Freitag, 25. November 2016

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 9

Paris! Die Hauptstadt Frankreichs war um die Mitte des 19. Jahrhunderts in politischer, vor allem aber in kultureller Hinsicht gewissermaßen die Hauptstadt ganz Europas und somit aus eurozentristischer Sicht praktisch der ganzen Welt. Und vor allem war sie für die Verfasser von Kolportageromanen ein Sujet, das man sich nicht entgehen lassen durfte. Wo sonst fand man so effektvolle Kontraste zwischen der gloire des Kaiserhofs, den prächtigen Gebäuden und den modernen Boulevards einerseits und der schaurigen Halbwelt der engen, dunklen Gässchen, verrufenen Kaschemmen, Spelunken und Absteigen andererseits? -- Na gut, in London vielleicht noch. Aber Paris war, was das Verbrechermilieu betraf, in der Kolportageliteratur einfach State of the Art; dafür hatte Eugène Sue gesorgt, mit dem vermutlich ersten, auf jeden Fall aber international erfolgreichsten und für die weitere Entwicklung des Genres einflussreichsten aller Feuilleton-Fortsetzungsromane: Les Mystères de Paris (1842/43). 

Was Wunder also, dass auch Dr. A. Rode in seinem Kolportageroman Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau (München 1869) - über den ich schon allzu lange nicht mehr berichtet habe - nicht auf eine in Paris spielende Episode verzichten konnte bzw. mochte. Aber wie gelingt es ihm, den Fortgang der Handlung mal eben schnell von der Weichsel an die Seine zu verlegen? -- Nichts einfacher als das für einen gewieften Kolportageschriftsteller. Gräfin Elka Zolkiewicz - eigentlich inzwischen eine verheiratete Ubryk, aber durch die Kriegsgefangenschaft ihres Mannes so was Ähnliches wie Witwe - befindet sich mit ihrem neuen Geliebten Hugo von Rassow auf Reisen; dabei besuchen sie natürlich auch Paris. Und Elkas Ex-Liebhaber Rebinsky, der im Auftrag des Jesuitenordens hinter Elkas überaus reichem Erbe her ist, reist ihr hinterher, allerlei unklare, aber jedenfalls finstere Machenschaften im Gepäck. Und wie dann weiter? -- Als Elka Rebinsky bei einer zufälligen Begegnung erkennt und sich von ihm verfolgt fühlt, beichtet sie Hugo die gesamte Vorgeschichte des Verhältnisses zwischen ihr und Rebinsky; Hugo argwöhnt, dass Rebinsky ein verkappter Jesuit sein könnte, und zieht seinen Freund Dubartie ins Vertrauen, der selbst einmal Schüler in einem Jesuitenkolleg war und sich daher mit den Machenschaften des Ordens auskennt. Eine Weile beschatten Hugo und Rebinsky einander gegenseitig; schließlich locken Hugo und Dubartie ihren Kontrahenten mit einem fingierten Brief aus dem Gartenhaus, das er gemietet hat, und brechen dort ein, um nach Beweisen für seine Identität zu suchen. Sie finden u.a. einen Brief des Ordensgenerals Brzozowski, in dem dieser vorschlägt, Elka kurzerhand ermorden zu lassen: "Bedenke, daß Sünden, die Du für den Orden begehst, keine Sünden sind" (S. 459). 

