Sonntag, 20. September 2015

Venceremos! - Stehen für das Leben 2015

Gestern war International Talk Like A Pirate Day - arrr! -, aber das war nicht der Grund, weshalb ich diesen Tag seit Wochen, ja seit Monaten mit Spannung und Vorfreude erwartet hatte. Auch die Amtseinführung des neuen Berliner Erzbischofs Heiner Koch war nicht der Grund. Da wäre ich zwar durchaus auch gern hingegangen, aber angesichts der Terminkollision hatte ich mich gar nicht erst um eine Eintrittskarte für die Hedwigskathedrale bemüht. Es wäre wohl auch so schwierig genug geworden, hineinzukommen. Immerhin, als ich, während in der Kathedrale der Festgottesdienst zur Amtseinführung lief, zusammen mit meiner Liebsten einen Twitter-Freund und Bloggerkollegen von der Bahn abholte, konnte ich feststellen, dass der Berliner Hauptbahnhof architektonisch durchaus Ähnlichkeiten mit St. Hedwig hat. 


Unser gemeinsames Ziel war der 11. Marsch für das Leben - für mich persönlich der vierte, für meine Liebste ebenso, allerdings der erste, zu dem wir gemeinsam gingen. Vorher gönnten wir uns noch ein leckeres Kuchenfrühstück - ohne Mampf kein Kampf! 


Meine Liebste ist infolge ihrer zwei Monate zurückliegenden Knöchelverletzung immer noch etwas gehbehindert, deshalb hatten wir uns, da so ein Marsch auf Krücken sicher nicht zu bewältigen gewesen wäre, beim Roten Kreuz einen Rollstuhl geliehen. Vermutlich war dieser der Grund dafür, dass die Ordner uns bei der Kundgebung einen VIP-Platz, ziemlich nah an der Bühne, anwiesen. (Ich will mal, im Interesse christlicher Demut, lieber nicht davon ausgehen, dass meine Prominenz als Blogger dafür verantwortlich war...) 

Die Menschenmenge bei der Kundgebung war schier unüberschaubar. Später hieß es, rund 7.000 Teilnehmer seien beim Marsch für das Leben gewesen. Das ist absoluter Rekord. Die Polizei sprach zwar lediglich von 5.000, aber so viele waren es ja schon im letzten Jahr gewesen, und dieses Mal waren es eindeutig wesentlich mehr. Trotz des parallelen Festakts in der Kathedrale, trotz des durchwachsenen Wetters. 







Dank meines günstigen Platzes bekam ich von den Redebeiträgen der Kundgebung erheblich mehr mit als in den Jahren zuvor. Sehr eindrucksvoll war die Ansprache einer Frau, die abgetrieben und schwer darunter gelitten hatte. Ihre Worte konterkarierten deutlich die unter Lebensschutz-Gegnern verbreitete Auffassung, die Kirche rede Frauen, die abgetrieben haben, Schuldgefühle ein: Im Gegenteil, erklärte sie, habe der christliche Glaube es ihr ermöglicht, mit ihren massiven Schuldgefühlen fertig zu werden - weil sie Gottes Vergebung erfahren habe. Anfangs, sagte sie, habe sie sich schwer damit getan, diese Vergebung anzunehmen: "Ich wollte bestraft werden." 


Neben dem Thema Abtreibung ist seit Jahren auch Sterbehilfe bzw. Euthanasie ein thematischer Schwerpunkt des Marschs für das Leben; dieses Thema gewann diesmal eine besondere Brisanz dadurch, dass im Bundestag derzeit über mehrere Gesetzesentwürfe zur Suizidbeihilfe beraten wird. Hierzu sprach ein Mann im Rollstuhl, der zunächst die Zuhörer fragte: "Leben Sie gern? - Ich auch!", fügte er energisch hinzu; "aber vor 45 Jahren habe ich versucht, meinem Leben ein Ende zu setzen. Seitdem sitze ich im Rollstuhl." Er habe viele Menschen kennen gelernt, die ebenfalls Selbstmordversuche oder zumindest Selbstmordgedanken hinter sich hatten, führte er aus; und ausnahmslos alle, mit denen er gesprochen habe, seien heute froh, noch am Leben zu sein. Die Botschaft war unmissverständlich: Menschen, die nicht mehr leben wollen, soll man dabei helfen, den Mut zum Leben wiederzufinden - und nicht dabei helfen, zu sterben

