Donnerstag, 22. Juni 2023

Ansichten aus Wolkenkuckucksheim #35

Der Sommer ist da – gefühlt schon etwas länger, jetzt auch kalendarisch; und mir scheint, dieser Umstand prägt auch die Stimmung des aktuellen Wochenbriefings.  Außer natürlich in der Rubrik "Neues aus Synodalien", denn in Synodalien ist immer Herbst. Und damit meine in keinen Goldenen Oktober, sondern einen trübgrauen, klammkalten November. Freuen wir uns also umso mehr auf die anderen Themen! – Gleich einleitend will ich festhalten, dass die Rubrik "Blogvorschau" diese Woche entfällt, da es dazu gerade nichts zu sagen gibt, was ich nicht schon letzte Woche gesagt habe. Aber es kommen auch wieder andere Zeiten... und damit jetzt genug der Vorrede! 

Versöhne uns mit deinem Sohne, empfiehl uns deinem Sohne, stelle uns vor deinem Sohne. 

Spandau oder Portugal / Tagesreste

Am Samstag wäre eigentlich die dritte Wichtelgruppen-Schnupperstunde gewesen, aber die stand von vornherein unter ungünstigen Vorzeichen. Der Pfadfinderleiter war in Urlaub, mehrere Eltern, die mit ihren Kindern bei einem der ersten Treffen gewesen waren, hatten aus unterschiedlichen Gründen abgesagt, die Wetteraussichten waren zweifelhaft, und dann teilte mir auch noch meine Co-Gruppenleiterin kurzfristig mit, sie sei aus dringenden familiären Gründen verhindert. Schließlich gab es auch noch genau in der Stunde, in der das Wichtelgruppentreffen hätte stattfinden sollen, einen kräftigen Gewitterschauer, sodass ich keineswegs überrascht war, dass niemand mal eben spontan vorbeischaute; in Anbetracht der Umstände war ich aber auch gar nicht so unglücklich darüber. Meine Kinder ließen sich derweil durch das Wetter nicht davon abhalten, im Pfarrgarten zu spielen.

Am selben Nachmittag gab eine Künstlerfreundin, mit der ich in den Nuller und Zehner Jahren bei diversen Lesungen, Bühnenprogrammen, Hörspielen und Kurzfilmen zusammengearbeitet hatte, die ich nun aber schon allzu lange nicht mehr gesehen hatte, ein Picknick auf einer Wiese im Hansaviertel und hatte uns dazu eingeladen; ich fürchtete nun schon, dieses Picknick werde ebenfalls ins Wasser fallen, aber nachdem wir die Kinder überreden konnten, den Pfarrgarten wieder zu verlassen, fuhren wir auf gut Glück doch ins Hansaviertel, und siehe da, dort schien die Sonne. Die Stimmung bei dem Picknick war ausgezeichnet, die Kinder kletterten in einer alten Kastanie herum und sammelten Steine, Totholz und Laub für ein Schneckenterrarium. Wir kamen spät und müde nach Hause, aber das war es wert. 

Hier übrigens das besagte Schneckenterrarium, liebevoll gestaltet vom Tochterkind. 

Am Sonntag wollten wir nach Siemensstadt zur Messe, schafften es aber wieder einmal nicht, "einen Bus früher als nötig" zu nehmen, und verpassten – wie so oft – beim Umsteigen unseren Anschluss, woraufhin wir zu Fuß bis zur nächsten Haltestelle gingen. Das hatte neben dem Zweck, die Wartezeit auf den nächsten Bus zu verkürzen, noch einen weiteren: Oft ist der Bus, der aus Haselhorst kommend nach Siemensstadt fährt, sonntags vornittags rappelvoll mit Leuten, die zum Trödelmarkt auf dem Metro-Parkplatz an der Ecke Paulsternstraße/Nonnendammallee wollen, und wenn die an der Haltestelle Paulsternstraße alle ausgestiegen sind, kommt man mit dem Kinderwagen sehr viel leichter in den Bus rein. – Warum erzähle ich das hier? Weil wir auf der Strecke, die wir zu Fuß zurücklegten, ebenfalls eine Menge Leute sahen, die zu diesem Trödelmarkt unterwegs waren, darunter recht viele junge Familien; und plötzlich kam mir der Gedanke: Vielleicht sollte die Kirchengemeinde mal einen Infostand auf diesem Trödelmarkt einrichten. Dass der gerade sonntags vormittags stattfindet, ist natürlich etwas ungünstig, aber dann müssen die Leute, die diesen Infostand bemannen, eben mal in die Vorabendmesse. – Ich sehe bereits eine Gelegenheit voraus, diese Idee in die Gremien der Gemeinde einzubringen, aber vielleicht wäre es ratsam, sich den Trödelmarkt vorher erst mal selbst anzusehen. Na, schauen wir mal. 

