Montag, 7. Oktober 2019

Kaffee & Laudes - Das Wochen-Briefing (27. Woche im Jahreskreis)

Was bisher geschah: Die Anzeichen verdichten sich, dass beim Kind die letzten Milchzähne (d.h. die hinteren Backenzähne) im Anmarsch sind; das bedeutet schlechten Schlaf für die ganze Familie. Besonders am Montag hing ich ziemlich in den Seilen. Am Dienstagabend tagte, wie bereits angekündigt, der scheidende Pfarrgemeinderat letztmals in öffentlicher Sitzung; eine gute Gelegenheit, in mich zu gehen und mich zu fragen, ob ich eigentlich komplett lebensmüde bin, für den neuen Pfarrgemeinderat zu kandidieren. Eineinhalb Stunden in so einer Sitzung, und man fühlt sich um Jahre gealtert. Insgesamt war ich im Laufe der letzten Jahre bei drei Sitzungen dieses Gremiums, und ich habe immer noch keine klare Vorstellung davon gewonnen, was es eigentlich tut; oder präziser gesagt: was für einen Unterschied es machen würde, wenn es dieses Gremium einfach nicht gäbe. Im Alter von 16-19 Jahren war ich schon mal Mitglied in einem Pfarrgemeinderat, aber die Erinnerung daran habe ich größtenteils verdrängt. Nach aktuellem Stand gibt es für die Wahl am 23./24. November übrigens noch immer nicht genügend Kandidaten, um alle vorgesehenen Sitze zu besetzen. Dabei hatte ich gedacht, meine Kandidatur würde vielleicht andere Gemeindemitglieder dazu motivieren, zu verhindern, dass ich reinkomme. Na, wenn nicht, dann will ich hinterher aber auch keine Klagen hören! -- Am Mittwoch hatte ich alle Hände voll zu tun, um die Rosenkranzandacht und das Dinner mit Gott vorzubereiten und nebenbei das Kind zu bespaßen, aber es klappte alles ziemlich gut und hatte somit etwas ausgesprochen Befriedigendes. Die Rosenkranzandacht war erfreulich gut besucht, aber leider blieb nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Teilnehmer anschließend noch zum Essen. Dennoch war das "Dinner" sehr schön, und ich freue mich schon auf das nächste (am 6. November). -- Am Freitag war nicht nur der Gedenktag des Hl. Franz von Assisi, sondern auch Herz-Jesu-Freitag, da gingen wir eine gute Stunde lang zur Anbetung und anschließend zur Abendmesse, die der Goldenen Hochzeit eines sehr sympathischen Ehepaares gewidmet war. Insgesamt ein erfreulicher "Kirchenabend",  allerdings befürchte ich, unser Pfarrer kriegt allmählich die Krise, wenn er uns nur sieht; denn nachdem er zum Abschluss der Anbetung recht kurz und unzeremoniös den Eucharistischen Segen gespendet hatte, stimmte meine Liebste eigenmächtig das "Tantum ergo" an, ich stimmte natürlich ein, und ein paar andere Gemeindemitglieder ebenfalls. Wirkte schon ein bisschen demonstrativ. Am Samstag machten wir uns gegen Mittag auf den Weg zu "Suppe & Mucke" (ich berichtete bereits darüber) und gingen von dort aus zur Vorabendmesse in St. Antonius am Ostbahnhof. Mal ein bisschen Erholung von der eigenen Pfarrei. Am Sonntag machten wir uns schon sehr früh auf die Reise und kamen am Nachmittag in der Abtei Rolduc in Kerkrade an. Was machen wir da? Urlaub? Nicht direkt, wenngleich es sich bisher durchaus danach anfühlt... 


Was ansteht: Heute ist der Gedenktag Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, mit anderen Worten: der Jahrestag der Seeschlacht von Lepanto. Wenn das mal kein passendes Datum für einen Vortrag über die Benedikt-Option ist! Einen solchen halte ich heute Abend ab 19:30 Uhr im Rahmen der Herzogenrather Montagsgespräche in der Pfarrei St. Gertrud in Herzogenrath bei Aachen. Morgen geht's dann zurück nach Berlin, von Mittwoch auf Donnerstag bekommen wir Übernachtungsbesuch vom jüngeren meiner beiden Neffen, und am Wochenende beginnt im Baumhaus das "Emergent Berlin Festival" -- mit Projektpräsentationen, Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops rund um Themen wie Nachhaltigkeit, "Zero Waste", Permakultur, Street Art und und und. Könnte sich lohnen, da mal vorbeizuschauen -- im Baumhaus ist es schließlich immer schön...  

