Mittwoch, 14. September 2016

Der Countdown läuft!

Nur noch wenige Tage, dann wird in Berlin mal wieder Einiges los sein: Am Samstag, dem 17. September, findet der 12. Marsch für das Leben statt - für mich persönlich ist es der fünfte. Los geht's um 13 Uhr mit einer Auftaktkundgebung vor dem Reichstag. Für 13:30 Uhr ist am Brandenburger Tor die offizielle Gegenkundgebung des von diversen Politikern der SPD, der Linken und der Grünen unterstützten Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung angemeldet; bereits um 12 Uhr trifft sich am Anhalter Bahnhof das "antifaschistische und genderqueere" Bündnis "Marsch für das Leben? What the Fuck?", das, wie man nach den Erfahrungen der letzten Jahre wohl sagen kann, hauptsächlich darauf setzt, gewaltbereite Linksradikale dazu zu mobilisieren, den "Fundi-Aufmarsch" zu "verhindern" bzw. zu blockieren. 

Das ist aber noch nicht alles. Ebenfalls am 17. September ist eine bundesweite Großdemonstration gegen die Handelsabkommen TTIP und CETA geplant, in sieben deutschen Großstädten, darunter auch Berlin. Der Berliner Zweig der Demo beginnt um 12 Uhr am Alexanderplatz. Wenngleich, wie ich gehört habe, durchaus auch Kirchengemeinden für diese Großdemonstration geworben haben, kann man vermutlich davon ausgehen, dass die Gleichzeitigkeit von Marsch für das Leben und Anti-TTIP-Demo vor allem für die linken Protestierer eine problematische Terminkollision bedeutet; dazu später noch etwas mehr. 

Aber auch damit nicht genug: Am 17. September ist in Berlin außerdem die 5. Lange Nacht der Religionen, und die Auftaktveranstaltung zu diesem Event beginnt auch schon um 13 Uhr - am Gendarmenmarkt. Noch vor der eigentlichen Eröffnung, um 12:30 Uhr, gibt es dort ein interreligiöses Gebet, veranstaltet von der Französischen Gemeinde und der Sufi-Bewegung. Es wird eng in Berlins Mitte. 

Aber zurück zum Marsch für das Leben: Inzwischen haben einige katholische Bischöfe ihre Teilnahme zugesagt, allen voran der Regensburger Oberhirte Rudolf Voderholzer, der bereits im vergangenen Jahr mit von der Partie war. Ebenfalls kommen wird der Augsburger Weihbischof Florian Wörner, was gar so überraschend nicht ist, da sogar Tante Wiki weiß, dass dieser "der internationalen katholischen Jugendbewegung 'Jugend 2000' nahe[steht]" - einer Organisation, die sich stark für das Anliegen des Lebensschutzes engagiert und Busfahrten zum Marsch für das Leben organisiert. Dass, wie aus einer bereits am 5. September über den Presseverteiler des Erzbistums Berlin verbreiteten Terminübersicht für Kalenderwoche 37 hervorgeht, auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch am Marsch teilnehmen wird, blieb in der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unbeachtet, bis die Facebook-Seite des Erzbistums am 9. September meldete
"Papst Franziskus wird Grüße übermitteln, Erzbischof Dr. Koch geht mit und wir alle sind eingeladen, für das Leben einzutreten".
Nachdem verschiedene Medien, bis hin zu Radio Vatikan, diese Meldung aufgegriffen und dabei besonderes Augenmerk auf die Grüße vom Papst gelenkt hatten, sah sich das Erzbistum am 13. September veranlasst, zurückzurudern: "Zum Marsch für das Leben am Samstag kommt Erzbischof Koch. Bei den Grüßen des Papstes waren wir offenbar etwas voreilig." Nun, immerhin hat Papst Franziskus im letzten Jahr persönliche Grüße an den Marsch für das Leben übermitteln lassen, und man kann wohl davon ausgehen, dass diese Grußbotschaft inhaltlich nach wie vor gültig ist; ob es ein neues Grußwort geben wird, bleibt noch abzuwarten. 