Die Kirche erreichten wir an diesem Sonntag jedenfalls erst mitten in der Predigt; den Priester, der die Messe hielt, kannten wir nicht, es war ein kräftig gebauter Mann mit polnischem Akzent, der sich während der Predigt mit einem Arm auf dem Ambo aufstützte und mit dem anderen energisch gestikulierte. Er sprach eindringlich und zum Teil sehr persönlich über die Treue Gottes, die stärker sei als die Untreue der Menschen, und führte aus, christliche Mission bestehe im Wesentlichen darin, dass Menschen, die die Liebe Gottes erfahren haben, diese Erfahrung anderen mitteilen. Eine starke Predigt; ich bedaure es, den Anfang verpasst zu haben. 

Am Sonntagnachmittag war das Tochterkind zu einem Kindergeburtstag eingeladen, am Montag war Omatag; den Dienstag und den Mittwoch gilt es in den folgenden Rubriken gesondert zu würdigen. 


Währenddessen in Borsigwalde 

Normalerweise heißt diese Rubrik ja "Währenddessen in Tegel", aber der wesentliche Inhalt, mit dem ich diese Rubrik in der aktuellen Ausgabe zu füllen gedenke, spielte sich nun mal in Borsigwalde ab, und ich denke, man sollte durchaus mal würdigen  dass das ein eigener Stadtteil ist, auch wenn (und gerade weil) man das leicht vergessen kann. – Der Anfang der Geschichte spielte sich allerdings doch in Tegel ab: Am Dienstag hatte meine Liebste keinen Unterricht, da alle ihre Schüler auf Exkursion waren; also nutzte sie den Tag, um etwas mit den Kindern zu unternehmen, und ich schlief erst mal aus, so gut es ging. Am frühen Nachmittags zog ich mir mein "Che Jesus"-Shirt an und ging aus dem Haus – und begegnete im nächsten Augenblick zwei Schwarzen, die gekleidet waren, als kämen sie direkt aus der 70er-Jahre-Disco. Der erste musterte nachdenklich mein T-Shirt, sagte aber nichts. Der zweite reckte die Faust und rief laut "Che Guevara!" – worauf der erste ihn korrigierte: "Mann, das ist Jesus, Mann." 

Ich jedenfalls lenkte meine Schritte in Richtung Borsigwalde, denn wie ich erfahren hatte, hielt in der dortigen Allerheiligenkirche der Erzbischof von Owerri (Nigeria), Lucius Iwejuru Ugorji, die 15-Uhr-Messe. Der Oberhirte einer Diözese wohlgemerkt, in der es mehr als zweieinhalbmal so viele Katholiken gibt als im Erzbistum Berlin. Dass der nun im Zuge eines Kurzbesuchs in Berlin eine Werktagsmesse in einer unscheinbaren Filialkirche in Borsigwalde hielt, hatte zweifellos damit zu tun, dass der Pfarrvikar, der an diesem Kirchenstandort seinen Dienstsitz hat, im Erzbistum Owerri inkardiniert ist (ich habe ihn in meinem Blog schon öfter erwähnt). Trotzdem konnte ich mich des Gedankens nicht ganz erwehren, dass so etwas im umgekehrten Fall – also bei einem Auslandsbesuch eines deutschen (Erz-)Bischofs – wohl nur schwer vorstellbar wäre. Das hat wohl damit zu tun, dass das Amtsverständnis der Bischöfe in Deutschlands tendenziell ein anderes ist; was nicht unbedingt in erster Linie an den einzelnen Bischöfen persönlich liegt (Erzbischof Koch z.B. würde ich es sehr wohl zutrauen, dass er es nicht für unter seiner Würde hielte, in einer kleinen Kirche in einem fremden Land, wo ihn keiner kennt, eine Werktagsmesse zu halten), sondern an den Erwartungen, die die Öffentlichkeit und die Medien an das Amt stellen. Deutsche Bischöfe sind tendenziell mehr "Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens" als Priester und Seelsorger, und das erklärt womöglich eine ganze Menge von dem, was in der Kirche hierzulande im Argen liegt. 

