Samstag, 20. Mai 2023

Der Geist und die Synodalen

Unlängst, nämlich als Randbemerkung zu meinem Artikel über innerkirchliches Lagerdenken seit dem II. Vatikanischen Konzil unter besonderer Berücksichtigung der Würzburger Synode, hatte ich die Beobachtung festgehalten, "dass die Lehre von der Wirksamkeit der Sakramente 'ex opere operato' in jüngerer Zeit gerade von 'progressiver' Seite dazu herangezogen wird, weitreichende Befugnisse für Laien in der Kirche zu fordern", und daran die Frage angeschlossen: "Glauben die das eigentlich echt oder wollen sie nur die 'Konservativen' mit deren eigenen Waffen schlagen?" Dieser Frage möchte ich nun gern ein wenig auf den Grund zu kommen versuchen; somit trifft es sich eigentlich recht gut, dass bei der jüngsten Blog-Umfrage das "Würzburger Synode"-Thema vor dem Thema "Der Geist und die Synodalen" gelandet ist. 

Heiliger Geist hinter Gittern? So sehen es wohl viele Kirchen-"Reformer". 
(Buntglasfenster in St. Stephanus, Berlin-Haselhorst.) 

Beginnen wir mal mit einem "Online-Buch" mit dem vielsagenden Titel "Mit dem Schwung des Konzils", auf das ich im Zuge von Recherchen zur Aufführungsgeschichte des Musicals "Ave Eva" von Wilhelm Willms und Peter Janssens aufmerksam geworden bin (aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden). Der Verfasser von "Mit dem Schwung des Konzils", Bernd Staßen, war von 1970-72 Kaplan und anschließend bis 2007 einer von zwei gleichberechtigten Pfarrern in der Pfarrei St. Franziskus in Hochdahl, die in der Nachkonzilszeit offenbar eine Art Hotspot für pastoraltheologische Experimente war. Nicht das Uninteressanteste daran ist, dass Hochdahl eine Planstadt war, die in den 1960er Jahren als Vorstadt von Düsseldorf konzipiert worden war; die angepeilte Einwohnerzahl von 45.000 Menschen, von denen rund die Hälfte katholisch hätte sein sollen, wurde jedoch nie auch nur annähernd erreicht, und 1975 wurde Hochdahl nach Erkrath eingemeindet. In den Gründerjahren Hochdahls schien die Idee, eine "neue Stadt" biete besonders günstige Bedingungen, um auch die Kirche gewissermaßen neu zu erfinden, durchaus eine gewisse Plausibilität für sich zu haben. "An vielen Stellen sind wir miteinander neue Wege gegangen", erinnert sich Staßen. "Nicht immer hatten wir dabei die Zustimmung des Bischofs. Und auch manchen Gläubigen fiel es schwer, uns zu folgen."

Schon ziemlich zu Beginn seiner Erinnerungen an die Zeit der nachkonziliaren Aufbruchsstimmung in Hochdahl betont Staßen "die zentrale Bedeutung, die Taufe und Eucharistie in unserem Kirchen- und Gemeindebild hatten", und führt aus: "Die Taufe ist der alles entscheidende Vorgang, in dem der Mensch in die Gemeinschaft der Jünger Jesu aufgenommen wird. Er empfängt neues Leben, eine ganz neue Existenzform. [...] Und nach der Taufe kann keiner mehr als 'Privatmann' leben, immer lebt er in der Gemeinschaft des Geistes Gottes. [...] Ein Getaufter gehört nicht mehr sich selbst und er gehört nie einem anderen Menschen bedingungslos. 'Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?' (vgl. 1 Kor 6,19)". Das klingt soweit eigentlich ganz gut und durchaus rechtgläubig, auch und erst recht, wenn er an anderer Stelle bekräftigt, "in der Taufe wurden wir alle durch den einen Geist in einen einzigen Leib, nämlich den Leib Christi, aufgenommen und mit dem einen Geist getränkt". Worauf er damit allerdings in letzter Konsequenz hinaus will, wird erahnbar, wenn er an wiederum anderer Stelle betont: "Da alle Getauften Kirche sind, ist die Gemeinde das Subjekt aller kirchlichen Lebensvollzüge und nicht das Objekt." Der springende Punkt ist hier, kurz gesagt, das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen, das Staßen sehr gezielt gegen die kirchliche Hierarchie in Stellung zu bringen versucht. Zentral für seine Argumentation in dieser Frage ist das 13. Kapitel von "Mit dem Schwung des Konzils", das die Überschrift "Die Gaben des Geistes" trägt und als Auslegung der Kapitel 12-14 des 1. Korintherbriefs angelegt ist. Hier meint er, "dass man das Bild, das Paulus [...] entwickelt, nur verstehen kann, wenn man mit dem Geist Jesu rechnet und ihn ernst nimmt", und diese Aussage ist ja an sich gut und recht; ebenso, dass er hervorhebt: "Was in der Gemeinde [...] an Gaben sichtbar wird, [...] ist nicht menschliches Wollen und Konstruieren, sondern das Handeln des Geistes, des Herrn, Gottes." Wenn er aber erst erklärt "Die Gaben Gottes sind für jeden Menschen unverfügbar", wenig später jedoch sagt, "dass Gott selbst alle Gaben und Fähigkeiten zur Verfügung stellt, damit der Glaube wächst und die Gemeinde lebt" (Hervorhebungen von mir), dann merkt man schon rein sprachlich, dass da etwas nicht stimmt. 