aktuelle Lektüre:
  • Graham Greene: Die Reisen mit meiner Tante 
Ein biederer frühpensionierter Bankangestellter lernt bei der Einäscherung seiner Mutter deren exzentrische Schwester kennen und wird in der Folge in eine Kette bizarrer Abenteuer verstrickt. Ein unterhaltsamer und brillant geschriebener Roman, allerdings lässt die Frivolität der Titelfigur (also der Tante) die Eignung des Buches für eine Pfarrbücherei mehr als fragwürdig erscheinen. Ich bin geneigt zu sagen, im direkten Vergleich zu "Die Reisen mit meiner Tante" ist "Naomi und Ely" ein hochmoralisches Werk, und selbst in "Manhattan Transfer" geht es vergleichsweise gesittet zu. Hinzu kommt das zutiefst zwiespältige Verhältnis des Autors zur katholischen Kirche, das sich im Roman auf vielfältige Weise niederschlägt.  Die Episode um die "Hundekirche", die ein ehemaliger Zirkusdompteur in einem Pub in Brighton betrieben hat (S. 41ff.), kann man durchaus noch als satirisches Kabinettstückchen goutieren, gerade auch dank solcher Details wie dem, dass der Hundegeistliche von eigenen Gnaden sich "unerbittlich" (S. 43) gegen die Wiederverheiratung Geschiedener sträubt. Aber bei einer anderen Episode, in der Tante Augustas Ex-Lover Visconti ("ein guter Katholik, aber sehr, sehr antiklerikal", S. 113) kurz vor Ende des II. Weltkriegs in geistlichem Kostüm aus Rom flüchtet und infolge dieser Verkleidung mehrfach wider Willen als Beichtvater agieren muss, hört der Spaß dann doch auf. Das kommt mir nicht in die Bücherei! 

Das Hippie-Mädchen Tooley, das der Ich-Erzähler im Orient-Express von Paris nach Istanbul kennenlernt, mag ich allerdings irgendwie. Sie wirkt auf mich wie eine Art "reine Törin", die auf ihre bekifft-naive Weise zuweilen durchaus profunde Wahrheiten ausspricht. Okay, die Aussage
"Ich wäre auch einmal beinahe katholisch geworden. Wegen der Kennedys. Wie dann aber zwei erschossen wurden - ich meine, ich bin eben abergläubisch. War Macbeth katholisch?" (S. 95) 
gehört vielleicht eher nicht dazu; wohl aber diese:
"Das Unglück heutzutage ist nur, dass Männer nichts wissen. Früher hat ein Mädchen nie gewusst, was es tun soll, und jetzt wissen es die Männer nicht." (S. 96) 
Und was sie auf S. 110 über die Pille und ihre Auswirkungen auf das Verhältnis der Geschlechter sagt ("Jetzt ist nur noch das Mädchen schuld. Ich hab's wirklich vergessen. [...] Aber Julian wird mir das alles nicht glauben. Er wird glauben, daß er in der Falle sitzt"), ist gar nicht so blöd, jedenfalls wenn man mehrfach um die Ecke denkt. 

Hier noch ein paar andere schöne Zitate, die nicht von Tooley stammen: 
"Freiheit der Rede und des Handelns ist es vielleicht, was den Erfolglosen wirklich mit Neid erfüllt, nicht Geld und nicht einmal Macht." (S. 50)  
"Ihre Konversation glich einer Illustrierten, bei der man, um das Ende einer Geschichte zu erfahren, von Seite zwanzig auf Seite achtundneunzig blättern muß und alle möglichen anderen Themen überspringt: Jugendkriminalität, neue Cocktailrezepte, das Liebesleben der Filmstars, ja sogar eine ganz andere Geschichte als die, die so roh unterbrochen wurde." (S. 54)  
"Ich mußte daran denken, wie ich mich als Junge immer gefragt hatte, ob sich im Grab des Unbekannten Soldaten eigentlich wirklich die Gebeine eines Gefallenen befanden; Regierungen sind meist sparsam mit Gefühlen und versuchen die Gemüter möglichst billig zu entflammen." (S. 58) 
Übrigens stammt die mir vorliegende Ausgabe des Romans aus dem Ostberliner Verlag "Volk und Welt", und ich finde es durchaus etwas überraschend, dass dieses Buch in der DDR erscheinen durfte. Gerade angesichts der unvorteilhaften Urteile über  die kommunistischen Länder, die der Orient-Express auf dem Weg nach Istanbul durchquert (S. 108f.). Okay, Jugoslawien war kein "Bruderland". Bulgarien aber schon, und da ist es noch schlimmer.