Jedenfalls war die Messe mit mehr als dreißig Teilnehmern recht gut besucht; man ist geneigt zu sagen: nicht nur für einen Werktagsgottesdienst. Die allermeisten Anwesenden waren schon recht betagt, aber das war angesichts der Tageszeit wohl kaum anders zu erwarten gewesen; die Vormittagsmesse in der benachbarten, d.h. nur knapp zwei Kilometer entfernten Kirche St. Joseph Tegel war übrigens ausgefallen, und ein Teil des harten Kerns der dortigen Gottesdienstgemeinde fand sich nun hier ein. Der ortsansässige Pfarrvikar und zwei weitere aus Nigeria stammende Priester – der Leiter der englischsprachigen Mission im Erzbistum Berlin sowie ein junger Mann, der an der Hochschule der Pallottiner in Vallendar studiert und mit sehr kraftvoller Stimme das Evangelium vortrug – konzelebrierten. Der hauptamtliche Organist begleitete die Messe außerhalb seiner üblichen dienstlichen Verpflichtungen; er hatte seinen Hund dabei, und es löste einige Heiterkeit aus, dass, als der Organist vor Beginn der Messe durch den Altarraum in die Sakristei ging, der Hund einen Moment vor dem Tabernakel verweilte. 

Zum Abschluss der Messe wurde die anwesende Gemeinde nach vorn gebeten, um vom Erzbischof einen besonderen Segen zu empfangen. Außerdem wurde angesagt, der Erzbischof werde der Gemeinde nach der Messe noch im Foyer für Fragen zur Verfügung stehen, aber ich konnte mich nicht recht zum Bleiben durchringen. Erwähnt wurde auch, dass der Erzbischof sich am Vormittag mit Generalvikar Kollig getroffen habe, um über weltkirchliche Angelegenheiten zu sprechen; da hätte ich ja nun doch gern Mäuschen gespielt. 

Erzbischof Lucius Iwejuru Ugorji (links)

Übrigens hatte ich zuvor geträumt, ich hätte die Messe versäumt, weil ich zu sehr mit den Vorbereitungen für das "Dinner mit Gott" beschäftigt war. Möglicherweise ein Fingerzeig, dass wir dieses Veranstaltungsformat mal wiederbeleben sollten. Beim Traum-Dinner sollte es übrigens Hähnchenbrust mit Paprika und Reis geben; das könnte ich durchaus auch mal für meine Familie kochen


Tagesreste spezial: Fête de la Musique 

Am Mittwoch (also gestern) war Fête de la Musique, und an und für sich wäre ich gern mit den Kindern zu der einen oder anderen Musikbühne gegangen; allerdings waren die Bühnen in unserer Ecke Berlins dünn gesät und das Programm begann dort erst um 16 Uhr – und um die Zeit wollten wir zum JAM. Da die Kinder nach dem JAM aber immer noch voller Tatendrang und Abenteuerlust waren, fuhren wir anschließend noch zum Centre Français und hörten uns den Auftritt des Berlin Boom Orchestra an. 