Wohlgemerkt: Mit Staßens im selben Kapitel enthaltener Aussage "Und für uns wird die Nähe des Reiches Gottes erfahrbar, wenn wir die Gaben des Geistes in allen Mitgliedern der Gemeinde erkennen" kann ich, unbeschadet der arg pathetischen Formulierung, durchaus etwas anfangen – jedenfalls sofern man sie darauf bezieht, dass auch einfache Gemeindemitglieder ihre Berufung zur Jüngerschaft erkennen und annehmen sollen und dass man sie dazu motivieren und ermutigen sollte, aus dieser Berufung heraus in der Gemeinde Verantwortung zu übernehmen und Eigeninitiative zu entwickeln, anstatt alles den vermeintlichen "Profis" zu überlassen. Was das betrifft, bin ich voll und ganz an Bord. Ja, wenn es nur darum ginge! 

Dass es tatsächlich noch um ganz Anderes geht, wird exemplarisch deutlich in Staßens Schlusskapitel, in dem es heißt: "Wenn eine Gruppe von Glaubenden und Getauften versammelt ist, kann ich davon ausgehen, dass den Teilnehmern der Geist Jesu gegeben ist. Dann ist nicht nur einer der Wissende und alle anderen Lernende, sondern alle sind gleichzeitig Lernende und Lehrende." Hier wie auch an anderen Stellen bekennt sich Staßen ganz offen zu einer Form von – sagen wir mal – "Glaubenskommunikation", deren Ziel es nicht ist, den apostolischen Glauben der Kirche weiterzutradieren, sondern die davon ausgeht, dass eben jeder seine eigenen Glaubenserfahrungen hat und dass man auf dieser Basis voneinander lernen kann. Dieselbe Auffassung kann man in der Kritik des theologischen Establishments am Mission Manifest oder am Wiederaufleben traditioneller "Volksfrömmigkeit" im Zuge der Corona-Krise ebenso wiederfinden wie in Verlautbarungen aus dem Umfeld des Synodalen Wegs; das Spannende – und der entscheidende Grund, weshalb ich hier darauf eingehe – ist jedoch, dass diese Idee eines hierarchiefreien Glaubensdialogs hier explizit mit der Aussage begründet bzw. gerechtfertigt wird, bei einer "Gruppe von Glaubenden und Getauften" könne man "davon ausgehen [!], dass den Teilnehmern der Geist Jesu gegeben ist". Das sieht nach einem so unbedingten Glauben an die objektive Wirksamkeit der Sakramente aus, dass selbst hartgesottene, bei jeder Gelegenheit auf das Konzil von Trient pochende Traditionalisten vor Scham erröten müssten; aber ist das wirklich so? 