Da bei dem Einbruch weder Geld noch Wertsachen, sondern nur vertrauliche Papiere gestohlen wurden, hat Rebinsky sofort Hugo in Verdacht und wendet sich an den Rektor des örtlichen Jesuitenkollegs, Pater Deusdedit, um Hilfe. Eine polizeiliche Hausdurchsuchung bei Hugo bleibt erfolglos, da dieser die Papiere seinem Freund Dubartie zur Aufbewahrung anvertraut hat. Daraufhin heuert Pater Deusdedit in einem "verrufene[n] öffentliche[n] Haus" (S. 468) einen Schwerkriminellen namens Latif an, der Hugo und Elka, besonders aber letztere, ermorden soll. Latif nimmt die Hälfte des ihm versprochenen Lohns als Anzahlung, verrät dann aber das Mordkomplott an Hugo und Elka -- wiederum gegen Bezahlung. Er bietet ihnen an, Rebinsky für sie umzubringen, wovon Elka nichts wissen will - "Heiliger Gott, das nicht! [...] Suchen Sie den Mann nur auf einige Zeit unschädlich zu machen, aber tödten Sie ihn nicht!" (S. 474) -, doch Hugo geht ihm nach und beauftragt ihn ohne Elkas Wissen, Rebinsky doch zu töten: "Wir handeln im Stande der Notwehr; wenn wir ihn nicht zuvor tödten, tödtet er uns" (ebd.). Latif wirbt zwei Helfer an, mit denen er Rebinsky überfällt, ihm eine "Pechkappe" überwirft, unter der er ersticken soll, und ihn in einem mit Steinen beschwerten Sack in der Seine versenkt. 

Alles in allem sind die in Paris spielenden Kapitel XXXV-XXXVIII, die sich über mehr als die ganze 10. Lieferung erstrecken, von ins Leere laufenden episodischen Handlungen und zeilenschinderischen Dialogen geprägt; einige Details sind dennoch bemerkenswert. So wird den widersprüchlichen Altersangaben Elkas eine weitere hinzugefügt: Rebinsky gibt einem Polizeibeamten gegenüber ihr Alter mit "höchstens zweiundzwanzig Jahre[n]" an (S. 432). Auch kommt es erneut zu einige Namensverwechslungen: So wird auf S. 435 eine Vermisstenmeldung für den "Sekondelieutenant Jaromir Ubryk" herausgegeben - gemeint ist natürlich Kasimir, und vier Zeilen später wird dieser Name dann auch korrekt angegeben. (An gleicher Stelle ist übrigens vom "Großherzogthum Polen" die Rede; richtig wäre "Herzogtum Warschau".) Auf S. 434 gibt Rebinsky sich als Gutsbesitzer namens Ostraczarski aus, aber auf s. 449ff. wird sein angenommener Name mit "Jencykowski" angegeben - so heißt laut S. 424 der frühere Hauslehrer Wratislaws, dem Elka die Verwaltung von Schloss Bielow übertragen hat. Als Nebenfiguren führt der Autor auf S. 447 zwei Pariser Gassenjungen ein, von denen einer auf den urfranzösischen Namen Otto hört. 

Auf S. 463 wird der Polizeiminister Joseph Fouché (1759-1820) erwähnt, tritt aber nicht selbst auf. Fouché wurde am 03.07.1810 von Napoléon entlassen, die Handlung spielt aber ziemlich sicher vor diesem Zeitpunkt, also liegt hier kein historischer Fehler vor. 

Die vergleichsweise gelungenste Passage des in Paris spielenden Romanabschnitts ist eine Szene in einer Verbrecherkneipe (S. 476-479); hier konnte der Autor sich, wie eingangs schon erwähnt, am Vorbild Eugène Sues orientieren, oder auch an einer Fülle ihrerseits an Sue geschulter Kolportageromane seiner Zeit. In den Romanen von Dr. Rodes erfolgreicherem Zeitgenossen Sir John Retcliffe etwa finden sich Szenen wie diese mit einer gewissen Regelmäßigkeit; selbst der Name der Kneipe - "Zum blutigen Messer" - könnte an ein ähnliches Gasthaus aus dem I. Band von Retcliffes wohl bekanntestem Roman Nena Sahib (1858) angelehnt sein, das Gasthaus "Zum blutigen Arm". Freilich dürfte letzterer Name seinerseits durch eine Schurkenfigur aus den Mystères de Paris mit dem Spitznamen Rotarm angeregt worden sein. 

