Seit ich am 11. Januar dieses
Jahres im Auftrag der Tagespost bei einer Veranstaltung der KatholischenAkademie in Berlin e.V. war, schickt mir die Akademie regelmäßig per eMail
Einladungen zu ihren Veranstaltungen. So auch neulich mal wieder: Im Rahmen der
Reihe „Nikodemusgespräche – Geistliche Ideenwerkstatt zur Zukunft der Kirche in Berlin“ lud die Katholische Akademie in Kooperation mit dem Diözesanrat der
Katholiken im Erzbistum Berlin und der „Geistlichen Begleitung im Prozess 'Wo
Glauben Raum gewinnt'“ zu einem Gespräch mit dem ehemaligen
Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse ein – zum Thema „Christen in Berlin.Als Minderheit leben und glauben“. Auf dem Flyer, der an die Einladung
angehängt war, war dieses Motto mit einem Fragezeichen versehen. Weiter
hieß es in der Einladung:
„Wenn wir an die Kirche der Zukunft denken –“
Da muss ich schon unterbrechen:
Ist es nicht auffällig, dass in Texten dieser Art so gern und oft von der „Kircheder Zukunft“ statt von der „Zukunft der Kirche“ die Rede ist? Kann
man noch deutlicher zu verstehen geben, dass man für die Zukunft eine andere
Kirche will? – Aber weiter.
„Wenn wir an die Kirche der Zukunft denken, was trauen wir Gott zu? Wohin brechen wir auf, was lassen wir zurück? Mit der Kraft des gläubigen Staunens rechnen und sich freuen am aufkommenden Wind.“
Zu diesem „Wind“ fiele mir noch
allerlei ein, aber im Grunde sind derartige Ergüsse ja schon gar nicht mehr
parodierbar; die lässt man am besten für sich selbst sprechen. – Ort des
Geschehens sollte die Gedenkkirche Maria Regina Martyrum sein, die sich ja
schon rein architektonisch hervorragend für Träume oder Alpträume von einer
anderen, der Zukunft zugewandten Kirche eignet. Ich war zuvor erst einmal dort gewesen,
am 4. Mai 2013, zu einem „Abendlob“, bei dem der damalige „ZdK“-Vorsitzende
Alois Glück eine Ansprache hielt. Mir schien, da zeichneten sich gewisse
strukturelle Parallelen ab.
Die Veranstaltung war recht gut
besucht, allerdings hatte ich den Eindruck, nur ein relativ kleiner Teil der
Anwesenden sei jünger als 60. Routinemäßig scannte ich die Sitzreihen nach
Frauen mit voluminösen, bunten Halstüchern; solchen Halstüchern, wie sie praktisch ausschließlich von Reformkatholikinnen mit akademischem Bildungshintergrund getragen werden (ich habe mich schon manches Mal gefragt, ob es für diese
Halstücher spezielle Läden oder Versandhäuser gibt, die außerdem auch
Duftkerzen, Sitzsäcke und Ludwig-Hirsch-CDs anbieten – aber eigentlich will ich
diese Klientel nicht auch noch auf Ideen bringen). Es waren weniger
Halstuchträgerinnen als man hätte denken können, aber das lag wohl nicht
zuletzt daran, dass der Frauenanteil im Publikum insgesamt nicht sehr hoch war.
Was das männliche Äquivalent zu diesem Outfit ist, habe ich noch nicht
herausgefunden.
Vor dem eigentlichen Beginn der
Veranstaltung wurde erst noch ein Lied geübt - „Verleih uns Frieden gnädiglich“
(GL 475), Martin Luthers Nachdichtung einer gregorianischen Antiphon. Zwischen
der Begrüßungsansprache und Wolfgang Thierses Impulsvortrag gab es noch mehr
Gesang, nämlich das Taizé-Lied „Meine Hoffnung und meine Freude“ (GL 365);
außerdem wurde ein Text von Huub Oosterhuis, dem ollen Häretiker, über den
Heiligen Geist vorgetragen. So war man also bestens eingestimmt auf das, was da
kommen mochte, und es wäre eigentlich kaum noch nötig gewesen, dass
Gastreferent Thierse zu Beginn seines Impulsvortrags ankündigte, er werde
„nicht sonderlich fromm“ sprechen.