  • Antoine de Saint-Exupéry: Nachtflug 
Dieser Kurzroman, der seinem Autor erst den literarischen Durchbruch bescherte und ihn dann (infolge seiner Überempfindlichkeit gegen Kritik) in eine Schaffenskrise stürzte, wurde 1933 verfilmt, aber trotz Starbesetzung (Clark Gable, Myrna Loy, Robert Montgomery, Helen Hayes u.a.) war der Film ein Flop. Wundert mich gar nicht: Es mag ja sein, dass das ein gutes Buch ist, aber dann habe ich einfach keinen Sinn dafür. Es interessiert mich einfach nicht die Bohne. "Diese Art Kunst langweilt uns und langweilt Sie; Sie geben es nur nicht zu", heißt es auf S. 59, und ich dachte nur: Isso.  -- Schon das Vorwort von André Gide fand ich, gelinde gesagt, abtörnend: Dieses ganze Pathos um den Begriff des "Heldischen" (geschrieben 1930!) kam mir irgendwie faschistoid vor. Dann aber (S. 9f.) zitiert Gide einen Brief Saint-Exupérys, in dem dieser "eine kleine Heldentat", die Bergung eines Flugzeugs in der mauretanischen Wüste, schildert, und der Humor und das Understatement dieses Texts schien mir so sehr im Gegensatz zu Gides verbalem Säbelrasseln zu stehen, dass ich mich fragte: Wer von uns beiden versteht Saint-Exupéry jetzt eigentlich falsch? Na ja, wahrscheinlich dann wohl doch ich. Oder Saint-Exupéry hat sich selbst nicht ganz verstanden, das erscheint mir nicht unplausibel. Jedenfalls mag ich das Buch nicht. Glücklicherweise ist es kurz. 

  • Hermann Koch: Flieg, Friedenstaube 
Diesem Buch hatte ich von vornherein eine gewisse Skepsis entgegengebracht, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil der Autor evangelisch-landeskirchlicher Religionspädagoge ist. Tatsächlich trieft bereits das Vorwort von typischem Religionspädagogen-Sprech: pedantisch, gestelzt und doch gleichzeitig von der blumigen Sentimentalität der "Neuen Innerlichkeit" angekränkelt. Man hofft, die eigentliche Romanhandlung werde in einem anderen Stil erzählt, aber zugleich ahnt man schon, dass dieser Autor nicht anders kann. Diese Ahnung bestätigt sich nur allzu bald: Das Buch zeichnet sich durch eine ungelenke, im Grunde unliterarische Sprache aus, zusätzlich störend wirkt ein recht eigentümlicher Umgang mit den Zeitformen; insbesondere mit dem Plusquamperfekt scheint der Autor auf Kriegsfuß zu stehen und vermeidet es nach Kräften. Tendenziell noch irritierender finde ich jedoch die vielfach arg anachronistische Wortwahl. Der Roman spielt um 700-und-ein-paar-Zerquetschte v. Chr., und trotzdem kommen Wörter wie "Planziel" (S. 55 u.ö.), "Verteidigungsfall" (S. 77), "Modejournal" (S. 117) und "Realpolitiker" (S. 187) darin vor. Erinnert mich ein wenig an einen Roman, den ich vor Jahren mal auf einem Flohmarkt aufgerissen habe: "Die Kaiserin Galla Placidia" von Henry Benrath. Da ist dieser anachronistische Stil aber noch penetranter. Gleich am Anfang hält der Feldherr Stilicho eine Rede vor dem römischen Senat und drückt sich dabei aus wie ein Politiker des 20. Jahrhunderts. Ich fand das so unerträglich, dass ich mich nicht überwinden konnte, das Buch weiterzulesen, und darüber war ich ziemlich sauer, da ich den historischen Hintergrund wahnsinnig interessant fand und dachte, das müsste ein hervorragender Stoff für einen spannenden Roman sein. Tja. 

