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Mittwoch, 16. November 2011

Kein Geistlicher hat ihn begleitet

So lautet der letzte Satz von Goethes Die Leiden des jungen Werthers, und kürzlich musste ich an diese Worte denken - und zwar, wie man sich denken kann, anlässlich einer Beerdigung. Ich war seit mindestens zehn Jahren auf keiner Beerdigung gewesen, und in Berlin überhaupt noch nicht.

Neu für mich war an dieser Beerdigung auch noch manches andere. Zum Beispiel, dass es hier kein Familienmitglied war, das zu Grabe getragen wurde, sondern ein Freund; und zwar einer, der nur wenig älter gewesen war als ich selbst.

Earl König - so sein Künstlername - war, neben allerlei anderen Beschäftigungen, vor allem Discjockey und Cartoonzeichner; und schon bei meiner ersten Begegnung mit ihm, vor rund zweieinhalb Jahren, hatte ich das Vergnügen, ihn in beiden Eigenschaften kennenzulernen. Ein gemeinsamer Bekannter - nennen wir ihn mal Elvis - hatte mich in einen Club in der Oranienburger Straße verschleppt, in dem Earl König an diesem Abend Platten auflegte; die Musik war ausgezeichnet, aber der eigentliche Grund für unseren Besuch in diesem Club war, dass Elvis mit Earl über eine Geschäftsidee zur Vermarktung von dessen Cartoons sprechen wollte. Da der Club ohnehin bedauerlich schwach besucht war, legte Earl am DJ-Pult eine Pause ein, spendierte Elvis und auch mir einen Cocktail und zeigte uns einige seiner Cartoons. Aus Elvis' Geschäftsidee wurde, soweit ich weiß, dann doch nichts, aber es wurde noch ein sehr lustiger Abend, der irgendwann im Morgengrauen in einer typisch "altberliner" Eckkneipe im berühmt-berüchtigten Stadtteil Wedding endete; Earl wohnte da um die Ecke, die Wirte kannten ihn alle und gaben ihm Kredit.

Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte ich begonnen, in einer Bar im Stadtteil Prenzlauer Berg als DJ zu arbeiten - "arbeiten" ist eigentlich zuviel gesagt, es war eher ein Hobby, verbunden mit einem kleinen Nebenverdienst. Als Elvis mich nun an besagtem Abend Earl König vorstellte, tat er dies jedenfalls mit den Worten "der DJ aus dem ****"; und Earl fielen fast die Augen aus dem Kopf: Er kannte die Wirtin von früher und hatte bereits mit ihr vereinbart, zukünftig ebenfalls dort aufzulegen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft - wenn auch nicht immer ohne persönliche und "künstlerische" Differenzen. Was letztere anging, glaubte Earl, da ich Anfänger und er schon seit 19 Jahren "im Geschäft" sei, könne ich eine Menge von ihm lernen; die Chefin sah das anfangs genauso, und zum Teil stimmte es sicherlich auch, aber ganz ehrlich gesagt wollte ich manches von dem, was er mir beizubringen gedachte, gar nicht lernen. Wenn Earl mir daraufhin Mangel an Professionalität vorwarf, hatte er womöglich Recht, aber ich betrachtete das Auflegen eben eher als Hobby, und da war der Spaß an der Sache mir dann doch erheblich wichtiger als der Anspruch auf Professionalität.

Trotz solcher Meinungsverschiedenheiten schätzten wir einander aber grundsätzlich sehr und verbrachten so manchen denkwürdigen Abend miteinander; zuletzt sah ich ihn an meinem Geburtstag, wo er sich auf meine Bitte hin um die Musikauswahl kümmerte und mir so nebenbei erzählte, er sei kürzlich im Krankenhaus gewesen, wegen Magenproblemen. Wegen seines Magens dürfe er auch keinen Alkohol trinken - was ihm, wie ich ihn kannte, vermutlich ziemlich schwer fiel.

In der Folgezeit telefonierten wir noch ein paarmal, es schien ihm gut zu gehen, von gesundheitlichen Beschwerden war keine Rede mehr. Unser letztes Gespräch drehte sich um DJ-Termine, ich sollte ihn vertreten, weil er eine Anfrage für einen gut bezahlten "Gig" in Leipzig hatte. Ein paar Wochen später erfuhr ich von seinem Tod.

Die Beerdigung sollte, so wurde mir gesagt, auf dem "Friedhof an der Müllerstraße" stattfinden. Das war allerdings insofern eine etwas unzureichende Information, als es an der Müllerstraße im Wedding mehrere Friedhöfe gibt. Instinktiv steuerte ich den Städtischen Urnenfriedhof an, erhielt aber gerade noch rechtzeitig einen Anruf von einem Bekannten, der ebenfalls auf dem Weg zu Earl Königs Beerdigung war und mir verriet, dass sie auf dem Domfriedhof II stattfand. Das überraschte mich, denn das schien ja darauf hinzudeuten, dass es ein kirchliches Begräbnis werden würde. Ich hatte nicht gewusst und auch nicht vermutet, dass Earl Kirchenmitglied war. Besonders religiös war er mir nie vorgekommen - obwohl wir uns mal auf seine Anregung hin Adams Äpfel angesehen haben, einen trotz seines ausgeprägt satirischen Tonfalls zutiefst religiösen Film, der auch gern in kirchlichen Gesprächskreisen gezeigt und diskutiert wird.

