügen (S. 6) - auffallend für die Manuskripte interessiert, die der Erzähler dann kauft. Ärgerlicherweise fehlen in dem bei Google Books eingescannten Exemplar des Romans die Seiten 8 und 9, sodass man über den Verlauf der Konfrontation mit dem Priester nichts erfährt. Beachtenswert sind jedenfalls einige Angaben zur zeitlichen Einordnung: Der Erzähler gibt an, der Manuskriptfund in Paris habe sich "gerade an dem Tage, an welchem die heiße Schlacht bei Sadowa geschlagen wurde", zugetragen (S. 5) - also am 03.07.1866, gut drei Jahre vor dem Erscheinen des Romans. Der in London spielende Teil des Kapitels ist auf November 1866 datiert. 

Die Kapitel II-VIII (S. 15-82) spielen im Oktober und evtl. Anfang November 1799 auf dem Schloss des Grafen Zolkiewicz im russischen Teil Polens, unweit der Stadt Zitomir (wohl das heutige Schytomyr in der Ukraine); Hauptfigur ist ein aus Rom angereister Agent des Jesuitenordens namens Rebinsky, der bemüht ist, einen bestimmenden Einfluss auf den todkranken Grafen zu gewinnen. Graf Zolkiewicz, der in jungen Jahren seinen älteren Bruder aus Rivalität um die Liebe eines Mädchens - seiner späteren ersten Frau - erschossen hat, später ebendiese Frau, als er deren Untreue entdeckte, so schwer misshandelt hat, dass sie daran starb, und ihren Liebhaber im Duell getötet hat, steht zunächst völlig unter dem Einfluss seines Beichtvaters, des Franziskanerpaters Gregor, der ihn im Auftrag seines Ordens dazu bewegen will, zur Sühne seiner schweren Sünden seinen ganzen Besitz der Kirche zu vermachen und seine beiden Kinder ins Kloster zu geben. Unmittelbar nach Rebinskys Ankunft im Schloss wird Pater Gregor hinterbracht, dass der Neuankömmling ein Jesuit ist, woraufhin der Franziskaner sich dieses Konkurrenten entledigen will. Rebinsky belauscht jedoch gemeinsam mit dem Hausverwalter Stanislaus den gegen ihn gerichteten Anschlagsplan, lässt Pater Gregor mit Laudanum betäuben und im Forsthaus des Grafen gefangensetzen und vereitelt mit Stanislaus' Hilfe den Angriff einiger Knechte vom nahegelegenen Franziskanerkloster. Er versteht es, den Grafen glauben zu machen, der Überfall habe diesem gegolten; zum Dank macht der Graf ihn zu seinem Sekretär und zum Hauslehrer für seine zwölfjährige Tochter aus erster Ehe (die in Wirklichkeit vermutlich nicht seine leibliche Tochter ist). Ab Kapitel VII zeichnet es sich ab, dass Rebinsky und die zweite Frau des Grafen sich stark zueinander hingezogen fühlen; daneben erregt aber auch die lebhafte, frühreife Tochter des Hauses, Elka, die Leidenschaft des Jesuiten. 