Martin Lohmann begrüßt die Teilnehmer

Hauptredner bei der Kundgebung war wie gewohnt Martin Lohmann, Vorsitzender des Bundesverbands Lebensrecht. Er richtete herzliche Grüße von Papst Franziskus aus, den er zusammen mit anderen Organisatoren des Marsches vor einigen Wochen in Rom getroffen hatte, und versicherte, Franziskus' emeritierter Vorgänger Benedikt XVI. sei den Teilnehmern des Marsches im Gebet verbunden. Bei der Begrüßung der Teilnehmer hob Lohmann besonders die Anwesenheit syrischer Christen hervor. Interessant, dachte ich in Hinblick auf die Gegendemonstranten, von denen zwar noch nichts zu hören, geschweige denn zu sehen war, von denen man sich aber nach den Erfahrungen der letzten Jahre ja bereits eine gute Vorstellung machen konnte. Die Organisatoren der Proteste gegen den Marsch für das Leben rekrutieren ihre Anhängerschaft üblicherweise in einem Milieu, in dem gleichzeitig auch Motti wie Refugees welcome und Kein Mensch ist illegal! verfochten werden. Da stellt sich nun die Frage: Sind die Refugees aus Sicht dieser Aktivisten immer noch welcome, wenn sie pro-life sind? Diese Frage ist keineswegs banal. Viele, vermutlich die meisten der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und aus Afrika, die derzeit nach Deutschland kommen, sind - ob nun als Christen oder als Muslime - ausgesprochen religiös und nicht selten gerade aus religiösen Gründen geflüchtet. Wie sieht es da bei den radikalen Linken mit der Willkommenskultur aus? Das kann auf mittlere Sicht noch sehr, äh, interessant werden. 

Grußwort von Ulrich Parzany
Inzwischen erschien in sichtlicher Eile Weihbischof Matthias Heinrich, der sich offenbar gerade von der Amtseinführung seines neuen Chefs losgeeist hatte, auf der Kundgebung und kletterte sportlich über die Absperrung. Er hatte allerdings noch etwas Zeit bis zu seinem Grußwort, denn vor ihm war erst einmal der evangelische Prediger Ulrich Parzany dran. Ein Mann, dem man anmerkt, dass er es seit Jahrzehnten gewohnt ist, auf Massenveranstaltungen zu sprechen: Seine Rede war entschieden die kraftvollste und mitreißendste der Kundgebung. Parzany äußerte sich "enttäuscht und auch zornig" darüber, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sich nicht zu einer offiziellen Unterstützung des Marschs für das Leben habe durchringen können; mit Blick auf die zu erwartende Konfrontation mit Gegnern des Marsches zitierte er zwei Bibelstellen: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse durch das Gute!" (Römer 12,21) und "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lukas 23,34). 

Grußwort von Weihbischof Mathhias Heinrich

Weihbischof Heinrich stellte sein Grußwort - das er ausdrücklich auch im Namen des neuen Erzbischofs Koch an die Teilnehmer richtete - unter das biblische Motto "Wähle also das Leben" (Deutoronomium 30,19) und erklärte: "Wir gehen auch für den, der das Leben ist: Jesus Christus, den einzigen Herrn über Leben und Tod". Der Schlusssatz seines Grußworts - "Und darum gehe ich heute Ihren Weg mit" - wurde mit lautstarkem Beifall beantwortet. 

Spontanes Grußwort von Weihbischof Andreas Laun (Salzburg)
Auch der Salzburger Weihbischof Andreas Laun kam zu einem kurzen, spontanen Grußwort auf die Bühne; darin erwähnte er, dass er am nächsten Tag (also heute) nach Bratislava weiterreisen werde, um dort am slowakischen Pendant zum Marsch für das Leben teilzunehmen. Seit seiner Ankunft in Berlin sei er mit zwei Taxifahrern ins Gespräch gekommen, einem Muslim und einem Atheisten; und beide hätten sich auf die Mitteilung hin, er wolle zum Marsch für das Leben, als entschiedene Abtreibungsgegner zu erkennen gegeben. Der Einsatz für das Lebensrecht der Ungeborenen, so folgerte Weihbischof Laun, sei nicht allein ein christliches Anliegen; er entspreche dem natürlichen Recht, das "jedem Menschen ins Herz geschrieben" sei. 