Die Trauergemeinde bestand aus rund 80 Personen, die meisten davon kannte ich nicht einmal vom Sehen. Zunächst versammelten wir uns in der kleinen Friedhofskapelle; im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf die dort arrangierten Trauerkränze. Auf einer Kranzschleife stand "Uns fehlen die Worte", auf einer anderen "In Hamburg sagt man Tschüss" (Earl war gebürtiger Hamburger). Nachdem die Trauergäste ihre Plätze eingenommen hatten, begann die Orgel zu spielen...: "My Way". Auf der Kirchenorgel gespielt hatte ich den Song nun wirklich noch nie gehört, aber man kann sagen, was man will: Das hatte was. Im Anschluss hätte ich eigentlich eine Ansprache erwartet, es kam aber keine. Stattdessen folgte, nach einer besinnlichen Pause, mehr Orgelmusik. "Go, tell it on the Mountain". Unschwer zu erkennen als Aufforderung, nach draußen zu gehen, auch wenn da keine Berge waren und wir nichts zu Verkünden hatten. Ein ältlicher, untersetzter Friedhofsdiener nahm die Urne, die ich erst in diesem Moment als solche erkannte, an sich und trug sie mit den etwas mürrisch klingenden Worten "In Gottes Namen!" hinaus; dann setzte die Gemeinde sich gemessenen Schrittes in Bewegung zur Grabstelle, einem kleinen quadratischen Loch mit einem kleinen Becken voll Erde daneben. Der Friedhofsdiener raunzte erneut "In Gottes Namen!", ehe er die Urne in die Grube hinabließ. Ich nehme mal an, diese Worte sollten, wenn es schon keine Ansprache, kein Gebet, keinen geistlichen Trost etwelcher Art gab, wenigstens pro forma den christlichen Charakter des Begräbnisses dokumentieren; aber ich fand's sonderbar. In alten Zeiten, als es noch üblicher war als heutzutage, den Namen des HERRN unnütz im Munde zu führen, bedeutete die Redewendung "in Gottes Namen" ja auch so etwas wie "meinetwegen" oder "wenn's denn sein muss"; und der grantige Friedhofsdiener sah, als er diese Worte sprach, auch so aus, als meine er sie genau so.

"Kein Geistlicher hat ihn begleitet": In Goethes Werther verweist dieser Satz darauf, dass der Titelheld als Selbstmörder keinen Anspruch auf ein christliches Begräbnis hat. Man kann das als Kritik an der Kirche lesen, als Aufruf zu mehr Barmherzigkeit im Umgang mit Selbstmördern; aber ich hatte schon immer das Gefühl, aus dem Satz "Kein Geistlicher hat ihn begleitet", spreche auch so etwas wie trotziger Stolz: Im Leben hat Werther den Beistand der Kirche nicht gebraucht, im Tode braucht er ihn nun auch nicht. Mein Freund Earl König hat zwar - wie ich annehme, auch wenn ich es nicht mit Sicherheit weiß - nicht Selbstmord begangen, aber man könnte wohl behaupten, dieser trotzige Stolz passe zu ihm. Dennoch empfand ich es als befremdlich, wie die religiösen Züge des Beerdigungsrituals an diesem Donnerstagvormittag auf dem Domfriedhof II auf ein Minimum reduziert wurden.

Ich glaube, ich muss hier ein wenig ausholen. Hartgesottene Materialisten, die jedwede Art von Religion, Kultus oder überhaupt des Glaubens an etwas "Übersinnliches" als Relikt aus primitiven Entwicklungsstadien der Menschheit ansehen - einst sinnvoll oder notwendig, um das soziale Verhalten der Menschen zu regulieren, deren Vernunft einfach noch nicht weit genug entwickelt war, um ohne solche Krücken auszukommen; heute aber obsolet und nur noch peinlich - könnten argumentieren, Begräbnisrituale dienten einzig dazu, der geordneten "Entsorgung" von Leichen, die ansonsten unter freiem Himmel verwesen und somit die Umgebung verpesten würden, ein feierliches Mäntelchen umzuhängen. Ob die Anhänger dieser in sich ja durchaus schlüssigen Auffassung damit einverstanden wären, die Entsorgung ihrer sterblichen Überreste, oder auch derjenigen ihrer Angehörigen, schnell, sicher, sauber und kostengünstig von der Stadtreinigung abwickeln zu lassen, mag indes eine zweite Frage sein. -- Wenn sich an dieser Stelle bei meinen Lesern emotionaler Widerstand, ja Empörung regt, dann hat dieser Exkurs seinen Zweck erfüllt. Wem die Vorstellung, das Bestattungswesen kurzerhand der Müllabfuhr zu überlassen, Unbehagen bereitet, der gesteht damit, bewusst oder nicht, dem menschlichen Leichnam eine gewisse Würde zu. Diese Würde aber rührt offenkundig von der Überzeugung her, dass "etwas" vom Menschen "weiterlebt"; oder gerade heraus gesagt: Ohne den - wie auch immer diffusen - Glauben an irgendeine Form von "Leben nach dem Tod", irgendeine Art von "Jenseits" wären Begräbnisrituale schlicht sinnlos.