Nun, Benrath hatte seine Gründe, so zu schreiben (die er,  wenn ich mich recht erinnere, in einem Vor- oder Nachwort explizit darlegte, was mich nicht davon abhielt, es trotzdem Scheiße zu finden); das ist hier vermutlich ebenso der Fall, aber hier finde ich es noch auf eine besondere Weise bezeichnend. Das Buch tut sich ja sehr viel darauf zugute, die Erkenntnisse "historischer und archäologischer Forschungen" zu berücksichtigen. Und dann sowas. Ein Paradebeispiel dafür, wie es kommt, dass die Ergebnisse "historisch-kritischer Exegese" (oder dessen, was sich landläufig dafür ausgibt) auf mich oft so ahistorisch und unkritisch wirken: Historisch-kritische Forschung müsste eigentlich damit anfangen, erst mal die historische Bedingtheit der eigenen Perspektive zu dekonstruieren. Genau das tut aber anscheinend kaum jemand.

Ironischerweise trug allerdings gerade dieser anachronistische Blick auf das historische Geschehen dazu bei, dass ich schon relativ früh Hoffnung schöpfte, der Roman könnte, so schlecht er auch geschrieben ist, doch einigermaßen interessant werden. Auf S. 26ff. stellt nämlich der Wirtschaftsberater Schebna einen "Dreistufenplan" vor, mit dem er das kleine Königreich Juda zur bedeutenden Regionalmacht aufbauen will; und der erste Teil dieses Plans betrifft eine radikale Umstrukturierung der Landwirtschaft. Anstelle eher kümmerlich vor sich hin ackernder Kleinbauern und Weinbergsbesitzer will Schebna die "assyrische Großraumwirtschaft" zum Vorbild nehmen: "Alles [...] zentral verwaltet, von der Beamtenschaft" (S. 26).  Mich erinnert das punktgenau an die LPG-Debatte in "Spur der Steine"! Auch sonst habe ich, bei aller Berufung auf die Erkenntnisse "historischer und archäologischer Forschungen" und wenngleich es in den Prophetenbüchern, Psalmen hinreichend Anhaltspunkte gibt, die den Handlungsstrang um die Enteignung der kleinen Weinbergsbesitzer usw. einigermaßen plausibel erscheinen lassen, den Verdacht, dass auch der Umstand eine gewisse Rolle spielt, dass das Buch auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges entstanden ist. Nämlich 1981. Zwischenzeitlich vergaß ich sogar, dass Autor Hermann Koch der evangelischen Landeskirche Württembergs angehört, und dachte, das Buch stamme womöglich aus der DDR - zumal "Verlag Junge Gemeinde" ja auch irgendwie "realsozialistisch" klingt, aber das täuscht: Der Verlag sitzt in der Pietisten-Hochburg Leinfelden-Echterdingen.

Durchaus "heutig" mutet es an, dass Schebna den kleinen Weinbergsbesitzern die Wasserzufuhr sperrt: "Wollt ihr Wasser, so müßt ihr dafür bezahlen!" (S. 92). Nestlé lässt grüßen... Dass es auf S. 93 heißt : "Daß er uns jetzt auch das Wasser abstellt, das hat das Faß zum Überlaufen gebracht!", ist indes eine sehr unglücklich gewählte Metapher.

Noch mehr als Kochs unbeholfene Schreibe hat mich vor allem anfangs der Umstand irritiert, dass von Gott darin zumeist in einer Weise die Rede ist, als sei Er für die handelnden Personen bestenfalls eine hypothetische Größe, jedenfalls keine erfahrbare Realität. Sehr bezeichnend hierfür ist ein Satz auf S. 67: "S. 67: "Die Priester standen in feierlicher Haltung da, als sei [!] Gott gegenwärtig." -- Nach und nach verdichtet sich allerdings der Eindruck, dass es dem Autor gerade darum geht, diese "als ob"-Haltung, die formalisierte und institutionalisierte Religion der Priester und Hofpropheten als Negativfolie zu nutzen, von der sich Jesaja positiv abhebt: Der hat Gott nämlich in seiner Berufungsvision tatsächlich gesehen. Dann wiederum irritiert es umso mehr, dass der Jesaja des Romansdennoch vielfach agiert wie ein Politiker und dass seine Prophezeiungen zumeist eher die Ergebnisse seiner eigenen Überlegungen darzustellen scheinen als direkte Eingebungen von Gott.

Übrigens trägt Jesaja seine Prophezeiungen zuweilen zur Gitarre vor, und einmal macht er sogar Anstalten, à la Pete Townshend seine Gitarre zum Abschluss seiner Performance auf dem Boden zu zerschmettern (S. 139).

