Freitag, 30. September 2016

Apologetik im Film: Omne nimium nocet

Vor rund einem Monat erschien im Online-Magazin Catholic World Report ein viel beachteter Essay von Bischof Robert Barron - seit 2015 Weihbischof in der Erzdiözese Los Angeles und darüber hinaus als Begründer der Word On Fire Catholic Ministries sowie als viel beschäftigter Radio- und Fernsehkommentator einer der international profiliertesten Vertreter eines katholischen Medienapostolats -, in dem eine dramatische Vernachlässigung der Kunst der Apologetik seitens der Kirche beklagt wurde. Unter Apologetik versteht man im christlichen Kontext die argumentative Verteidigung oder, wenn man so will, die rationale Rechtfertigung von Glaubensinhalten bzw. des Glaubens überhaupt. Anlass für Bischof Barrons Beitrag war eine jüngst erschienene Studie über Gründe, aus denen Menschen sich vom Glauben abwenden. "Ich gestehe, ich habe darauf erst einmal mit einem genervten Seufzer reagiert", schreibt Bischof Barron. "Ich zweifle keine Sekunde an der Ernsthaftigkeit der Befragten, aber die Gründe, die sie dafür angeben, das Christsein aufgegeben zu haben, sind einfach so wenig überzeugend. Damit will ich sagen: Jeder Theologe, jeder, der mit Apologetik oder Evangelisierung zu tun hat, sollte, wenn er etwas taugt, in der Lage sein, diesen Aussagen etwas entgegenzusetzen." 

Das betrifft, wie Bischof Barron weiter ausführt, in besonderem Maße die offenbar weit verbreitete Auffassung, Wissenschaft oder ganz allgemein rationales Denken stünde im Widerspruch zum Glauben. Die Annahme, Religion und Vernunft seien gewissermaßen unvereinbare Gegensätze, "wäre zweifellos eine enorme Überraschung für den Heiligen Paulus, die Heiligen Augustinus, Johannes Chrysostomos, Hieronymus, Thomas von Aquin und Robert Bellarmin, den Seligen John Henry Newman, G.K. Chesterton, C.S. Lewis oder Joseph Ratzinger - die allesamt zu den brillantesten Köpfen gehören, die die westliche Kultur hervorgebracht hat", so Bischof Barron. Dass diese Auffassung heutzutage dennoch vielfach so selbstverständlich und unhinterfragt hingenommen werde, sei letztlich nur dadurch zu erklären, dass christliche Denker "in den letzten 50 Jahren oder so" die Kunst der Apologetik weitgehend aufgegeben hätten. 

Vor dem Hintergrund dieser Klage erscheint mir ein Film erwähnenswert, den ich mir vor kurzem zusammen mit meiner Liebsten angesehen habe: Gott ist nicht tot (USA 2014, Regie: Harold Cronk). Meine Liebste hatte irgendwo etwas über diesen Film gehört oder gelesen - "Da geht es um einen Philosophieprofessor, der von seinen Studenten ein Bekenntnis zum Atheismus verlangt" -, und wir dachten uns: Och, schauen wir uns den doch mal an. Könnte interessant werden. Schon das Filmplakat sah reizvoll aus: Da steht der Schriftzug GOD'S DEAD in riesigen Lettern an einer Wand, und der Protagonist - der einzige Student, der sich der Aufforderung des Professors widersetzt, ein Bekenntnis zum Atheismus abzugeben - klebt einen Zettel mit der Aufschrift "NOT" in der Zwischenraum zwischen diesen Wörtern. 

Gleich eingangs sei erwähnt, dass der Film - der von der christlichen Produktionsfirma Pure Flix Entertainment hergestellt worden ist - fast ausschließlich extrem schlechte Kritiken bekommen hat. Aber von so etwas lasse ich mich ja nicht abschrecken. Dass etwa der Humanistische Pressedienst den Film als "nicht auszuhalten schlecht" beurteilt hat, empfand ich eher schon als eine Empfehlung. Andererseits hatte sogar das Christliche Medienmagazin Pro an dem Film mancherlei zu bemängeln, und zum Teil nicht zu Unrecht - doch dazu später. 

Erst einmal zur Handlung: Da ist also, wie schon gesagt, Philosophieprofessor Radisson - gespielt von Kevin Sorbo, den man vor allem aus der Titelrolle der trashigen TV-Serie Hercules kennt. Professor Radisson ist glühender Atheist und will seinen Studenten gleich bei der Einführungsveranstaltung zu seiner Vorlesung klar machen, dass religiöser Glaube in seinem Unterricht keinen Platz hat: Um jedwede Diskussion zu diesem Thema von vornherein auszuschließen, sollen alle Studenten die Worte "Gott ist tot" auf ein Blatt Papier schreiben und mit ihrer Unterschrift bestätigen. Nur einer weigert sich: Erstsemester Josh Wheaton (Shane Harper). "Ich kann das nicht schreiben. Ich bin Christ." Solcherart herausgefordert, räumt der Professor seinem Studenten an den kommenden Vorlesungsterminen jeweils 20 Minuten Zeit ein, den Standpunkt des Glaubens vor dem gesamten Auditorium zu verteidigen. Soweit die Haupthandlung; hinzu kommen einige Nebenstränge - etwa um eine demenzkranke Frau, deren erwachsene Kinder sehr unterschiedlich mit ihrer Krankheit umgehen, eine junge Journalistin, die, gerade als ihre Karriere so richtig Fahrt aufzunehmen verspricht, die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krebserkrankung erhält, und schließlich eine junge Muslima, die auf ihrem iPod heimlich christliche Erweckungspredigten von Franklin Graham hört. Nach und nach kristallisieren sich Querverbindungen zwischen diesen Strängen heraus: Die Tochter der demenzkranken Frau ist die Geliebte des Professors; deren Bruder wiederum, ein egoistischer, knallharter Geschäftsmann, ist der Liebhaber der Journalistin, die er jedoch verlässt, als er von ihrer Krebserkrankung erfährt. Als eine weitere Verbindungsfigur zwischen den verschiedenen Haupt- und Nebenhandlungen fungiert ein junger, engagierter Pfarrer, der eigentlich mit einem Kollegen in Urlaub fahren will, aber durch ein beharrlich nicht anspringendes Auto daran gehindert wird (was ihn vorübergehend in eine Mini-Glaubenskrise stürzt). 

Das Hauptinteresse gilt aber doch dem intellektuellen Duell zwischen Student und Professor. Machen wissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung des Universums den Glauben an einen Schöpfergott obsolet? Wenn Gott die Welt erschaffen hat und Gott gut ist, woher kommt dann das Böse? Der eigentlich eher schüchterne Josh wächst immer besser in die Aufgabe hinein, sich argumentativ gegen den scheinbar haushoch überlegenen Professor zu behaupten. Dass er die Existenz Gottes nicht beweisen kann, räumt er von Anfang an ein, aber das muss er auch nicht: Es genügt, dass er bei seinen Kommilitonen Zweifel am atheistischen Welterklärungsmodell weckt - und das gelingt ihm ausgezeichnet. Dass er seinem Professor schließlich in Gerichtsfilm-Manier (man sieht unwillkürlich den jungen Tom Cruise in "Eine Frage der Ehre" vor sich, wie er Jack Nicholson fragt "Haben Sie den Code Red befohlen?") das Bekenntnis entlockt, dass sein Atheismus im Kern nur ein persönlich motivierter Hass auf Gott ist (und Hass, das weiß sogar TV-Psychologin Angelika Kallwass, entsteht aus Enttäuschung), ist freilich arg dick aufgetragen und wurde in Kritiken zum Film auch vielfach bemängelt. Der Standpunkt des Atheisten, hieß es, werde durch diese Wendung entwertet und folglich die Ebene der sachlichen Auseinandersetzung verlassen.

Nun gut: Da ist natürlich was dran. Gleichzeitig ist aber nicht zu leugnen, dass der quasi-missionarische Eifer, mit dem Professor Radisson den Atheismus verficht, seinerseits die rationale Ebene weit hinter sich lässt und in dieser Form nur durch eine starke emotionale Betroffenheit verständlich wird. Und dergleichen erlebt man bei radikalen Atheisten ja tatsächlich häufig - wenn man etwa in einschlägige Internet-Foren hineinschaut. Ich muss da oft an einen früheren Arbeitskollegen denken, der einmal den durchaus selbstironischen Satz äußerte: "Ich glaube nicht an Gott, und deshalb hasst Er mich". Bei vielen "Kampfatheisten" habe ich den Eindruck, es ist genau umgekehrt: Sie sind wütend auf Gott, und deshalb versuchen sie Ihn zu bestrafen, indem sie nicht an Ihn glauben. Dass Professor Radissons Hass auf Gott nun gerade daher rührt, dass er als Kind den Tod seiner Mutter miterleben musste, ist nun freilich etwas plump und wenig originell. 

Im Medienmagazin Pro attestiert Rezensent Jörn Schumacher dem Film, er biete "einige interessante Lehrstunden in Sachen Apologetik", bemängelt jedoch, die Auseinandersetzung zwischen Professor und Student drehe sich allzu sehr "um große Namen: Ein Argument scheint im Hörsaal vor allem dann großes Gewicht zu haben, wenn es von einem bekannten Menschen vorgetragen wurde [...]. Stephen Hawking gegen John Lennox – wer hat welche Professur inne?" Dazu ist zunächst einmal anzumerken, dass das Autoritätsargument nicht nur in der Scholastik, etwa bei Thomas von Aquin, eine große Tradition hat, sondern wohl auch im heutigen akademischen Betrieb durchaus noch seinen Platz hat. Daneben hat dieses vermeintliche namedropping aber auch noch einen ganz praktischen Wert, wenn man einmal unterstellt, der Film verfolge nicht zuletzt das Anliegen, christliche Zuschauer mit dem Rüstzeug für eigene apologetische Diskussionen auszustatten: Die Nennung von Autoritäten, die diese oder jene These vertreten haben, ermöglicht bzw. erleichtert es dem interessierten Zuschauer, Argumentationslinien, die im Film aus begreiflichen Gründen nur kurz angerissen werden können, nachzulesen und zu vertiefen.  

Jenseits der Frage nach der "Qualität" der im Film gezeigten Debatten über Glaube und Atheismus ist jedoch ein Punkt, auf den diese Kritik (wie auch nahezu alle anderen, die ich gelesen habe) für mein Empfinden allzu wenig eingeht, absolut zentral für die Handlungsvoraussetzung von "Gott ist nicht tot": nämlich der Umstand, dass Josh sich überhaupt auf diese Kraftprobe mit seinem Professor einlässt. Er müsste es ja nicht: Er könnte den blöden Zettel einfach unterschreiben und seine Ruhe haben. Genau das rät ihm seine Freundin , die ihn schließlich verlässt, weil sie es unverantwortlich findet, dass er wegen einer solchen "Kleinigkeit" seine akademische Karriere gefährdet. Professor Radisson betont, dass es ihm egal ist, was seine Studenten privatim glauben: Nur aus seinem Hörsaal will er die Religion verbannen. Die Forderung an die Studenten, das Statement "Gott ist tot" mit ihrer Unterschrift zu besiegeln, ist somit eine reine Formalität - ebenso wie es zur Zeit des römischen Kaisers Diokletian eine reine Formalität war, sich mit ein paar Weihrauchkörnern am staatlichen Kult zu beteiligen, unabhängig vom persönlichen Glauben. Trotzdem nahmen damals zahllose Christen den Märtyrertod auf sich, weil sie diese formale Mitwirkung am Kaiserkult verweigerten. 

