Donnerstag, 2. Juli 2026

Eine Wallfahrt die ist lustig, eine Wallfahrt die ist schön

Als ich am Samstag gegen 6 Uhr die Kinder weckte, teilte meine achtjährige Tochter mir mit: "Ich hab geträumt, meine ganze Schule würde zu der Wallfahrt mitkommen." Eine lustige Vorstellung vielleicht besonders bei dieser Schule, zugleich aber wohl auch ein Indiz dafür, mit welcher Selbstverständlichkeit, oder sagen wir Unbefangenheit, das Tochterkind sich im Spannungsfeld zwischen doch sehr unterschiedlichen Milieus bewegt. 

Aber was für eine Wallfahrt überhaupt? Wer meine Wochenbriefings regelmäßig verfolgt, wird es bereits wissen, aber neu hinzugekommenen oder nur gelegentlichen Lesern sei verraten: Wir hatten uns als ganze Familie zur Teilnahme an der Jubiläums-Bundeswallfahrt der Katholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) angemeldet. Und das am heißesten Wochenende seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, jedenfalls gefühlt. Eine Reihe anderer für dieses Wochenende geplanter Veranstaltungen war wegen der Hitze abgesagt bzw. verschoben worden, so z.B. das Gemeindesommerfest der evangelischen Kirchengemeinde, zu der die KiTa unseres Jüngsten gehört, der Messdienertag des Bistums Münster und auch eine Veranstaltung zum Thema "Kochen und Essen nach Hildegard von Bingen" auf dem Achorhof; dagegen kam von dem Veranstaltern der KPE-Wallfahrt noch zwei Tage vor dem Termin eine Mail mit der Versicherung, man werde sich bemühen, das Wallfahrtsprogramm an die Witterungsbedingungen anzupassen und für eine ausreichende Getränkeversorgung zu sorgen, aber stattfinden werde die Veranstaltung definitiv. – Tatsächlich bin ich geneigt zu sagen, wir konnten uns glücklich schätzen, dass wir einen beträchtlichen Teil des Samstags und des Sonntags in einem klimatisierten Reisebus (mit dem schön pfadfinderisch tönenden Namen "Zugvogel") verbringen durften, den die KPE-Stämme aus Berlin und Brandenburg für die gemeinsame An- und Rückreise organisiert hatten. 

Nach ein paar kurzfristigen Absagen war der Bus mit 35 Personen, einschließlich der Leiterinnen, besetzt; acht Wölflingsmädchen waren dabei (einschließlich unseres Tochterkindes), vier Wölflingsjungen (die man ansonsten selten zu sehen bekommt, da gemeinsame Unternehmungen für Jungen und Mädchen bei der KPE eher die Ausnahme sind), einige Pfadfinder der "Grünen Stufe" (12-16 Jahre) und auch einige Ranger und Rover der "Roten Stufe" (ab 17 Jahre); Eltern waren nur verhältnismäßig wenige dabei. Bevor die Fahrt losging, erhielt die ganze Gruppe noch einen Reisesegen von einem Priester – wenn ich mich nicht irre, war es derselbe, der beim Waldadvent die Messe zelebriert hatte. – Während der Fahrt sangen im hinteren Teil des Busses vor allem die Mädchen eifrig Pfadfinderlieder zur Gitarre; ich muss sagen, genauso hatte ich mir eine Busreise mit Pfadfindern vorgestellt. – Zur Mittagspause fuhren wir eine Raststätte mit dem Namen Teufelstal an. Kein Witz. 

Als wir dort ausstiegen, sprach mich ein Seniorenpaar – das anscheinend ebenfalls mit einem Reisebus dort Station machte – an: "Seid ihr Pfadfinder?" Sie wirkten auf sehr wohlwollende Art interessiert daran, wo wir herkamen, wo wir hinwollten und um welchen Pfadfinderverband es sich handelte. Fand ich ausgesprochen ermutigend. 