Kurzum, ich weiß nicht so recht, was ich aus diesem Buch machen soll. Während der Lektüre des ersten Viertels des Romans lautete meine Prognose, dieses Buch würde irgendwo zwischen "Platz 17 oder vielleicht doch eher 18 auf der Rangliste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte" und "Giftschrank" landen; zur Mitte hin verschob sich mein Eindruck dann aber doch erheblich zum Positiven hin, sodass ich derzeit sogar Platz 13 oder 14 für erreichbar halte. (Genaueres zur Rangliste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte verrate ich am Ende des Kirchenjahres, also an Christkönig.) Im zweiten Viertel des Romans mehren sich nämlich die im positiven Sinne bemerkenswerten Stellen, wie zum Beispiel:
"Verstockung liegt dann vor, wenn der fromme Betrieb weiterläuft und man trotzdem Gott nicht gehorcht" (S. 178). 
Oder:
"Angst und Grauen stiegen im Herzen des Propheten auf. Grauen vor einer gottlosen Welt, in der keiner mehr bezeugt, daß Gott da ist." (S. 198) 
Jesajas Vorschlag "Laß uns die Menschen regelmäßig zusammenrufen, die auf mein Wort hören" (S. 205) drückt in gewissem Sinne sogar den Kerngedanken der #BenOp aus. -- Schön ist auch eine Passage, mit der ein längeres Verstummen des Propheten begründet wird: 
"Aber der Sämann sät nicht immer. Einmal ist das Feld bestellt und die Arbeit getan. [...] Nun will ich warten und hoffen. Darauf, daß Gott wachsen und reifen läßt." (S. 236) 
Abzüge in der B-Note gibt's hingegen dafür, dass Koch im Zusammenhang mit der Immanuel-Prophezeiung (Jesaja 7,14f.) ausdrücklich und wiederholt "junge Frau" schreibt und nicht "Jungfrau"  (S. 199ff.)...

  • Charlotte Brontë: Jane Eyre 
Ein echter Lichtblick in dieser insgesamt eher wenig begeisternden Etappe meiner Lektürerotation. Dass, wie schon letzte Woche erwähnt, die Werke der Marlitt von zeitgenössischen Kritikern gern mit "Jane Eyre" verglichen wurden, wundert mich gar nicht: Die Kindheit der Hauptfigur von E. Marlitt Erfolgsroman "Das Geheimnis der alten Mamsell" hat erhebliche Ähnlichkeit mit derjenigen Janes im Hause der Mrs. Reed; die lange und häufige Abwesenheit des Mr. Rochester von seinem Gut kehrt sehr ähnlich in E. Marlitts "Goldelse" wieder, und überhaupt ähnelt der Charakter des Mr. Rochester und sein Verhalten gegenüber der Titelfigur sehr stark dem typischen Schema der Marlitt-Marlitt-Romane. Rochesters frühere Liaison mit einer Pariser Tänzerin, deren Kind er dann in seine Obhut nimmt, findet partielle oder ungefähre Entsprechungen in E. Marlitts "Heideprinzeßchen" und "Im Schillingshof".  Bisschen viele Ähnlichkeiten, um rein zufällig zu sein, möchte man meinen. Aber okay: Zwischen dem Erscheinen von "Jane Eyre" und dem des ersten Marlitt-Romans lagen knapp 20 Jahre; möglicherweise waren die genannten Motive inzwischen in der Unterhaltungsliteratur von und für Frauen derart topisch geworden, dass die Marlitt den Roman der Brontë gar nicht selbst gelesen haben musste, um diese Elemente zu übernehmen. Da zumindest die deutschsprachige Unterhaltungsliteratur aus jener Zeit noch kaum erforscht ist, kann man darüber nur spekulieren. Bei allen Gemeinsamkeiten muss man allerdings festhalten, dass "Jane Eyre" erheblich kühler, nüchterner und härter ist als jeder Marlitt-Roman. Die Marlitt war zwar keinesfalls die harmlose Kitschtante, als die die Nachwelt sie abgestempelt hat, aber Charlotte Brontë war im direkten Vergleich eindeutig gnadenloser. 

Abgesehen von solchen intertextuellen Bezügen haben mich in der ersten Hälfte des Romans vor allem die Passagen um Janes Schulfreundin Helen Burns angesprochen. Aus ihrem Gespräch mit Jane über ihre Lehrerinnen und über disziplinarische Maßnahmen in der Schule (S. 50ff.) kann man, ein wenig um die Ecke gedacht, einiges über Pädagogik lernen; so zum Beispiel anhand des Umstands, dass Helen im Unterricht nur dann aufmerksam ist, wenn das, was die Lehrerinnen erzählen, interessanter ist als das, was sie sich selbst denken kann. (Das ging mir auch immer so.) 

