Samstag, 12. November 2016

Doctor Strange oder Was die Welt im Innersten zusammenhält

Einige meiner Leser werden sich vielleicht erinnern: Anlässlich meiner Kritik zu Timur Bekmambetovs unlängst im Kino gelaufener Ben Hur-Neuverfilmung hatte ich auch ein paar Worte über die Filmtrailer im Vorprogramm verloren; konkret gesagt, ich hatte vermerkt, dass im Vorprogramm zu Ben Hur praktisch ausschließlich für Fantasy-Action-Thriller mit bombastischen 3D-Effekten, aber - allem Anschein nach - völlig hanebüchener Handlung geworben wurde. Die grandiosesten optischen Effekte hatte dabei der Trailer zu Doctor Strange, einer Marvel-Comic-Verfilmung, zu bieten. Beeindruckend fand ich vor allem die Darstellungen sich verformender Gebäude bzw. architektonischer Strukturen -- Aufnahmen, die an die Ästhetik der Vexierbilder M.C. Eschers erinnerten. Davon abgesehen spielte in Doctor Strange der geniale Benedict Cumberbatch die Haupt- und Titelrolle, und ich hätte mir eigentlich gleich denken können oder sollen, dass niemand einen so brillanten Schauspieler für reinen Action-Trash verheizen würde. Und dass der Film somit wohl mehr zu bieten haben müsse, als der Trailer vermuten ließ. Aber gleichzeitig dachte ich: Och nö. Asiatische Kampfmönche, die Dimensionen verformen und kreuz und quer durchs "Multiversum" reisen, um die Welt vor einer dunklen Bedrohung aus dem All zu retten -- und dazu allerlei esoterisches Geschwalle über Chakren und Astralkörper -- da bin ich raus

Meine Liebste hingegen wollte den Film eigentlich da schon gern sehen, aber mit weiblicher Schläue vermied sie es vorerst, dies zu erkennen zu geben -- um mich nicht etwa in meiner ablehnenden Haltung zu bestärken. Es dauerte ja sowieso noch rund sechs Wochen, bis der Film in Deutschland anlief. Und als es dann soweit war, kam eine Filmkritik von keinem Geringeren als Weihbischof Robert Barron zu Hilfe. 

"'Doctor Strange', Scientism, and the Gnostic Way Station" ist die Rezension überschrieben, die zuerst auf Weihbischof Barrons Medienapostolats-Website Word on Fire und dann auch im National Catholic Register erschien. Gleich im einleitenden Absatz betont Barron, nachdem andere Kritiker den Film Doctor Strange bereits für seine Spezialeffekte, seine überzeugende Handlungsführung und die hochkarätigen Darsteller gerühmt hätten, wolle er sich in seiner Rezension auf die implizite Spiritualität des Films konzentrieren. Und wie die Überschrift verrät, geht es dabei seiner Wahrnehmung zufolge einerseits um Szientismus und andererseits um Gnostizismus.

Symbolbild: Trophime Bigot (1579-1650), "Arzt, eine Urinprobe untersuchend" . Ashmolean Museum, Oxford 

Der Szienstismus kommt zuerst zum Zug. Dr. Stephen Strange (Benedict Cumberbatch, wie gesagt) ist ein brillanter Neurochirurg - und außerdem ein arrogantes und egomanisches Arschloch. Dann jedoch erleidet er bei einem Autounfall (und deshalb, liebe Kinder, soll man beim Autofahren nicht telefonieren!) schwere Verletzungen an den Händen und kann infolge irreparabler Nervenschäden seinen Beruf nicht mehr ausüben. Charakteristischerweise ist er jedoch nicht willens, diesen Schicksalsschlag als endgültiges Faktum hinzunehmen: Die medizinische Wissenschaft, meint er, müsse in der Lage sein, die volle Beweglichkeit seiner Hände wiederherzustellen. Darum verrennt er sich in eine verzweifelte Suche nach experimentellen und umstrittenen Therapiemethoden, die letztlich aber erfolglos bleibt - bis ein Physiotherapeut ihm von einem Patienten namens Jonathan Pangborn erzählt, der querschnittsgelähmt war, jetzt aber aus unbekannten Gründen wieder gehen kann. Strange sucht Pangborn auf und erfährt von diesem, dass er an einem Ort namens Kamar-Taj in Nepal Heilung gefunden habe. Also begibt Dr. Strange sich dorthin - und ist zutiefst konsterniert, dass Kamar-Taj sich als eine Art Meditationszentrum entpuppt, geleitet von einer nur unter dem Namen "Die Älteste" bekannten Weisheitslehrerin (Tilda Swinton). Als die Älteste ihm erklärt, sie lehre die Heilung des Körpers durch die Kräfte des Geistes, protestiert Strange: Die Welt, und damit auch der Mensch, sei bloß Materie - so etwas wie "Geist" gebe es nicht. Die Älteste reagiert darauf, indem sie Strange einen Stoß gegen die Brust versetzt, mit dem sie seinen Astralleib kurzzeitig aus seinem Körper herausschubst.