Auffällig ist zunächst, dass Staßen zwar viel von der Taufe als Voraussetzung dafür spricht, dass der Geist Gottes in einem Menschen wirkt, aber wenig von der Firmung. Dabei ist nach katholischer Lehre doch die Firmung das Sakrament, das "die Ausgießung des Heiligen Geistes in Fülle bewirkt, wie sie einst am Pfingsttag den Aposteln zuteil wurde" (KKK 1302). Wie wenig Staßen damit anzufangen weiß, wird in einem Kapitel über die Firmvorbereitung in der Hochdahler Pfarrei deutlich. Hier räumt er ein, dass die Entscheidung, das Mindestalter für die Firmung auf 17 Jahre heraufzusetzen, "nicht aus der Theologie der Sakramente" heraus begründet war, sondern "einem pastoralen Anliegen" geschuldet war: "Wir meinten, irgendwann sollte ein Mensch sich entscheiden können, wie er zu Glaube und Kirche steht. Und dafür könnte die Firmung eine Gelegenheit [!] sein." Über diese Umdeutung bzw. Umfunktionierung der Firmung ließe sich eine Menge sagen, was hier und jetzt allerdings den Rahmen sprengen würde; halten wir aber jedenfalls fest, dass Staßen argumentiert, würde man die Firmung zu einem früheren Zeitpunkt spenden, könnte man die Vorbereitung nicht "zur Auseinandersetzung mit dem Glauben nutzen. Und die Entscheidung zum Empfang des Sakraments ist genau so wenig abgeklärt wie bei Taufe und Erstkommunion". Und dann folgt der bemerkenswerte Satz: "Wer an dieser Stelle auf die 'geheimnisvolle Kraft des Sakramentes' setzt, ist sich hoffentlich darüber im Klaren, dass Jesus Christus nicht zaubert." – Ja was denn nun? Einerseits baut Staßen sein ganzes Pastoralkonzept auf dem Glauben an die objektive Wirksamkeit der Sakramente auf, und andererseits macht er sich über ebendiesen Glauben lustig?! – Einräumen muss man freilich, dass Staßen bei aller Flapsigkeit Recht damit hat, dass man die Wirkung von Sakramenten nicht mit Magie verwechseln sollte. In dieser Hinsicht hat mich seine zuletzt zitierte Äußerung sogar an etwas erinnert, was der hinsichtlich seiner Rechtgläubigkeit wohl eher unverdächtige Fr. James Mallon in seinem Buch "Divine Renovation – Wenn Gott sein Haus saniert" über die Firmung schreibt: "Das Sakrament der Firmung ist keine 'Gnaden-Kapsel' zum Einnehmen mit Langzeitwirkung, und wenn wir so tun, als ob es eine wäre, dann dient diese Pille dazu, die jungen Leute gegen die wahre Kraft des Glaubens an Jesus Christus immun zu machen" (S. 278). 

Bei Mallon ist diese Äußerung allerdings eingebettet in Reflexionen über das Verhältnis zwischen Gültigkeit und Fruchtbarkeit von Sakramenten, und diese sind von einer Klarheit, die man bei Staßen schmerzlich vermisst. 

"Unter einem gültigen Sakrament", so führt Mallon aus, "versteht die Kirche, dass durch das Sakrament das geschieht, was Christus versprochen hat. Ist eine Ehe gültig, werden zwei eins. Ist eine Messe gültig, werden Brot und Wein zu Fleisch und Blut Jesu. Ist eine Absolution gültig, ist der Sünder freigesprochen. Unter Fruchtbarkeit versteht die Kirche, dass die Spuren Gottes in uns offenbar werden, dass der Empfangende liebevoller, sanfter, freundlicher und geduldiger wird – kurz mehr wie Jesus wird" (S. 257f.). Mallon kritisiert eine "unverhältnismäßige Betonung der Gültigkeit der Sakramente – anstatt deren Fruchtbarkeit hervorzuheben" (S. 257); eine Tendenz, die aus der "Theologie der Gegenreformation und den darauf folgenden Lehrdefinitionen des späten 16. Jahrhunderts" stamme (S. 256f.). Worauf Mallon mit alledem hinaus will, ist, dass die Disposition des Empfängers – seine Bereitschaft, das Sakrament in dem Sinne zu empfangen, wie die Kirche es meint – zwar nicht für die Gültigkeit der Sakramentenspendung entscheidend ist, wohl aber dafür, dass sie Frucht bringt. "Ex opere operato war ursprünglich die Rechtfertigung einer pastoralen Praxis, in der beim Sakramentenspender ein schwerwiegender Mangel besteht, und die so die objektive Gültigkeit des Sakramentes garantierte. Heute wird allerdings dieses Konzept benutzt, um eine pastorale Praxis zu rechtfertigen, bei der beim Empfänger des Sakramentes ein schwerwiegender Mangel besteht" (S. 259). Irgendwann einmal müssen angesichts dieser Situation auch Staßen Bedenken gekommen sein, denn in einem Kapitel seiner Erinnerungen dokumentiert er den Stoßseufzer "Wir taufen uns eine Kirche von Ungläubigen zusammen" – und schließt daran allerlei Überlegungen zur Verbesserung der gängigen Taufpraxis an, die allerdings hinsichtlich der Frage, ob er denn nun eigentlich an die Wirksamkeit der Sakramente ex opere operato glaubt oder nicht, mehr Fragen aufwerfen als beantworten. 