Übrigens hat auch das Erzbistum Berlin zur Fête de la Musique eine Bühne gestellt, auf dem Michaelkirchplatz an der Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg. Im Vorfeld, nämlich bis zum 10. Mai, konnten sich verschiedenste musikalische Ensembles –ist  "Chöre, Bands, Orgel, Schola, Liedermacher, Blasorchester, Bigband und vieles mehr", wie es auf der Website des Erzbistums hieß – für ein bis zu 45 Minuten langes Auftritts-Zeitfenster auf dieser Bühne anmelden, und herausgekommen ist dabei dieses Programm: 


Ich muss sagen, ich finde es ein bisschen schade, dass ich mich nicht so richtig darüber freuen kann. Es hat bestimmt eine Zeit gegeben, da hätte ich es als eine richtig gute Idee betrachtet, dass das Erzbistum sich an der Fête de la Musique beteiligt. Wobei ich die konkrete Form dieser Beteiligung wohl auch da schon zu zentralistisch gefunden hätte: Eigentlich sollte die Fête de la Musique doch, meinem Verständnis nach jedenfalls, ein Graswurzel-Event sein. Meine Idealvorstellung von der Fête de la Musique wären eigentlich drei Chinesen mit dem Kontrabass kleine Gruppen von Musikern, die sich mit ihren Instrumenten an irgendeine Straßenecke stellen und drauflosmusizieren. Allerdings habe ich mir schon vor Jahren – lange vor Corona – sagen lassen, in dieser Form sei das in Berlin nicht (mehr) realisierbar, da würden sich Anwohner beschweren und das Ordnungsamt würde einschreiten. This is why we can't have nice things, wie der Angloamerikaner sagt. Dies vorausgeschickt habend, bin ich der Auffassung, dass es dem ursprünglichen Geist der Fête de la Musique (und dem Geist der Punkpastoral sowieso) eher entspräche, kirchliche Beiträge zu diesem Event nicht zentral durch das Erzbistum, sondern auf Pfarreiebene, oder noch besser auf der Ebene der einzelnen Gemeinden und "Orte kirchlichen Lebens" zu organisieren. Als meine Liebste und ich noch in der Tegeler Pfarrei aktiv waren, machten wir einmal – 2019 dürfte das gewesen sein – zusammen mit dem wunderbaren Falafelmann Pläne für eine gemeinsame Aktion zur Fête de la Musique, aber mangels Unterstützung von dritter Seite wurde dann doch nichts daraus. Ähnlich erging es mir mit der Idee, einigen der Straßenmusiker, die man im Stadtbild von Alt-Tegel so antrifft, im Rahmen eines Pfarrfests eine Bühne zu bieten – was mir umso naheliegender erschien, als einer dieser Musiker häufig Gospelsongs spielt und ich einen anderen mal beim stillen Gebet in der Kirche antraf. – Wie dem auch sei: Wenn ich sage, dass ich mich über die Beteiligung des Erzbistums Berlin an der Fête de la Musique "nicht so richtig freuen konnte", dann meine ich damit, dass sich bei mir, als ich die ersten Flyer dafür sah, reflexartig die Überzeugung regte, wenn eine eigentlich gute Idee von der Amtskirche institutionalisiert werde, dann könne dabei ja nur Kacke herauskommen. Und ich muss sagen: Ob das im Einzelfall nun stimmt oder nicht, ist es schon irgendwie bezeichnend und traurig, dass dieser Gedanke sich mir so aufdrängt. 


Neues aus Synodalien 

In dieser Rubrik sind in dieser Woche zwei Nachrichten zu würdigen: 

