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Mittwoch, 21. Mai 2014

Leg deine Schuhe ab, denn der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden!

Kein Zweifel: Die Ausdifferenzierung der Konsumgesellschaft schreitet unaufhaltsam voran. Vielleicht fällt das in einer Metropole wie Berlin besonders auf, wo sich die verschiedensten Subkulturen tummeln - von denen jede Gruppe Produkte haben will, die zu ihrer jeweiligen Gruppenidentität passen.  Zum Teil ist das mehr als nur eine modische Marotte. So reagierte ich zwar zunächst mit hochgezogenen Augenbrauen, als ich erstmals davon hörte, dass es in Berlin nicht nur vegane Supermärkte und vegane Restaurants, sondern - beispielsweise - auch vegane Schuh- und Bettengeschäfte gibt. Bei einigem Nachdenken stellte ich aber fest, dass das gar nicht zu belächeln ist. Eine konsequent vegane Lebensweise erstreckt sich eben nicht nur auf die Ernährung; und wer die Nutzung tierischer Produkte prinzipiell ablehnt, für den kommen eben, beispielsweise, auch keine Lederschuhe und weder Feder- noch Wollbetten in Frage.

Vergleichbares gilt auch für andere Gruppierungen. Ebenso wie für Veganer der Verzicht auf tierische Produkte essentiell ist, legen Andere Wert auf Fair Trade, bevorzugen regionale und saisonale Produkte und und und. Das hat alles seinen Sinn und Grund. Aber daneben gibt es eben auch Produkte, die von bestimmten Käuferschichten allein deshalb bevorzugt werden, weil sie für ein bestimmtes Image stehen. Und das treibt dann doch manchmal recht kuriose Blüten.

Vor einigen Wochen - oha, ich habe wirklich schon ganz schön lange nicht mehr gebloggt - kam ich in der Torstraße in Berlin- Mitte an einem Geschäft vorbei, vor dem dieser Aufsteller auf dem Gehweg stand:



Meine erste Assoziation war: Huch, mir war gar nicht klar, dass Schuhe so etwas wie ein (religiöses oder eben nicht-religiöses) Bekenntnis haben. Sollte ich mich bei meinem nächsten Schuhkauf sicherheitshalber nach der Konfession der Schuhe erkundigen, die ich zu erwerben erwäge? Nicht dass ich das Recht meiner Schuhe auf religiöse Selbstbestimmung verletze, wenn ich mit ihnen zur Kirche gehe. Sollte ich nur noch handgefertigte italienische Lederschuhe tragen, weil die mit hoher Wahrscheinlichkeit katholisch sind?

Der nächste Gedanke war auch schnell bei der Hand: Ob man in dem Laden wohl ein Zertifikat bekommt, dass in den Herstellungsprozess der Schuhe keinerlei Gebete oder Segnungen eingeflossen sind? (Meine verstorbene schlesische Oma - das jetzt aber wirklich nur ganzganz am Rande - war übrigens überzeugt davon, dass die DDR nicht zuletzt deshalb untergegangen sei, weil die Landarbeiter bei der Ernte gesungen  hätten "Ohne Gott und Sonnenschein / Bringen wir die Ernte ein". Als Teenager habe ich diese Auffassung belächelt. Heute denke ich, da könnte durchaus was dran sein, wenn auch nicht in einem so einschichtigen Sinne, wie Oma sich das anscheinend vorgestellt hat.)

Nicht lange, nachdem ich diesen Werbeaufsteller gesehehn hatte, war Bloggerkollegin Andrea anlässlich der Social-Media-Konferenz re:publica in Berlin - und postete von dort dieses Foto: 


Offenbar schwer im Trend, die atheistischen Schuhe. Ich kann mir auch gut ein Partygespräch wie das folgende vorstellen:

"Und was machen Sie..."

(Moment, ich fang' nochmal an. Auf Partys wie der, wie ich sie mir hier vorstelle, duzt man sich selbstverständlich.)

"Und was machst du so, beruflich?"
"Ich leite ein atheistisches Schuhgeschäft."

Das macht doch was her! Nicht einfach nur Schuhe verkaufen, sondern den passenden Schuh zur Weltanschauung! Ein Beispiel, von dem man nur lernen kann. Einem - tatsächlich existierenden oder auch nur hypothetischen - christlichen Schuhgeschäft möchte ich, kostenlos übrigens, folgenden Designvorschlag machen: eine Schuhsohle mit dem Aufdruck bzw. der Einprägung
"Wenn man euch aber in einem Haus oder in einer Stadt nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann geht weg und schüttelt den Staub von euren Füßen."
(Oder, wenn das zu aufwändig ist, kann man auch einfach "Matthäus 10,14" auf die Sohle drucken oder in sie einprägen. Das ist vielleicht sogar noch cooler, weil es den neugierig gewordenen Betrachter dazu animiert, die Stelle nachzuschlagen.)

Was die Hersteller der "atheist shoes" selbst über ihr Geschäftsmodell zu sagen haben, kann man hier nachlesen. Ist aber nicht weniger abstrus als die Gedanken, die ich mir so dazu gemacht habe. Höchstens - wie ich mir schmeichle - ein bisschen weniger lustig.

Kommentare:

  1. Die verlinkte Seite ist perfekt - und hohl. Das geht gut zusammen.
    "Whether you're an atheist looking to tickle the world with a foot-first declaration of godlessness..." Ach ja, die Welt ist ja so fanatisch religiös allenthalben, besonders in Berlin, da ist es schon ein riskanter Nervenkitzel, sich als Atheist erkennen zu geben.
    Und nun noch mal ganz ernsthaft:
    Katholiken spotten einfach besser als Atheisten. q.e.d.

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  2. Na, besonders hübsch sind diese Schuhe ja nicht wirklich......#find

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    1. Ja, bißchen langweilig sieht das Schuhwerk schon aus. Aber passt ja damit auch zur Zielgruppe.

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  3. Fliegt mein Herz erst mal deiner Oma zu. Früher hätte ich mich über solch eine altmodische Auffassung ja schlapp gelacht, wäre sozusagen aus meinen Atheist shoes gekippt, aber eigentlich weiß ich auch nicht mehr als deine Oma. Ich mag aber, wenn jemand seine Auffassung für Anstand nicht dem Zeitgeist opfert. Atheist shoes (und "Ohne Gott und Sonnenschein" )haben was Pubertäres: "Guckt mal wie trendy ich es euch zeige." Pfff.

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