Dabei begann sein Vortrag gar
nicht schlecht – mit einer Zustandsbeschreibung der Situation der christlichen
Kirchen, insbesondere der Katholischen, in Berlin und allgemein im Osten
Deutschlands. Er lebe seit 52 Jahren als katholischer Christ in Berlin,
erklärte Thierse; die Hälfte dieser Zeit im Ostteil der damals geteilten Stadt.
Ein christliches oder gar katholisches Milieu habe er nie erlebt: „In keinem
Punkt war das SED-Regime so erfolgreich wie in der radikalen Entkirchlichung
eines Großteils der Bevölkerung.“ Der katholische Bevölkerungsanteil in der SBZ
bzw. DDR sei zwischen 1946 und 1990 von 12% auf rd. 4% gesunken. Dies bedeute
einen „Kulturabbruch“, der sich bis heute schmerzlich auswirke. Anders als die
evangelische Kirche habe die Katholische stets Distanz zu Gesellschaft und
Ideologie der DDR gewahrt; diese Distanz habe jedoch auch ihren Preis gehabt:
So habe die Katholische Kirche in der DDR erheblich weniger Einfluss gehabt als
die evangelische und sei „vielfach auch gesellschaftlich langweiliger“ gewesen.
– „Dann kam 1989 – das Jahr der
Wunder.“ Am gesellschaftlich-politischen Umbruch in der DDR, der schließlich
zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten führte, hätten, so Thierse,
Christen entscheidenden Anteil gehabt: Die Religion, die nach dem Willen des
SED-Regimes höchstens noch im privaten Bereich eine Rolle hätte spielen sollen,
sei plötzlich in ungeahntem Ausmaß politisch wirksam geworden.
Und was ist heute, 26 Jahre
später, von diesem Aufbruch übrig geblieben? - Ein früherer Berliner Bischof –
nämlich Kardinal Meisner – habe Berlin einmal als „gottlose Stadt“ bezeichnet,
erinnerte Thierse; sein Nachfolger Kardinal Sterzinsky habe dieser Einschätzung
jedoch „zu Recht widersprochen“. Vielmehr sei Berlin eine „religiös und
weltanschaulich plurale Stadt“: Nicht nur existierten eine Vielzahl
religiöser und säkularer Weltanschauungen nebeneinander, sondern diese seien
auch jeweils in sich selbst in hohem Maße individuell geprägt. Dieser
Pluralismus sei „keine Idylle“, betonte Thierse; er berge ein erhebliches
Konfliktpotential, sei zugleich „Zumutung“ und „Herausforderung“. Christen
müssten sich bewusst sein, dass sie „Teil dieses Pluralismus sind und nicht
außerhalb davon oder darüber stehen“. Gleichzeitig befinde sich die Kirche in
einer „Legitimations- und Vertrauenskrise“ und sei „innerlich zerrissen“, ja
„ausgehöhlt“.