Die Hälfte des angekündigten Gesamtumfangs des Romans ist nunmehr überschritten, und wie es scheint, ist der bisher handlungsstärkste Charakter Rebinsky diesmal wirklich tot: "Die Wasser rauschten herauf und hernieder, / Den Jesuiten brachten sie nicht wieder!", reimt Dr. Rode in Anlehnung an Schillers Taucher (1797). Völlig ausschließen würde ich vorläufig allerdings nicht, dass der Autor sich doch noch irgendeinen Trick ausdenkt, um Rebinsky abermals wiederauferstehen zu lassen. 

Vorläufig hat Dr. Rode aber ganz andere Sorgen, denn er hat die Hälfte des ihm zur Verfügung stehenden Raumes verbraucht, und die Titelheldin seines Romans ist noch nicht mal geboren. Derweil befindet sich der junge Graf Wratislaw Zolkiewicz - und mit ihm auch sein Erbteil - in den Händen der Jesuiten; Elka gondelt einstweilen mit ihrem neuen Liebhaber Hugo von Rassow durch die Weltgeschichte, wird aber nun, da ihr Erzfeind aus dem Wege geräumt ist, eventuell nach Hause zurückkehren - wo die Tante inzwischen "plötzlich fromm" geworden ist. Sie "versprach sich dem Bräutigam der Seelen, weil ein anderer sich nicht einstellen wollte" (S. 421); das macht sie natürlich anfällig für weitere Intrigen des Jesuitenordens. Kasimir Ubryk schmort derweil in Sibirien; wenn aber Barbara Ubryk, wie zu erwarten steht, seine und Elkas Tochter sein soll, dann wird es allmählich Zeit, dass der Autor ihn aus der Verbannung zurückholt! 

Tatsächlich nimmt er dies denn auch gleich im nächsten Kapitel in Angriff, dessen Überschrift "Zehn Jahre später" einen erneuten Zeitsprung ankündigt. Nach den Erfahrungen aus Kapitel XXI ist man allerdings nicht allzu überrascht, dass die Handlung des XXXIX. Kapitels tatsächlich bereits im Sommer 1816 wieder einsetzt, was selbst bei sehr zurückhaltender Auslegung der Zeitangaben des Romans einen Zeitsprung von kaum mehr als sieben Jahren gegenüber der Paris-Handlung bedeutet. Elka ist mit ihrer Kammerfrau Ludmilla auf dem Weg nach Minsk; unterwegs kehren sie in einer Schenke ein und treffen dort auf einen zerlumpten und erschöpften Wanderer, der, wie sich zeigt, zu Fuß aus der Verbannung in Sibirien zurückgekehrt ist. Elka, die an ihren verschollenen Gatten Kasimir denkt, empfindet mitfühlendes Interesse an dem Wanderer und lässt sich von ihm seine Lebensgeschichte erzählen - und es stellt sich heraus, dass er tatsächlich Kasimir ist! -- Halten wir an dieser Stelle fest: Dass sie ihn nicht gleich erkannt hat, wirkt ja angesichts der Strapazen, die er hinter sich hat, einigermaßen glaubwürdig. Hingegen hat der Autor es offenbar versäumt, sich Gedanken darüber zu machen, warum er sie nicht erkennt... 

Elka jedenfalls reist daraufhin nicht nach Minsk, sondern nimmt Kasimir mit sich nach Warschau, und sobald er sich einigermaßen erholt hat, stellt sie ihn der Welt als ihren Ehemann vor. Auf S. 494 verkündet die Überschrift des XL. Kapitels triumphierend "Die Heldin erscheint" - was sich darauf bezieht, dass auf S. 502 endlich Barbara Ubryk, und zwar wie erwartet als Tochter von Elka und Kasimir, das Licht der Welt erblickt. Geboren wird sie übrigens auf Schloss Bielow, das bereits am Anfang des Romans, bis einschließlich Kapitel XX, Schauplatz der Haupthandlung war. In den nächsten Kapiteln spielt die kleine Barbara dann aber erst einmal keine Rolle, ja, sie wird kaum auch nur erwähnt; denn zunächst einmal muss der Autor einige lose Fäden in der bisherigen Handlung wieder aufgreifen und zu einem wenigstens vorläufigen Abschluss bringen. -- Aber das schauen wir uns in der nächsten Folge an! 



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