Joshs Widerstand gegen die Forderung des Professors ist zunächst einmal rein intuitiv: "Ich kann das nicht schreiben". Als er dann doch mit dieser Entscheidung hadert - auch weil er es sich nicht zutraut, im Streitgespräch mit dem Professor vor dem ganzen Auditorium den Standpunkt des Glaubens zu verteidigen -, trifft er auf den oben erwähnten Pfarrer, der ihn auf die Bibelstelle Matthäus 10,32f. verweist: "Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen." Gott will ein klares, eindeutiges und furchtloses Bekenntnis: Das hat Josh bereits intuitiv gespürt, und nun bekommt er es so zu sagen schwarz auf weiß. Aber Reverend Dave weist ihn auch noch auf einen anderen Aspekt hin: das missionarische Potential, das darin liegt, dass der Professor Josh in der Vorlesung über den Glauben sprechen lässt. "Wenn du die Herausforderung annimmst, könnte das [für deine Kommilitonen] deren einzige bedeutende Auseinandersetzung mit Gott und Jesus sein." Schließlich ist Josh erfolgreich: Einer nach dem anderen stehen seine Kommilitonen im Hörsaal auf und bekennen: "Gott ist nicht tot." 

Diese Szene ist mit Hollywood-typischem Pathos inszeniert, aber damit endet der Film noch nicht. Leider. Denn so ziemlich alles, was danach kommt, ist ziemlich ärgerlich. Erst einmal ereilt den atheistischen Professor das Gericht: Er wird von einem Auto angefahren und tödlich verletzt, und wie die Vorsehung es will, ist Reverend Dave zur Stelle, der dem sterbenden Professor buchstäblich in letzter Sekunde ein Bekenntnis zu Gott und Jesus Christus abringt, damit er doch noch in den Himmel kommen kann. Man kann sich ausrechnen, dass diese Szene nicht nur auf Atheisten eher abstoßend wirkt. Und dann treffen sich die Protagonisten der verschiedenen Handlungsstränge bei einem Konzert der christlichen Popgruppe The Newsboys. Bombastische Lightshow, Boygroup-Choreographie, pathetischer Plastik-Pop. Uärgh. Auf dem Höhepunkt des Konzerts wird das Publikum dazu aufgerufen, eine Ketten-SMS mit dem Text "Gott ist nicht tot" um die Welt zu schicken, und diese elektronische Botschaft kommt natürlich auch bei Reverend Dave und seinem Kollegen an, die gerade den Professor in ein besseres Jenseits befördert haben, sodass auch dieser tödliche Autounfall irgendwie zum Bestandteil des allgemeinen Happy Ends wird. 

Abgesehen von diesem nun wirklich allzu dick aufgetragenen Schluss wurde besonders die Schwarzweißmalerei der Charaktere vielfach kritisiert, und dem kann man kaum widersprechen. An mindestens einer Stelle fand ich zwar, der Film setze einen überraschenden Akzent, aber das war möglicherweise nur ein Missverständnis meinerseits: Ziemlich zu Beginn der Handlung interviewt die eher linksliberal eingestellte Journalistin einen Entenjäger und Händler von Entenjagd-Zubehör, der auch eine eigene Fernsehshow hat -- einen stereotypen Redneck mit Wampe, langem Bart und Stars-and-Stripes-Bandana, dem sie nicht nur vorwirft, sein Geld mit dem Töten unschuldiger Tiere zu verdienen, sondern auch, dass in jeder Folge seiner Show zu Jesus gebetet wird. Der vermeintliche Bauerntölpel macht im Interview eine ziemlich überzeugende Figur - aber was ich erst im Nachhinein herausfand, ist, dass es diesen Typen wirklich gibt, dass er tatsächlich der Star einer Fernsehshow ("Duck Dynasty") ist und in den USA ziemlich populär ist. Für das primäre Zielpublikum des Films dürfte es somit weit weniger überraschend gewesen sein, dass diese vermeintliche Karikatur eines dumpfbackigen, schießwütigen und natürlich tief gläubigen Südstaatlers in der dramaturgischen Logik des Films als Sieger aus der Konfrontation mit der urbanen, aufgeklärten Journalistin hervorgeht. 

Wenig überraschend ist weiterhin, dass besonders der Nebenhandlungsstrang um die junge Muslima Kritik auf sich zog: Als ihr Vater herausfindet, dass sie heimlich christliche Predigten hört, verprügelt er sie und wirft sie aus dem Haus. Das sei auf plumpe Art antiislamisch, hieß es. Nun kann man - sollte man wohl auch - einwenden, es sei in der realen Welt keine Seltenheit, dass Muslime, die sich dem Christentum zuwenden, von ihren Familien verstoßen werden oder dass ihnen sogar noch Schlimmeres angetan wird. Aber das wäre vielleicht eher ein Thema für einen eigenen Film gewesen. Als kleiner Nebenstrang, noch dazu in einem Film, in dem es ja eigentlich um den Gegensatz zwischen Glaube und Atheismus und nicht um die Gegensätze zwischen verschiedenen Religionen gehen soll, wirkt diese Episode tatsächlich deplatziert und in ihrer Knappheit arg oberflächlich.

Abschließend ist zu sagen, dass der Film seiner offenkundigen guten Absicht letztlich nicht gerecht wird, und zwar vor allem deshalb, weil er seine Bilder eher mit der XL-Fassadenwalze malt als mit dem feinen Pinsel. Das ist schade, denn gute Ansätze sind ja durchaus vorhanden. Einem christlichen Publikum kann "Gott ist nicht tot" durchaus wertvolle Denkanstöße liefern und zu Diskussionen anregen; hingegen sollte man nicht darauf hoffen, dass er Atheisten, Agnostikern oder religiös Unentschiedenen den Glauben näher bringen könnte. Eher im Gegenteil. 


Dienstag, 27. September 2016

5 Jahre "Huhn meets Ei": Eine Handreichung für neue Leser

Wie doch die Zeit vergeht: Heute ist es fünf Jahre her, dass ich meinen ersten Blogartikel veröffentlicht habe! Seither sind 300 weitere Artikel gefolgt - dieser hier noch nicht mitgerechnet -, durchschnittlich also 5 im Monat. Das klingt nach gar nicht mal so viel, aber die Frequenz hat nach und nach zugenommen. Ebenso auch die Zahl der Seitenaufrufe pro Tag. Luft nach oben ist da allemal noch, aber ich würde doch sagen, dieser Blog hat sich über die letzten fünf Jahre recht fein entwickelt. 

Nun ist es natürlich so, dass neu hinzukommende Leser sich erst einmal ein Bild davon machen müssen, auf was für einem Blog sie da gelandet sind - wer da schreibt, worüber und warum, wie er zu seinen sonderbaren Ansichten kommt, wie es um die thematische Bandbreite bestellt ist und so weiter. -- Nochmals drüber nachgedacht: Genau besehen müssen sie das durchaus nicht. Meist wird ja der jeweils aktuellste Artikel am eifrigsten gelesen, und es kann durchaus sein, dass der Leser danach schon gar keine Lust mehr hat, sich weiter mit Huhn meets Ei zu befassen. Es kommt aber, wie mir versichert worden ist, auch der umgekehrte Fall vor. Also der Fall, dass ein Internet-Nutzer eher zufällig auf einen meiner Artikel stößt und daraufhin neugierig wird, was dieser Blog denn sonst noch so zu bieten hat. Wie soll nun dieser hypothetische Idealleser vorgehen, um sich in der Welt von Huhn meets Ei zu orientieren?  

Nun, ich würde dem interessierten Neu-Leser empfehlen, sich zunächst anhand der folgenden Artikel einen Eindruck davon zu verschaffen, was es mit diesem Blog auf sich hat und was sein Autor für einer ist: 

Denjenigen Lesern, die sich nach diesem Einstieg noch ein bunteres und komplexeres Bild davon machen möchten, wo sich Huhn meets Ei im Spektrum des bloggenden Dunkelkatholizismus einsortiert, möchte ich darüber hinaus die folgenden Artikel ans Herz legen:

Und last not least möchte ich neuen und zukünftigen Lesern natürlich auf ein Thema aufmerksam machen, von dem in künftigen Artikeln zweifellos noch öfter (und vermutlich mit zunehmender Tendenz) zu reden sein wird: das Thema subversive Pastoral. Um nachzuvollziehen, was das sein soll bzw. sein könnte, wohin das führen soll und wie ich überhaupt auf dieses Thema gekommen bin, empfiehlt sich die Lektüre der folgenden Artikel: 
So. Das wär's dann aber auch fürs erste mit Lektüreempfehlungen. Bis die geneigten Neu-Leser das alles gründlich durchgearbeitet haben, wird's wahrscheinlich schon wieder eine erkleckliche Menge neuen Materials geben. (Und sollten noch Fragen offen bleiben, möchte ich zu eifriger Benutzung des Kommentarfelds ermutigen...)



Montag, 26. September 2016

Religion, Familie, Sexualität und der "sanfte Totalitarismus" des Staates

Ehrlich gesagt finde ich den Erzbischof von Philadelphia, Charles J. Chaput OFMCap, ja schon allein deshalb cool, weil er Indianer ist. Er gehört dem Stamm der Potawatomi an und war bei seiner Weihe im Jahr 1988 erst der zweite Native American, der in den USA Bischof wurde; seit 1997 ist er der erste US-amerikanische Erzbischof mit diesem ethnischen Hintergrund. Extrem cool. Man verzeihe mir meine etwas naive Indianerromantik - daran sind natürlich meine Lektürevorlieben aus meiner Kindheit und Jugend schuld, aber das geht mir ja nicht alleine so

Aber davon mal ganz ab: Ich habe in den letzten zwei, drei Jahren immer mal wieder mit Interesse öffentliche Äußerungen dieses Erzbischofs zu Fragen der kirchlichen Lehre wie auch zu gesellschaftspolitischen Fragen zur Kenntnis genommen und hatte stets den Eindruck: Das ist ein Guter. Kürzlich sah ich nun auf Twitter, dass jemand einen Link zu einer Ansprache von Erzbischof Chaput geteilt und mit dem Hinweis versehen hatte: "LEST DAS UND TEILT DAS. IHR WERDET FROH SEIN, ES GETAN ZU HABEN." Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. 

Es handelte sich um eine Ansprache im Rahmen der Tocqueville Lectures an der katholischen University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana - über das Thema "Sexualität, Familie und die Freiheit der Kirche - Authentische Freiheit in unserem emanzipierten Zeitalter". Und ich muss sagen, der Tweet hatte mir nicht zuviel versprochen. Die Ansprache ist wirklich großartig, weshalb ich sie hier auszugsweise wiedergeben (und einige Anmerkungen hinzufügen) möchte. 

Der Erzbischof von Philadelphia berührt in dieser Ansprache eine Reihe unterschiedlicher Aspekte, aber man kann sagen, das übergeordnete Thema der Rede sei das Verhältnis zwischen Kirche und Staat. Ein wichtiges Thema, wie ich finde - auch und nicht zuletzt hierzulande. Ich hatte in Diskussionen zu dieser Frage schon häufig den Eindruck, Viele, die besonders vehement auf das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche pochen, meinen damit in Wirklichkeit die Unterwerfung der Kirche unter den Staat oder die prinzipielle Verdrängung von Religion aus dem öffentlichen, also politischen Raum ins rein Private hinein. Das ist aber etwas völlig Anderes, als was der Begriff eigentlich meint. Doch hören wir erst einmal dem Erzbischof selbst zu.

