Freitag, 1. Juni 2018

Fronleichnam in Berlin: Dann lasst es doch einfach!

Okay, Freunde: Ich bin echt sauer. Total. Und schuld daran ist leider ausgerechnet die gestrige zentrale Fronleichnamsfeier für das Erzbistum Berlin. Nun gut, einzelne Aspekte dieses Veranstaltungsformats waren auch in den vergangenen Jahren schon schwer erträglich gewesen, aber was den Gläubigen dieses Jahr zugemutet worden ist, spottet wirklich jeder Beschreibung. Vielleicht bin ich auch einfach empfindlicher geworden, aber zu einem gewissen Grad sprechen die Fakten wohl für sich. Der Einfachheit halber füge ich hier einfach mal die Beschwerdemail ein, die ich heute morgen an die Zentralstelle des Erzbischöflichen Ordinariats geschickt habe: 


Sehr geehrter Herr Generalvikar, sehr geehrte Damen und Herren, 
ich bedaure Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ablauf und Gestaltung der diesjährigen zentralen Fronleichnamsfeier des Erzbistums Berlin mich zutiefst befremdet haben. Meines Wissens besteht der Festanlass des Hochfests Fronleichnam explizit in der Verehrung der leiblichen Gegenwart Jesu im Sakrament der Eucharistie (das mag nicht ganz exakt ausgedrückt sein, ich bin kein Theologe, aber Sie wissen, was ich meine). Davon war bei der Berliner Feier für mein Empfinden nicht sehr viel zu bemerken. In den Wortbeiträgen zu Messe und Prozession (abgesehen natürlich von den liturgischen Texten und den Tageslesungen) spielte dieses Mysterium allenfalls am Rande eine Rolle, und der Gesamtablauf der Feier ließ eher auf einen Mangel an Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten schließen als auf das Gegenteil. 
Mir ist bewusst, dass letzteres ein schwerer Vorwurf ist, daher ist es mir wichtig, ihn zu begründen. Ich beziehe mich dabei hauptsächlich auf den an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden aufgebauten Stationsaltar, über den es in der Gottesdienstbroschüre hieß, dass dort "nur die Sakramentsgruppe hält. Wir bitten Sie daher, mit einer geeigneten Form der Verehrung an diesem Altar vorbeizuziehen". Wer diese Anweisung dahingehend verstand, auf Höhe des Altars wenigstens kurz innezuhalten, um ein Kreuzzeichen oder gar eine Kniebeuge zu machen, der konnte es erleben, von Ordnern in Chorhemden recht rüde weitergescheucht zu werden, wobei mehrere Prozessionsteilnehmer explizit mit den Worten "Keine Verehrung!" zurechtgewiesen wurden. Ich muss Ihnen sagen, da fehlen mir die Worte. 
Nachdem die Prozessionsteilnehmer also praktisch genötigt worden waren, mehr oder weniger achtlos am Eucharistischen Leib des Herrn vorüberzugehen, versammelten sie sich vor der Kathedrale, wo Lieder gesungen wurden, die zur Verehrung des Allerheiligsten bestimmt sind -- während dieses noch gar nicht auf dem Platz eingetroffen war. Ist den Veranstaltern nicht klar, welche Botschaft durch eine solche Gestaltung des Festablaufs übermittelt wird? Die Botschaft lautet: Es kommt ja nicht so drauf an. Es wird der Eindruck erweckt oder verfestigt, es sei lediglich eine Konvention, so zu tun, als sei da in der Monstranz Jesus Christus leibhaftig anwesend. Auf diese Weise geraten die Fronleichnamsfeierlichkeiten zu einem rein folkloristischen Schauspiel. 
In diesem Sinne passt es auch durchaus ins Bild, dass die Kommunionspendung beim Pontifikalamt auf dem Gendarmenmarkt chaotisch und wenig feierlich ablief, zumindest in "meiner" Ecke des Platzes. Im allgemeinen Gedränge wurde ich von zwei Kommunionspendern übergangen oder ignoriert, weil ich mich zum Kommunionempfang hingekniet hatte; wäre mir nicht von verschiedenen Seiten versichert worden, andere Gottesdienstteilnehmer hätten sehr wohl kniend kommunizieren "dürfen", wäre ich geneigt, das für einen demonstrativen Akt zu halten.  
Zusammenfassend gesagt: Wäre es (was ich wohlgemerkt nicht unterstelle!) die explizite Absicht der Veranstalter gewesen, den katholischen Eucharistieglauben zu untergraben, sei es im Interesse der Ökumene oder im Interesse einer urban-aufgeklärten Zivilreligion, dann hätten sie kaum etwas "besser" machen können. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Debatten über Einzelfragen der Zulassung zum Kommunionempfang würde ich annehmen, dass ein (Erz-)Bischof eine besondere Verantwortung dafür trägt, den Gläubigen ein Bewusstsein für die Größe und Bedeutung des eucharistischen Mysteriums zu vermitteln -- und was wäre dafür ein geeigneterer Anlass als Fronleichnam? Bei der gestrigen Feier in Berlin wurde diese Verantwortung für mein Empfinden eklatant vernachlässigt.  
Mit dennoch freundlichen Grüßen
[KingBear] 