  • Silke Fauzi: Islam in Deutschland 
Ein weiteres Buch, von dem ich - ähnlich wie im Falle von Hermann Kochs "Flieg, Friedenstaube" - von vornherein nicht erwartet hatte, dass ich es gut finden würde; wohl aber interessant, nicht zuletzt als zeitgeschichtliches Dokument. Und, nun ja, diese Erwartung hat es bislang so ziemlich erfüllt. Es ist in Teilen durchaus informativ, gleichzeitig aber auch ziemlich doof; wobei ich fürchte, das Faktenwissen über den Islam in Geschichte und Gegenwart, das das Buch vermittelt, könnte man auch woanders finden, sodass als "Sondergut" dieser Publikation nur das Doofe übrigbleibt. Natürlich ist in gewissem Sinne gerade das interessant. Das Buch ist 2003 unter dem Eindruck des Irakkriegs entstanden, auch die Erinnerung an den "9/11"-Schock war noch frisch; so schlägt das Buch bei all seinem Bemühen um eine moderate Haltung zuweilen doch erheblich kritischere Töne hinsichtlich des Extremismus- und Gewaltpotentials des Islam und auch gegenüber den Positionen und Strategien von Islamvertretern im gesellschaftlichen Diskurs an, als es einer vergleichbaren Publikation heutzutage zuzutrauen wäre. Und das ist ja schon ein bemerkenswerter Befund. Schon die Abfolge der Hauptabschnitte im Inhaltsverzeichnis ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: "Der Islam: Grundlagen und Geschichte", "Wie gefährlich ist der Islam?", "Interview mit dem bayerischen Innenminister Dr. Günther Beckstein (CSU)", "Wo verlaufen die Grenzen der Toleranz?", weiter bin ich noch nicht.

Für den Umstand, dass diese Publikation im Auftrag bzw. unter der Ägide der EKD entstanden ist, erscheint es äußerst bezeichnend, dass überall da, wo Unterschiede zwischen Islam und Christentum betont werden, implizit ein liberales, "aufgeklärtes" Christentum vorausgesetzt wird. Aufklärung und Säkularisation werden als etwas ungebrochen Positives betrachtet. So heißt es auf S. 42:

"Während sich in Europa die Säkularisierung vollzogen hatte, bei der die Religion sich auf einem gesellschaftlichen Teilbereich zurückzog und autonom neben anderen Teilbereichen wie Politik, Justiz, Wissenschaft existierte, blieb in der islamischen Welt der Absolutheitsanspruch der Religion erhalten." 
Und auf S. 50:
"In einer säkularisierten Gesellschaft ist die Religion nur ein gesellschaftlicher Teilbereich unter vielen. Religionssoziologen sehen darin einen Fortschritt und auch eine Befreiung der Religion von ihr wesensfremden Aufgaben."
Ja klar, solche Religionssoziologen kenne ich auch. Wie sagt doch der "Realpolitiker Schebna in "Flieg, Friedenstaube"
"Priester und Propheten sollen sich nicht mit Politik befassen! Innerhalb der Tempelmauern sollen sie bleiben!" (S. 208) 
Aber mal im Ernst: Wenn von "der Religion" - und nicht nur den religiösen Institutionen - "wesensfremden Aufgaben" die Rede ist, dann setzt das bereits ein reduziertes Religionsverständnis voraus. Ein solches, nämlich subjektivistisch-"privates" und gefühlsbetontes, wird schon ganz am Anfang des Buches deutlich, wenn die muslimische Gebetspraxis in einem Tonfall geschildert wird, als sei sie etwas zutiefst Fremdartiges und Unverständliches; dabei gibt es doch auch im Christentum die Tradition des Stundengebets! -- Ich weiß, darüber habe ich mal einen ganzen Artikel verfasst. Es scheint aber dennoch notwendig zu sein, das hier nochmals zu betonen, denn auf S. 12 schreibt Frau Fauzi:
"Für einen Christen mag diese Form des Gebetes sehr reglementiert wirken. Es ist kaum ein freies Gespräch mit Gott, wie Christen es führen, darüber, was sie bedrückt oder verunsichert oder wo sie sich Hilfe erhoffen." 
Meine Fresse, was für ein Scheiß. Aber noch mal zurück zur Säkularisierung: Auch der damalige bayerische Innenminister Beckstein strapaziert im Interview die beliebte Platitüde, "dass der Islam keine Aufklärung vollzogen hat, wie sie das Christentum entscheidend verändert hat" (S. 74); kurz darauf stellt er fest: "Die Solidarität innerhalb der Glaubensgemeinschaft ist bei Muslimen höher als bei uns Christen" (S. 75). Aber darauf, dass das eine mit dem anderen irgend etwas zu tun haben könnte, kommt er augenscheinlich nicht. -- Auf S. 50 liest man:
"In ihrer Betrachtung des Westens sehen sich die Vertreter des islamischen Systems bestätigt: zerbrechende Familien, moralische Promiskuität, Drogenmissbrauch sind für sie deutliche Zeichen, dass die Vernachlässigung der Religionen Verderben über den Menschen bringt." 
Und, stimmt's etwa nicht? Mal abgesehen von der Frage, was denn bitteschön "moralische Promiskuität" sein soll.