Erst einmal muss ich ein Geständnis machen: Mir war die Aachener Heiligtumsfahrt, die üblicherweise alle sieben Jahre stattfindet, zuletzt aber wegen Corona um zwei Jahre verschoben wurde, bisher kaum ein Begriff. Dabei zählte sie im Spätmittelalter bzw. in der frühen Neuzeit zu den größten Wallfahrten Europas. Heute hingegen ist Aachen eins der liberalsten Bistümer Deutschlands,  und man könnte denken, da passe Reliquienverehrung (die Heiligtümer, von denen der Name der Veranstaltung herrührt, sind das Kleid Mariens, die Windeln und das Lendentuch Jesu sowie das Enthauptungstuch Johannes des Täufers) nicht so recht ins Bild. Aufgeben will und kann man die Wallfahrtstradition aber auch nicht so einfach, zumal da – wie eigentlich immer im brauchtümlichen Katholizismus – ein großes Volksfest mit dranhängt. Wenn man sich anschaut, wie die diesjährige Heiligtumsfahrt auf der Facebook-Seite des Bistums Aachen dokumentiert wurde, kann man den Eindruck haben, das "kulturelle Rahmenprogramm" sei eigentlich die Hauptsache bei diesem Event: Entertainer wie Guildo Horn und Götz Alsmann traten auf dem Katschhof auf, diverse mir unbekannte Bands auf einer sogenannten "Entdeckerbühne"; außerdem gab's einen "Frauenkraftort" in der Innenstadt, eine Bikerwallfahrt, einen "Tag der Grundschulkinder" und eine Kunstaktion mit einem riesigen Stoffball. Was es, entgegen der Tradition der Heiligtumsfahrt, nicht gab, war eine Abschlussmesse mit dem Metropoliten der Rheinischen Kirchenprovinz, d.h. dem Erzbischof von Köln. Präziser gesagt, die Abschlussmesse gab es natürlich, nur eben ohne den Erzbischof von Köln; denn dieser heißt derzeit bekanntlich Rainer Kardinal Woelki und ist, wie der Aachener Bischof Helmut Dieser es gegenüber der Presse formulierte, "im Moment die Projektionsfläche für viele Probleme". Daher habe Bischof Dieser, wie er weiter ausführte, die Notwendigkeit gesehen, den Abschlussgottesdienst "zu schützen davor, dass er umschlägt irgendwie in eine Krawallveranstaltung", und habe aus diesem Grund den Kardinal "gebeten", auf die Zelebration dieser Messe "zu verzichten". Tatsächlich waren wohl im Vorfeld Protestaktionen gegen einen Auftritt Woelkis bei der Heiligtumsfahrt angekündigt worden. So nachvollziehbar und richtig das Anliegen ist, einen Gottesdienst von Protestkundgebungen freizuhalten, könnte man natürlich die Frage stellen, ob es nicht angemessener gewesen wäre, die Protestler auszuladen statt des Kardinals. So sehr Bischof Dieser in seinem Statement gegenüber der Presse den Eindruck zu vermeiden sucht, er ergreife Partei gegen den Kölner Erzbischof und für seine Gegner, so sehr läuft Woelkis Ausladung praktisch eben doch genau darauf hinaus. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich prognostiziere, dass dieser Vorgang als äußeres Zeichen einer sich dramatisch verschärfenden Spaltung innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz in die Kirchengeschichte eingehen wird – einer Spaltung, die sich auch in der folgenden Meldung ausdrückt: 
Die Bischöfe von Eichstätt, Passau und Regensburg, Gregor Maria Hanke OSB, Stefan Oster SDB und Rudolf Voderholzer, sowie wiederum der Erzbischof von Köln, Rainer Kardinal Woelki, haben gegen die Einrichtung eines "Synodalen Ausschusses" gestimmt, der die Errichtung eines von Nuntius Eterović im Namen des Papstes ausdrücklich verbotenen Synodalen Rates vorbereiten sollte. Diese Entscheidung ist nicht zuletzt deshalb folgenreich, weil dadurch eine Finanzierung dieses Ausschusses durch den Verband der Diözesen Deutschlands (VDD), die die Bischöfe einstimmig hätten beschließen müssen, verhindert wird. Und das Geschrei ist groß in Babylon. Man kann sich ausmalen, wie viel schlechte Presse den vier Hirten seitens der Hofberichterstattung des Schismatischen Wegs nun blüht; den Artikel von Daniel Deckers in der FAZ zu diesem Thema habe ich vorsichtshalber gar nicht erst gelesen. So sehr die vier Aufrechten es in dieser Situation also verdienen (und nötig haben) mögen, dass man ihnen den Rücken stärkt, kann ich ihnen eine gewisse Kritik dennoch nicht ersparen: Ich finde die gemeinsame Presseerklärung, mit der sie ihre Entscheidung begründen, viel zu lasch. Sie wollten "den Weg zu einer synodaleren Kirche in ihren Bistümern gemeinsam und abgestimmt mit dem synodalen Prozess der Weltkirche gehen", heißt es da; die "beschlos­se­nen Tex­te des Syn­oda­len Weges" sol­lten "ins Gespräch mit Rom und in den Syn­oda­len Pro­zess der Welt­kir­che ein­ge­bracht wer­den": "Wür­den wir hier nun in Deutsch­land for­ciert wei­ter­ge­hen, wür­den die Polarisierun­gen unter den Gläu­bi­gen bei uns, unter den Bischö­fen und im Mit­ein­an­der der Weltkir­che nur noch wei­ter ver­stärkt." Durch solche Formulierungen wird der Anschein erweckt, man wolle ja im Endeffekt dasselbe wie die Befürworter des Synodalen Ausschusses und plädiere lediglich für ein vorsichtigeres, behutsameres Vorgehen auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel. Eine derart zaghafte Positionierung halte ich für ausgesprochen unklug, in mehrfacher Hinsicht: Die Propagandisten des Schismatischen Wegs kaufen ihnen das sowieso nicht ab, und die lehramtstreuen Gläubigen werden dadurch nur noch mehr verunsichert. – Ich bestreite nicht, dass es erheblichen Mut erfordert hat, dem Projekt "Synodaler Ausschuss" gegen den Druck der öffentlichen Meinung die Zustimmung zu verweigern. Umso unverständlicher ist mir, dass in der Presseerklärung von diesem Mut so wenig zu spüren ist. 