Weitergeh'n, weitergeh'n, hier gibt es nichts zu seh'n. 
Worauf ich in dieser Mail gar nicht eingegangen bin, war die Predigt von Erzbischof Koch. Rein unter rhetorischen Gesichtspunkten betrachtet war die derart grottig, dass Erik Flügge ein neues Buch darüber schreiben könnte. Die vier apokalyptischen Reiter der schrottigen Kirchenrhetorik: Akkumulation, Alliteration, Repetition, rhetorische Fragen. Das war schon nicht mehr parodierbar. Von einem etwaigen Inhalt der Predigt habe ich da nicht viel bemerken können, aber die Reaktionen einiger anderer Zuhörer, die ich via Facebook zur Kenntnis genommen habe, vermitteln mir den Eindruck, nicht viel verpasst zu haben: 
"Diese Predigt [...] [war]absolut auf der Höhe der Zeit!!!
... gegen den ausufernden Konsumismus und Party ohne Ende das christliche Maß und Mäßigung!!!
und by the way:
vor kurzem sind die AFD und ihre linken Gegen-Demonstrationen mit Haß-Botschaften auf die Straße gegangen. Wir, Katholiken und Christen, gehen singend und betend mit der Botschaft der Liebe, der Liebe Gottes zu den Menschen und der Nächstenliebe unter den Menschen, auf die Straße!!!
Also statt Haß, der die Gesellschaft entzweit, bieten wir die Liebe, die die Menschen zusammen führt.
Was gibt es Wichtigeres für diese unsere Stadt???" 
[Gegenrede:] 
"Die AfD und ihre 'linken Gegen-Demonstrationen'? Sie verkennen, dass ein nicht unerheblicher Teil derer, die gestern singend und betend auf die Straße gegangen sind, ihr Christsein auch als Verpflichtung sehen, gegen die AfD aufzustehen und auf die Straße zu gehen.
Vergleiche mit dem Tenor, das eine sei gut (beten und singen), das andere schlecht (für Toleranz und Menschlichkeit laut zu werden), scheinen mir das Christsein doch sehr einseitig zu interpretieren und sind unangebracht." 
Wenn das die wichtigen Themen sind, über die an Fronleichnam dringend geredet werden muss, dann gute Nacht. Fast noch schlimmer waren die "Meditationen" während der Prozession, die, teilweise anknüpfend an die Texte der abgeschmackten NGL-Schlager, die dazwischen gesungen wurden, praktisch ausschließlich aus schwammig-ausgelutschten MTD-Floskeln bestanden. Liebe, Friede, Miteinander, blablabla. Ich KANN es einfach nicht mehr hören. 

Da Fronleichnam in Berlin kein gesetzlicher Feiertag ist, wird die "äußere Feier" in den meisten (oder jedenfalls vielen) Pfarreien am Sonntag nachgeholt, vielerorts auch mit eigenen Prozessionen. Man darf darauf hoffen, dass es da würdiger zugehen wird. Was die zentrale Feier des Erzbistums angeht, würde ich für die Zukunft gern vorschlagen: Wenn es euch nur um eine Demo geht - nur darum, im Stadtbild "Präsenz zu zeigen" und zu diesem Zweck möglichst viele Leute auf die Straße zu bringen und eine möglichst repräsentative Route genehmigt zu bekommen - , dann macht das meinetwegen. Aber lasst den Leib des Herrn da raus und sucht euch einen anderen Termin als ausgerechnet Fronleichnam. 