Diese Szene hat Weihbischof Barron besonders gut gefallen. Er sieht darin einen berechtigten Angriff auf den "auf komische Weise arroganten Szienstismus unserer Zeit", den "Trugschluss, alle Formen des Wissens auf den (natur)wissenschaftlichen Modus des Wissens zu reduzieren". Diese Einstellung, so Barron, sei zwar heutzutage durch den Einfluss des New Atheism (der gar so "neu" demnach gar nicht ist) weit verbreitet, berge aber einen unauflöslichen inneren Widerspruch, da sie zwar auf empirische Beweisbarkeit als Kriterium für jegliche Form von Erkenntnis poche, diese ihre Prämisse selbst aber nicht beweisen könne. Dr. Strange erscheine in der Anfangsphase des Films somit als Paradebeispiel für die verblendeten Verfechter eines zeitgenössischen Szientismus, die sich willentlich von einer Form der Erkenntnis abgeschottet hätten, die für Tausende von Generationen - einschließlich der Begründer und Vordenker der modernen Naturwissenschaft wie Descartes, Kopernikus, Galilei und Newton - eine unbestrittene Realität gewesen sei.

Nachdem die Älteste ihm einen ersten Einblick in jene höhere Realität ermöglicht hat, die außerhalb seines szientistischen Horizonts existiert, will Dr. Strange den Umgang mit dieser Realität erlernen - was nicht nur eine langwierige und anspruchsvolle Ausbildung in Kamar-Taj erfordert, sondern, wie Weihbischof Barron hervorhebt, vor allem von ihm verlangt, dass er "sein Ego beiseite setzt und sich einem Etwas unterwirft, das er nicht zur Gänze verstehen kann". In dieser Form der Selbstdisziplinierung spiegeln sich, so Barron, Elemente monastischer und spiritueller Traditionen aus aller Welt. Es sei dem Film als verdienstvoll anzurechnen, dass er auf diese Weise aufzeige, dass es eine höhere Realität jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren gebe und dass diese nur auf spirituellem Wege erfasst werden könne.

Allerdings - so schränkt Weihbischof Barron sein Lob für die spirituellen Aspekte des Films gleich wieder ein - ist das Bild dieser höheren Realität, das in Doctor Strange gezeichnet wird, ein durch und durch gnostisches: Es ist das Bild einer von spirituellen Mächten durchwirkten Welt - guten und bösen Mächten wohlgemerkt, die sich in einem "unentwegten, niemals endenden Kampf" miteinander befinden. Und was Dr. Strange in Kamar-Taj im Wesentlichen lernt, ist die Beherrschung oder zumindest Beeinflussung dieser verborgenen Kräfte durch Magie - also durch gnostisches Geheimwissen. Mit christlicher Spiritualität, christlichem Gottesglauben hat das herzlich wenig gemein.

Man könnte an dieser Stelle, denke ich, noch über Weihbischof Barrons Anmerkungen hinausgehen. Man könnte sagen, solche neo-gnostischen Auffassungen einer übersinnlichen Realität, wie er sie in Doctor Strange, aber beispielsweise auch in Star Wars diagnostiziert, zeichneten sich dadurch aus, dass sie die metaphysische Welt lediglich als eine Erweiterung der physischen betrachten, die dieser aber prinzipiell ähnlich und somit auch mit ähnlichen Mechanismen erfasst und verstanden werden kann: Es bedarf dazu vermeintlich nur einer Erweiterung der individuellen Erkenntnis- bzw. Wahrnehmungsfähigkeit, dem Erlangen einer höheren Bewusstseinsstufe. Nicht umsonst wird in der neo-gnostischen Esoterik so gern mit einem quasi-naturwissenschaftlich anmutenden Vokabular operiert - wenn etwa von "Energiefeldern" die Rede ist, oder gar von "feinstofflichen" Phänomenen. Merke: Feinstofflich ist immer noch stofflich. Der Unterschied zwischen physischer und metaphysischer Realität wird als ein bloß gradueller, nicht als ein prinzipieller Unterschied aufgefasst; eine im eigentlichen Sinne transzendente Ebene gibt es nicht. Diese Feststellung mag begreiflich machen, dass gnostisch-esoterische Konzepte vielen mit einem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild aufgewachsenen Menschen einleuchtender und fassbarer erscheinen als etwa der Glaube an einen transzendenten Schöpfergott, der außerhalb der Schöpfung existiert und dennoch in ihr wirkt.

