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Mittwoch, 21. Januar 2015

Ein paar unsortierte Gedanken zu einer Karikatur

Ja, ich gebe es zu: Wenn ich "BDKJ" und "Speyer" lese, bin ich erst mal negativ voreingenommen. Aber im Allgemeinen schätze ich es, wenn die Realität meine Vorurteile korrigiert. Als ich heute vormittag sah, dass ein geschätzter Mitkatholik und Bloggerkollege auf Facebook ein vom BDKJ Speyer gepostetes Bild "geteilt" hatte, wäre mir eine positive Überraschung somit durchaus willkommen gewesen. But, alas, it was not to be. Der Kollege hatte das Bild geteilt, weil es ihn ärgerte. Und mich ärgert es nun auch. 

Bei dem Bild handelt es sich um eine Karikatur, mit der der BDKJ Speyer offenkundig versucht, auch mal ein bisschen "Charlie zu sein". Sie zeigt einen zornigen Gott, der drei vermummten, mit Bombengürteln und rauchenden Sturmgewehren ausgerüsteten Terroristen den Zutritt zum Paradies verwehrt. Jeder der drei Terroristen trägt an seiner Kleidung ein religiöses Symbol - Mondsichel, Kreuz und Davidstern, was sie als Vertreter von Islam, Christentum und Judentum ausweist. Was ist dazu zu sagen?

A)
Beabsichtigt ist mit dieser Karikatur offenbar die Aussage, religiös motivierter Terrorismus - gleich im Namen welcher Religion - sei entschieden abzulehnen und ganz und gar nicht im Sinne Gottes. Diese Aussage erscheint mir allerdings ein bisschen trivial. Wieso, frage ich mich, hält der diözesane Jugendverband im Bistum Speyer es für so notwendig, klarzustellen, dass er Terrorismus - selbst christlichen Terrorismus,wenn es den denn in nennenswertem Umfang gäbe - nicht gutheißt? Wäre irgendjemand auf die Idee gekommen, dem BDKJ Speyer Neigungen zum Terrorismus nachzusagen? Glaubt der Verband, in seinem Einzugs- und Einflussbereich gäbe es jemanden, der heimlich im Hobbykeller Bomben bastelt, um sich und soundsoviele Un- oder Irrgläubige ad maiorem dei gloriam in die Luft zu jagen, und den man von diesem Ansinnen abbringen müsse? Wohl kaum. Eher scheint die Karikatur an die Adresse derjenigen gerichtet zu sein, die der Kirche und dem Phänomen Religion insgesamt skeptisch gegenüberstehen und der Auffassung ist, jeglicher Religion wohne eine Tendenz zum Extremismus und zur Gewalt inne. Denen will man sagen: "Schaut mal, wir sind gar nicht so. Wir finden religiösen Extremismus genauso doof wie ihr." Das finde ich schon ein wenig peinlich.

B) 
Darüber hinaus ist die Karikatur diesem Ansinnen tatsächlich überhaupt nicht dienlich, im Gegenteil. Dass dem real existierenden islamistischen Terror ein lediglich imaginärer christlicher und jüdischer Terrorismus gleichberechtigt an die Seite gestellt wird, ist viel eher dazu geeignet, jene Vulgäratheisten, die meinen, im Grunde seien alle Religionen gleich - und zwar nicht gleich gut, sondern gleich schlecht - in ihrer Auffassung zu bestärken. Man sollte denken, "weltliche" Medien (man vergleiche z.B. das aktuelle Cover des Berliner Stadtmagazins zitty) täten schon genug für die Popularisierung dieser Ansicht. Müssen da unbedingt auch noch kirchliche Verbände mitmachen?

C) 
Ein Detail am Rande: Die drei Terroristen auf der Zeichnung sind, wie oben erwähnt, identisch gekleidet und bewaffnet und unterscheiden sich voneinander nur durch das jeweilige religiöse Symbol an ihrer Kleidung. Mit einer winzigen Ausnahme: Bei dem durch den Davidstern auf dem Oberkörper als Vertreter des Judentums gekennzeichneten Terroristen schauen Schläfenlocken aus der Sturmhaube heraus - die charakteristische Haartracht streng orthodoxer Juden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