In dieser Situation stelle sich
nun die Frage, wie die Kirche in einer weltanschaulich pluralen Umwelt ihrem
Auftrag gerecht werden könne, ohne dabei „flach, substanzlos und anbiedernd“ zu
wirken. Die Fragestellung, fand ich, klang vielversprechend; leider hatte
Wolfgang Thierse als Antwort jedoch nicht viel mehr anzubieten als die
Ladenhüter des liberalen Reformkatholizismus. Die Kirche müsse ihre vielfach zu
„verbrauchten Floskeln“ erstarrte Sprache (womit er sicherlich nicht nur,
aber wohl auch die Sprache der Liturgie meinte) in das Idiom der
Menschen von heute übersetzen, ihre Botschaft „für religiös unmusikalische
Menschen neu vertonen“. Sie müsse Mut zu „Experimenten“ haben, dürfe „auf
Orthodoxie pochenden Beckmessern nicht das Feld überlassen“. Dringend notwendig
sei außerdem „mehr Ökumene, so viel Ökumene wie möglich“: „Eine zersplitterte
Minderheit wird niemanden überzeugen.“ Und nicht zuletzt müsse die Katholische
Kirche endlich ihren „Klerikalismus“ überwinden und den Laien „viel größeres
Gewicht“ einräumen – „bis hin zur Ermächtigung von Laien zur Gemeindeleitung,
Zulassung der Laienpredigt in der Eucharistie – das alles selbstverständlich
[!] auch für Frauen.“
So weit, so vorhersehbar; mehr
Spannung versprach der letzte Teil von Wolfgang Thierses Vortrag, der sich der
Neustrukturierung der Berliner Pfarreien zu „Pastoralen Räumen“ widmete. Schon
zu Beginn seines Vortrags hatte Thierse angemerkt, es entbehre nicht einer
gewissen Ironie, dass er als Gastreferent zu einer Veranstaltung im Rahmen des
„Pastoralen Prozesses 'Wo Glauben Raum gewinnt'“ eingeladen worden sei, denn
tatsächlich sehe er diesen Prozess „mit erheblicher Skepsis“. Er habe sich
dieses Thema jedoch bewusst für den
Schluss des Vortrags aufgespart, „damit der Ausklang nicht zu harmonisch wird“.
Er finde es „beinahe unanständig“, dass diese Umstrukturierung der Pfarreien
„als 'geistlicher Prozess' ausgegeben“ werde – „denn damit macht man ihn
unangreifbar“. Der ehemalige Bundestagspräsident machte deutlich, dass er durch
die Bildung von Großpfarreien gerade jene Strukturen gefährdet sieht, von denen
er sich Impulse für die Erneuerung der Kirche erhofft. In diesem Sinne
prognostizierte Thierse einen „großen Flurschaden“ für die Kirche: „Der Auszug
der Gläubigen verschärft sich, weil sie ihren Ort verlieren.“ Die Schaffung
pastoraler Großräume sei als Strukturreform „vom Klerus her gedacht“, deshalb
entferne sich die Struktur von den Gläubigen; sinnvolle Strukturreformen
müssten hingegen „von unten her“ gedacht werden.
Worauf das in der Praxis
hinauslaufen würde, daran kann nach dem zuvor Gesagten kaum ein Zweifel
bestehen. So nachvollziehbar die Warnung vor dem Verlust der Bindung der
Gläubigen an ihre Ortsgemeinde auch sein mag (wenngleich man einwenden könnte, dass diese Bindung im Wesentlichen ohnehin nur noch bei einer Generation vorhanden ist, die demnächst ausstirbt): Die als Alternative angepriesene
Vision einer „zeitgemäßen“ Laienkirche, in der die Sakramentalität der
Seelsorge zur reinen Dienstleistung verflacht wird, erscheint mir im direkten
Vergleich doch noch erheblich grausiger.
Die anschließende
Publikumsdiskussion war geprägt von weitgehender Zustimmung zu Wolfgang
Thierses Kritik am Konzept der „Pastoralen Räume“. Nur vereinzelt meldeten sich
Stimmen zu Wort, die in Zweifel zogen, ob die Zukunft der Kirche tatsächlich in
der Bindung an die Ortsgemeinde zu suchen sei, aber auch diese Äußerungen
wurden nicht als prinzipieller Widerspruch gegen die Thesen des Referenten
formuliert. Etwas aus dem Rahmen fiel die Wortmeldung eines evangelischen
Pfarrers, der mit Bezug auf die Rede des Apostels Paulus auf dem Areopag (Apg 17,16-34) – eine Bibelstelle, die Thierse deshalb erwähnt hatte, weil er darüber
einmal, „beim Katholikentag, glaube ich“, eine Bibelarbeit gestaltet hatte –
anmerkte, Paulus habe seinerzeit ja ein interessiertes Publikum gehabt; heute
hingegen scheitere das Zeugnisgeben für den Glauben vielfach schon daran, dass
die Menschen gar keine Fragen mehr an den Glauben bzw. die Gläubigen
hätten. (Ich kann dazu nur sagen, dass das meinen Erfahrungen aus dem
„Kneipenapostolat“ ganz und gar nicht entspricht. Vielleicht liegt es doch sehr
stark am Einzelnen, ob nichtgläubige Mitmenschen sich veranlasst fühlen, ihn
nach seinem Glauben zu fragen.) In seiner Antwort merkte Wolfgang Thierse
augenzwinkernd an, er sei auch schon oft für einen evangelischen Pfarrer
gehalten worden; mir schien, er sagte das nicht ohne einen gewissen Stolz.