Nun aber mal genug von Bernd Staßen, um den es hier schließlich gar nicht vorrangig gehen sollte! Bleiben wir hingegen mal noch bei der Firmung als dem Sakrament, das "die Ausgießung des Heiligen Geistes in Fülle bewirkt". Bereits vor Jahren habe ich mich im Zuge einer breit angelegten Auseinandersetzung mit dem "Neuen Geistlichen Lied" (NGL) über ein Lied gewundert, das "besonders gern für Firmgottesdienste verwendet" wird, nämlich "Wenn der Geist sich regt"  von Norbert Weidinger (Text) und the one and only Ludger Edelkötter (Musik). Ich merkte seinerzeit an: "Wenn man bedenkt, dass das Sakrament der Firmung laut Lumen Gentium 11 – auch zitiert im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1285 – dazu dienen soll, die Getauften 'vollkommener der Kirche' zu verbinden und 'mit der besonderen Kraft des Heiligen Geistes' auszustatten – 'so sind sie noch strenger verpflichtet, den Glauben als wahre Zeugen Christi in Wort und Tat zugleich zu verbreiten und zu verteidigen' –, dann mutet es allerdings recht seltsam an, wie die Jugend in diesem Liedtext quasi zur innerkirchlichen Oppositionsbewegung stilisiert wird." Ich stellte fest, der Refrain des Liedes – 

"Füllt den neuen Wein nicht in die alten Schläuche!
Zwängt die junge Kirche nicht in alte Bräuche!"

– verleihe dem bekannten Jesuswort aus Matthäus 9,17 ("Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen die Schläuche, der Wein läuft aus und die Schläuche sind unbrauchbar. Neuen Wein füllt man in neue Schläuche, dann bleibt beides erhalten") eine "betont aktivistische und anti-traditionalistische Wendung": Sicherlich könne man die genannte Bibelstelle – auch wenn es, was weniger bekannt zu sein scheint, an der parallelen Stelle bei Lukas heißt "Und niemand, der alten Wein trinkt, will jungen; denn er sagt: Der alte ist bekömmlich" (Lk 5,39) – dahingehend verstehen, dass Jesus

"das revolutionär Neue seiner Lehre betonen wollte, das sich nicht dem von den Pharisäern und Schriftgelehrten verfochtenen zeremoniellen Gesetz des alten Judentums unterwerfen lasse. Aus Norbert Weidingers Liedtext spricht nun aber eine Haltung, die das Revolutionäre am Christentum im quasi-trotzkistischen Sinne als permanente Revolution auffasst: Die historisch 'alt gewordene' Kirche rückt in dieser Sichtweise an die Stelle der alten Pharisäer und Schriftgelehrten, sodass ihre 'alte[n] Bräuche' abermals der Kraft des Neuen weichen müssen. Als treibende Kraft dieser permanenten Revolution wird, hier wie auch sonst, der Heilige Geist angesehen" –
und damit sind wir im Zentrum unseres Themas angekommen. In der zweiten Strophe des besagten Liedes heißt es sehr deutlich:
"Wenn der Geist sich regt
Und Feuer legt
Und verbrennen will
Was ihr noch pflegt" ...

Man kann sich lebhaft vorstellen, dass viele von den Leuten, die sich heute im Sinne des Synodalen Wegs engagieren, dieses erstmals 1978 auf Schallplatte veröffentlichte Lied auch bei ihrer Firmung gesungen haben und nun alles anzünden wollen. 


Dass der Heilige Geist so ein Lieblingstier vieler Möchtegern-Kirchenreformer und -Revolutionäre ist, die ihn geradezu als Rammbock gegen Hierarchie und Tradition einzusetzen und sich dabei auch noch als besonders fromm in Szene zu setzen suchen   verdankt er zweifellos vor allem dem Umstand, dass er laut Johannes 3,8 "weht, wo er will" und laut 1. Korinther 12,11 seine Gaben (Charismen) verteilt, "wie er will". Nicht von ungefähr hat sich allerdings im Jahre 2016 die damals noch von Kardinal Müller geleitete Glaubenskongregation veranlasst gesehen, in ihrem Schreiben Iuvenescit Ecclesia klarzustellen, dass hierarchische und charismatische Gaben nicht in Konkurrenz oder Rivalität zueinander stehen, sondern einander vielmehr ergänzen und bedingen. In dem Schreiben wird das "Zeugnis einer wirklichen Gemeinschaft mit der Kirche" geradezu als Kennzeichen und Kriterium für die Authentizität von Charismen hervorgehoben; dieses Zeugnis beinhalte eine "kindliche Abhängigkeit vom Papst, dem bleibenden und sichtbaren Prinzip der Einheit der Universalkirche, und vom Bischof, dem sichtbaren Prinzip und Fundament der Einheit in der Teilkirche", und nicht zuletzt auch die "aufrichtige Bereitschaft, ihr Lehramt und ihre pastoralen Richtlinien anzunehmen" (IE 18d). Iuvenescit Ecclesia unterstreicht entschieden die Rolle der von Christus eingesetzten kirchlichen Hierarchie als Garant der Einheit der Kirche und der Wahrheit ihrer Lehre. Daher hat die kirchliche Hierarchie auch das Recht und die Pflicht, "über die rechte Ausübung der anderen Charismen zu wachen, so dass alles dem Wohl der Kirche und der Sendung zur Evangelisierung dient" (IE 8). Wie ich in diesem Zusammenhang schon einmal schrieb: "Da die Leute nicht unbedingt selbst in der Lage sind, ihren eigenen Vogel zweifelsfrei vom Heiligen Geist zu unterscheiden, muss im Zweifel die kirchliche Hierarchie diese Unterscheidung treffen." 