D) 
Was mir aber als das vielleicht Gravierendste erscheint: Die Karikatur offenbart ein Gottesbild, das sich von demjenigen gewaltbereiter religiöser Fanatiker im Grunde kaum unterscheidet. Wie meine ich das? - Hier wie dort offenbart sich eine Auffassung, die Gott quasi vorschreiben zu können glaubt, wen Er ins Paradies hineinlässt und wen nicht. Dass Terrorismus schwere Sünde ist, möchte ich mal für unstrittig halten; dass Mord in Namen Gottes noch einmal eine besonders verurteilenswerte Perfidie darstellt, ist auch unschwer einzusehen. Aber was ist eigentlich aus dem Grundsatz "Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder" geworden? Und gibt es in der christlichen Gewissensethik nicht auch den Begriff des "irrenden Gewissens"? Mal angenommen, jemand ist ehrlich davon überzeugt, er erfülle Gottes Willen, indem er Terrorakte verübt. Wir können, ja wir müssen sogar sagen: Dieser Mensch ist objektiv im Unrecht. Dass er sich subjektiv im Recht wähnt, ändert nichts daran, dass sein Tun aus menschlicher Sicht zu verurteilen ist; können wir uns aber so sicher sein, dass auch Gott ihn verurteilt? Anders gefragt: Sollten wir uns da sicher sein wollen? Wäre es nicht, auch im jeweils eigenen Interesse, besser, darauf zu hoffen, dass Gottes Gnade größer ist als unsere Vernunft?

E) 
Vehement verteidigt wird die Karikatur auf Facebook vom Speyerer Diözesanjugendseelsorger, der ja quasi von Amts wegen dafür zuständig ist und den ich in diesem Blog vor längerer Zeit schon mal am Wickel hatte (und dessen Vorname, nebenbei bemerkt- aber natürlich total zufällig - tatsächlich ein paar Buchstaben mit "Charlie" gemeinsam hat). Nun, Hochwürden Leinhäuser erweist sich in dieser Debatte einmal mehr als eine Art MacGyver der Rhetorik, dem wenige einfache Hilfsmittel genügen, aus absolut jeder Situation heil herauszukommen. So zum Beispiel: 
- konstatieren, die Kritik sage mehr über den Kritiker (bzw. dessen Geisteshaltung) aus als über den kritisierten Gegenstand
- dem Kritiker niedere Beweggründe unterstellen 
- dem Kritiker unterstellen, er unterstelle dem Urheber des kritisierten Gegenstands niedere Beweggründe 
- jedwede Kritik als persönlichen Angriff, ja "Hetze" interpretieren 
- dem Kritiker Unfähigkeit zur sachlichen Argumentation attestieren (und unter diesem Vorwand selbst jedwedes sachliches Argumentieren verweigern). 

Tja, da kann man noch was lernen. Möchte ich aber eigentlich gar nicht. 



Kommentare:

  1. Gut ist, dass der BDKJ Selbstkritik übt, aber für die Hetze gegen Moslems und Juden (sowie die Darstellung von antisemitischen Vorurteilen) ist eine öffentliche Entschuldigung fällig.

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  2. Im Prinzip stimme ich zu, aber bezüglich imaginärem "christlichem Terrorismus": was ist mit denen:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Lord’s_Resistance_Army

    auch hier (unter Uganda 2008 eindrücklich beschrieben): http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-01/thomas-fischer-strafrecht-voelkerrecht

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    1. Der Hinweis auf die Lord's Resistance Army ist berechtigt und verdient eine differenzierte Antwort. Plane nach dem heutigen Schnellschuss ohnehin einen tendenziell "unpolemischeren" Beitrag z.Th. "Extremismus und Gewalt im Islam und in anderen Religionen". Habe in den nächsten Tagen allerdings wenig Zeit.

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  3. Dem BDKJ antisemitische Tendenzen vorzuwerfen ist jetzt schon extrem weit hergeholt. Richtig wird's so rum: Wir distanzieren uns von JEGLICHER Form von Hass und Gewalt (sei sie physisch oder psychisch), die im Deckmantel einer Religion daherkommt. Hass und Gewalt können niemals im Namen Gottes legitimiert werden.

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    1. Wer hat dem BDKJ antisemitische Tendenzen vorgeworfen? Ich habe von der Darstellung antisemitischer Vorurteile geschrieben. Außerdem dachte ich, dass das Ganze als (böse) Ironie gemeint war. Dem BDKJ kann man viel vorwerfen, aber das Terrorismus dazugehört ist mir neu.

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