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Freitag, 10. April 2015

Was ist denn bloß in Nordenham los?

Ich weiß gar nicht so genau, was mich dazu veranlasst hat, heute mal mit Hilfe von "St. Internet" nachzuschauen, was es in meinem Heimatstädtchen, über das oder aus dem ich in diesem Blog sonst traditionell zur Weihnachtszeit berichte, kirchlicherseits so Neues gibt. Im Berliner Exil kriegt man davon ja sonst nichts mit, zumal wenn man im Alltag mit ganz anderen Dingen ausgelastet ist. -- Was ich aber heute bei meiner kleinen Internetrecherche in Erfahrung gebracht habe, hat mir gezeigt, dass ich wohl ganz gut daran täte, mich etwas regelmäßiger über die Geschehnisse in der Heimat auf dem Laufenden zu halten. Dann hätte ich den heutigen Blogbeitrag nämlich schon vor gut einem Monat schreiben können. 

In meinem letzten Weihnachtsbeitrag habe ich mich ausführlich über den neuen Gemeindepfarrer der Nordenhamer St.-Willehad-Pfarrei, Torsten Jortzick, geäußert - habe den ausgesprochen positiven Ersteindruck, den ich von ihm hatte, ebenso geschildert wie meine Enttäuschung darüber, dass er in liturgischer Hinsicht weitgehend in den ausgelatschten Mokassins seines Althippie-Vorgängers wandelte, und habe darüber spekuliert, ob dies womöglich der Rücksichtnahme auf eine Riege örtlicher Erzlaien geschuldet sei, die das nun mal so gewohnt sind und "dem Neuen" ganz schön das Leben schwer machen könnten, wenn er ihren Vorstellungen nicht entspräche. 

Und nun deuten neuere Entwicklungen darauf hin, dass das Tischtuch zwischen Pfarrer Jortzick und der Clique der Erzlaien gründlich zerschnitten ist. 

Mit Datum vom 03.03.2015 - ich sagte ja bereits, ich bin etwas spät dran mit meiner Kenntnisnahme der Ereignisse - berichtet die Lokalausgabe der Nordwest-Zeitung: "St. Willehad: Pfarreirat hat sich aufgelöst". Nanu?! Bei weiterer Lektüre des Artikels erfährt man, das Gremium sei "nicht mehr handlungsfähig", nachdem sechs der acht gewählten und zwei der vier ernannten Mitglieder des Pfarreirats, darunter der Vorsitzende und seine Stellvertreterin, zurückgetreten seien. Auch der "Versuch, die Lücken mit Nachrückern zu besetzen, schlug fehl": "Von den sechs Kandidaten, die auf der Liste standen, erklärte sich nur einer bereit, das Amt anzunehmen". Da die Statuten des Bistums Münster jedoch eine - nach Größe der Pfarrei gestaffelte - Mindestanzahl von Pfarreiratsmitgliedern vorschreibt, gilt der Nordenhamer Pfarreirat "ab sofort als aufgelöst". Offizialatsrat Bernd Winter vom Bischöflich Münsterschen Offizialat in Vechta wird mit der Aussage zitiert, "[d]iese Situation" sei "auf den satzungsmäßigen Wegen nicht zu heilen"; und der Pressesprecher des Offizialats, Dr. Ludger Heuer, urteilt, die Pfarrei St. Willehad befinde sich in einer "schwierigen Lage mit vielen Emotionen". Es soll möglichst bald Neuwahlen geben, aber einen Termin dafür gibt es noch nicht.

Was, so fragt man sich da natürlich, ist da bloß passiert? Ein früherer NWZ-Artikel, erschienen am 21.02.2015 unter dem Titel "Keine Basis für vertrauensvolle Zusammenarbeit", vermittelt ein etwas genaueres Bild. In diesem Artikel wird vom "sofortigen Rücktritt" des Pfarreiratsvorsitzenden Dr. Günther Schöffner, im Zivilberuf Geschäftsführer der Norddeutschen Seekabelwerke, und der stellvertretenden Vorsitzenden Henriette Eichner, ehemalige Kreisgeschäftsführerin des Caritasverbandes, berichtet, den die beiden in einer gemeinsamen Erklärung wie folgt begründeten: 
„Für eine weitere Kooperation zwischen Vorstand und dem hauptamtlichen Gemeindeteam ist aufgrund unterschiedlicher Verständnisse bezüglich einer guten, vertrauensvollen Zusammenarbeit, gegenseitiger Wertschätzung und Respekt keine ausreichende Basis mehr vorhanden.“
Das ist ja nun schon von der Wortwahl her ganz grausig. Mit dem "hauptamtlichen Gemeindeteam" werden wohl Pfarrer und Diakon gemeint sein (ich wüsste jedenfalls nicht, wer sonst noch), aber im Pastoral-Neusprech heißt das heutzutage wohl "Senior Pastoral Consultant" und "Junior Pastoral Consultant" oder weiß ich wie. Weihe scheint hier jedenfalls kein Kriterium zu sein. Folglich liegt es Schöffner und Eichner auch erkennbar fern, im Pfarrer ihrer Gemeinde etwas Anderes zu sehen als einen bestenfalls gleichberechtigten Kooperationspartner, und wenn der ihnen nicht genug Wertschätzung und Respekt entgegenbringt, dann werden Mr. und Mrs. Pfarreirat eben bockig. Soll Hochwürden halt sehen, wer dann noch mit ihm spielen will. Von diesem, von Pfarrer Jortzick also, heißt es im selben Artikel, er sei "völlig überrascht": "Er habe den Rücktritt von Günther Schöffner und Henriette Eichner, den er sehr bedaure und der ihn traurig mache, zum jetzigen Zeitpunkt nicht erwartet" - heißt das, zu einem späteren Zeitpunkt dann aber doch? Weiter wird der Pfarrer mit den Worten zitiert: 
„Mit diesen starken Formulierungen muss ich mich erst einmal beschäftigen und mit den anderen Mitgliedern des Pfarreirats darüber beraten, wir wir damit umgehen“.
Erst danach, im letzten Satz des Artikels, wird lakonisch die Information nachgereicht, "dass auch Gerti Schmieder-Dudeck und Astrid Ripkens aus dem Pfarreirat ausgeschieden sind". Zwischen dem 21.02. und dem 03.03. müssen dann wohl, wenn ich richtig gezählt habe, noch zwei weitere Pfarreiratsmitglieder zurückgetreten sein; und so ist das für vier Jahre gewählte Gremium nach nicht einmal eineinhalb Jahren am Ende. 