Ich selbst hätte ebenfalls einen
Diskussionsbeitrag auf Lager gehabt, der die Harmonie der Veranstaltung
womöglich etwas stärker strapaziert hätte; aber obwohl die beiden Jesuiten, die
die Publikumsdiskussion leiteten, meine Wortmeldung mehrfach mit einem
wohlwollenden Nicken zur Kenntnis nahmen, wurde mir nicht das Wort erteilt. Ich
fragte mich, woran das wohl lag. Kennen die mich? Ahnen die, was ich sagen
will? Aber im Nachhinein kam mir der Gedanke, dass sie mich womöglich
gerade deshalb nicht zu Wort kommen ließen, weil sie mich eben nicht
kannten. Womöglich – aber das ist wohlgemerkt nur eine Vermutung – waren
Diejenigen, die sich in der Publikumsdiskussion äußern durften, durchweg
Stammgäste bei Veranstaltungen der Katholischen Akademie, von denen man sich
einigermaßen sicher sein konnte, dass sie nichts Störendes sagen würden.
Somit blieb mir nichts Anderes
übrig, als den geselligen teil des Abends abzuwarten und Herrn Thierse mit
einem Glas Wein in der Hand persönlich zu konfrontieren. Ich sagte ihm exakt
das, was ich auch ins Mikrofon hätte sagen wollen, wenn man es mir denn gegeben
hätte:
„Sie haben von einem größeren Gewicht der Laien in der Kirche gesprochen. Wenn ich das im Kontext Ihrer weiteren Ausführungen betrachte, habe ich den Eindruck, Sie haben eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie diese Laien sein sollen und wohin sie die Kirche bewegen sollen. Die von Ihnen so genannten 'auf Orthodoxie pochenden Beckmesser' zum Beispiel sollen es ja wohl offenbar nicht sein – und das sind ja schließlich auch zu einem erheblichen Teil Laien. Daher fand ich es auch ein bisschen tragikomisch, dass sie sagten, denen dürfe man 'nicht das Feld überlassen'; ich habe mich gefragt: Wo haben diese Katholiken denn überhaupt ein Feld? Mein Eindruck ist eher, dass solche Katholiken schon jetzt vielfach an den Rand gedrängt werden; und dass sie sich in einer Vision von Kirche, wie Sie sie hier vorgestellt haben, erst recht nicht zu Hause fühlen werden, ist Ihnen ja sicherlich klar. Wenn man aber eine Kirche will, die 'von den Laien her denkt' – müsste man dann nicht auch diese Laien einbinden? Ist das nicht ein Dilemma?“
Der langjährige Parlamentarier
wich meiner Frage geschickt aus, indem er klarstellte, mit den „Beckmessern“
habe er nicht nur oder in erster Linie Laien gemeint; es gebe auch Priester und
sogar Bischöfe, auf die diese Bezeichnung zutreffe. „In der Deutschen
Bischofskonferenz sitzen Leute, die sich gegen jede Veränderung sträuben. Ich
brauche da keine Namen zu nennen, die sind allgemein bekannt. Jahrzehntelang
war die Deutsche Bischofskonferenz dadurch gespalten bis zur Lähmung. Man wird
sehen, ob das in Zukunft anders wird.“ - „Das beantwortet aber meine Frage
nicht“, beharrte ich, doch Bundestagspräsident a.D. Thierse konterte souverän:
„Doch, ich finde schon.“ Eine sehr politische Entgegnung, zweifellos. Gelernt
ist gelernt.