Ziel unserer Fahrt war das ehemalige – 1153 als Filialkloster von Maulbronn gegründete, 1802 säkularisierte – Zisterzienserkloster Schöntal, und was die Frage "Ist das eigentlich in Franken oder in Schwaben?" angeht, muss man sagen: Es ist kompliziert. Schöntal liegt in der Region Hohenlohe, die kulturell und sprachlich zu Franken gehört, politisch aber seit 1806 zu Württemberg. Aus Sicht eines großen Teils der KPE-Stämme Deutschlands kann man das als eine zentrale Lage bezeichnen, und so begann das Veranstaltungsprogramm des Wallfahrtswochenendes bereits am Samstagvormittag. Zu den Programmpunkten, die wir infolge des langen Anreisewegs verpassten, gehörten u.a. ein großes, auf eine Gesamtdauer von sechs Stunden angelegtes Geländespiel für die Wölflinge sowie im Erwachsenenprogramm ein Vortrag über das richtige Verhältnis zwischen Führen und Loslassen in der Kindererziehung. – Was die Übernachtungssituation betraf, hatten wir für meine Liebste, den Jüngsten und mich ein Dreibettzimmer im "Knechtsbau" des Klosters gebucht (der heute von der Forstverwaltung als Waldschulheim genutzt wird, aber ich finde, "Knechtsbau" klingt einfach cooler), während unsere Große natürlich zusammen mit ihrer Wölflingsmeute schlafen sollte. Dem Lageplan zufolge, den wir vorab erhalten hatte, sollte der Zeltplatz der Wölflingsmädchen in unmittelbarer Nähe unserer Unterkunft liegen, was für unsere Tochter, die mit dem "woanders (und ohne ihre Eltern) Übernachten" ja zuweilen noch so ihre Schwierigkeiten hat, eine große Ermutigung darstellte. Folgerichtig gab es eine kleine Krise, als sich herausstellte, dass die Veranstaltungsleitung einigen Mädchenmeuten, und darunter ausgerechnet "unserer", ein anderes Nachtquartier zugewiesen hatte, nämlich eine Turnhalle im Nachbarort Berlichingen. (Ja, das ist das Berlichingen, wo der Götz herkommt. Der soll übrigens im Kloster Schöntal bestattet sein, allerdings habe ich sein Grab nicht gesehen.) Ich bemühte mich, dem Tochterkind zu versichern, bei dieser Hitze sei eine Turnhalle sicherlich ein angenehmerer Schlafplatz als ein Zelt, außerdem sei es ja nur für eine Nacht und wir seien ja auch nicht weit weg, jedenfalls längst nicht so weit weg wie neulich beim Himmelfahrtslager; aber es dauerte eine Weile, bis meine Große sich mit dem Gedanken an die Turnhallenübernachtung angefreundet hatte. Der Rest der Familie hatte derweil das Problem, dass wir bei unserer Ankunft auf dem Klostergelände erst mal jemanden ausfindig machen mussten, der uns unsere Zimmernummer verraten und vor allem den Zimmerschlüssel aushändigen konnte. Das erwies sich als gar nicht so einfach, was bei uns eine gewisse Nervosität auslöste; aber da so ziemlich unmittelbar nach unserer Ankunft die Ausgabe des Abendessens begann, konzentrierten wir uns erst einmal darauf, ein paar warme Leberkässemmeln zu erbeuten. Nach einigem Herumfragen fanden wir schließlich auch die Frau, die für die Zimmervergabe zuständig war. Unser Zimmer lag direkt unterm Dach und war daher ganz schön warm, aber wir erhielten den Tipp, zur Abkühlung ein nasses Handtuch vors Fenster zu hängen, und das funktionierte tatsächlich ganz gut. Aus einem Fenster auf dem Flur konnte man tatsächlich den Zeltplatz der Wölflingsmädchen sehen; wären "unsere" Wölflingsmädchen nicht woanders einquartiert worden, hätten wir unserem Tochterkind zum Gutenachtsagen zuwinken können. – À propos zuwinken: Da die Wölflinge praktisch die ganze Zeit "Programm" hatten, während die Wallfahrtsteilnehmer aus der Kategorie "Familie & Freunde" erheblich mehr Zeit zur freien Gestaltung hatten, sahen wir unsere Große während des größten Teils unseres Aufenthalts maximal von Weitem. Tags zuvor hatte sie an der Verabschiedungsfeier für die Vorschulkinder an der KiTa des kleinen Bruders teilgenommen und hatte sich da eine blaue Strähne ins Haar färben bzw. tönen lassen, die über Nacht grün geworden war; so richtig pfadfindermäßig war das wohl nicht, führte aber dazu, dass man sie trotz einheitlicher Kluft auch über größere Entfernungen hinweg gut von anderen Wölflingsmädchen ihrer Größe und Haarfarbe unterscheiden konnte. 