Mehr oder weniger explizit wird das ganze Buch von der säkularen Heilserwartung beherrscht, die globale Durchsetzung der liberalen Demokratie werde das "Ende der Geschichte" (Fukuyama) herbeiführen. So heißt es im Abschnitt "Perspektiven" (!) auf S. 72:
"Die Ausbreitung demokratischer Strukturen im Nahen Osten sind [!] sicherlich eine Voraussetzung zur Schwächung des islamistischen Extremismus. Wird den Menschen die Möglichkeit zur politischen Partizipation gegeben, dann müssten sich die Unzufriedenen nicht mehr in den Moscheen und unter der Führung islamischer Agitatoren versammeln, um ihrem [!] Widerstand gegen korrupte und despotische Herrscher zum Ausdruck zu bringen." 
Ja, klar. Ganz bestimmt. Mal abgesehen davon, dass die Autorin diese abenteuerliche Prognose bezeichnenderweise nicht ohne zwei grobe Satzbaufehler zu Papier zu bringen vermag: Was von dieser Art von Voraussagen zu halten ist, erkennt man exemplarisch schon auf S. 56, wo es heißt, der "Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Türkei" verbinde "Hoffnung auf einen Neuanfang mit Erdogans Wahlsieg".  Da möchte ich mal Nelson Muntz zitieren: "Ha-ha!"

Nachdem ich zunächst der Auffassung war, auf die Liste der #BenOp-relevanten Lesefrüchte gehöre dieses Buch zwar sicher nicht, aber für einen vorläufigen Platz im Büchereiregal könnte es doch taugen, tendiere ich zunehmend dazu, es als einen Fall für die Tonne zu betrachten. Spätestens bei der Frage an Beckstein "Können Sie sich vorstellen, dass sich in Deutschland ein Euro-Islam entwickelt, der dann auch Vorbildcharakter für den Nahen Osten haben kann?" (S. 75) verspürte ich große Lust, das Buch aus dem Fenster zu schmeißen. Die einst von Emanuel Geibel ("Deutschlands Beruf", 1861) formulierte Erwartung, dass "am deutschen Wesen / Einmal noch die Welt genesen" möge, ist offenbar nicht totzukriegen. Seufz. 


Linktipps: 


Interessantes Portrait über den viktorianischen Denker John Ruskin (1819-1900), der sich selbst als "altmodischen Konservativen" und entschiedenen Monsrchisten sah, sich gleichzeitig aber auch als "Kommunisten" bezeichnete -- woraus wohl schon ersichtlich ist, dass er unter "Kommunismus" etwas entschieden Anderes verstand als etwa sein Zeitgenosse Karl Marx. Die sozial-politischen und ökonomischen Ideen, die Ruskin in seinen offenen Briefen an die englische Arbeiterklasse darlegte, bezeichnet Eugene McCarraher als "a road not taken in the history of movements for a just social order". Sieht nach einem Thema aus, das man mal vertiefen müsste.
Peter Winnemöller analysiert, was von dem drohenden "Synodalen Weg" von Deutscher Bischofskonferenz und "ZdK" zu erwarten ist, und kommt zu dem Schluss: "Es wirkt wie eine unfreundliche Übernahme der Kirche durch Kirchenkritiker." Angestrebt werde nichts Geringeres als ein radikaler Bruch mit der Lehrtradition der katholischen Kirche -- mit absehbaren dramatischen Folgen:
"Verwirrung der Gläubigen, Streit um Kirchengebäude und -finanzen, Streit um Bischofssitze und -vermögen, Unklarheit über wahre und falsche Jurisdiktion und vieles anderes sind die spürbaren Folgen der Spaltung. Der synodale Weg wird uns genau dort hinführen, wenn wir nicht sehr schnell gegensteuern." 
Ich halte es für mehr als wahrscheinlich, dass die große Mehrheit der einfachen Gläubigen an der Basis überhaupt nichts von diesen drohenden Verwerfungen ahnt, und genau deswegen finde ich diesen Artikel so wichtig. Es könnte sein, dass für gläubige Katholiken in Deutschland der Schritt in die Illegalität, von dem ich noch vor einigen Monaten meinte, er stehe bis auf Weiteres nicht auf der Tagesordnung, durch den "Synodalen Weg" ein Stück näher rückt. 