Derweil äußerte sich Erzbischof Koch in einem Interview mit der Bistumszeitung Tag des Herrn, das in der Ausgabe vom kommenden Sonntag erscheinen wird, auch zu den aggressiven Gegenprotesten zum Marsch für das Leben, die nach den Erfahrungen der letzten Jahre und nach einschlägigen Mobilisierungsaufrufen auch in diesem Jahr wieder zu erwarten sind. Erzbischof Koch erklärte, er habe dies in einem Gespräch mit der Vorsitzenden der Partei Die Linke, Katja Kipping, thematisiert -
"weil die Linkspartei federführend zu den Protesten aufgerufen hatte. Ich denke, dass die Sensibilität für Gewalt in diesem Jahr gesellschaftlich und politisch gewachsen ist. Mein erstes Jahr in Berlin war auch geprägt von Terror-Attacken und Gewalt, auch im Zusammenhang mit Religionen, und der Sorge, dass diese Entwicklung noch stärker auf uns übergreift [...]. Ich hoffe, dass diese Debatten sensibler gemacht haben, dass wir gewaltfrei miteinander umgehen." 
Eine explizite Distanzierung vom Marsch für das Leben kam hingegen von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO): Deren Sprecher Christoph Heil erklärte, die Kirchenleitung "lehne eine Unterstützung ab": "Anders als der Bundesverband Lebensrecht, der den Marsch verantwortet, stehe die Kirche für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Gewissensentscheidung von Frauen und Paaren unterstütze". Den Veranstaltern des Marschs für das Leben wurde vorgeworfen, ihre Positionen in einer "aggressiven Art und Weise" zu vertreten. -- Diese Stellungnahme stieß auf massive Kritik, etwa vom Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, der betonte, "[d]as menschliche Leben stehe von Anfang an unter dem Schutz Gottes. Deshalb könne eine Kirche, die sich diesem Auftrag verpflichtet sehe, nicht für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung eintreten, sondern nur für ein klares Ja zum Kind." Auch der Prediger Ulrich Parzany, Vorsitzender des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, kritisierte die Stellungnahme der EKBO scharf: "Das werden die Verantwortlichen vor Gott verantworten müssen." Parzany, der im letzten Jahr eine sehr engagierte Ansprache bei der Auftaktkundgebung zum Marsch für das Leben hielt, ist in diesem Jahr leider verhindert, hat aber ein Grußwort verfasst, in dem er betont: "Wir dürfen nicht schweigend hinnehmen, dass massenhaft ungeborene Kinder getötet werden". Hingegen erschien auf dem Blog TheoPop ein von Fabian Maysenhölder verfasster Artikel mit dem Titel "Drei Gründe gegen den 'Marsch für das Leben'", der sich der Position der EKBO anschließt und deren Kritik sogar noch verschärft. Dazu wird weiter unten noch mehr zu sagen sein; eine kraftvolle und präzise Erwiderung auf diesen Artikel findet sich jedenfalls hier.

Und nun das Neueste: Gestern Abend - am Dienstag, dem 13. September - fand im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Vortrags- bzw. Diskussionsveranstaltung unter dem Motto "Gegen Lebensschutz von rechts" statt; in der Ankündigung hieß es u.a.: 
"Diese 'Lebensschützer' wollen im Kern Mädchen und Frauen* jedes Recht auf Selbstbestimmung nehmen. Darüber hinaus stellen sie sich gegen die Vielfalt von Lebensentwürfen, sexuellen Orientierungen oder geschlechtlichen Identitäten. Sie hetzen gegen eine inklusive, Diversität lebende Gesellschaft und bedrohen mit dieser Haltung Lebensweisen statt sie zu schützen. Diesem reaktionären Aufmarsch und dem wachsenden gesellschaftspolitischen Einfluss christlicher Fundamentalist_innen und Parteien wie der AfD müssen queer- feministische, linke progressive Positionen sich entgegenstellen; politisch-inhaltlich und ganz praktisch auf der Straße." 
Nun war ich ja schon im letzten Jahr mit ein paar Versuchen, im Vorfeld des Marschs für das Leben Mobilisierungsveranstaltungen der Gegenseite zu besuchen, wenig erfolgreich gewesen, sagte mir aber: Eine Institution wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist doch eine andere Hausnummer als irgendein autonomes Kneipenkollektiv in Kreuzberg oder Neukölln, da sollte man davon ausgehen können, dass da andere Gepflogenheiten herrschen. Zudem kann ich mir nach wie vor nicht vorstellen, dass ich als kleiner Blogger derart bekannt im "feindlichen Lager" bin, dass das Einlasspersonal sämtlicher einschlägiger Veranstaltungen vorsorglich mit Steckbriefen von mir ausgestattet wird. 