Entschieden zurückgewiesen werden in diesem Schreiben der Glaubenskongregation eine "Gegenüberstellung einer institutionellen Kirche jüdisch-christlicher Prägung und einer charismatischen Kirche paulinischer Art, wie sie von gewissen verkürzenden ekklesiologischen Interpretationen behauptet wurde" (IE 7), oder gar "zweideutige theologische Sichtweisen [...], welche eine „Kirche des Geistes“ postulieren, die von der hierarchisch-institutionellen Kirche verschieden und getrennt wäre" (IE 11). –Dahinter steckt mehr, als man zunächst denken möchte; ich zitiere hier der Einfachheit halber nochmals mich selber, nämlich aus meiner schon angesprochenen Auseinandersetzung mit dem Lied "Wenn der Geist sich regt"
"Im 12. Jh. entwickelte der Zisterziensermönch Joachim von Fiore die Lehre der Drei Reiche, die mit den drei Personen der göttlichen Dreifaltigkeit korrespondierten: Das alttestamentliche Judentum sei das Reich des Vaters gewesen, dieses sei abgelöst worden durch das Christentum als Reich des Sohnes, das seinerseits wieder abgelöst werden werde durch ein Drittes Reich [sic!] – das des Heiligen Geistes nämlich. Joachim sagte den Beginn des Letzteren für das Jahr 1260 voraus; das Nichteintreffen seiner Voraussage hat er nicht mehr erlebt, aber die Hoffnung auf das Anbrechen eines Zeitalters des Heiligen Geistes, verstanden als ein Zeitalter universeller Harmonie, ist dennoch  nicht ausgestorben – und hat sich in neuerer Zeit verbunden mit astrologisch-esoterischen Vorstellungen, die den Anbruch eines neuen spirituellen Zeitalters an den Durchzug des so genannten 'Frühlingspunkts' durch das Tierkreiszeichen des Wassermanns knüpft. Das passt auch deshalb so gut, weil die Ära des Christentums – Joachims Reich des Sohnes – auf diese Weise mit dem astrologischen Zeitalter der Fische zusammenfällt – der Fisch ist ja ein traditionelles Christussymbol." 
Nun will ich denjenigen, die sich im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg auf den Heiligen Geist berufen, durchaus nicht unterstellen, dass sie sich bewusst und dezidiert zu derartigen esoterisch-okkult beeinflussten Lehren bekennen; aber dass solche Vorstellungen unterschwellig einen gewissen Einfluss ausüben, halte ich doch für mehr als wahrscheinlich. Erst recht gilt das, wenn in synodal bewegten Kreisen die grammatikalisch weibliche Bezeichnung "Geistkraft" für den Heiligen Geist verwendet wird. Ja, das Wort "ruach", die hebräische Bezeichnung für den Geist Gottes, ist ein weibliches Wort, und wo so viel vom Streben nach Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche die Rede ist, wird das offenbar als willkommener Anlass genommen, eine Art Frauenquote innerhalb der göttlichen Dreifaltigkeit einzuführen. Wie ich schon im Zuge meiner erwähnten NGL-Studien anlässlich des Liedes "Mutter Geist" von Sibylle Fritsch-Oppermann (vertont von Peter Janssens) angemerkt habe, sieht das "auf den ersten Blick nach einer ganz modernen feministisch-esoterischen Häresie aus"; 
"aber wie schon Chesterton so treffend sagte: Neue Ideen sind in Wirklichkeit meist nur alte Irrtümer. Mit spekulativen Lehren der Art, dass der Heilige Geist, die dritte Person der Trinität, 'Mutter des Sohnes und Gefährtin des Vaters' sei, musste sich schon der Heilige Augustinus herumschlagen. Die Gnostiker identifizierten die als weiblich verstandene Personifikation der Weisheit Gottes, genannt Sophia, sowohl mit der Braut Christi als auch mit dem Heiligen Geist. Auch auf feministisch-neuheidnischen Websites kann man zu dieser Heiligen Geistin so Einiges finden." 