Nun, Weihbischof Barron sagt zu Recht, tiefere spirituelle Einsichten könne man vom unterhaltungsorientierten Hollywood-Popcorn-Kino schwerlich erwarten. So gesehen habe ich, nachdem ich Doctor Strange gestern Abend mit meiner Liebsten angesehen habe, wahrlich nichts zu meckern. Der Film bietet nicht nur atemberaubende Bilder, sondern auch (für einen Fantasy-Action-Film durchaus überraschend) plastische Charaktere, dazu eine fesselnde Handlung und ganz nebenbei sogar einiges an Komik. An einer Stelle dachte ich allerdings vorübergehend doch, ich müsse meinen geheimen Inquisitions-Alarmknopf drücken: Während Kamar-Taj, das Ausbildungszentrum der Beschützer der Erde gegen feindliche Mächte aus der Dunklen Dimension, die Optik eines buddhistischen Klosters hat (es liegt ja nicht umsonst in Nepal), versammeln sich die Gegenspieler in einer Szene an einem Ort, der bauliche Charakteristika einer gotischen Kathedrale aufweist. Soll das Christentum hier assoziativ mit den Mächten des Bösen in Verbindung gebracht werden?, dachte ich. War aber wohl doch eher Zufall, denn im weiteren Verlauf verwurstet der Film so ziemlich alles an architektonischen Formen, was sich für spektakuläre Escher-Effekte eignet, und zwar ohne dass dabei eine klare Gut-Böse-Zuordnung erkennbar würde.

Sehr interessant fand ich allerdings den von Chiwetel Ejiofor dargestellten Charakter Mordo. In den Marvel-Comics ist Baron Mordo der Haupt-Gegenspieler von Doctor Strange und steht im Dienst von Dormammu, einem bösen Wesen aus der Dunklen Dimension; diese Rolle wird im Film von Kaecilius (Mads Mikkelsen) übernommen, der in den Comics nur Mordos Handlanger ist. Dagegen agiert Mordo im Film zunächst eher als eine Art nachgeordneter Mentor des Helden: Als Dr. Strange auf dem Weg nach Kamar-Taj von einer Straßengang überfallen wird, die ihm seine Uhr stehlen will, kommt Mordo ihm zu Hilfe, bringt ihn nach Kamar-Taj, ermahnt ihn allerdings auch wegen seiner Respektlosigkeit gegenüber dem spirituellen Charakter dieses Ortes und rät ihm: "Vergessen Sie alles, was Sie zu wissen glauben." Gleichwohl ist er es, der sich, als die Älteste Strange eben wegen dessen Respektlosigkeit hinauswerfen lässt, dafür einsetzt, ihn wieder aufzunehmen; im weiteren Verlauf hat er erheblichen Anteil an der Ausbildung des Protagonisten. Erste Zweifel an seinem spirituellen Weg kommen Mordo - Vorsicht, Spoiler! -, als er entdeckt, dass die Älteste - ebenso wie ihre Gegenspieler - ihre Kräfte aus der Dunklen Dimension bezieht. Als Dr. Strange schließlich einen Angriff Dormammus auf die Erde mit Hilfe eines verbotenen Rituals abwehrt, wendet Mordo sich endgültig von ihm ab: Regeln, meint er, dürfen nicht gebrochen werden -- auch dann nicht, wenn es dem Guten dient.

In der letzten Szene des Films erscheint Mordo erneut: Nachdem er monatelang über die Erde gewandelt ist, um sich über seine Berufung klar zu werden, sucht er Jonathan Pangborn auf, der die in Kamar-Taj erlernte Magie dazu verwendet hat, seine Gehfähigkeit wiederzuerlangen. Aus Mordos Sicht ist das Missbrauch, deshalb entzieht er Pangborn dessen magische Fähigkeiten. "Warum hast du das getan?", fragt Pangborn verzweifelt - und Mordo entgegnet, er sei zu der Erkenntnis gelangt, das Übel der Welt rühre daher, dass zu viele Zauberer auf ihr herumliefen, die die Magie zu ihren eigenen Zwecken einsetzten. "Philosophisch gesehen ist Mordo der Katholik in diesem Film", raunte ich meiner Liebsten zu. "Und die, gegen die er sich wendet, sind die Unbefugten, die sich der Sakramente bemächtigen und sie zweckentfremden." Diese letzte Szene bildet übrigens den Cliffhanger zu einer angekündigten Fortsetzung des Films. Bin ja mal gespannt, ob sich darin meine Deutung als tragfähig erweist...


1 Kommentar:

  1. Letzteres ist hochinteressant.

    Ansonsten ist mir allerdings ganz generell (auch auf Grund einiger wenn auch vielleicht nicht vieler persönlicher Erfahrungen) der Szientist, der nun einmal bloß das Pech hat, im Irrtum zu sein, ein Vielfaches lieber als der Gnostiker... der Häretiker lieber als der Zauberer... der demütige und liebenswerte Verbrecher Hotzenplotz lieber als der eigentliche Schurke der Buchreihe, der in magischen Künsten bewanderte Snob Zwackelmann... Wagner lieber als Faust.

    Insofern halte ich es für gar nicht *so* verkehrt, wenn sich die Gnostiker in einem fernöstlichen Kloster versammeln, die Seite der Vernunft sich dagegen in einer gotischen Kathedrale versammelt. Wir kennen halt nur unseren Glauben sowie die von Gott geschenkte Vernunft.

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