Also ging ich hin, war aber dennoch alles Andere als sicher, ob man mich reinlassen würde. tatsächlich war ich - um Helge Schneider zu zitieren - "als erste Frau am Strand" und bestellte mir erst mal ein Bier. Es war erfreulich billig. Sozialistische Preise eben. 

Je näher der Beginn der Veranstaltung rückte und je länger niemand Anstalten machtem mich zu enttarnen und meinen Ausschluss von der Veranstaltung zu fordern, umso banger fragte ich mich: Was mache ich eigentlich, wenn sie mich nicht rausschmeißen? Dann muss ich mir den ganzen Quatsch ja tatsächlich anhören, zwei Stunden lang! Aber dann wurde die Veranstaltung doch wesentlich interessanter, als ich sie mir vorgestellt hatte. Nach einer Begrüßung durch Katharina Pühl, wissenschaftliche Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse, wurde erst einmal ein knapp sechsminütiger Film über den letztjährigen Marsch für das Leben gezeigt - oder genauer gesagt, über die Gegenproteste, denn vom Marsch selbst war im Film nicht viel zu sehen. Stattdessen wurde die Sitzblockade Unter den Linden ausführlich "gewürdigt", und außerdem gab es zahlreiche Kurzinterviews mit Gegendemonstranten bzw. -innen, darunter zwei junge Mädchen, die sich als Hexen verkleidet hatten. Die Wahl ihres Kostüms begründeten sie damit, dass Hexen "historisch ein Symbolbild für Gewalt [seien], die sich spezifisch gegen Frauen gerichtet hat, die sich gegen eine christlich-fundamentalistische Moral aufgelehnt haben und für sexuelle Freiheit eingetreten sind". Äh, ja. Bzw. nein. Symbolbild gut und schön, aber historisch ist daran nun so gut wie gar nichts.

Anschließend folgte der erste Vortrag des Abends - von Ines Scheibe, Schwangerenkonfliktberaterin beim Humanistischen Verband und  Repräsentantin des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung. Und okay, die Frau ist ziemlich furchtbar. Es gibt unter den Gegnern der Lebensschutzbewegung ja solche, deren Standpunkt man mit "Abtreibung ist nicht schön, muss aber (legal) möglich sein" umschreiben könnte; und dann gibt es solche, die Abtreibung richtig prima finden. Ines Scheibe gehört unzweifelhaft zu Letzteren. Dass es möglicherweise legitime Gründe geben könnte, gegen Abtreibung zu sein - etwa, weil dabei Menschen getötet werden - kam bei ihr nicht einmal als Gedanke vor; stattdessen konstatierte sie, in der Abtreibungsfrage gehe es "um die Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen". In einem historischen Überblick über den feministischen und sozialistischen Kampf um ein Recht auf Abtreibung erklärte sie, im Verbot des Schwangerschaftsabbruchs zeige sich exemplarisch die "mehrfach gespaltene Moral kapitalistisch-patriarchalischer Verhältnisse"; während es insbesondere "in den sozialistischen Staaten nach dem II. Weltkrieg" positive Entwicklungen gegeben habe, sei das Abtreibungsstrafrecht in der westlichen Welt (mit Ausnahme Kanadas) noch immer von "Resten der aus der Monarchie stammenden christlichen Bevormundung" von Frauen geprägt; diese seien "absolut willkürlich und aus Sicht der Menschenrechte eine totale Entmündigung der Frauen". In den Entwicklungsländern, so Frau Scheibe, sei die Situation noch schlechter, denn dort herrschten "immer noch die mittelalterlichen [!] Moralvorstellungen der ehemaligen Kolonialmächte". Es sei eine "grundlegende Frage der Gleichstellung der Geschlechter", sich für eine vollständige Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs einzusetzen.

Mit Blick auf die Entwicklung der Lebensschutzbewegung sagte Frau Scheibe, als ab 2002 die ersten Märsche für das Leben stattfanden, hätte es auf der Linken teilweise die Auffassung gegeben, man brauche diese gar nicht ernst zu nehmen und solle "diese Ewiggestrigen nicht durch Proteste aufwerten". Ab etwa 2005 sei jedoch eine "Änderung des gesellschaftlichen Klimas" zum Thema Abtreibung spürbar geworden, auf die im Jahr 2009 mit der Gründung der "AG sexuelle Selbstbestimmung" reagiert worden sei. Diese Arbeitsgemeinschaft habe u.a. Proteste gegen den Papstbesuch im Jahr 2011 organisiert. Die Sitzblockade gegen den Marsch für das Leben 2015 bewertete Frau Scheibe als "großen Erfolg".