Auch beim gemeinsamen Programm – das eine Lichterprozession am Samstagabend mit anschließender Eucharistischer Anbetung in der Klosterkirche, eine Fußwallfahrt am Sonntagvormittag und schließlich die Heilige Messe in der Klosterkirche umfasste – dackelte die Abteilung "Familie & Freunde" immer irgendwie als Anhängsel hinter den nach Altersstufen und Geschlecht geordneten Abteilungen der Pfadfinder her; wenngleich das zu einem gewissen Grad wohl in der Natur der Sache lag und daher von mir nicht als Kritik an den Veranstaltern gemeint ist, wird man wohl doch sagen dürfen, dass unser Wölflingskind insgesamt mehr vom Programm hatte als der Rest der Familie. Als ich meine Tochter auf dem Heimweg fragte, was ihr am ganzen Wochenende am besten gefallen habe, sagte sie "die Lichterprozession"; das fand ich eher überraschend, zumal es zum Zeitpunkt dieser Prozession noch gar nicht richtig dunkel gewesen war, was für die Atmosphäre zweifellos vorteilhaft gewesen wäre. 


An der Nachtanbetung, die laut Programm tatsächlich bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr andauerte, nahmen die Wölflinge nicht teil, sondern hatten ein separates Abendgebet auf dem Vorplatz der Klosterkirche und wurden dann ins Bett (bzw. in ihre Schlafsäcke) gesteckt; die Pfadfinder der Grünen Stufe blieben bis 22 Uhr bei der Anbetung, während die Rote Stufe die Erlaubnis hatte, die ganze Nacht hindurch anzubeten. Was meine Liebste und mich betraf, hätten wir die Gelegenheit zur Nachtanbetung wohl gern ausgiebiger genutzt, wenn wir nicht so erschöpft von der langen Anreise gewesen wären und keinen fünfjährigen Knaben bei uns gehabt hätten, der dringend ins Bett musste. 

Angesichts der anhaltenden Hitze wurde die Fußwallfahrt am Sonntag, die ursprünglich als rund 5 km langer Rundweg geplant gewesen war, auf eineinhalb Kilometer gekürzt und auf eine schattigere Strecke verlegt. (Überhaupt muss man der Veranstaltungsleitung ein Kompliment dafür machen, wie es ihr gelang, den Witterungsbedingungen Rechnung zu tragen und dafür zu sorgen, dass es immer genug zu trinken und genug Möglichkeiten gab, sich im Schatten aufzuhalten.) Für das seit einem Fahrradunfall vor elf Jahren schwer ramponierte Sprunggelenk meiner Liebsten war allerdings schon die Lichterprozession am Vorabend zu anstrengend gewesen, deshalb ging sie, während ich an der Fußwallfahrt teilnahm, lieber mit dem Jüngsten in der Jagst baden. 