Aktuelle (Bett-)Lektüre 

Astrid Lindgren: Kalle Blomquist, Eva-Lotta und Rasmus 

Vom letzten Teil der "Kalle Blomquist"-Trilogie haben wir bisher nur die ersten zwei Kapitel gelesen, ich kann daher nur eine sehr vorläufige Einschätzung abgeben. Die Handlung beginnt einmal mehr mit dem "Krieg der Rosen"; aber nachdem Anders, der Anführer der "Weißen Rose", im 2. Kapitel im Zuge einer nächtlichen Schlacht in der Burgruine durch puren Übermut in akute Lebensgefahr geraten ist, steht zu erwarten, dass der spielerische Bandenkrieg der Kinder, der sich somit als doch nicht so harmlos wie gedacht herausgestellt hat, bis auf Weiteres ein Ende findet. In diesem Kapitel scheint sich jedenfalls die Entwicklung hin zu größerem Ernst und sogar ausgesprochen düster-bedrohlichen Elementen, die in "Kalle Blomquist lebt gefährlich" im Vergleich zum ersten Teil der Reihe sehr auffällig war, fortzusetzen; auf der anderen Seite drängt sich mir der Verdacht auf, mit der Einführung des vorwitzigen fünfjährigen Rasmus als neuem Nebenhelden reagiere die routinierte Erfolgsschriftstellerin Lindgren auf das Bedürfnis einer jüngeren Zielgruppe nach einer altersgerechten Identifikationsfigur. Der Umstand, dass Rasmus' Vater ein angeblich unzerstörbares Leichtmetall erfunden hat, von dem die Zeitung schreibt, es werde die Kriegsindustrie revolutionieren, lässt erwarten, dass die Kriminalhandlung dieser dritten "Kalle Blomquist"-Geschichte einen politischen Zug bekommen wird. – Vorläufig muss ich jedenfalls festhalten, dass mir der erste Teil der Reihe, gerade (aber nicht nur) dank der Leichtigkeit der Erzählweise, bisher am besten gefallen hat. Der zweite Teil hatte unbestreitbar mehr "Tiefe", aber der erste war unterhaltsamer zu lesen und hatte zudem für mein Empfinden auch die besser konstruierte und dadurch spannendere Handlung. 