Da es sich um eine politische Vorlesungsreihe handelte, überrascht es nicht, dass Erzbischof Chaput in seiner Ansprache auch auf die bevorstehende Präsidentschaftswahl in den USA eingeht. Er tut dies mit bemerkenswert scharfen Worten: 
"Ich werde in diesem Monat 72 Jahre alt. Seit 1966 gehe ich wählen – das sind jetzt exakt 50 Jahre. Und in diesem halben Jahrhundert haben  noch nie beide großen Parteien gleichzeitig derart mit Makeln behaftete Präsidentschaftskandidaten aufgestellt. Der Wahlkampf zwischen Nixon und McGovern im Jahr 1972 war nah dran, aber das Jahr 2016 übertrifft ihn noch.
Gott allein kennt das Herz der Menschen, daher möchte ich annehmen, dass beide führenden Kandidaten für das Weiße Haus gute Absichten haben und hinter der Fassade ihres öffentlichen Erscheinungsbildes ein passables Maß an persönlichem Anstand aufweisen. Aber gleichzeitig glaube ich, dass beide Kandidaten sehr schlechte Aussichten für unser Land bedeuten, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Der eine Kandidat ist in den Augen sehr vieler Leute ein säbelrasselnder Demagoge mit mangelhafter Impulskontrolle. Und die andere Kandidatin ist – wiederum in den Augen sehr vieler Leute – eine kriminelle Lügnerin mit einem einzigartigen Fundus an abgenutzten Ideen und falschen Prioritäten." 
Wenn sich solcherart der Eindruck ergibt, man habe bei den anstehenden Wahlen lediglich die Wahl zwischen Pest und Cholera, dann ist das selbstverständlich ein schwerwiegendes Problem für die Demokratie als ganze - weil es demokratische Partizipation von vornherein als sinnlos erscheinen lässt. Erzbischof Chaput merkt dazu an: 
"Vieles an der aktuellen politischen Lage lädt zu Zynismus ein. Aber als Christen haben wir diese Option nicht. Wir können uns den Luxus des Zynismus nicht leisten." 
Er nennt verschiedene Gründe für diese Einschätzung, von denen ich hier nur die für mein Empfinden wichtigsten wiedergebe: 
  • "Wenn Christen sich aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, werden andere Menschen mit weitaus schlechteren Absichten das nicht tun. Und der sicherste Weg, Leid über unser Land zu bringen, besteht darin, sich diesen Leuten nicht entgegenzustellen – in der öffentlichen Debatte und auch in der Wahlkabine." 
  • "Das Wesen des christlichen Lebens – daran erinnert uns Papst Franziskus – ist Hoffnung und Freude, nicht Verzweiflung. Unsere Entscheidungen und Handlungen machen einen Unterschied. Wie Benedikt und Johannes Paul II. vor ihm sieht auch Franziskus in der Politik, wenn sie auf richtige Weise betrieben wird, ein Instrument der Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und Barmherzigkeit. Der Beruf des Politikers ist wichtig, denn wenn er auf gute Weise ausgeübt wird, kann er die Gesellschaft, der er dient, veredeln."
  • "Christen sind nicht von dieser Welt, aber sie sind definitiv in dieser Welt. Der Hl. Augustinus sagte, unsere Heimat ist die Stadt Gottes, aber um dorthin zu gelangen, müssen wir die Stadt des Menschen durchqueren. Auf diesem Weg haben wir die Pflicht, die Welt besser zu hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben. Eine Möglichkeit, dies zu tun – so unvollkommen sie auch sein mag – ist die Politik." 
Wahlen, so resümiert der Erzbischof von Philadelphia, sind wichtig - aber gleichzeitig betont er, dass er mit seinen Ausführungen auf Grundsätzlicheres hinaus will als nur auf die diesjährige Präsidentschaftswahl. Und dieses Grundsätzlichere betrifft - so möchte ich anmerken - nicht allein die USA; es betrifft in nicht geringerem Maße beispielsweise auch Deutschland, wo die Politikverdrossenheit ja ebenfalls ein dramatisches Ausmaß erreicht hat. 
"Wir haben, so scheint es, als Nation einen Punkt erreicht, an dem unser politisches Denken und unser politisches Vokabular erschöpft sind. Der tatsächliche Einfluss, den wir als Individuen auf die Regierung und die politische Klasse haben, die uns zu repräsentieren beansprucht […], ist so geringfügig, dass daraus Gleichgültigkeit oder Wut entspringt." 
Der Befund klingt vertraut. Was aber folgt daraus, besonders für Christen?
"Deshalb muss das politische Engagement von uns Christen mehr sein als eine Suche nach besseren Kandidaten, besseren politischen Maßnahmen oder schlaueren Parolen. Die Aufgabe, eine Gesellschaft zu erneuern, erfordert ein viel langfristigeres Denken als bloß alle paar Jahre zur Wahl zu gehen. Und es erfordert eine andere Sorte Mensch. Es erfordert, dass wir eine andere Sorte Mensch sind.
Augustinus sagte, es sei sinnlos, sich über die Zeit zu beklagen, in der man lebt – denn wir selbst sind diese Zeit. Daraus folgt, dass wir, um das Land zu verändern, zunächst einmal uns selbst ändern müssen." 
Von dieser Feststellung ausgehend, kommt Erzbischof Chaput zunächst einmal - etwas überraschend, aber so sehr dann doch nicht, wenn man drüber nachdenkt - auf das Thema Sex zu sprechen. Kirchenkritisch oder entschieden antiklerikal eingestellte Personen werfen ja gern mal die rhetorisch gemeinte Frage auf, inwieweit zölibatär lebende Priester überhaupt kompetent seien, etwas zum Thema Sex zu sagen; darauf gibt Chaput eine äußerst bestechende Antwort: 
"Ich bin seit 46 Jahren Priester. In dieser Zeit habe ich etwas mehr als 12.000 persönliche Beichten gehört […]. Wenn man – wie es die meisten Priester tun – Tausende von Stunden seines Lebens damit verbringt, sich die Fehlschläge und Verletzungen im Leben von Menschen anzuhören – von Männern, die ihre Frauen verprügeln, Frauen, die ihre Männer betrügen, von Pornographie-, Alkohol- und Drogensüchtigen, von Dieben, von Hoffnungslosen, von Selbstzufriedenen und Selbsthassenden –, dann bekommt man einen ziemlich guten Einblick in die Welt, wie sie wirklich ist, und in die Auswirkungen dieses Zustands auf die menschliche Seele.
Der Beichtstuhl ist realer als jede Reality-Show – und zwar deshalb, weil niemand zusieht. Nur du, Gott und die Beichtenden sind da, und das Leiden, das sie mitbringen.
Für mich als Priester ist das auffälligste Charakteristikum der vergangenen fünf Jahrzehnte die gewaltig ansteigende Zahl von Menschen – Männern wie Frauen –, die Promiskuität, sexuelle Gewalt und sexuelle Verwirrung als gewöhnlichen Teil ihres Lebens bekennen, sowie die massive Rolle der Pornographie im Zerstören von Ehen, Familien und sogar den Berufungen von Priestern und Ordensleuten.
In gewissem Sinne ist das gar nicht überraschend. Sex ist kraftvoll. Sex ist attraktiv. Sex ist ein elementares Verlangen und ein elementarer Instinkt. Unsere Sexualität ist auf intime Weise damit verknüpft, wer wir sind; wie wir nach Liebe und Glück suchen; wie wir die tiefgreifende Einsamkeit im Leben überwinden; und, für die meisten Menschen, damit, wie wir ein kleines Stück Beständigkeit in der Welt und ihrer Geschichte beanspruchen, indem wir Kinder bekommen.
Der Grund dafür, dass Papst Franziskus die 'Gender-Theorie' so entschieden ablehnt, liegt nicht allein darin, dass ihr die wissenschaftliche Grundlage fehlt – wenngleich sie dieses Problem zweifellos hat. Die Gender-Theorie ist eine Form von Metaphysik, die die Natur der Sexualität untergräbt, indem sie die Komplementarität von Männlich und Weiblich leugnet, die in unsere Körper eingeschrieben ist. Auf diese Weise attackiert sie einen elementaren Baustein menschlicher Identität und Sinngebung – und, darüber hinausgehend, die Fundamente menschlicher Sozialordnung.
Doch kehren wir zurück in den Beichtstuhl. Dass man im Sakrament der Beichte die sexuellen Sünden der Leute zu hören bekommt, ist an und für sich nichts Neues. Aber die Bandbreite, die Ausgefallenheit, Gewaltsamkeit und Zwanghaftigkeit dieser Sünden ist es sehr wohl. Dabei muss man bedenken, dass zur Beichte ja nur diejenigen kommen, die bereits ein gewisses Empfinden von Richtig und Falsch haben; die zumindest vage begreifen, dass sie ihr Leben ändern und Gottes Barmherzigkeit aufsuchen müssen." 
Damit wären wir bei einem wichtigen Stichwort angekommen: Barmherzigkeit - das Motto des von Papst Franziskus ausgerufenen Heiligen Jahres, und zugleich mehr als nur ein Motto
"Das Wort Barmherzigkeit verdient nähere Betrachtung. Barmherzigkeit ist eine der kennzeichnenden und schönsten Eigenschaften Gottes. Zu Recht ruft Papst Franziskus uns in diesem Jahr dazu auf, sie in unserem eigenen Leben zu verwirklichen. Unglücklicherweise jedoch kann dieses Wort allzu leicht missbraucht werden, um der schweren Aufgabe der moralischen Beurteilung auszuweichen. Barmherzigkeit bedeutet nichts - nichts als eine Übung in Sentimentalität - ohne ein klares Verständnis moralischer Wahrheit.
Wir können niemandem Barmherzigkeit zeigen, der uns nichts schuldet - der nichts Falsches getan hat. Barmherzigkeit setzt einen zuvor geschehenen Akt des Unrechts voraus, der behoben werden muss. Und die Wiederherstellung von Gerechtigkeit erfordert ein grundlegendes System höherer Wahrheit über den Sinn des Menschseins und über menschliches Handeln. Sie verlangt ein Verständnis von Wahrheit, das bestimmte Dinge als gut und andere als böse definiert -  die einen als Leben spendend, die anderen als zerstörerisch. 
Warum ist das so wichtig? - Die Wahrheit über unsere Sexualität ist, dass Untreue, Promiskuität, sexuelle Verwirrung und massenhafte Pornographie menschliche Wracks erzeugen. Rechnen wir diese zerstörerische Wirkung hoch auf Millionen von Menschen über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten – und betrachten dazu die unsinnigen Behauptungen der Medien über die vermeintliche Unschuld zwangloser und beiläufiger Sexualkontakte und die angeblich glücklichen und zufriedenen Kinder einvernehmlicher Scheidungen. Was dabei herauskommt, ist das, was wir heute haben: eine dysfunktionale Kultur frustrierter und verletzter Individuen, die zunehmend unfähig zu dauerhaften Bindungen, Selbstaufopferung und ausdauernder Nähe sind – und zudem unwillig, sich der Realität ihrer Probleme zu stellen." 
Das hat - so betont Erzbischof Chaput - auch gravierende politische Konsequenzen:
"Menschen, die nicht willens sind, ihre Begierden zu beherrschen, werden zwangsläufig von ihnen beherrscht – was letztlich darauf hinausläuft, dass sie von jemand Anderem beherrscht werden. Menschen, die zu schwach sind, feste und dauerhafte Beziehungen zu unterhalten, sind auch zu schwach, frei zu sein. Früher oder später unterwerfen sie sich einem Staat, der ihren Narzissmus und ihre Unreife mit seinen eigenen Formen sozialer Kontrolle kompensiert." 
Die Vorstellung, dass schwache, unreife und von ihren Begierden beherrschte Individuen sich freudig der sozialen Kontrolle eines neo-totalitären Staates unterwerfen, mag auf den ersten Blick wie dystopische Science Fiction anmuten - aber der Erzbischof geht auf diesen Punkt später noch genauer ein, und wir werden sehen, dass es sich bei dieser Einschätzung keinesfalls um eine phantastische Schreckensvision handelt, sondern um ganz nüchterne Gesellschaftsanalyse. Zunächst aber betont Erzbischof Chaput den hohen und bedrohten Wert der Familie:  
"Menschen, die zu ängstlich oder zu selbstbezogen sind, um neues Leben willkommen zu heißen, Kinder zu gebären und in einer liebenden Familie aufzuziehen und sie Tugend und moralischen Charakter zu lehren, schreiben sich selbst aus der Geschichte der Menschheit heraus. Das macht es so besorgniserregend, dass so viele junge Erwachsene aus der Generation der 'Millennials' sich dagegen wehren, Kinder zu bekommen.
Die Zukunft gehört Menschen, die an etwas außerhalb ihrer selbst glauben und die diesem Glauben entsprechend leben und sich dafür aufopfern. Sie gehört Menschen, deren Denken und deren Hoffnung generationsübergreifend ist. […] Schwache und selbstsüchtige Menschen begründen schwache und selbstsüchtige Ehen. Schwache und selbstsüchtige Ehen resultieren in zerbrochenen Familien. Und zerbrochene Familien tragen zu einem sich immer weiter ausbreitenden Kreislauf der Dysfunktionalität bei. Sie erzeugen mehr und mehr verletzte, beschädigte Individuen. Eine unübersehbare Menge an statistischem Material zeigt, dass Kinder aus zerbrochenen Familien in erheblich stärkerem Maße von Armut bedroht sind, schlechtere Bildungschancen haben und stärker zu emotionalen und psychischen Problemen neigen als Kinder aus intakten Familien.
Die Familie ist der Ort, an dem Kinder lernen, was es heißt, Mensch zu sein. Dort lernen sie, andere Menschen zu respektieren und zu lieben; sie sehen, wie ihre Eltern sich für das gemeinsame wohl des Haushalts aufopfern; und sie entdecken ihren Platz in einer Familiengeschichte, die größer ist als sie selbst. Kinder aufzuziehen, ist eine schöne, aber auch eine schwere Aufgabe. Es ist eine Aufgabe für hingebungsvolle und von Selbstsucht freie Eltern. Und Eltern brauchen die Freundschaft und Unterstützung anderer, gleichgesinnter Eltern. Man braucht Eltern, um ein Kind aufzuziehen – und keine Legion professioneller Fachleute, so hilfreich diese in bestimmten Situationen auch sein können." 
Halten wir einen Moment inne und stellen uns vor, ein deutscher Bischof würde so etwas sagen. Wobei: Das gab's ja schon. Wir erinnern uns an die Reaktionen in der Öffentlichkeit. Doch Erzbischof Chaput setzt noch eins drauf:  
"Nur eine Mutter und ein Vater können die Intimität mütterlicher und väterlicher Liebe gewährleisten. Viele alleinerziehende Eltern vollbringen heroische Anstrengungen, ihre Kinder gut zu erziehen, und dafür verdienen sie Bewunderung und Lob. Aber nur eine Mutter und ein Vater können einem Kind jene einzigartige Form menschlicher Liebe bieten, die in Fleisch und Blut verwurzelt ist; jene Form von Liebe, die auf wechselseitiger Unterordnung und Selbsthingabe beruht und aus der Komplementarität des Geschlechtsunterschieds hervorgeht.
Es gibt wohl keine Eltern, die diesen Anspruch in vollkommenem Maße verwirklichen. Einige scheitern dramatisch daran. Und nur allzu oft begünstigt die moderne Lebensrealität in unserem Land dieses Scheitern. Aber schon allein dadurch, dass sie es versuchen, geben Eltern eine absolut grundlegende Wahrheit an die nächste Generation weiter: die Wahrheit, dass Dinge wie Liebe, Glaube, Vertrauen, Geduld, Verständnis, Zärtlichkeit, Treue und Mut tatsächlich wichtig sind – dass sie die Grundlage für ein wahrhaft menschliches Leben bilden." 
Im weiteren Verlauf seiner Ansprache kommt Erzbischof Chaput auf konkrete Bedrohungen der Familie zu sprechen - und auf deren politische und soziale Ursachen:  
"Zweifellos kommen einige der schlimmsten Gefährdungen des Familienlebens von außerhalb des Zuhauses: in Form von Arbeitslosigkeit, schlechter Bezahlung, Kriminalität, schlechten Wohnverhältnissen, chronischer Krankheit und schlechten Schulen.