Ich halte es übrigens durchaus
für möglich, dass Herr Thierse gar nicht begriffen hat, dass ich in
meiner kritischen Anfrage *für* die so genannten „Beckmesser“ sprach –
geschweige denn, dass ich, aus seiner Sicht zumindest, selber einer bin.
Das sah man mir schließlich nicht an, mit meinen langen Haaren, dem Bart und
dem schlabberigen Cardigan über einem Krümelmonster-T-Shirt. Aber auch
unabhängig von meinem Aussehen rechnete er vermutlich ganz generell
nicht damit, so jemanden bei so einer Veranstaltung zu treffen, die Alles in
Allem wohl eher als kuschliges Familientreffen liberaler Reformkatholiken
konzipiert war. Diesen Eindruck hatte ich spätestens ab dem Zeitpunkt, an dem
Wolfgang Thierse in seinem Vortrag äußerte, „selbstverständlich“ müssten auch
Frauen Gemeinden leiten und im Gottesdienst predigen dürfen: Diese
vermeintliche Selbstverständlichkeit, sagte ich mir, ist ein
Kommunikationshindernis.
Das bestätigte sich eindrücklich,
als ich unmittelbar nach meinem Austausch mit Herrn Thierse in ein Gespräch mit
einem älteren Ehepaar geriet, in dem es sich recht bald just um die Themen
Laienpredigt und Frauendiakonat drehte. Meine beiden Gesprächspartner rechneten
offensichtlich überhaupt nicht damit, dass ich – oder irgend jemand
– in diesen Fragen anderer Meinung sein könnte als sie. Irgendwann merkten sie
es natürlich – und da war das Gespräch dann auch beendet.
Zusammenfassend könnte man
feststellen, es gehöre zu den leicht tragikomischen inneren Widersprüchen des
liberalen Reformkatholizismus, dass er sich einerseits gern als von der
kirchlichen Hierarchie unterdrückte und marginalisierte Oppositionsbewegung
geriert, andererseits aber längst mit Billigung und – nicht zuletzt auch
finanzieller – Unterstützung ebendieser Hierarchie Räume und Strukturen
etabliert hat, in denen er sich fühlen und gebärden kann, als wäre er schon an
der Macht. Das ist im Grunde nicht viel anders als in den linksautonomen
Kneipen, in denen ich manchmal verkehre (sofern ich dort kein Hausverbot habe).
– Immerhin aber hat mich Wolfgang Thierses Einschätzung über die Deutsche
Bischofskonferenz dazu veranlasst, dieses ehrwürdige Gremium tendenziell
positiver zu sehen als zuvor – und das ist ja auch schon was wert.
Danke für diesen u.a. auch humorvollen Bericht.
AntwortenLöschenEs ist leider immer noch so, dass die in Manfred Lütz' Buch "Der gefesselte Riese" getroffene Zustands Beschreibung der katholischen Kirche hierzulande als eines durch 2 sich gegenseitig blockierende Lager (Reformos und Tradis) aufgespaltenen gelähmten Riesen immer noch zutrifft.
Wünschenswert wäre eine Übetwindung dieses Lagerdenkens in BEIDEN Lagern und eine Weiterentwicklung zu einem wieder am Evangelium maßnehmendem Katholizismus, den der amerikanische Publizist und Katholik George Weigel in seinem 2013 auf Deutsch erschienenen Buch "Die Erneuerung der Kirche" als "evangelikalen Katholizismus" bezeichnet und auf allen Standes-Ebenen - von den Laien bis zum Papst - beschreibt.
Ich hoffe [im Grundsatz aber nicht im Weg und Ziel einig mit W. Thierse] auch auf solch eine Erneuerung der GESAMTEN Christenheit und bete dafür regelmäßig.