Ein Highlight war jedenfalls die Messe in der prachtvollen barocken Klosterkirche, musikalisch gestaltet von einer Choralschola; die Predigt hielt der Bundeskurat der KPE, Pater Markus Christoph SJM, und obwohl diese Predigt über weite Strecken eher den Charakter einer Festrede anlässlich des 50jährigen Bestehens des Pfadfinderverbands hatte, fehlte es ihr durchaus nicht an geistlicher Tiefe. Einleitend nannte der Bundeskurat einige Beispiele dafür, wie sich in der Geschichte der KPE immer wieder das Wirken Gottes gezeigt habe: So habe vor 25 Jahren einmal ein Mädchen eine Schulfreundin eher "notgedrungen" – nämlich mangels Heimfahrgelegenheit – nach dem gemeinsamen Flötenunterricht noch zur Meutenstunde begleitet und daraufhin den staunenden Eltern am Abendbrottisch mitgeteilt "Jetzt bin ich Wölfling". – "Und heute, 25 Jahre später, ist dieses Mädchen unsere Bundesmeisterin." In einem anderen Fall habe ein Unwetter eine Wölflingsmeute gezwungen, ihr Lager abzubrechen und bei in der Nähe des Lagerplatzes wohnenden Familien Unterschlupf zu suchen, und die Kinder dieser Familien seien von der Begegnung mit den Wölflingen so beeindruckt gewesen, dass sie daraufhin die Gründung eines eigenen KPE-Stammes an ihrem Wohnort anregten. – Im Zusammenhang damit, was Kinder bei den Pfadfindern so alles "fürs Leben lernen" können, landete der Prediger einen großen Lacherfolg mit dem Satz "Ihr wisst gar nicht, was eure Kinder alles essen, wenn sie es nur selbst gekocht haben." 

Unmittelbar nach der Messe folgte die Abschlussrunde, dann gab es Mittagessen in Form von heißen Würstchen und/oder Käsebrötchen, und dann ging es auch schon auf die Rückfahrt. Was bleibt noch zu sagen? – Alles in allem freue ich mich sagen zu können, trotz mancher Mühen und Unbequemlichkeiten, auch trotz der schon angesprochenen Tatsache, dass es für "Familie & Freunde" tendenziell weniger Spannendes zu erleben gab als für die Pfadfinder selbst, war die Teilnahme an dieser Bundeswallfahrt eine tolle Erfahrung; es war beeindruckend, die Atmosphäre mitzuerleben, die bei einem Treffen so vieler Pfadfinder aus ganz Deutschland (wobei die meisten, soweit man es anhand der Ärmelaufnäher an ihrer Kluft erkennen konnte, aus Franken, Schwaben oder aus dem Allgäu kamen) herrschte. Schön fand ich auch die phantasievoll gestalteten Meutenstäbe der verschiedenen Wölflingsmeuten; ein paar Exemplare, die mit besonders gut gefallen haben, habe ich fotografiert. 


Was meine Tochter angeht, fand ich es recht vielsagend, dass sie auf der Hinfahrt im Bus unbedingt neben mir sitzen wollte und sich erst nach dreimaliger Aufforderung dazu bewegen ließ, in den hinteren Teil des Busses zu den anderen Wölflingsmädchen zu gehen, sich auf der Rückfahrt jedoch sofort und ohne Diskussion zu ihrer Meute setzte. Im Übrigen ist mir, wie schon öfter, auch diesmal wieder aufgefallen, dass sie, wenn sie einige Zeit bei den Pfadfindern verbracht hat, danach für eine Weile viel fokussierter, aufmerksamer und umsichtiger ist als sonst; ich habe sie darauf angesprochen, und sie sagt, sie selbst empfindet das auch so. Und unser Jüngster? Als ich den am Montag aus der KiTa abholte und ihn fragte, ob er in der KiTa etwas darüber erzählt habe, was er am Wochenende gemacht habe, sagte er "ein bisschen". Als ich dann aber nachhakte, was genau er denn erzählt habe, lieferte er einen so umfangreichen und detaillierten Bericht, dass ich staunte, was er alles mitbekommen und sich gemerkt hatte. – Soweit ich gehört habe, gibt es Bundeswallfahrten bei der KPE alle drei Jahre; demnach wäre beim nächsten Mal unser Jüngster auch schon im Wölflingsalter und die Große stünde vermutlich kurz vor dem Übertritt in die Grüne Stufe. Man darf gespannt sein...