So schwer es an manchen Stellen dieses Vortrags fiel, die Contenance zu wahren, so ermutigend war doch die Feststellung, dass Frau Scheibe die Lebensschutzbewegung offenbar als eine ernst zu nehmende Gefahr für ihr Anliegen betrachtet. Zur angesprochenen "Änderung des gesellschaftlichen Klimas" teilte sie aus ihrer Praxis als Schwangerenkonfliktberaterin mit, in den letzten Jahren komme es immer öfter vor, dass Frauen moralische Bedenken gegenüber einer Abtreibung äußerten, weil diese ja bedeute, zu töten. "So etwas habe ich in den 90er Jahren nie gehört!", ereiferte sie sich. 


Im direkten Anschluss an Frau Scheibes Vortrag wurde zwar keine Diskussion zugelassen - die sollte es erst am Schluss geben -, wohl aber konkrete Nachfragen zu einzelnen Punkten des Referats. Das nutzte ich zu folgender Wortmeldung:
"Ich habe eine Nachfrage zur Forderung nach völliger, ersatzloser Abschaffung des § 218. Es gab ja in den 1970er und erneut in den 1990er Jahren Versuche seitens des Deutschen Bundestages, den § 218 im Sinne einer reinen Fristenregelung zu reformieren; da intervenierte jeweils das Bundesverfassungsgericht mit der Begründung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, das der Staat schützen müsse. Nun ist es natürlich nicht auszuschließen, dass das Bundesverfassungsgericht in Zukunft einmal anders entscheiden könnte; trotzdem meine Frage an Sie als Vertreterin des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung: Wie stehen Sie zu der Frage des Lebensrechts des Kindes? Ab welchem Zeitpunkt würden Sie dem Kind ein eigenständiges Recht auf Leben zugestehen - ab der Geburt, ab dem Zeitpunkt, ab dem es theoretisch außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre, oder ab einem anderen Zeitpunkt?" 
Frau Scheibe antwortete knapp, eigenständige Rechte seien einem Kind ab der Geburt zuzugestehen. Darauf wäre vielleicht noch Mancherlei zu erwidern gewesen, aber eine Diskussion war ja an diesem Punkt der Veranstaltung nicht erwünscht bzw. vorgesehen, also sagte ich lediglich: "Danke."

Anschließend erhielt Eike Sanders vom "Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum" Apabiz e.V.  das Wort. Frau Sanders (da, wo ich herkomme, ist "Eike" ein Männername, aber dafür kann sie ja nichts) ist u.a. Co-Autorin des Buches Deutschland treibt sich ab, einer Studie über "[o]rganisierte[n] Lebensschutz, christliche[n] Fundamentalismus und Antifeminismus"; sie hat sich somit - im Sinne einer, wie sie sagte, "klassischen antifaschistischen Recherchearbeit" - intensiv mit Positionen der Lebensschutzbewegung befasst und, wie sie einleitend erklärte, dabei in hohem Maße "Primärquellen", also Selbstaussagen von Lebensschutzorganisationen und -aktivisten, ausgewertet. Und das merkt man ihrem Vortrag an: Natürlich lässt auch Frau Sanders keinen Zweifel daran, dass sie die Lebensschutzbewegung als Gegner betrachtet; aber umso lobender muss man hervorheben, dass sie genug intellektuelle Redlichkeit und wissenschaftliche Seriosität mitbringt, um ein recht differenziertes und - cum grano salis betrachtet - weitgehend zutreffendes Bild dieser Bewegung zu zeichnen. Wesentlich differenzierter und zutreffender jedenfalls als dasjenige, das EKBO-Sprecher Heil oder TheoPop-Blogger Fabian Maysenhölder verbreiten. -- Ein paar Beispiele gefällig?

- Fabian Maysenhölder behauptet auf TheoPop, die Teilnehmer am Marsch für das Leben befleißigten sich eines aggressiven Vokabulars - als Beispiel nennt er den Begriff "Babycaust", der "eine unsägliche Verharmlosung des Nationalsozialismus" darstelle -; "Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben", würden "pauschal verurteilt": "Wie kann man ernsthaft erwarten, dass jemand, den man als „Mörderin“ oder als „Beteiligte an einem zweiten Holocaust“ bezeichnet, sich Begleitung ausgerechnet bei denen sucht, die sie [...] so titulieren? Das ist bestenfalls schizophren." Dagegen stellt Eike Sanders fest, beim Berliner Marsch für das Leben  werde besonders in den letzten Jahren auf eine "positive Sprache" Wert gelegt; Frauen, die abgetrieben haben, würden nicht verdammt, sondern im Gegenteil als Mitgefühl und Hilfe verdienend dargestellt: "Es ist immer die Rede davon, dass jede Abtreibung zwei Opfer hat - das Kind und die Mutter."