Das sind lebenswichtige Themen mit gravierenden Auswirkungen auf das Leben von Menschen. Und dem katholischen Denken zufolge kommt der Regierung eine Verantwortung zu, solche Probleme zu lindern – aber nicht, wenn die Regierung eine verkrüppelte Vorstellung vom Menschen, von Ehe und Familie zugrunde legt. Nicht wenn eine Regierung willkürlich in das Handeln zivilgesellschaftlicher Institutionen eingreift, die der Öffentlichkeit gute Dienste leisten. Man könnte allerdings behaupten, dass genau diese Beschreibung auf viele Maßnahmen der derzeitigen Regierung in den vergangenen sieben Jahren zutrifft.

Das notwendige Gegengewicht gegen die Einmischungen der Regierung ist eine breite Öffentlichkeit von mündigen Bürgern, die die Autonomie der zivilgesellschaftlichen Sphäre gegenüber dem Staat verteidigen. Das Problem ist jedoch – wie Christopher Lasch schon vor fast 40 Jahren beobachtet hat –, dass ein auf Massenkonsum ausgerichtetes Wirtschaftssystem unselbständige und ichbezogene Konsumenten benötigt und die Menschen entsprechend konditioniert. Dieses Wirtschaftssystem erfordert und erzeugt, wie Lasch es nennt, eine 'Kultur des Narzissmus', achtlos gegenüber der Vergangenheit, obsessiv der Gegenwart verfallen und desinteressiert an der Zukunft.

Als 1961 John F. Kennedy Präsident wurde, konnte er in der Rede zu seiner Amtseinführung die Amerikaner noch voller Zuversicht dazu aufrufen, 'nicht zu fragen, was euer Land für euch tun kann, sondern zu fragen, was ihr für euer Land tun könnt'. Heute frage ich mich, wie viele von uns diese Worte nicht nur als naiv und anmaßend, sondern geradezu als eine Verkehrung von Prioritäten empfinden würden." 
Dieser grassierende Egoismus, so Chaput, macht letztlich nur umso deutlicher, wie sehr die Gesellschaft starke Familien braucht:
"Wenn wir starke Familien wollen, brauchen wir starke Männer und Frauen, die mit Reife und Liebe solche Familien begründen und bewahren. Und für die Kirche, eine Familie aus Familien, gilt dasselbe."
Mit dieser Feststellung leitet der Erzbischof von Philadelphia zu einer Betrachtung der Rolle der Kirche in Staat und Gesellschaft über - und als deutscher Leser kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die folgenden Bemerkungen seien auch für die Kirche hierzulande von erheblicher Brisanz:  
"Die Kirche ist stark, wenn ihre Familien und ihre einzelnen Söhne und Töchter stark sind: wenn sie glauben, was die Kirche lehrt, und ihre Botschaft mit Mut und Eifer bezeugen. Sie ist schwach, wenn ihre Mitglieder lau und bequem sind, wenn sie allzu sehr darauf bestrebt sind, nicht anzuecken – oder, frei heraus gesagt, zu viel Angst vor öffentlicher Missbilligung haben – und deshalb nicht im Stande sind, die Welt zu sehen, wie sie wirklich ist. Die Kirche ist 'unsere' nur in dem Sinne, dass wir zu ihr gehören, dass sie unsere Mutter und Lehrerin in der Familie Gottes ist. Die Kirche gehört uns nicht. Wir gehören ihr. Und die Kirche ihrerseits gehört Jesus Christus, der ihr ihre Freiheit garantiert, ob es dem Kaiser gefällt oder nicht. 
Die Kirche ist frei, selbst inmitten schlimmster Verfolgung. Sie ist selbst dann frei, wenn viele ihrer Kinder sich von ihr abwenden. Sie ist frei, weil Gott tatsächlich existiert, und die Kirche ist nicht abhängig von Zahlen oder Ressourcen, sondern allein von der Treue zum Wort Gottes. Ihre praktische Freiheit jedoch – ihre Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit im Hier und Jetzt, in unserer Gesellschaft – hängt von uns ab."
Eine schwache Kirche - so stellt Chaput im Folgenden fest - ebnet einer weiter oben bereits angedeuteten neuen Form von staatlichem Totalitarismus den Weg:
"In seinem klassischen Werk Über die Demokratie in Amerika stellt Alexis de Tocqueville fest, der Erfolg der amerikanischen Demokratie liege zu einem bedeutenden Teil in der starken Bindung der Amerikaner an ihre Familien und ihren religiösen Glauben begründet. Familien und Kirchen stehen zwischen dem Individuum und dem Staat. Sie schützen die Autonomie des Individuums, indem sie der Macht der Regierung eine Grenze setzen, sich der Neigung des Staates entgegenstellen, bestimmenden Einfluss auf die Gesamtheit des menschlichen Lebens zu beanspruchen. Gleichzeitig führen Familie und Kirche uns aber auch über uns selbst hinaus und lehren uns, uns großmütig mit Anderen und für Andere einzusetzen.  
In dem Maße, in dem Familien und religiöser Glaube an Kraft verlieren, wächst die Macht des Staates. Die Regierung besetzt Stellungen, die von den vermittelnden Institutionen aufgegeben wurden. Das Individuum wird aus seinen traditionellen Bindungen befreit, gleichzeitig aber einem strengeren Herrn unterworfen: dem Staat. Wie schon Tocqueville feststellte, tendiert die Demokratie, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, zu einer Art von sanftem Totalitarismus, der selbst die intimsten Belange des Einzelnen, von seinen geschlechtlichen Beziehungen bis hin zu seine religiösen Überzeugungen, dem politischen Prozess unterwirft. 
Wir leben heute in einem Land, in dem Ehe, Familie und traditionelle Religion sämtlich auf dem absteigenden Ast zu sein scheinen. Es erscheint folgerichtig, dass auch die Wertschätzung der Demokratie abnimmt. Nicht einmal 30% der jungen Erwachsenen in den USA betrachten es als unverzichtbar, in einem demokratisch regierten Land zu leben. Fast ein Viertel der seit den 1980er Jahren Geborenen halten Demokratie für eine schlechte Regierungsform. Und fast die Hälfte aller Amerikaner sind einer Umfrage zufolge der Meinung, statt gewählter Regierungen sollten Experten darüber entscheiden, was das Beste für das Land ist. Antidemokratische Einstellungen haben besonders in wohlhabenden Schichten zugenommen. 
Das ist nicht über Nacht passiert, und es war auch kein Unfall. Wir haben uns selbst in diese Lage gebracht, indem wir unser Leben auf einem Haufen Lügen aufgebaut haben. Der innere Kern dieser Lügen wird exemplarisch auf den Punkt gebracht in einem Satz aus der Urteilsbegründung des Obersten Gerichtshofs im Fall Planned Parenthood gegen Casey aus dem Jahr 1992. Als Vertreter der Mehrheitsmeinung schrieb Richter Anthony Kennedy:
'Es gehört zum innersten Kern der Freiheit, das Recht zu haben, seine eigenen Auffassungen über die Existenz, den Sinn, das Universum und das Geheimnis des menschlichen Lebens zu definieren.'
Hier haben wir das perfekte Manifest einer liberal-demokratischen Phantasie: das souveräne, sich selbst erschaffende Selbst. Aber das ist eine Lüge. Diese Vorstellung von Freiheit ist das genaue Gegenteil wahrer christlicher Freiheit. Und in dem Maße, wie wir diese Lüge akzeptieren oder mit ihr kooperieren, werden wir zu Lügnern. 
Das Johannesevangelium mahnt uns, dass die Wahrheit, und nur die Wahrheit, uns frei machen kann. In vollem Sinne menschlich und frei sind wir nur, wenn wir unter der Autorität der Wahrheit leben. In diesem Licht betrachtet, gibt es kein Thema, das uns als Gläubige und uns als Nation so unehrlich und so unfrei dastehen lässt wie das Thema Abtreibung. Menschen, denen dieses Thema unangenehm ist, verweisen gern – und durchaus zu Recht – darauf, dass die katholische Lehre mehr umfasst als nur diesen einen Punkt. Andere dringliche Probleme erfordern ebenfalls unsere Aufmerksamkeit. 'Pro-Birth' zu sein – für das Recht der ungeborenen Kinder, geboren zu werden – ist nicht dasselbe, wie 'Pro-Life', für das Leben, zu sein. Wahrhaft 'Pro-Life' zu sein endet nicht damit, das ungeborene Leben zu verteidigen. 
Aber es beginnt damit und muss damit beginnen. Um einen der berühmtesten Absolventen dieser Universität [ - den Publizisten und Redenschreiber Bill McGurn - ] zu zitieren: Abtreibung ist ‚der Brückenkopf einer grundlegend neuen Ethik, die dem Leben, der Ehe und in zunehmendem Maße auch der Religion, religiösen Bürgern und religiösen Einrichtungen gegenüber feindlich gesonnen ist‘. Abtreibung vergiftet alles. Es kann niemals 'fortschrittlich' sein, ein ungeborenes Kind zu töten oder mit wohlwollender Neutralität zuzusehen, wenn Andere es tun.
Bei jeder Abtreibung stirbt immer ein unschuldiges Leben. Aus diesem Grund kann es niemals ein ethisches Gleichgewicht geben zwischen dem vorsätzlichen Töten durch Abtreibung, Infantizid und Euthanasie auf der einen Seite und Themen wie Obdachlosigkeit, Todesstrafe oder politische Maßnahmen zur Armutsbekämpfung auf der anderen. Nochmals: Alle diese Belange sind wichtig. Aber zu argumentieren oder zu unterstellen, sie hätten dasselbe moralische Gewicht wie die Abtreibungsfrage, wäre eine Entwertung christlichen Denkens." 
Dem Ort und Anlass der Ansprache angemessen, sind diese Reflexionen über das Verhältnis von Kirche, Familie und Staat eingebettet in einige Anmerkungen zum Sinn und Wesen katholischer Universitäten. Schon ziemlich zu Beginn des Vortrags erklärt der Erzbischof seinen Zuhörern: 
"Der große französische katholische Konvertit Leon Bloy sagte einmal, am Ende sei das Einzige, was wirklich zählt, ein Heiliger zu sein. Und genau das ist die höchste Aufgabe einer Institution wie Notre Dame. Es geht nicht darum, Ihnen einen Platz an einer herausragenden juristischen oder medizinischen Fakultät zu verschaffen oder einen tollen Job an der Wall Street – auch wenn das natürlich erstrebenswerte Ziele sind. Nein, es geht darum, Ihnen zu helfen, in den Himmel zu kommen – und das ist kein imaginäres Feenland, sondern ein ewiges Leben in der Gegenwart eines liebenden Gottes. Wenn Sie daran nicht glauben, sind Sie hier am falschen Ort.
Das Leben ist ein Geschenk, kein Unfall. Und der Sinn eines Lebens besteht darin, eine im vollen Sinne menschliche Person zu werden, die Gott kennt und mehr als alles Andere liebt, und diese Liebe gegenüber Anderen ausstrahlt. Das ist die einzige überzeugende Existenzberechtigung einer Universität, die sich katholisch nennt." 
Abschließend kommt er noch einmal darauf zurück:
"Ich hoffe, dass Notre Dame niemals vergisst, das fundamentale Warum ihrer Aufgabe zu reflektieren. Was für eine Art von Erfolg ist wahrhaftiger Erfolg? Ich würde sagen, ein Princeton, ein Stanford und ein Yale gibt es bereits – ein katholisches Pendant dazu brauchen wir nicht. 
Was die Kirche hingegen braucht, ist eine Universität, die die Herrlichkeit Gottes in ein Zeitalter hinein ausstrahlt, das vergessen hat, was es heißt, Mensch zu sein. Was das Volk Gottes heute braucht, ist eine Universität, die die Freude, die Franziskus ausstrahlt, mit der intellektuellen Brillanz Benedikts und dem Mut, der Redlichkeit und Menschlichkeit des großen Johannes Paul vereint. 
Zu Beginn meiner Anmerkungen sprach ich davon, dass die Aufgabe, das Leben unserer Nation zu erneuern, eine neue Art von Menschen erfordert. Dass diese Aufgabe erfordert, dass wir neue Menschen sind. Václav Havel schrieb einmal, die Macht der machtlosen bestehe nicht in klugen politischen Strategien, sondern in der schlichten täglichen Disziplin, in der Wahrheit zu leben und sich den Lügen zu verweigern. Um mit dieser Arbeit zu beginnen, gibt es gewiss keine bessere Gelegenheit als hier und jetzt." 