8 Kommentare:

  1. "Ich KANN es einfach nicht mehr hören."

    In unserer Gemeinde gab es in diesem Jahr niemanden der das Amt des Vorbeters während der Prozession übernehmen wollte. So sollte es dem Zufall(?) geschuldet sein, dass man an mich heran getreten ist, um diese Aufgabe zu übernehmen. Auf meinen Einwand ob sie das wirklich wollten, kam kein Widerspruch. Sie hätten sogar noch Unterlagen aus den vorherigen Prozessionen, die ich gerne in Anspruch nehmen könnte. Aber das genau KANN ich nicht mehr hören. Ich lehnte dankend ab mit dem Hinweis, dass wenn ich diese Aufgabe übernehme mir Narrenfreiheit in der Auswahl der Gebete zugestanden wird und ein Mikro mit entsprechender Ausgangsleistung für die Lautsprecher. Alles das wurde mir (ein Wunder?) genehmigt. Meine Gebetsunterlagen führte ich in Form einer Perlenkette in meiner Hosentasche mit. Ich durfte aufgrund meiner Narrenfreiheit nun machen was ich wollte. Was soll ich sagen: Ich wollte. Also erschallte, durch einige Watt verstärkt mindestens der halbe Psalter von Rosenkranz-Gesätzen über die schrumpfende Schar der Prozessionsteilnehmer. Wissen sie was? Ich war total HAPPY und nach der Prozession waren noch mehr Teilnehmer total HAPPY und würde sich wünschen, dass auch im nächsten Jahr zu hören. LEUTE IHR HABT ES SO GEWOLLT!!!

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    1. Rosenkranz während der Fronleichnamsprozession? In unserer Monstranz war der Leib des Hern und nicht der seiner Mutter.

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    2. Der Leib der Mutter des Herrn war die allererste Monstranz! Und jedes Ave Maria verehrt den in der Monstranz anwesenden "Corpus Christi".
      Dazu kommt: Die Mutter Jesu verweist immer auf ihren Sohn und hilft uns bei der Anbetung Christi.

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    3. Liebe(r) Anonym,

      der Leib des Herrn wurde angebetet, seine Mutter nicht. Ich ging davon aus, dass diese Binsenwahrheit bekannt ist. Im übrigen ist der Rosenkranz ein ausschließlich betrachtendes Gebet. Ich persönlich zumindest würde die Gottesmutter nie anbeten. Im übrigen hat es mir der Diakon etwas übel genommen, dass ich zum knien während des Segens aufgefordert habe. Zumindest für diesen Teil hat er mir das Mikro dann nicht mehr überlassen. War allerdings schon zu spät.

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    4. Wir haben vor 17 und vor 10 Jahren jeweils in Wien an der großen Fronleichnamsprozession mit Kardinal Schönborn teilgenommen. Da wurde auch noch u.a. ganz selbstverständlich Rosenkranz gebetet. Why not?

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  2. In unserer kleinen Stadt gab es gar keine Fronleichnamsprozession. Dabei heißt die Großpfarrei "Heiliger Namen Jesu". Es hilft halt kaum jemand mit.

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  3. Die "Berliner Ordnung" erinnert mich sehr an die in Köln: Auch hier zieht der größte Teil der Prozessionsteilnehmer am Stationsaltar vorbei - im Liedheft steht ausdrücklich, daß man nicht stehen zu bleiben habe. Der Grund ist ein rein logistischer: Zu Beginn der Prozession zieht das Allerheiligste weit vorn, klinkt sich dann am Stationsaltar aus, um sich dann am Ende der Prozession wieder einzuklinken und als Letztes von den im Dom wartenden Gläubigen empfangen zu werden. Die Lieder, Gesänge und Texte der Statio werden über Lautsprecher in die gesamte Prozession übertragen, so daß die Gläubigen - auch wenn sie jetzt nicht körperlich anwesend sind - an der Liturgie teilnehmen können.
    Freilich wünschte auch ich mir hier, daß die Statio von allen vor Ort mitgefeiert werden könnte. Dazu würde allerdings ein großer Platz und viel zusätzliche Zeit benötigt.

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