- Weiter heißt es auf TheoPop,  die "Veranstalter des Schweigemarsches" forderten, ihre Position "mittels Verboten anderen aufzuzwingen". Eike Sanders führt hingegen aus, die Lebensschutzbewegung in Deutschland ziele - ähnlich wie auch in den USA und Italien - weniger auf "restriktive Gesetze" ab als vielmehr auf einen Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit.

Sehr bemerkenswert fand ich auch Eike Sanders' Ausführungen zum Verhältnis zwischen der Lebensschutzbewegung und der AfD - umso mehr, als diese Ausführungen dem, was in vielen Mobilisierungsaufrufen zu Protesten gegen den Marsch für das Leben über dieses Thema gesagt wird, geradeheraus widersprechen. Frau Sanders stellte fest, zwar werde der Marsch für das Leben von einigen AfD-Politikern wie vor allem Beatrix von Storch vehement unterstützt - auch in diesem Jahr hat Parteisprecher Ronald Gläser verlauten lassen, seine Partei stehe "hinter dem Marsch", und "[n]eben vielen Parteimitgliedern" werde auch Frau von Storch erneut daran teilnehmen; andererseits, so Eike Sanders, legten die Veranstalter des Marsches großen Wert darauf, Parteipolitik konsequent aus der Veranstaltung herauszuhalten, und - was mir noch weit wichtiger erscheint - auch inhaltlich gebe es erhebliche Differenzen zwischen den Positionen von Lebensschutzbewegung und AfD. So spiele in der Lebensschutzbewegung das "christliche Bekenntnis" - auch wenn dies beim Berliner Marsch weniger offensiv vertreten werde als an anderen Orten, etwa in Münster - eine wichtige Rolle, wohingegen AfD-Vize Alexander Gauland erst kürzlich betont habe, die AfD sei "keine christliche Partei". Zwar gebe es einen Arbeitskreis "Christen in der AfD" (ChrAfD - "Sie möchten gerne 'Kraft' ausgesprochen werden", so Eike Sanders), doch dabei handle es sich lediglich um ein "kleines Grüppchen", das seine Positionen innerhalb der Partei kaum durchsetzen könne.

Im Rahmen der Abschlussdiskussion wies eine Teilnehmerin auf die Terminkollision zwischen Marsch für das Leben und Anti-TTIP-Demo hin; letztere sei für linke Aktivisten natürlich ein wichtiges Anliegen, aber gleichzeitig gelte auch für die Proteste gegen den Marsch für das Leben: "Wir müssen trotzdem sehr viele werden!" Als Ausweg aus dem Dilemma wurde "Demo-Hopping" empfohlen. Deutlich wurde im Zuge der Diskussion auch - was man sich freilich schon vorher denken konnte -, dass das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung und das What the Fuck?-Bündnis, obwohl offiziell unabhängig voneinander, eng miteinander vernetzt sind und ihre Aktionen miteinander koordinieren. Zur Unterstreichung der Wichtigkeit des Protest gegen die Demonstration der Lebensschützer erklärte Ines Scheibe, es sei "gruselig", wenn "diese Leute" mit ihren Holzkreuzen durch Berlin marschierten; gleichzeitig unterstrich sie, der Marsch für das Leben sei lediglich "die Spitze des Eisbergs einer allgemeinen Klimaveränderung" - eine ziemlich schicke Metapher, wie ich finde.

Hingewiesen wurde aus dem Publikum auch auf eine am Freitagabend in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin-Charlottenburg stattfindende Veranstaltung, bei der Hedwig von Beverfoerde zum Thema "Existentielle Werte verteidigen - Der Kampf für Ehe, Familie und Leben" sprechen wird. Auch dort, hieß es, werde das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Präsenz zeigen - mit einer "Mahnwache" und "alternativen Gehsteigberatungen", womit man "die Methoden der Lebensschützer aufgreifen" wolle.