Heilige der Woche: 

Mittwoch, 9. Oktober: Hl. Dionysius, Glaubensbote, Bischof und Märtyrer. Ging ca. Mitte des 3. Jhs. von Rom aus - wohl im Auftrag von Papst Fabianus - als Missionar nach Gallien und wurde der Chronik des Gregor von Tours  zufolge um das Jahr 250 erster Bischof von Paris. Im Zuge der von Kaiser Decius forcierten Christenverfolgungen erlitt er das Martyrium: Der Überlieferung zufolge wurde er auf dem Montmartre enthauptet, hob dann jedoch seinen Kopf auf und trug ihn rund sechs Kilometer weit bis zu der Stelle, an der man ihn dann bestattete. Aufgrund dieser Legende wird er in der bildenden Kunst häufig mit seinem Kopf in der Hand dargestellt und daher volkstümlich als Nothelfer gegen Kopfschmerzen angerufen. Irgendwo logisch: Ist der Kopf erst mal ab, tut er nicht mehr weh. -- Hl. Johannes Leonardi (1541-1609), Ordensgründer. Bauernsohn, ab 1567 Apothekergehilfe, 1571 zum Priester geweiht. Widmete sich unter dem Eindruck des Konzils von Trient der katechetischen Bekämpfung reformatorischer Tendenzen, aber auch der Betreuung von Armen, Kranken, Häftlingen und Jugendlichen. Gründete 1574 die Gemeinschaft der "Regularkleriker von der Mutter Gottes". Ab 1602 Volksprediger, starb bei der Pflege  Pestkranker. 

Freitag, 11. Oktober: Hl. Johannes XXIII. (1881-1963), Papst. Lombardischer Bauernsohn, 1904 zum Priester geweiht; päpstlicher Gesandter in Bulgarien, Griechenland, der Türkei und Frankreich; 1953 Patriarch von Venedig und Kardinal. Prägte das Schlagwort "Aggiornamento" für die Forderung, der Verkündigung der Kirche eine zeitgemäße Gestalt zu geben. 1958 unerwartet zum Nachfolger Papst Pius' XII. gewählt; berief das II. Vatikanische Konzil ein, war bei dessen Eröffnung jedoch bereits schwer krank und starb nach der ersten Sitzungsperiode. 2000 von Johannes Paul II. selig- und 2014 zusammen mit diesem heiliggesprochen. 


Aus dem Stundenbuch: 

Der Herr ist bei mir, ich fürchte mich nicht. * Was können Menschen mir antun? (Psalm 118, 6) 

3 Kommentare:

  1. "was für einen Unterschied es machen würde, wenn es dieses Gremium einfach nicht gäbe."

    PGR Arbeit ist wie Zahnschmerzen......

    AntwortenLöschen
  2. PGR = Project Gotham Racing, Video-Spielreihe aus dem Genre der Action-Rennspiele. "Das spezielle Merkmal von PGR ist ein Medaillensystem. Dieses führt zu einer immensen Langzeitmotivation, da der Spieler versuchen wird, alle diese Medaillen zu erlangen."
    Wenn selbst Tante Wiki das so sieht - dann: Viel Spaß ;-)

    AntwortenLöschen
  3. Heute Nacht wurde in die neu eröffnete christliche Scheangerschaftskonflikt-Beratungsstelle von Pro femina am Kurfürstendamm in Berlin eingebrochen und teilweise verwüstet: https://www.1000plus.net/news/anschlag-auf-unser-beratungszentrum-berlin

    AntwortenLöschen