Gewählt worden war der Pfarreirat, wie im ganzen Bistum Münster, am 09. und 10.11.2013; von den 2978 wahlberechtigten Mitgliedern der Pfarrei hatten 235 ihre Stimme abgegeben, was einer wenig rühmlichen Wahlbeteiligung von 7,9% entspricht - einer Wahlbeteiligung allerdings, die immer noch leicht über dem Durchschnitt des ganzen Bistums (7,1%) lag. -- Was aber ist und tut ein Pfarreirat eigentlich genau? Die Kirchensite des Bistums Münster gibt Antwort: Der Pfarreirat, so heißt es da, sei ein "Organ im Sinne des Konzilsdekrets über das Apostolat der Laien" und sei dazu bestimmt, "das Bewusstsein für das gemeinsame Priestertum aller Getauften" zu fördern. Das klingt erst einmal blumig, aber keine Bange, wenige Zeilen später wird es konkreter: "Zu den [...] konkreten Aufgaben zählen unter anderem die Mitverantwortung für die Gestaltung der Gottesdienste" -- auweia. "Aktuell im Kontext des Diözesanpastoralplans hat der Pfarreirat auch die Aufgabe, einen lokalen Pastoralplan zu entwickeln" -- Himmel, hilf! 

Bei allem Respekt vor dem Konzil und seinem Dekret über das Apostolat der Laien: Als geschworener Verächter des typisch deutschen Gremienkatholizismus könnte man ja fast auf die Idee kommen, die Selbstauflösung eines Pfarreirats sei prinzipiell eine gute Nachricht. Aber ganz so lustig ist es ja nun auch wieder nicht, schon gar nicht für Pfarrer Jortzick, den ich meinen bisherigen Eindrücken nach als einen Geistlichen einschätze, der sich ehrlich darum bemüht, die Laien seiner Pfarrei in die Gemeindearbeit einzubinden - und dem ja, das erwähnte ich schon in meinem letzten Weihnachtsartikel, letztlich kaum etwas Anders übrig bleibt, denn in einer räumlich so weit verstreuten Diasporagemeinde kann er sich wohl schwerlich um Alles alleine kümmern. Und die Auffassung, er könne doch froh sein, die großkopferten Erzlaien los zu sein, führt auch nicht allzu weit, wenn es - allem Anschein nach - niemanden gibt, der an deren Stelle treten möchte. 

Hinzu kommt, dass das, was die Nordwest-Zeitung über das Zerwürfnis zwischen Pfarrer und (ehemaligem) Pfarreirat berichtet, im Grunde viel zu knapp und vage ist, als dass ich mir wirklich ein Urteil über die Lage vor Ort bilden könnte. Es lassen sich nur Indizien herauslesen, und dass diese sich mit meinen tief verwurzelten Vorurteilen (ich war da oben, nebenbei bemerkt, auch mal im Pfarreirat, als er noch Pfarrgemeinderat hieß und ich noch ein Teenager war) nur allzu gut in Einklang bringen lassen, sollte mich vielleicht umso vorsichtiger machen. Kann ja auch sein, dass alles ganz anders ist. Dass die Ursachen der Krise in St. Willehad ganz woanders liegen, als ich sie vermute, und dass ich möglicherweise sogar meine Sympathien falsch bzw. voreilig verteilt habe. Da bleibt nur zu hoffen, dass dieser Artikel auch am Ort des Geschehens eine gewisse Verbreitung findet und der eine oder andere meiner Leser etwas zur Aufhellung der Vorgänge beitragen kann und will... 


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