Gehen wir hier mal lieber nicht zu sehr ins Detail; wer in dieser Hinsicht unerschrocken genug ist, darf gern mit Hilfe der in den Text eingebetteten Links auf eigene Faust weiterrecherchieren. Was mich betrifft, muss ich sagen, je mehr ich mich mit diesem Thema befasse, desto mehr geht es mir mit der Ausgangsfrage "Glauben die das eigentlich wirklich?" so ähnlich wie mit dem Buchtitel "Glaubten die Griechen an ihre Mythen?": Erst einmal müsste man sich darüber verständigen, was man eigentlich unter "Glauben" versteht. Ich glaube tatsächlich, das ist der springende Punkt bei der ganzen Sache. Und der Befund lautet: Es ist kompliziert. – Wenn man das Buch "Das deutsche Konzil" von Manfred Plate, auf das ich in meinem Artikel zur Würzburger Synode ausgiebig Bezug genommen habe, einmal mit Blick darauf durchblättert, wie der Verfasser die Vokabel "charismatisch" verwendet, wird man feststellen, dass er damit in den meisten (aber nicht in allen!) Fällen etwas ganz anderes meint als die Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche, die es damals (1975) ja durchaus schon gab. Vielmehr scheint er "charismatisch" nahezu durchgehend als Gegenbegriff zu "hierarchisch" zu verwenden und damit genau die Auffassung an den Tag zu legen, der die Glaubenskongregation Jahrzehnte später in "Iuvenescit Ecclesia" so vehement widersprach. An einer Stelle – S. 245 – attestiert Plate der Würzburger Synode das "Bemühen, den Heiligen Geist zu reglementieren", und findet dies "peinlich"; hier wie auch sonst drängt sich der Eindruck auf, der Heilige Geist werde mit dem Zeitgeist oder dem Hegelschen Weltgeist identifiziert, oder nüchterner ausgedrückt, er spiele nur die Rolle einer Metapher für "Entwicklungen die nicht von der Hierarchie her vorgegeben sind, sondern (vermeintlich) 'von selbst' entstehen". Umso frappierender wirkt es, dass Plate auf S. 145 schreibt: "Die jüngste Anerkennung der katholischen 'charismatischen Bewegung', die Pfingsten 1975 sogar im Petersdom in Rom einen Gottesdienst halten konnte, zeigt, wie stark sich die nachkonziliare Kirche ihrer charismatischen Struktur bewusst geworden ist." Kann es sein, dass er ganz ernsthaft nicht versteht, dass es  zwischen Leuten, die buchstäblich an das Wirken des Heiligen Geistes glauben, und solchen, für die das nur eine bildhafte Umschreibung für eine "Modernisierung der Kirche von der Basis her" ist, einen Unterschied gibt? 

Ganz ehrlich: Vorstellen könnte ich's mir, dass er das tatsächlich nicht versteht. Die meisten Anhänger des Synodalen Wegs oder sonstige "progressive Christen", die mir bisher – persönlich oder in Form von Äußerungen in den Medien – begegnet sind, machen auf mich den Eindruck, sie würden die Frage, ob sie an Gott und an Jesus Christus glauben, vehement bejahen oder sogar beleidigt reagieren, dass man ihren Glauben in Frage stellt; aber was sie damit meinen, ist eher eine abstrakte Idee, so wie man auch sagt, man glaube an die Liebe, an die Demokratie, an das Gute im Menschen, an die Wissenschaft, an die Zukunft. Dass Glauben an Gott hingegen bedeuten könnte, Gott als objektive Realität zu betrachten, die unabhängig davon existiert, wie sie sich Ihn vorstellen, das haben sie überhaupt nicht auf dem Schirm; das ist ihnen so fremd und unverständlich, dass sie es auch ihren "konservativen" Gegnern nicht abkaufen. Deshalb sind sie auch ständig so sauer auf die sogenannten Konservativen: Sie nehmen es ihnen übel, wie sie sich Gott vorstellen. Das ist, wenn man die Frage nach der objektiven Realität Gottes außen vor lässt, nur konsequent: Denn dann könnten sich die Konservativen ja, wenn sie nur nicht so verbohrt und intolerant wären, Gott auch anders vorstellen, z.B. eben so wie die Progressiven, und alles wäre schön. 