Dienstag, 20. September 2016

Hass macht blind

Wie bereits angekündigt, war ich in diesem Jahr zum fünften Mal in Folge beim Marsch für das Leben. Einige meiner Freunde und Bekannten haben kein Verständnis für dieses Engagement. Mir ist es aber wichtig -- so wichtig, dass ich keine Rücksicht darauf nehmen kann, ob es mir jemand übel nimmt. Ich gehe davon aus, dass Jene, die den Marsch für das Leben ablehnen, einfach eine sehr verzerrte Vorstellung von dieser Veranstaltung haben - bzw. davon, wofür sie steht. In besonderem Maße gilt das natürlich für jene, die sich aktiv an Protesten und/oder Sabotageakten gegen den Marsch beteiligen; doch dazu später. 

Cooles Shirt. Will ich auch! 
Wer die Ordner kennt, kriegt auch schnell mal ein Schild in die Hand gedrückt. 

Erst einmal zum diesjährigen Marsch. Wie war's denn da so? -- Gut war's! Sehr gut sogar. Die Angaben zur Teilnehmerzahl schwanken je nach Quelle zwischen 6.000 und über 7.500; im Vorjahr war von 5.000-7.000 Demonstranten die Rede. Natürlich basieren alle diese Zahlen nur auf Schätzungen, aber sehr viele waren es allemal. Als erfreulich festzuhalten ist auch die wachsende Unterstützung durch hochrangige Vertreter der Katholischen Kirche: Nachdem im letzten Jahr mit Rudolf Voderholzer (Regensburg) erstmals ein deutscher Diözesanbischof und zudem zwei Weihbischöfe aus Deutschland (Matthias Heinrich, Berlin, und Thomas Maria Renz, Rottenburg-Stuttgart) und einer aus Österreich (Andreas Laun, Salzburg) beim Marsch dabei gewesen waren, waren es diesmal insgesamt fünf katholische Bischöfe: Bischof Voderholzer und Weihbischof Heinrich nahmen erneut teil, außerdem die Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp (Köln) und Florian Wörner (Augsburg) sowie erstmals auch der Berliner Erzbischof, Heiner Koch. 



Martin Lohmann und eine Gruppe Jugendlicher



Musik gab's von der Gruppe "Gnadensohn"




Bischof Voderholzer, etwas unscharf wegen der großen Entfernung und des schlechten Lichts... 

Erzbischof Koch, dito. 

Bei der vom Vorsitzenden des Bundesverbands Lebensrecht, Martin Lohmann, moderierten Auftaktkundgebung sprachen neben den Bischöfen Voderholzer und Koch unter anderem auch Prof. Paul Cullen, Vorsitzender der "Ärzte für das Leben", Hubert Hüppe, Mitglied des Bundestages (CDU) und stellvertretender Bundesvorsitzender der Christdemokraten für das Leben, Alexandra Maria Linder, Vorsitzender der "Aktion Lebensrecht für Alle", Mechthild Löhr, Bundesvorsitzende der Christdemokraten für das Leben, und Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz. Die beeindruckendsten Redebeiträge kamen jedoch wie schon in den letzten Jahren erneut von solchen Personen, die kein nennenswertes Amt bekleiden, dafür aber ein persönliches Zeugnis aus eigener Lebenserfahrung abgaben. Dazu gehörte die Mutter eines schwer behinderten Kindes, das bereits zehn Minuten nach der Geburt starb; eine Frau, die in jüngeren Jahren abgetrieben hat und dies später zutiefst bereut hat; und eine Frau, die fünf Jahre lang ihren todkranken Mann gepflegt hat. Als sehr bewegend empfand ich nicht zuletzt den Auftritt einer jungen Frau, die in schlichten Worten über ihr tägliches Leben, ihren Berufsalltag als Schreibkraft bei der Verkehrspolizei, ihre Hobbies und ihr Verhältnis zu ihrer Familie, ihren Freunden und Kollegen sprach. Alles sehr normal und unspektakulär, aber genau darum ging's - denn diese junge Frau ist mit Trisomie 21, auch bekannt als "Down-Syndrom", zur Welt gekommen. Mit einer Chromosomenanomalie also, die durch pränatale Untersuchungen diagnostiziert werden kann -- und in den allermeisten Fällen führt diese Diagnose dazu, dass das betroffene Kind abgetrieben wird. Wenn man nun diese sympathische und lebensfrohe junge Frau auf der Bühne sah und ihr zuhörte, konnte man wohl kaum begreifen, wie jemand der Meinung sein kann, Menschen mit einer Behinderung wie der ihren sollten besser gar nicht erst geboren werden. 

Ich sollte an dieser Stelle erwähnen, dass ich in meinem Zivildienst vor gut 20 Jahren mehrere Kinder mit Trisomie 21 zu betreuen hatte. Ich habe diese Kinder als ausgesprochen liebevoll und lebensfroh kennengelernt, und dasselbe berichten auch viele andere Betreuer, Familienangehörige und Freunde von Menschen mit Trisomie 21. Gleichzeitig kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass die durch diese Chromosomenanomalie verursachten körperlichen und geistigen Einschränkungen individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können. Eine nicht seltene Begleiterscheinung von Trisomie 21 ist ein Herzfehler, hinzu kommt oft ein erhöhtes Infektionsrisiko und eine allgemeine körperliche und geistige Entwicklungsverzögerung. Ohne Zweifel stellt es eine besondere Herausforderung dar, ein Kind mit einer solchen Behinderung aufzuziehen. Es ist daher durchaus verständlich, dass viele Eltern, wenn sie während der Schwangerschaft die Diagnose erhalten, ihr Kind habe Trisomie 21, verunsichert sind und fürchten, sie könnten mit einem solcherart behinderten Kind überfordert sein. Umso verheerender ist es, wenn diesen Eltern als vermeintlich einfachste "Lösung" nahegelegt wird, sie könnten das Kind ja abtreiben. Not täte es vielmehr, den Eltern kompetente Beratung zu den besonderen Bedürfnissen von Kindern mit Trisomie 21 und praktische Unterstützung bei den zu erwartenden Schwierigkeiten anzubieten. Fühlen sich die Eltern dennoch nicht in der Lage, ein behindertes Kind aufzuziehen, gibt es immer noch Adoptiveltern oder Pflegefamilien, die dem Kind ein liebevolles Zuhause bereiten können. 

Aber zurück zur Kundgebung! Wer manchen Medienberichten im Vorfeld, vor allem aber den Mobilisierungsaufrufen zu den Gegenprotesten des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung, der Initiative "Marsch für das Leben? What the Fuck!" und ähnlicher Gruppierungen glaubte, der hätte eigentlich annehmen müssen, von der vor dem Reichstag aufgebauten Bühne herab würde nicht nur eine drakonische Verschärfung des Abtreibungsstrafrechts gefordert werden, sondern es würde obendrein auch noch gegen Homo- und Transsexuelle gewettert, die bürgerliche Kleinfamilie als einzig legitimer Lebensentwurf propagiert und womöglich auch noch das Gespenst des "Volkstods" an die Wand gemalt werden, oder was nicht noch alles. Von alledem war jedoch keine Rede - im Gegenteil: Immer wieder war vom bedingungslosen Lebensrecht und der unterschiedslosen Menschenwürde aller Menschen die Rede,  und statt Verurteilungen, Verdammungen und Forderungen nach Strafe wurde betont, man müsse Menschen in Konfliktsituationen Mut machen, sich für das Leben zu entscheiden. Wozu natürlich Worte allein nicht ausreichen - es sind auch ganz konkrete praktische Hilfen notwendig. Auch dazu gab es in den verschiedenen Redebeiträgen Einiges zu hören.  