Dabei verweist die Verschiedenheit der Bestattungsrituale diverser Kulturen deutlich auf die Verschiedenheit der Jenseitsvorstellungen. In manchen alten Kulturen wurden die Toten gefesselt ins Grab gelegt, damit sie bloß nicht zurückkehren; in anderen gab man ihnen Waffen, Schmuck, gar Nahrungsmittel mit ins Grab, in wieder anderen legte man ihnen Münzen in den Mund oder auf die Augen, mit denen sie die Reise ins Totenreich bezahlen sollten. Die christlichen Kirchen lehnten bis ins 20. Jh. hinein die Einäscherung Verstorbener ab, weil sie vermeintlich der Lehre von der leiblichen Auferstehung widersprach - wogegen sich aus naturwissenschaftlicher Sicht einwenden ließe, dass auch die Verwesung, chemisch betrachtet, ein Verbrennungsprozess ist, nur ein sehr langsamer und "unsauberer".

- - Kaum habe ich diese Sätze über die Verschiedenheit der Jenseitsvorstellungen, die eine ebenso große Verschiedenheit von Bestattungsritualen bedingt, niedergeschrieben, da tritt das doch sehr gemischte Publikum bei der Beerdigung meines Freundes Earl König vor mein geistiges Auge, wie da die Trauergäste nacheinander vortraten und jeweils eine Handvoll Erde ins offene Grab rieseln ließen. Die meisten blieben dann noch einen Moment dort stehen, in stiller Besinnung oder in stillem Gebet - wer möchte es unterscheiden? Und plötzlich kommt mir in den Sinn, dass ein so reduziertes Begräbnisritual, in dem - abgesehen von der zweimaligen Nennung des ja durchaus unterschiedlichsten Deutungen zugänglichen Begriffs "GOTT" - keine verbindlichen religiösen Aussagen gemacht werden, in einer in religiöser Hinsicht so heterogenen Gesellschaft wie der unseren womöglich die besten Voraussetzungen dafür bietet, dass Menschen mit unterschiedlichsten oder auch gar keinen religiösen Vorstellungen zusammenkommen und gemeinsam von einem Verstorbenen Abschied nehmen können, den sie alle, jeder auf seine Weise, geliebt haben und vermissen.

Dann wiederum kommt mir der Gedanke, dass "gemeinsam" hier wohl nicht das richtige Wort ist. Wir waren alle zur selben Zeit am selben Ort, aber von Gemeinschaft war wenig zu spüren, auch wenn ich weiter oben den Begriff "Trauergemeinde" verwendet habe. Wo es keine Verbindlichkeit gibt, da gibt es auch nichts Verbindendes, und so ist es wohl kein Zufall, dass die Trauergäste, sofern sie sich nicht schon vorher gekannt hatten, einander fremd blieben. Am Schluss der Beerdigung dankte Earls Bruder in kurzen Worten allen Anwesenden für ihre Anteilnahme, und dann ging jeder seiner Wege.

Mein Bekannter, dessen Anruf mich gerade noch rechtzeitig zum richtigen Friedhof gelotst hatte, nahm mich auf dem Rückweg noch ein Stück mit dem Auto mit. Im Autoradio lief "Thriller", gefolgt von einem kurzen Bericht über den Prozess gegen Michael Jacksons Arzt; woraufhin mein Bekannter darüber phantasierte, wie Earl König im Jenseits, das er sich wie eine Bar vorstellte, Michael Jackson trifft, jovial auf ihn zugeht und ihn mit den Worten "Na, alte Schwuchtel?!" begrüßt.

Ich glaube, so oder so ähnlich dürfte sich auch Earl König selbst das Jenseits vorgestellt haben.

Kommentare:

  1. Schöner Nachruf für einen besonders sonderbaren Menschen!
    IF

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  2. Bei einer Google-Recherche zufällig auf dieses Blog gestoßen, kann ich nur danke sagen. Auch mir gefällt dieser Nachruf auf Earl König, bürgerlich: Percy P.
    Am Schluss der Veranstaltung gingen nicht alle gleich ihrer Wege, rd. 30 Leute völlig unterschiedlicher Beziehungen zu Percy trafen sich noch in einer Art Biergarten und erzählten sich gegenseitig, wie sie ihn kannten.

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