Ich denke daher, es würde zu kurz greifen, den Propagandisten des Synodalen Wegs vorzuwerfen, sie bedienten sich lediglich einer frommen Sprache, um zu verschleiern, dass sie in Wirklichkeit gar nicht an Gott und das Wirken des Heiligen Geistes glauben. Ich glaube vielmehr, sie – oder sagen wir vorsichtiger: einige, manche, viele von ihnen – sind tatsächlich der Meinung, dass die Art von Überzeugung, die sie haben und vertreten, Glaube an Gott sei. 

Und genau da irren sich. 


3 Kommentare:

  1. Diasporakatholik20. Mai 2023 um 22:32

    Zum Wesen und Wirken des Hl. Geistes, den ich als 3. Göttliche Person des Dreifaltigen Gottes von meiner Jugend an verehre und hochschätze, habe ich Folgendes anzumerken:

    "Deus caritas est - GOTT  ist die Liebe:
    in den drei Personen der HL. DREIFALTIGKEIT.
    Die vollkommene und durch nichts getrübte Liebe zwischen GOTTVATER und GOTTSOHN in Person - das ist der HL. GEIST.

    Der HERR  spricht im nächtlichen Gespräch mit Nikodemus recht geheimnisvoll vom Wirken des Hl. Geistes und vergleicht seine Souveränität in Joh 3,8 mit dem  [damals] geheimnisvollen Wind, der weht, wo er will und dessen Brausen man zwar hört, ohne jedoch zu wissen, woher er kommt und wohin er geht.

    Dieses Wort drückt die durch nichts und niemanden zu zwingende oder zu bestimmende absolute Souveränität der göttlichen Person des Hl. Geistes aus.

    Wie aber können Menschen des Hl. Geistes teilhaftig werden?
    Was ist die Voraussetzung dafür?   

    Die Antwort gibt der HERR selbst in  Joh, Kap. 14 und 15 – insbesondere in  Joh 14, 23:

    „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und WIR werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“    

    Wo aber GOTTVATER und GOTTSOHN sind, da ist eben auch der HL. GEIST!

    Voraussetzung für das Kommen GOTTES und damit des HL. GEISTES ist also das persönliche Festhalten am Wort des HERRN: 

    Das Halten des Doppelgebotes der Gottes- und der Nächstenliebe.

    So ist also von solch einem gläubigen Menschen Gott der Boden zum Wohnung nehmen bei ihm bereitet.    

    Es gilt nun wachsam und bereit für den Besuch des Hl. Geistes zu bleiben.

    Dazu ist das Wort des Hl. Apostels Paulus aus 1Kor 6,19  hilfreich:

    "Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in Euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht Euch selbst."

    Der Tempel des Leibes sollte also allzeit bereit gehalten sein für den Besuch Gottes  - es genügt nicht, einmalig ihn für den Besuch hergerichtet zu haben und ihn dann nicht mehr weiter regelmäßig in Ordnung zu halten. Dann könnte und würde er allmählich wieder verlottern und gar verkommen.
          
    Fraglich, ob dann der Heilige Geist noch zu Besuch kommt bzw. bei solch einem Menschen länger verweilt.

    Gott ist jedenfalls völlig souverän bzgl. des Zeitpunkts und der Dauer Seines Besuches. Wir kennen weder Tag noch Stunde.
     
    Auch die Form und Art, wie sich der Heilige Geist für den von Ihm besuchten Menschen zeigt, ist unterschiedlich:

    Eine selbst mehrfach erfahrene Form besteht darin, dass uns Worte der heiligen Schrift aufgehen und man plötzlich ein größeres Bibelverständnis erhält  gemäß der Verheißungen des Herrn in Joh 14,26:     
                           
    "Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich Euch gesagt habe."    

    und in Joh 16,13:

    "Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen."

    NIE darf man dabei außer Acht lassen, dass der Hl. Geist eine eigene und selbständig souverän handelnde Göttliche Person ist, die man keineswegs zu irgend etwas zwingen kann, sondern der man vielmehr mit der gleichen Demut und Achtung begegnen soll wie Gottvater oder Gottes Sohn Jesus Christus!"











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  2. Diasporakatholik20. Mai 2023 um 22:47

    Ergänzen möchte ich meinen obigen Kommentar durch eine m.E. wunderbare Katechese von Papst Franziskus aus dem Jahre 2021 über den Hl. Geist, die seinerzeit von kath.net veröffentlicht wurde:


    "Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. [...] Das habe ich zu euch gesagt, während ich noch bei euch bin. Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,15-17.25-26).