Eine inhaltlich zwar nichts Neues in die Diskussion einbringende, aber durch ihren besonders militanten Tonfall auffallende Wortmeldung kam von einer jungen Frau, die, wie sie einleitend erwähnte, sowohl im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung als auch in der Partei Die Linke aktiv ist - und beim Übergang zum anschließenden "gemütlichen Teil" fiel mir auf, dass diese Aktivistin hochschwanger ist. Mindestens achter Monat, würde ich schätzen. Für sie selbst ist das vermutlich kein Widerspruch zu ihrem Engagement, schließlich ist eine gewollte Schwangerschaft etwas völlig Anderes als eine ungewollte. (Kurz mal ohne Sarkasmus: Das ist natürlich tatsächlich so. Die Situation von Eltern oder auch alleinstehenden Müttern, die ein Kind wollen und sich darauf freuen, unterscheidet sich selbstverständlich grundlegend von der Situation jener, die kein Kind wollten und mit der Tatsache einer ungewollten Schwangerschaft erst mal klarkommen müssen. Aber dass eine Frau, die in diesem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft doch schon sehr deutlich spüren müsste, dass in ihrem Bauch jemand lebt, dennoch vehement für das vermeintliche "Recht" kämpft, dieses Kind, falls die Schwangerschaft ungelegen gekommen wäre, töten zu dürfen, macht doch betroffen.)

"Enttarnt" habe ich mich dann letztlich übrigens doch nicht; dabei hätte ich eigentlich gern im Anschluss an die Veranstaltung noch persönlich mit Eike Sanders gesprochen, mich ihr vorgestellt und ihr meinen Respekt für ihre saubere Recherchearbeit und ihr verhältnismäßig sachliches und differenziertes Referat ausgesprochen, aber die Gelegenheit ergab sich nicht. Na ja, wir sehen uns dann ja vermutlich am Samstag - und einige der Veranstaltungsteilnehmer vielleicht auch schon am Freitag vor der Bibliothek des Konservatismus.


6 Kommentare:

  1. Ich möchte da mal die Diskussion mit einer einfachen Frage starten. So gut wie alle Proponenten des "Marsch für das Leben" lehnen das sogenannte Beratungsschein-System, das wir heute in D haben entschieden ab. Ich habe aber noch bei keinem der Unterstützer nur den entferntesten Ansatz eines Konzepts gesehen was statt dessen kommen soll. Auch beim Bundesverband Lebensrecht wird eine "Prüfung der Gesetzeslage" gefordert (gemeint ist Abschaffung des Beratungssystems) Alternativvorschlag (jetzt unabhängig von der politischen Durchsetzbarkeit) sehe ich aber nirgends - abgesehen von nichtssagendem Schlagwort-blabla wie "Willkommenskultur für das Leben". Beim CDL liest mit im Programm wenigstens ehrlich ein Komplettverbot für Abtreibungen - auch bei Vergewaltigungen (wie das verfasssungsrechtlich durchgesetzt werden soll bleibt aber offen). Dazu findet man in den "familienpolitischen Maßnahmen"die gute alte "Pappi verdient gut, Mutti kocht gut" Familie als einzig förderungswürdiges Lebensmodell. Insofern wäre ich nur mal für einen konstruktiven Vorschlag dankbar.

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    1. Kaleb hat in Berlin eine gut funktionierende Beratungsstelle ohne Schein, dafür mit viel praktischer Hilfe. Wie ich bereits mehrfach unter von Dir kommentierten Artikeln bemerkte: Beim Sommerfest von Kaleb habe ich mehr Pflege- und Adoptivkinder gesehen als vorher in meinem ganzen Leben.

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  2. Zum Stichwort "Prüfung der Gesetzeslage":
    Die derzeit geltende Beratungsschein-Regelung nach Ablauf von 20 Jahren daraufhin zu überprüfen, ob sie dem Ziel des Schutzes des ungeborenen Lebens gerecht wird, ist eine Forderung des Bundesverfassungsgerichts. Die 20 Jahre sind längst rum, insofern ist es nur konsequent, dass der BVL an diese Forderung erinnert.

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  3. (Im Übrigen verweise ich hinsichtlich der Problematik der Beratungsschein-Regelung gern auf diesen aktuellen Artikel von Josef Bordat: https://jobo72.wordpress.com/2016/09/14/ergebnisoffen/ )

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  4. Kleine Korrektur: es gab sehr wohl Leute, die wussten wer du bist, was du so für Positionen hast und wo du an dem Tag mitläufst. Nur hat das eher für Geschmunzel gesorgt.

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    1. Na, ist doch nett. Dagegen, meine Mitmenschen zum Schmunzeln zu bringen, habe ich überhaupt nichts.

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