Hier ist nun allerdings auf der Seite der Gegner des Marsches ein gewisses Verschwörungsdenken in Rechnung zu stellen. Man glaubt den Lebensschützern einfach nicht, dass sie das, was sie sagen, auch so meinen; man unterstellt ihnen vielmehr, sie würden ihre wahren Absichten lediglich hinter wohlklingenden Worten verstecken. Sofern diese überhaupt zur Kenntnis genommen werden, heißt das. -- Recht bezeichnend fand ich in diesem Zusammenhang eine Begegnung am Abend vor dem Marsch für das Leben - als ich bei der vom Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung angekündigten, gegen einen Vortrag der "Demo für Alle"-Organisatorin Hedwig von Beverfoerde gerichteten "Mahnwache" vor der Bibliothek des Konservatismus vorbeiging. Einige Demonstrantinnen hatte ich bereits einige Tage zuvor bei einer Veranstaltung im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung getroffen, über die ich bereits berichtet habe, und sie erkannten mich ebenso wieder wie ich sie; und eine dieser Frauen hielt mir einen Drahtkleiderbügel vor die Nase, an dem ein Flyer befestigt war. Ob ich wisse, was das sei, fragte sie mich süffisant - und ob ich wisse, wofür das stehe. Ich bejahte. Zu einer längeren Auseinandersetzung darüber fehlte mir in diesem Moment schlicht die Geduld, aber ich fand (und finde), dass die Verwendung dieses Kleiderbügels als Symbol, das den Lebensschützern im wahrsten Sinne des Wortes vorgehalten wird, einen fundamentalen Denkfehler offenbart - oder, wenn man so will, ein Missverständnis: nämlich die Auffassung, wer gegen legale und medizinisch professionell durchgeführte Abtreibungen sei, der fördere damit automatisch illegale und nicht medizinisch professionell durchgeführte Abtreibungen. Die natürlich weit gefährlicher für die Mutter sind. Zugegeben: Als ich schon wieder auf dem Heimweg war, ging mir durch den Kopf, dass dieses Kleiderbügelsymbol in gewissem Sinne durchaus eine ernst zu nehmende Mahnung beinhaltet. Nämlich die, dass man das Problem Abtreibung nicht allein und nicht in erster Linie auf strafrechtlichem Wege angehen kann. Wenn und solange Frauen eine ungewollte Schwangerschaft als eine existentielle Notlage empfinden, ist Strafandrohung schlichtweg keine Hilfe, weder für die Schwangere noch für ihr Kind. Aber dessen ist sich die Lebensschutzbewegung auch ohne solche plakativen Mahnungen sehr wohl bewusst - deshalb setzt sie gerade nicht darauf, strenge und unnachsichtige Strafen für Frauen zu fordern, die abtreiben, sondern vielmehr darauf, ein Bewusstsein für den Wert und die Würde jedes Lebens zu wecken. Pointiert gesagt ist ihr Ziel nicht, durchzusetzen, dass Frauen nicht abtreiben dürfen, sondern dafür zu sorgen, dass Frauen nicht abtreiben wollen. Diese Schwerpunktsetzung ging aus den Wortbeiträgen auf der Kundgebung deutlich genug hervor - aber die wollten die Gegendemonstranten ja nicht hören, sondern gaben sich stattdessen alle Mühe, sie mit Trillerpfeifen und Gebrüll zu übertönen. 

Und dann ist da natürlich noch das leidige Thema der Teilnahme von AfD-Politikern am Marsch für das Leben. Für mein Empfinden liegt eine gewisse bittere Ironie darin, dass diese Beteiligung eigentlich gar nicht groß aufgefallen wäre, wenn sie nicht im Vorfeld so skandalisiert worden wäre. Dass AfD-Parteisprecher Ronald Gläser mitten im Berliner Abgeordnetenhaus-Wahlkampf vollmundig die Unterstützung seiner Partei für den Marsch für das Leben bekundete, empfand ich (und sicher nicht nur ich) durchaus als ärgerlich, aber man hätte es ignorieren können - schließlich sind Parteilogos, -banner und -plakate und parteipolitische Äußerungen auf dem Marsch und der Kundgebung nicht zugelassen. AfD-Mitglieder wären so zu sagen nur als Privatleute auf der Demonstration zugegen gewesen (was man ihnen nicht verwehren kann) und nicht als Repräsentanten ihrer Partei. Einige Medienberichte und einige Slogans der Gegendemonstranten erweckten dagegen den Eindruck, der ganze Marsch für das Leben sei eine Wahlkampfveranstaltung der AfD. Was umso absurder wirkt, wenn man an die Anti-TTIP-Demo denkt, die zeitgleich mit dem Marsch für das Leben stattfand: Die AfD ist nämlich auch gegen TTIP, was aber wohl kaum einen linken Aktivisten davon abgehalten haben wird, sich zu diesem Anliegen zu bekennen... 

Bei alledem muss man allerdings sagen, dass sich die Störungen durch Gegendemonstranten in diesem Jahr, verglichen mit den Vorjahren, doch eher in Grenzen hielten. Was zu einem großen Teil natürlich den 1.300 Polizisten zu verdanken war, die die Veranstaltung absicherten. Man mag spekulieren, dass insbesondere der AK Codename Kot mit seinem Aufruf, dem Marsch für das Leben mit Hilfe von Stinkbomben, verdorbenen Lebensmitteln und anderen übelriechenden Substanzen "in einen stinkenden Sündenpfuhl zu verwandeln", eher ein Eigentor geschossen hat -- denn möglicherweise hat gerade dieser Aufruf dazu beigetragen, dass die Polizei diesmal darauf setzte, den Demonstrationszug wirklich sehr weiträumig von den Gegenprotesten abzuschirmen. Die gegenüber den Vorjahren geänderte Route - vom Reichstag an der Charité vorbei zur Friedrichstraße und wieder zurück - tat ein Übriges: Die weitaus größte Zahl an Gegendemonstranten war zu sehen und vor allem zu hören, während der Marsch direkt am Spreeufer entlangzog - und da befanden sich die Gegner auf dem anderen Ufer. 




Trotzdem bekam man von den Gegenprotesten natürlich Einiges mit. Schon während der Auftaktkundgebung gelang es einigen Störern, sich unter die Teilnehmer des Marsches zu mischen; einer von ihnen versprühte, dem Codename Kot-Aufruf gemäß, aus zwei Spraydosen stinkendes Zeug, aber meine Liebste hatte vorgesorgt und reichte in unserer unmittelbaren Umgebung ein Gläschen mit Tigerbalsam herum, den man sich unter die Nase schmieren und so den Gestank überdecken konnte. Allzu lange hielt das Stinkgas unter freiem Himmel ohnehin nicht vor. Auch im weiteren Verlauf drangen immer mal wieder vereinzelt Störer in die Reihen der Lebensschützer ein und brüllten dort ihre aus früheren Jahren sattsam bekannten, teils völlig sinnfreien, teils mit dem Anliegen des Marsches in keinem Zusammenhang stehenden und zu einem großen Teil lediglich obszönen Parolen. Und auch aus der Entfernung hatten sie es bei einem Schweigemarsch naturgemäß nicht schwer, sich hörbar zu machen. In besonders unschöner Weise fiel das auf, als während der Kundgebung zu einer Schweigeminute für die getöteten Ungeborenen aufgerufen wurde: Die Zaungäste füllten diese Minute mit einem schrillen Pfeifkonzert aus. Auch und besonders der ökumenische Abschlussgottesdienst, der wie die Auftaktkundgebung auf dem Platz vor dem Reichstag stattfand, wurde lautstark gestört. (Wobei, immerhin sorgten die Protestierer auf diese Weise für gute Musik beim Abschlussgottesdienst. Insbesondere die eher dröge und vor allem viel zu lange Predigt des evangelischen Pfarrers Werner Neuer gewann erheblich durch das von der Gegendemo beigesteuerte funky Bass-Riff. Okay, okay, Spaß beiseite. Ich werde gleich wieder ernst.)

Wenngleich die Gegendemonstranten den Marsch für das Leben in diesem Jahr also Alles in Allem gar nicht so sehr störten - wesentlich weniger jedenfalls, als sie es sich selbst zweifellos gewünscht hätten -, macht es doch zumindest mich jedes Jahr aufs Neue ausgesprochen betroffen, junge Menschen (die meisten von ihnen sind sehr jung) zu sehen, die so voller Hass und Erbitterung sind, so verquere Vorstellungen von Freiheit und Recht, von Gut und Böse haben, dass sie eine ausgesprochen friedliche Demonstration, die niemandem etwas Böses will - im Gegenteil! -, als einen Feind ansehen, den es zu bekämpfen gelte. Die dermaßen verblendet sind, dass sie - wie im Nachhinein auf Facebook zu lesen war - in einem bunten und, gemessen am traurigen Anlass, relativ gut gelaunten, ja sogar heiteren Zug von Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Herkunft, darunter viele Jugendliche, junge Familien, aber auch Senioren, chronisch Kranke und Behinderte, nichts Anderes sehen als einen Aufmarsch zorniger alter weißer Männer. Besonders auffällig war - wenngleich man auch das schon aus früheren Jahren kennt - die fanatische Gegnerschaft der Protestierer gegen das Christentum. Das zeigte sich einerseits darin, dass gerade der abschließende Gottesdienst in besonderem Maße zur Zielscheibe von Störungsversuchen wurde, andererseits in der blasphemischen Ausrichtung vieler der gebrüllten Parolen und gezeigten Plakate (ich möchte hier nicht ins Detail gehen). Dass es eine solche Aggressivität hervorruft, wenn Christen sich in einer öffentlichen Demonstration zu ihrem Glauben bekennen, ist mir eigentlich unverständlich; denn dieses Bekenntnis bedeutet schließlich nicht, dass der Glaube irgendwem aufgezwungen werden soll. Im Gegenteil, gerade das Christentum legt von jeher größten Wert auf die freie Entscheidung jedes Einzelnen. Dass ein öffentliches Bekenntnis zum christlichen Glauben dennoch als eine so starke Provokation empfunden wird, gibt zu denken - man könnte auf die Idee kommen, dass diejenigen, die dieses Bekenntnis niederzubrüllen versuchen, damit nicht zuletzt auch ihre eigenen Zweifel zum Schweigen bringen wollen, ob nicht doch etwas Wahres daran sein könnte.

Sicherlich ist dieser ausgeprägt antichristliche Charakter der Proteste nicht zuletzt dadurch bedingt, dass der Marsch für das Leben nach Meinung der Lebensschutz-Gegner - wie man in den einschlägigen Mobilisierungsaufrufen nachlesen kann - für eine als restriktiv empfundene christliche Sexualmoral steht. Zwar hat das tatsächliche Anliegen des Marsches - das ist, wiederholen wir es ruhig noch einmal, der Einsatz für den Wert und die Würde jedes menschlichen Lebens - bestenfalls am Rande bzw. indirekt etwas mit Sexualmoral zu tun, aber nehmen wir ruhig erst einmal zur Kenntnis, dass die Gegner das anders wahrnehmen. Und dass man am Rande des Marschs für das Leben einer Vielzahl überwiegend junger Menschen begegnet, die die christliche Lehre lediglich als etwas wahrnehmen, das sie in ihrer Freiheit einschränken will - und sei es nur die Freiheit, sich selbst und Andere zu zerstören -, ist ja etwas, das auch über den konkreten Anlass hinaus zu denken geben sollte. Als Christen müssen wir uns da durchaus fragen (lassen): Was tun wir eigentlich dafür, dass Außenstehende die christliche Sexuallehre - wie sie etwa der Hl. Papst Johannes Paul II. in seinen Katechesen zur "Theologie des Leibes" eindrucksvoll dargelegt hat - nicht als eine repressive "Verbotsmoral" wahrnehmen, sondern vielmehr als einen Weg zu einer erfüllten und erfüllenden, kurz: heilen Sexualität? Da gibt es zweifellos Kommunikationsdefizite -- wenngleich man anerkennen muss, dass jedes Bemühen um Kommunikation an seine Grenzen stößt, wenn der Adressat von vornherein nicht bereit ist, zuzuhören. Aufgeben darf man diese Menschen aber trotzdem nicht. Mindestens kann man für sie beten. Das, denke ich, ist dringend notwendig. 

(Davon abgesehen gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass allein der krasse Kontrast zwischen friedlichem Schweigemarsch hier und hasserfülltem Gebrüll dort den einen oder anderen Mitläufer der Gegenproteste doch einmal daran zweifeln lässt, ob er wirklich auf der richtigen Seite steht...)