    Wir dürfen Gott als Vater ansprechen, weil der Heilige Geist in uns wohne (Gal 4,6). Der Heilige Geist öffnet unser Herz überhaupt erst für die Gegenwart Gottes und bezieht uns dann immer tiefer ein in das göttliche, ewige Leben der Heiligsten Dreifaltigkeit: „Keiner kann sagen: Jesus ist der Herr!, wenn er nicht aus dem Heiligen Geist redet (1 Kor 12,3). Jedes Mal, wenn wir beginnen zu Jesus zu beten, lockt uns der Heilige Geist durch seine zuvorkommende Gnade auf den Weg des Betens. Er lehrt uns beten, indem er uns an Christus erinnert; wie sollten wir dann nicht auch zu ihm selbst beten? Deshalb lädt uns die Kirche ein, jeden Tag um den Heiligen Geist zu flehen, besonders zu Beginn und am Ende jeder wichtigen Tätigkeit: ‚Wenn der Geist nicht angebetet werden soll, wie vergöttlicht er mich dann durch die Taufe? Und wenn er angebetet werden soll, muss er dann nicht Gegenstand einer besonderen Verehrung sein?’ (Gregor v. Nazianz, or. theol. 5,28)“ (KKK 2670).

    Der Geist „erinnert“ uns also an Jesus, er vergegenwärtigt ihn – ja, er macht uns in einem gewissen Sinn zu Zeitgenossen Jesu, die ihm, etwa im Gebet, zu jeder Zeit und an jedem Ort begegnen können.

    Diese Gegenwart Christi im Heiligen Geist möchte auch uns Menschen von heute erziehen und verwandeln, genau wie Petrus, Paulus, Maria von Magdala und unzählige andere bis in unsere Tage hinein. Es ist eine Gnade, solchen Männern und Frauen zu begegnen, die der Heilige Geist nach dem Modell Christi geformt habe und in denen jenes andere, neue Leben pulsiert und jenes Feuer weiter brennt, das Jesus auf die Erde gebracht hat (vgl. Lk 12,49): das Feuer der Liebe Gottes. Diese demütigen Zeugen haben Gott im Evangelium gesucht, in der empfangenen und angebeteten Eucharistie, im Angesicht ihres Bruders oder ihrer Schwester in Schwierigkeiten, und sie hüten seine Gegenwart wie ein geheimnisvolles Feuer."

    Schluss folgt

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  3. Diasporakatholik20. Mai 2023 um 22:48

    Hier der Schluss der Katechese von Papst Franziskus:

    "Die erste Aufgabe der Christen besteht gerade darin, dieses Feuer am Leben zu erhalten, das heißt die Liebe Gottes, den Heiligen Geist. Ohne das Feuer des Geistes würden Prophezeiungen ausgelöscht, Traurigkeit ersetzt Freude, Gewohnheit ersetze Liebe, Dienen wird in Sklaverei verwandelt. Das Bild der brennenden Lampe neben dem Tabernakel, in dem die Eucharistie aufbewahrt wird, kommt da in den Sinn. Selbst wenn die Kirche leer ist und es Abend wird, „selbst wenn die Kirche geschlossen ist, bleibt diese Lampe angezündet, sie brennt weiter: niemand sieht sie, und doch brennt sie vor dem Herrn“.

    Weiter heiße es im Katechismus : „Der Heilige Geist, dessen Salbung unser ganzes Wesen erfüllt, ist der innere Lehrmeister des christlichen Betens. Er ist der Urheber der lebendigen Überlieferung des Gebetes. Es lassen sich wohl ebenso viele Wege des Betens finden, wie es betende Menschen gibt, doch wirkt in allen und mit allen der gleiche Geist. In der Gemeinschaft des Heiligen Geistes ist das christliche Beten Gebet in der Kirche“ (KKK 2672).

    Es ist also der Geist, der die Geschichte der Kirche und der Welt schreibt: „Wir sind offene Seiten, bereit, seine Kalligraphie zu empfangen. Und in jedem von uns komponiert der Geist originelle Werke, denn es gibt nie einen Christen, der mit einem anderen völlig identisch ist“. Auf dem unendlichen Feld der Heiligkeit lässt der eine Gott, die Dreifaltigkeit der Liebe, die Vielfalt der Zeugen erblühen: „alle gleich an Würde, aber auch einzigartig in der Schönheit, die der Geist in jedem von denen freisetzen will, die Gottes Erbarmen zu seinen Kindern gemacht hat“.
    (aus kath.net am 17.3.2021)

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