Aus dem Stundenbuch 
Im Gebet des Herrn heißt es: "Dein Reich komme!" Dass sein Reich uns erscheine, bitten wir ebenso, wie wir beten, dass sein Name in uns geheiligt werde. Wann herrschte Gott nicht, oder wann fängt er an, zu sein, was er doch immer war und niemals aufhört zu sein? Wir erbitten von Gott, dass das Reich komme, das er uns verheißen und das Christus mit seinem Blut und Leiden erworben hat. Wir fahren fort und sprechen: "Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden", nicht das Gott tue, was er will, sondern dass wir tun können, was er will. Damit der Wille Gottes in uns geschieht, brauchen wir den Willen Gottes, das heißt seine Hilfe und seinen Schutz. Niemand ist durch eigene Kraft stark. Nur durch Gottes Erbarmen und Huld sind wir in Sicherheit. Der Wille Gottes aber ist, was Christus tat und lehrte. 
(Cyprian von Karthago, Über das Gebet des Herrn)

 

Ohrwurm der Woche 

Paul Weller: Thinking of You 


Ich sag's doch immer wieder: Post-Punk ist ein weites Feld. Hier covert Mod-Ikone Paul Weller (ehrmals The Jam) einen Disco-Klassiker von Sister Sledge als Akustik-Ballade. Und was soll ich sagen, ich find's einfach schön – und mir wird davon sommerlich sonnig im Gemüt. 


1 Kommentar:

  1. Zu Erzbischof Heiner Koch: Ich habe ihn sehr bodenständig und nah an den Menschen dran erlebt. Er hat ein Herz für Menschen am Rand der Gesellschaft. Als er 2016 nach Berlin kam, hat er als erstes die Gemeinschaften im Erzbistum besucht und war so auch bei uns zu Besuch und hat sich beim Austausch im Rahmen unseres Kommunitätsabends sehr persönlich eingebracht.

    Fete de la Musique: Ich bin von Kreuzberg aus zu St. Michael Mitte gegangen und an diversen Orten vorbeigekommen, die verschiedene musikalische Formate präsentierten - einige waren sicher spontan und nicht angemeldet (Galerie Ecke Waldemar / Adalbertstraße, Bühne des Jugendzentrums Naunynritze im Familiengarten ...). Es war alles sehr bunt und beschwingt mit einem bunt gemischten Publikum.

    St. Michael Mitte finde ich durchaus geeignet als Ort für die Fete de la Musique. Vor Ort waren sowohl Mitarbeitende des Erzbistums als auch Haupt- und Ehrenamtliche aus den verschiedenen Standorten der Pfarrei Bernhard Lichtenberg. Das musikalische Programm war sehr bunt - es gab auch diverse Schulklassen und Musikprojekte katholischer Schulen, die auftraten. Daher waren viele Schülereltern vor Ort. Der Ruinengarten von St. Michael war geöffnet. Dort gab es ebenfalls musikalische Darbietungen - eher Chansons. Mitglieder des katholischen Männerfürsorgevereins haben Grillwürstchen angeboten, es gab diverse Getränke
    Außerdem war der ParadEIS- Eistruck der Citypastoral vor Ort https://www.erzbistumberlin.de/hilfe/citypastoral/paradeis-der-himmlische-eistruck/
    -von dem ich kein Fan bin.
    Es war eine sehr schöne Atmosphäre und es wäre toll, wenn Pfarreien vor Ort etwas derartiges auf die Reihe bringen würden. Aber man sieht ja bei der "langen Nacht der Kirchen" an Pfingsten und auch bei der "langen Nacht der Religionen", daß die katholische Kirche Berlins da nicht besonders zum Mitmachen tendiert - freundlich formiuliert. Von daher ist es mir lieber, wenn das Erzbistum auf dem Gemeindegebiet, zu dem auch die Hedwigskathedrale gehört, in Zusammenarbeit mit der Pfarrei Bernhard Lichtenberg etwas macht, als dass gar nichts passiert.
    Was micht - vom bunten Kreuzberg und einer ethnisch und religiös gemischten WG kommend - gestört hat, war, daß ich mich in die BRD der 1970iger Jahre gebeamt gefühlt habe: Da war weiße Mittelschicht präsent mit Ausnahme EINER schwarzen Frau und eines indischen Mannes.

    Für das nächste Jahr wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, wenn auch die muttersprachlichen Gemeinden anderer Herkunft einbezogen würden. Auf dem Pfarreigebiet gibt es doch vielfältige Kontakte zur tamilischen Gemeinde, zur Ghana-Gemeinde und den syrisch-orthodoxen..

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