*****

P.S.: Am Rande des Abschlussgottesdienstes wurden meine Liebste und ich vom katholischen Fernsehsender EWTN interviewt:


Und hier noch einige Links zu anderen Berichten vom diesjährigen Marsch für das Leben:




Ach ja, und nicht zu vergessen: Zeitgleich fand auch in Bern der Schweizer "Marsch für's Läbe" statt. Einen schönen Bericht gibt's hier:





Mittwoch, 14. September 2016

Der Countdown läuft!

Nur noch wenige Tage, dann wird in Berlin mal wieder Einiges los sein: Am Samstag, dem 17. September, findet der 12. Marsch für das Leben statt - für mich persönlich ist es der fünfte. Los geht's um 13 Uhr mit einer Auftaktkundgebung vor dem Reichstag. Für 13:30 Uhr ist am Brandenburger Tor die offizielle Gegenkundgebung des von diversen Politikern der SPD, der Linken und der Grünen unterstützten Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung angemeldet; bereits um 12 Uhr trifft sich am Anhalter Bahnhof das "antifaschistische und genderqueere" Bündnis "Marsch für das Leben? What the Fuck?", das, wie man nach den Erfahrungen der letzten Jahre wohl sagen kann, hauptsächlich darauf setzt, gewaltbereite Linksradikale dazu zu mobilisieren, den "Fundi-Aufmarsch" zu "verhindern" bzw. zu blockieren. 

Das ist aber noch nicht alles. Ebenfalls am 17. September ist eine bundesweite Großdemonstration gegen die Handelsabkommen TTIP und CETA geplant, in sieben deutschen Großstädten, darunter auch Berlin. Der Berliner Zweig der Demo beginnt um 12 Uhr am Alexanderplatz. Wenngleich, wie ich gehört habe, durchaus auch Kirchengemeinden für diese Großdemonstration geworben haben, kann man vermutlich davon ausgehen, dass die Gleichzeitigkeit von Marsch für das Leben und Anti-TTIP-Demo vor allem für die linken Protestierer eine problematische Terminkollision bedeutet; dazu später noch etwas mehr. 

Aber auch damit nicht genug: Am 17. September ist in Berlin außerdem die 5. Lange Nacht der Religionen, und die Auftaktveranstaltung zu diesem Event beginnt auch schon um 13 Uhr - am Gendarmenmarkt. Noch vor der eigentlichen Eröffnung, um 12:30 Uhr, gibt es dort ein interreligiöses Gebet, veranstaltet von der Französischen Gemeinde und der Sufi-Bewegung. Es wird eng in Berlins Mitte. 

Aber zurück zum Marsch für das Leben: Inzwischen haben einige katholische Bischöfe ihre Teilnahme zugesagt, allen voran der Regensburger Oberhirte Rudolf Voderholzer, der bereits im vergangenen Jahr mit von der Partie war. Ebenfalls kommen wird der Augsburger Weihbischof Florian Wörner, was gar so überraschend nicht ist, da sogar Tante Wiki weiß, dass dieser "der internationalen katholischen Jugendbewegung 'Jugend 2000' nahe[steht]" - einer Organisation, die sich stark für das Anliegen des Lebensschutzes engagiert und Busfahrten zum Marsch für das Leben organisiert. Dass, wie aus einer bereits am 5. September über den Presseverteiler des Erzbistums Berlin verbreiteten Terminübersicht für Kalenderwoche 37 hervorgeht, auch der Berliner Erzbischof Heiner Koch am Marsch teilnehmen wird, blieb in der Öffentlichkeit zunächst weitgehend unbeachtet, bis die Facebook-Seite des Erzbistums am 9. September meldete
"Papst Franziskus wird Grüße übermitteln, Erzbischof Dr. Koch geht mit und wir alle sind eingeladen, für das Leben einzutreten".
Nachdem verschiedene Medien, bis hin zu Radio Vatikan, diese Meldung aufgegriffen und dabei besonderes Augenmerk auf die Grüße vom Papst gelenkt hatten, sah sich das Erzbistum am 13. September veranlasst, zurückzurudern: "Zum Marsch für das Leben am Samstag kommt Erzbischof Koch. Bei den Grüßen des Papstes waren wir offenbar etwas voreilig." Nun, immerhin hat Papst Franziskus im letzten Jahr persönliche Grüße an den Marsch für das Leben übermitteln lassen, und man kann wohl davon ausgehen, dass diese Grußbotschaft inhaltlich nach wie vor gültig ist; ob es ein neues Grußwort geben wird, bleibt noch abzuwarten. 

Derweil äußerte sich Erzbischof Koch in einem Interview mit der Bistumszeitung Tag des Herrn, das in der Ausgabe vom kommenden Sonntag erscheinen wird, auch zu den aggressiven Gegenprotesten zum Marsch für das Leben, die nach den Erfahrungen der letzten Jahre und nach einschlägigen Mobilisierungsaufrufen auch in diesem Jahr wieder zu erwarten sind. Erzbischof Koch erklärte, er habe dies in einem Gespräch mit der Vorsitzenden der Partei Die Linke, Katja Kipping, thematisiert -
"weil die Linkspartei federführend zu den Protesten aufgerufen hatte. Ich denke, dass die Sensibilität für Gewalt in diesem Jahr gesellschaftlich und politisch gewachsen ist. Mein erstes Jahr in Berlin war auch geprägt von Terror-Attacken und Gewalt, auch im Zusammenhang mit Religionen, und der Sorge, dass diese Entwicklung noch stärker auf uns übergreift [...]. Ich hoffe, dass diese Debatten sensibler gemacht haben, dass wir gewaltfrei miteinander umgehen." 
Eine explizite Distanzierung vom Marsch für das Leben kam hingegen von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO): Deren Sprecher Christoph Heil erklärte, die Kirchenleitung "lehne eine Unterstützung ab": "Anders als der Bundesverband Lebensrecht, der den Marsch verantwortet, stehe die Kirche für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Gewissensentscheidung von Frauen und Paaren unterstütze". Den Veranstaltern des Marschs für das Leben wurde vorgeworfen, ihre Positionen in einer "aggressiven Art und Weise" zu vertreten. -- Diese Stellungnahme stieß auf massive Kritik, etwa vom Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, Hartmut Steeb, der betonte, "[d]as menschliche Leben stehe von Anfang an unter dem Schutz Gottes. Deshalb könne eine Kirche, die sich diesem Auftrag verpflichtet sehe, nicht für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung eintreten, sondern nur für ein klares Ja zum Kind." Auch der Prediger Ulrich Parzany, Vorsitzender des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, kritisierte die Stellungnahme der EKBO scharf: "Das werden die Verantwortlichen vor Gott verantworten müssen." Parzany, der im letzten Jahr eine sehr engagierte Ansprache bei der Auftaktkundgebung zum Marsch für das Leben hielt, ist in diesem Jahr leider verhindert, hat aber ein Grußwort verfasst, in dem er betont: "Wir dürfen nicht schweigend hinnehmen, dass massenhaft ungeborene Kinder getötet werden". Hingegen erschien auf dem Blog TheoPop ein von Fabian Maysenhölder verfasster Artikel mit dem Titel "Drei Gründe gegen den 'Marsch für das Leben'", der sich der Position der EKBO anschließt und deren Kritik sogar noch verschärft. Dazu wird weiter unten noch mehr zu sagen sein; eine kraftvolle und präzise Erwiderung auf diesen Artikel findet sich jedenfalls hier.

Und nun das Neueste: Gestern Abend - am Dienstag, dem 13. September - fand im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Vortrags- bzw. Diskussionsveranstaltung unter dem Motto "Gegen Lebensschutz von rechts" statt; in der Ankündigung hieß es u.a.: 
"Diese 'Lebensschützer' wollen im Kern Mädchen und Frauen* jedes Recht auf Selbstbestimmung nehmen. Darüber hinaus stellen sie sich gegen die Vielfalt von Lebensentwürfen, sexuellen Orientierungen oder geschlechtlichen Identitäten. Sie hetzen gegen eine inklusive, Diversität lebende Gesellschaft und bedrohen mit dieser Haltung Lebensweisen statt sie zu schützen. Diesem reaktionären Aufmarsch und dem wachsenden gesellschaftspolitischen Einfluss christlicher Fundamentalist_innen und Parteien wie der AfD müssen queer- feministische, linke progressive Positionen sich entgegenstellen; politisch-inhaltlich und ganz praktisch auf der Straße." 
Nun war ich ja schon im letzten Jahr mit ein paar Versuchen, im Vorfeld des Marschs für das Leben Mobilisierungsveranstaltungen der Gegenseite zu besuchen, wenig erfolgreich gewesen, sagte mir aber: Eine Institution wie die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist doch eine andere Hausnummer als irgendein autonomes Kneipenkollektiv in Kreuzberg oder Neukölln, da sollte man davon ausgehen können, dass da andere Gepflogenheiten herrschen. Zudem kann ich mir nach wie vor nicht vorstellen, dass ich als kleiner Blogger derart bekannt im "feindlichen Lager" bin, dass das Einlasspersonal sämtlicher einschlägiger Veranstaltungen vorsorglich mit Steckbriefen von mir ausgestattet wird. 

Also ging ich hin, war aber dennoch alles Andere als sicher, ob man mich reinlassen würde. tatsächlich war ich - um Helge Schneider zu zitieren - "als erste Frau am Strand" und bestellte mir erst mal ein Bier. Es war erfreulich billig. Sozialistische Preise eben. 

Je näher der Beginn der Veranstaltung rückte und je länger niemand Anstalten machtem mich zu enttarnen und meinen Ausschluss von der Veranstaltung zu fordern, umso banger fragte ich mich: Was mache ich eigentlich, wenn sie mich nicht rausschmeißen? Dann muss ich mir den ganzen Quatsch ja tatsächlich anhören, zwei Stunden lang! Aber dann wurde die Veranstaltung doch wesentlich interessanter, als ich sie mir vorgestellt hatte. Nach einer Begrüßung durch Katharina Pühl, wissenschaftliche Referentin für feministische Gesellschafts- und Kapitalismusanalyse, wurde erst einmal ein knapp sechsminütiger Film über den letztjährigen Marsch für das Leben gezeigt - oder genauer gesagt, über die Gegenproteste, denn vom Marsch selbst war im Film nicht viel zu sehen. Stattdessen wurde die Sitzblockade Unter den Linden ausführlich "gewürdigt", und außerdem gab es zahlreiche Kurzinterviews mit Gegendemonstranten bzw. -innen, darunter zwei junge Mädchen, die sich als Hexen verkleidet hatten. Die Wahl ihres Kostüms begründeten sie damit, dass Hexen "historisch ein Symbolbild für Gewalt [seien], die sich spezifisch gegen Frauen gerichtet hat, die sich gegen eine christlich-fundamentalistische Moral aufgelehnt haben und für sexuelle Freiheit eingetreten sind". Äh, ja. Bzw. nein. Symbolbild gut und schön, aber historisch ist daran nun so gut wie gar nichts.

Anschließend folgte der erste Vortrag des Abends - von Ines Scheibe, Schwangerenkonfliktberaterin beim Humanistischen Verband und  Repräsentantin des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung. Und okay, die Frau ist ziemlich furchtbar. Es gibt unter den Gegnern der Lebensschutzbewegung ja solche, deren Standpunkt man mit "Abtreibung ist nicht schön, muss aber (legal) möglich sein" umschreiben könnte; und dann gibt es solche, die Abtreibung richtig prima finden. Ines Scheibe gehört unzweifelhaft zu Letzteren. Dass es möglicherweise legitime Gründe geben könnte, gegen Abtreibung zu sein - etwa, weil dabei Menschen getötet werden - kam bei ihr nicht einmal als Gedanke vor; stattdessen konstatierte sie, in der Abtreibungsfrage gehe es "um die Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen". In einem historischen Überblick über den feministischen und sozialistischen Kampf um ein Recht auf Abtreibung erklärte sie, im Verbot des Schwangerschaftsabbruchs zeige sich exemplarisch die "mehrfach gespaltene Moral kapitalistisch-patriarchalischer Verhältnisse"; während es insbesondere "in den sozialistischen Staaten nach dem II. Weltkrieg" positive Entwicklungen gegeben habe, sei das Abtreibungsstrafrecht in der westlichen Welt (mit Ausnahme Kanadas) noch immer von "Resten der aus der Monarchie stammenden christlichen Bevormundung" von Frauen geprägt; diese seien "absolut willkürlich und aus Sicht der Menschenrechte eine totale Entmündigung der Frauen". In den Entwicklungsländern, so Frau Scheibe, sei die Situation noch schlechter, denn dort herrschten "immer noch die mittelalterlichen [!] Moralvorstellungen der ehemaligen Kolonialmächte". Es sei eine "grundlegende Frage der Gleichstellung der Geschlechter", sich für eine vollständige Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs einzusetzen.