Die Handlung wirkt bis zu diesem Punkt wie mit der heißen Nadel genäht und wenig durchdacht; Vorausdeutungen auf künftiges Geschehen sind spärlich und so allgemein gehalten, dass man den Eindruck hat, der Autor halte sich bewusst alle Optionen offen. Vor allem aber weist die Handlung bis hierher keinerlei Bezüge zum Fall Ubryk auf, dem der Roman seinen Titel sowie ohne Zweifel den Großteil des Leserinteresses verdankt; ein assoziativer Zusammenhang stellt sich allenfalls dadurch her, dass der Roman in Polen spielt (allerdings in einem ganz anderen Teil Polens als die Ubryk-Affäre) und dass es um Verschwörungen und Intrigen katholischer Orden geht. Es ist ausgesprochen bezeichnend, dass der Autor auf S. 69, also im Laufe der zweiten Lieferung des Romans, seine Leser mittels eines Einschubs beruhigen zu müssen glaubt: 
"Der Leser wird nun fragen, was hat das Alles mit Barbara Ubryk zu tun? Es ist ja bisher noch gar nicht von ihr die Rede gewesen, ja sie war zu jener Zeit noch gar nicht geboren!
Das ist wahr. Wir müssen jedoch den freundlichen Leser ersuchen, diese kleine Abschweifung, die wir uns erlaubt haben, zu verzeihen. Wir folgen nur dem einen Manuscripte und geben blos Thatsachen, welche zur späteren Entwicklung unserer Geschichte notwendig sind." 
Na sicher. Und der Mond besteht aus grünem Käse. -- Wenn man aus den Angaben des Verlegers im Vorwort schließen kann, dass ein erheblicher Teil des Romans schon vor der Entdeckung der eingekerkerten Nonne im Krakauer Karmelitinnenkloster fertig vorlag, dann wird es wohl eher so gewesen sein, dass der Verlag im Moment des Bekanntwerdens des Falls Barbara Ubryk die Gunst der Stunde nutzte und den Autor beauftragte, einen fertigen oder halbfertigen Roman, der beispielsweise "Franziskaner und Jesuit" geheißen haben könnte, so umzuarbeiten, dass man ihn als Roman über Barbara Ubryk verkaufen konnte -- aber mit der Veröffentlichung einfach schon mal anfing, bevor diese Umarbeitung wesentliche Fortschritte gemacht hatte. "Das ist eine Buchhändlerspeculation!", rufen die Leser; aber der Verleger lächelt fein und sagt: "Durchaus nicht". 

(Fortsetzung folgt!) 


Kommentare:

  1. Interessanter Fall!
    Mich würde jetzt interessieren, wie es wirklich war und wie man es vermutlich nie herausbekommen wird.
    Nur so eine kleine Idee:
    Barbara Ubryk war in der Tat eine irgendwie gestörte Frau, die (nach damaligem Wissensstand) in Freiheit eine Gefahr für sich selbst und andere gewesen wäre.
    Die Umstände ihrer Gefangenschaft waren nach heutigen Maßstäben unsäglich, nach damaligen entsprachen sie der Aufbewahrung von Geisteskranken - und waren keineswegs so hanebüchen wie geschildert. Die Zelle war sauber, und die verstörte Frau hatte sich entkleidet und eingenässt in Reaktion auf ihr unverständlichen Lärm im Kloster, als die Polizei kam.
    Sie wurde benutzt, um der Kirche zu schaden.

    Klar: Das ist Spekulation. Und damit ist es genau das, was die damalige Presse schrieb und Wikipedia bis heute kundtut.

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  2. Der Fall Ubryk ist sicher das eine - aber dieser offensichtlich Quark von einem "Roman" ... Lieber Tobias, mußtest Du Dir das antun?

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    1. Einer muss es ja tun...! ;)

      Im Ernst: Ich habe eine Schwäche für Kolportageromane aus dem 19. Jh., insbesondere solche mit zeitgeschichtlichem Hintergrund. Zugegeben, das hier besprochene Werk ist ziemlich schlecht, gerade auch im Vergleich mit Romanen von Meistern ihres Faches wie Sir John Retcliffe (d.i. Hermann Goedsche, 1815-1878) oder Karl May. Aber gerade die mindere Qualität macht den Text zu einem guten Studienobjekt hinsichtlich der Funktionsmechanismen des Mediums Kolportageroman: Diese sind gewissermaßen desto durchschaubarer, je fadenscheiniger das Gewebe der Handlung geraten ist...

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  3. Ja, jeder hat so seine Schwächen. Es gibt Schlimmeres.
    Aber vielleicht nimmst Du Dir mal Literaturquark vor, der allegmein bekannter ist, bei dem es sich wirklich lohnt, den zu zerreißen (Ähm, Quark tritt man ja eigentlich nur breit.), weil heute noch gelesen: Aus dem 19. Jahrhundert könnte ich da James Fenimore Cooper empfehlen. Oder aktueller: Wie wär's mit Dan Brown oder Joanne K. Rowling?

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