Ich komme aus dem eher traditionellen Teil der RKK, bin aber inzwischen sehr tolerant anderen Richtungen/Wegen im Glauben
gegenüber. Nicht allerdings gegenüber Häresien und Glaubensfälschern!
Mit solchen Leuten will ich möglichst nichts zu tun haben, denn sie sind oft von geradezu missionar schematisch Eifer beseelt, ihre irrigen Vorstellungen weiterzuverbreiten.
Ihr Hinweis auf den Veranstaltungsort des Nikodemus-Gesprächs veranlasste mich, auf die Homepage von Maria Regina Martyrum zu gehen. Ich habe die Kirche vor Jahrzehnten als Abiturient mit der Schulklasse besucht - sie ist mir als "Betonkirche" in vager Erinnerung und sprach mich damals nicht an.
Jetzt auf der Homepage las ich von ihr als Gedenkort für die unter dem Nationalsozialismus ums Leben gekommenen christlichen Märtyrer und u.a. von der frühen Vision eben einer Märtyrer-Gedenkkirche des längst verstorbenen Berliner Bischofs Wilhelm Weskamm, den meine Mutter noch persönlich kannte.
Ich verehre sehr die christlichen Märtyrer unter der Nazidiktatur; u.a. Dompropst Lichtenberg, dessen Grab in der Kryptographie der St. Hedwigskathedrale ich gerne aufsuchte, wenn ich beruflich in Berlin zu tun hatte und dessen unvergessenen Seligsprechungsfeier ich 1996 im Berliner Olympiastadion ich persönlich miterleben konnte.
Gerade diese Märtyrer können für uns große und wertvolle Vorbilder sein als eben zu ihrer Zeit dem nationalsozialistischen Mainstream - oder wie es auf der Homepage bezeichnet wurde - der "nationalsozialistischen Schwarmintelligenz" nicht angepasst sondern diametral gegenständig!
Ein solcher mir äußerst wertvoll und geradezu kostbarer Märtyrer ist der am 09.08.1943 in Brandenburg/Havel hingerichtete österreichische Bauer Franz Jägerstätter, der den Eid und Kriegsdienst mit der Waffe auf Hitler in vollem Bewusstsein auf die Konsequenzen verweigerte. Er war dreifacher Familienvater, aber seine Frau unterstützte ihn in seiner Gewissensentscheidung. Am 26.10.2007 wurde Franz Jägerstätter in Linz seliggesprochen; m.E. sollte kirchlicherseits auch ein Seligsprechungsverfahren für seine inzwischen auch verstorbene Frau und Witwe Franziska erwogen werden, denn sie hat sehr großen und entscheidenden Anteil an dem Glaubensweg ihres Mannes und war ihm eine wertvolle Stütze.
Es gibt einen sehr gut geschriebenen biographischen Roman von Kurt Benesch " Die Suche nach Jägerstätter", den ich allen Interessierten nur wärmstens zu lesen empfehle, um das Leben dieses einfachen aber sehr beeindruckenden Menschen kennenzulernen.
Mich hat es auf meinem christlichen Glaubensweg weitergebracht.
Vielen Dank für diesen in der Tat sehr humovollen Bericht, der Aufschluss darüber gibt, wie man sich als "Beckmesser" heute im Reform-Katholizismus fühlt.
AntwortenLöschenAllerdings ist Thierses Hinweis darauf, dass die Pastoralen Prozesse vom Klerus her gedacht sind, nicht total falsch. Ein Bischof kann keine Pfarreien halten, für die er keine Pfarrer bestellen kann. Insofern ist es tatsächlich der Priestermangel, der hier den Rahmen vorgibt. Wer allerdings Kirche von unten als Laienkirche denken will, der sollte sich über die Bedeutung des Priesters für die Kirche bewusst sein. Man tut fast so, als wäre der Priester überflüssig. Sie werden zu Sakramenten"automaten". Alles andere können auch die Laien. Wie sollen denn da Berufungen zum Ziel gelangen? Wer kann denn da Gottes Ruf noch hören?
Gerade deswegen müssten Pastorale Prozesse ein geistlicher Weg sein.....