Mit Blick auf die Entwicklung der Lebensschutzbewegung sagte Frau Scheibe, als ab 2002 die ersten Märsche für das Leben stattfanden, hätte es auf der Linken teilweise die Auffassung gegeben, man brauche diese gar nicht ernst zu nehmen und solle "diese Ewiggestrigen nicht durch Proteste aufwerten". Ab etwa 2005 sei jedoch eine "Änderung des gesellschaftlichen Klimas" zum Thema Abtreibung spürbar geworden, auf die im Jahr 2009 mit der Gründung der "AG sexuelle Selbstbestimmung" reagiert worden sei. Diese Arbeitsgemeinschaft habe u.a. Proteste gegen den Papstbesuch im Jahr 2011 organisiert. Die Sitzblockade gegen den Marsch für das Leben 2015 bewertete Frau Scheibe als "großen Erfolg".

So schwer es an manchen Stellen dieses Vortrags fiel, die Contenance zu wahren, so ermutigend war doch die Feststellung, dass Frau Scheibe die Lebensschutzbewegung offenbar als eine ernst zu nehmende Gefahr für ihr Anliegen betrachtet. Zur angesprochenen "Änderung des gesellschaftlichen Klimas" teilte sie aus ihrer Praxis als Schwangerenkonfliktberaterin mit, in den letzten Jahren komme es immer öfter vor, dass Frauen moralische Bedenken gegenüber einer Abtreibung äußerten, weil diese ja bedeute, zu töten. "So etwas habe ich in den 90er Jahren nie gehört!", ereiferte sie sich. 


Im direkten Anschluss an Frau Scheibes Vortrag wurde zwar keine Diskussion zugelassen - die sollte es erst am Schluss geben -, wohl aber konkrete Nachfragen zu einzelnen Punkten des Referats. Das nutzte ich zu folgender Wortmeldung:
"Ich habe eine Nachfrage zur Forderung nach völliger, ersatzloser Abschaffung des § 218. Es gab ja in den 1970er und erneut in den 1990er Jahren Versuche seitens des Deutschen Bundestages, den § 218 im Sinne einer reinen Fristenregelung zu reformieren; da intervenierte jeweils das Bundesverfassungsgericht mit der Begründung, das ungeborene Kind habe ein Recht auf Leben, das der Staat schützen müsse. Nun ist es natürlich nicht auszuschließen, dass das Bundesverfassungsgericht in Zukunft einmal anders entscheiden könnte; trotzdem meine Frage an Sie als Vertreterin des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung: Wie stehen Sie zu der Frage des Lebensrechts des Kindes? Ab welchem Zeitpunkt würden Sie dem Kind ein eigenständiges Recht auf Leben zugestehen - ab der Geburt, ab dem Zeitpunkt, ab dem es theoretisch außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre, oder ab einem anderen Zeitpunkt?" 
Frau Scheibe antwortete knapp, eigenständige Rechte seien einem Kind ab der Geburt zuzugestehen. Darauf wäre vielleicht noch Mancherlei zu erwidern gewesen, aber eine Diskussion war ja an diesem Punkt der Veranstaltung nicht erwünscht bzw. vorgesehen, also sagte ich lediglich: "Danke."

Anschließend erhielt Eike Sanders vom "Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum" Apabiz e.V.  das Wort. Frau Sanders (da, wo ich herkomme, ist "Eike" ein Männername, aber dafür kann sie ja nichts) ist u.a. Co-Autorin des Buches Deutschland treibt sich ab, einer Studie über "[o]rganisierte[n] Lebensschutz, christliche[n] Fundamentalismus und Antifeminismus"; sie hat sich somit - im Sinne einer, wie sie sagte, "klassischen antifaschistischen Recherchearbeit" - intensiv mit Positionen der Lebensschutzbewegung befasst und, wie sie einleitend erklärte, dabei in hohem Maße "Primärquellen", also Selbstaussagen von Lebensschutzorganisationen und -aktivisten, ausgewertet. Und das merkt man ihrem Vortrag an: Natürlich lässt auch Frau Sanders keinen Zweifel daran, dass sie die Lebensschutzbewegung als Gegner betrachtet; aber umso lobender muss man hervorheben, dass sie genug intellektuelle Redlichkeit und wissenschaftliche Seriosität mitbringt, um ein recht differenziertes und - cum grano salis betrachtet - weitgehend zutreffendes Bild dieser Bewegung zu zeichnen. Wesentlich differenzierter und zutreffender jedenfalls als dasjenige, das EKBO-Sprecher Heil oder TheoPop-Blogger Fabian Maysenhölder verbreiten. -- Ein paar Beispiele gefällig?

- Fabian Maysenhölder behauptet auf TheoPop, die Teilnehmer am Marsch für das Leben befleißigten sich eines aggressiven Vokabulars - als Beispiel nennt er den Begriff "Babycaust", der "eine unsägliche Verharmlosung des Nationalsozialismus" darstelle -; "Frauen, die eine Abtreibung hinter sich haben", würden "pauschal verurteilt": "Wie kann man ernsthaft erwarten, dass jemand, den man als „Mörderin“ oder als „Beteiligte an einem zweiten Holocaust“ bezeichnet, sich Begleitung ausgerechnet bei denen sucht, die sie [...] so titulieren? Das ist bestenfalls schizophren." Dagegen stellt Eike Sanders fest, beim Berliner Marsch für das Leben  werde besonders in den letzten Jahren auf eine "positive Sprache" Wert gelegt; Frauen, die abgetrieben haben, würden nicht verdammt, sondern im Gegenteil als Mitgefühl und Hilfe verdienend dargestellt: "Es ist immer die Rede davon, dass jede Abtreibung zwei Opfer hat - das Kind und die Mutter."

- Weiter heißt es auf TheoPop,  die "Veranstalter des Schweigemarsches" forderten, ihre Position "mittels Verboten anderen aufzuzwingen". Eike Sanders führt hingegen aus, die Lebensschutzbewegung in Deutschland ziele - ähnlich wie auch in den USA und Italien - weniger auf "restriktive Gesetze" ab als vielmehr auf einen Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit.

Sehr bemerkenswert fand ich auch Eike Sanders' Ausführungen zum Verhältnis zwischen der Lebensschutzbewegung und der AfD - umso mehr, als diese Ausführungen dem, was in vielen Mobilisierungsaufrufen zu Protesten gegen den Marsch für das Leben über dieses Thema gesagt wird, geradeheraus widersprechen. Frau Sanders stellte fest, zwar werde der Marsch für das Leben von einigen AfD-Politikern wie vor allem Beatrix von Storch vehement unterstützt - auch in diesem Jahr hat Parteisprecher Ronald Gläser verlauten lassen, seine Partei stehe "hinter dem Marsch", und "[n]eben vielen Parteimitgliedern" werde auch Frau von Storch erneut daran teilnehmen; andererseits, so Eike Sanders, legten die Veranstalter des Marsches großen Wert darauf, Parteipolitik konsequent aus der Veranstaltung herauszuhalten, und - was mir noch weit wichtiger erscheint - auch inhaltlich gebe es erhebliche Differenzen zwischen den Positionen von Lebensschutzbewegung und AfD. So spiele in der Lebensschutzbewegung das "christliche Bekenntnis" - auch wenn dies beim Berliner Marsch weniger offensiv vertreten werde als an anderen Orten, etwa in Münster - eine wichtige Rolle, wohingegen AfD-Vize Alexander Gauland erst kürzlich betont habe, die AfD sei "keine christliche Partei". Zwar gebe es einen Arbeitskreis "Christen in der AfD" (ChrAfD - "Sie möchten gerne 'Kraft' ausgesprochen werden", so Eike Sanders), doch dabei handle es sich lediglich um ein "kleines Grüppchen", das seine Positionen innerhalb der Partei kaum durchsetzen könne.

Im Rahmen der Abschlussdiskussion wies eine Teilnehmerin auf die Terminkollision zwischen Marsch für das Leben und Anti-TTIP-Demo hin; letztere sei für linke Aktivisten natürlich ein wichtiges Anliegen, aber gleichzeitig gelte auch für die Proteste gegen den Marsch für das Leben: "Wir müssen trotzdem sehr viele werden!" Als Ausweg aus dem Dilemma wurde "Demo-Hopping" empfohlen. Deutlich wurde im Zuge der Diskussion auch - was man sich freilich schon vorher denken konnte -, dass das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung und das What the Fuck?-Bündnis, obwohl offiziell unabhängig voneinander, eng miteinander vernetzt sind und ihre Aktionen miteinander koordinieren. Zur Unterstreichung der Wichtigkeit des Protest gegen die Demonstration der Lebensschützer erklärte Ines Scheibe, es sei "gruselig", wenn "diese Leute" mit ihren Holzkreuzen durch Berlin marschierten; gleichzeitig unterstrich sie, der Marsch für das Leben sei lediglich "die Spitze des Eisbergs einer allgemeinen Klimaveränderung" - eine ziemlich schicke Metapher, wie ich finde.

Hingewiesen wurde aus dem Publikum auch auf eine am Freitagabend in der Bibliothek des Konservatismus in Berlin-Charlottenburg stattfindende Veranstaltung, bei der Hedwig von Beverfoerde zum Thema "Existentielle Werte verteidigen - Der Kampf für Ehe, Familie und Leben" sprechen wird. Auch dort, hieß es, werde das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung Präsenz zeigen - mit einer "Mahnwache" und "alternativen Gehsteigberatungen", womit man "die Methoden der Lebensschützer aufgreifen" wolle.

Eine inhaltlich zwar nichts Neues in die Diskussion einbringende, aber durch ihren besonders militanten Tonfall auffallende Wortmeldung kam von einer jungen Frau, die, wie sie einleitend erwähnte, sowohl im Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung als auch in der Partei Die Linke aktiv ist - und beim Übergang zum anschließenden "gemütlichen Teil" fiel mir auf, dass diese Aktivistin hochschwanger ist. Mindestens achter Monat, würde ich schätzen. Für sie selbst ist das vermutlich kein Widerspruch zu ihrem Engagement, schließlich ist eine gewollte Schwangerschaft etwas völlig Anderes als eine ungewollte. (Kurz mal ohne Sarkasmus: Das ist natürlich tatsächlich so. Die Situation von Eltern oder auch alleinstehenden Müttern, die ein Kind wollen und sich darauf freuen, unterscheidet sich selbstverständlich grundlegend von der Situation jener, die kein Kind wollten und mit der Tatsache einer ungewollten Schwangerschaft erst mal klarkommen müssen. Aber dass eine Frau, die in diesem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft doch schon sehr deutlich spüren müsste, dass in ihrem Bauch jemand lebt, dennoch vehement für das vermeintliche "Recht" kämpft, dieses Kind, falls die Schwangerschaft ungelegen gekommen wäre, töten zu dürfen, macht doch betroffen.)

"Enttarnt" habe ich mich dann letztlich übrigens doch nicht; dabei hätte ich eigentlich gern im Anschluss an die Veranstaltung noch persönlich mit Eike Sanders gesprochen, mich ihr vorgestellt und ihr meinen Respekt für ihre saubere Recherchearbeit und ihr verhältnismäßig sachliches und differenziertes Referat ausgesprochen, aber die Gelegenheit ergab sich nicht. Na ja, wir sehen uns dann ja vermutlich am Samstag - und einige der Veranstaltungsteilnehmer vielleicht auch schon am Freitag vor der Bibliothek des Konservatismus.