Suchbild mit Weihbischof Thomas Maria Renz (Rottenburg-Stuttgart) und Bischof Rudolf Voderholzer (Regensburg)
Im Publikum wurden außerdem Weihbischof Thomas Maria Renz aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart (der beim Abschlussgottesdienst die Predigt halten sollte) sowie der Bischof von Regensburg, Rudolf Voderholzer, gesichtet. Ein Diözesan- und drei Weihbischöfe der Katholischen Kirche beim Marsch für das Leben: eine sehr beachtliche Bilanz! Ebenfalls mit von der Partie war der Bischof der zur Anglikanischen Kirchengemeinschaft zählenden Reformierten Episkopalkirche Deutschlands, Gerhard Meyer; während des Marschs bekam ich zufällig mit, wie er von einem Polizisten angehalten wurde, der ihn offenbar wegen seiner lila Soutane für einen verkleideten Gegendemonstranten hielt... 

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil
Störungen durch Gegendemonstranten hielten sich im Vergleich zu den Vorjahren anfangs sehr in Grenzen - wie sich später zeigen sollte, lag dies jedoch nur daran, dass die Gegner des Marsches ihre Strategie geändert hatten. Zunächst jedenfalls sah man nur hier und da kleine Grüppchen von meist in schwarze oder graue Hoodies gekleideten jungen Erwachsenen, die dem Demonstrationszug altbekannte Parolen hinterherriefen. Dass diese Parolen mit dem Anliegen des Marsches meist wenig bis nichts zu tun hatten, ist schon vielfach angemerkt worden; eine sehr gute Analyse zu den beliebtesten Schlachtrufen der Gegendemonstranten gibt es hier. Besonders bemerkenswert fand ich einen dicklichen Mann, der einer Familie mit einem kleinen Kind vorwurfsvoll zurief: "Weiß das Kleinkind, wofür Sie hier demonstrieren?" Am liebsten hätte ich geantwortet: "Weißt du es?" Denn dass die Vorstellungen der Gegendemonstranten darüber, mit was für einer Veranstaltung sie es hier zu tun hatten, ziemlich grob verzerrt waren, war ja einigermaßen offensichtlich. Dazu gleich mehr. 




Unter den Linden kam der Marsch ins Stocken. Da ich mich fast am Ende des Zuges befand - ich hatte ja einen Rollstuhl zu schieben -, konnte ich die Ursache dafür nicht sehen, aber es war ja nicht schwer zu erraten: Unsere Gegner hatten eine Sitzblockade gebildet. Der Journalist Thomas Kycia, Korrespondent der polnischsprachigen Sektion von Radio Vatikan und gleichzeitig freier Mitarbeiter des RBB, befand sich wesentlich weiter vorne und twitterte Fotos von der Blockade. Auf einem der Fotos glaubte ich eine der "Türsteherinnen" wiederzuerkennen, die ich wenige Tage zuvor im "Familiengarten" in Kreuzberg getroffen hatte, aber ich könnte mich auch täuschen. Ein Video von der Räumung der Blockade wurde von der deutschsprachigen Abteilung der Catholic News Agency auf Facebook veröffentlicht.
Ich wusste gar nicht, dass der Marsch für das Leben von einer Baufirma gesponsort wird... ;)
Insgesamt über eine Stunde lang war der Marsch für das Leben eher ein Stehen für das Leben. Es ist anzunehmen, dass die (sehr treffend benannte) "What the Fuck?"-Fraktion das als großen Erfolg feiert, aber ich sehe das anders. Meiner Wahrnehmung zufolge machen derartige Aktionen den Marsch für das Leben nur stärker. Und das aus mehreren Gründen. Zum Einen wird dem Marsch dadurch mehr Aufmerksamkeit zuteil - sowohl in seinem Verlauf (man denke nur an die Gäste der Straßencafés und Kunden der Souvenirgeschäfte Unter den Linden, die dieses Jahr mal so richtig viel vom Marsch für das Leben mitbekommen haben) als auch in der medialen Nachbereitung; zum Anderen stärkt es die Solidarität der Teilnehmer untereinander und gibt ihnen Gelegenheit zu beweisen, dass sie sich von der Feindseligkeit um sie herum nicht provozieren lassen. Während von den Straßenrändern mit Trommeln und Trillerpfeifen gelärmt wurde, fingen die Teilnehmer des Marsches an zu singen - zuerst "Großer Gott, wir loben Dich", dann "Lobe den Herrn, meine Seele". Besonders Letzteres wirkte sehr meditativ. Für mich zählte das zu den stärksten Momenten dieses Nachmittags. Ich fühlte mich irgendwie an Peter Ustinov in Quo vadis? erinnert: "Die singen ja! Wieso singen die denn?" 


Der Vergleich mag hoch gegriffen erscheinen, immerhin wurden wir von 900 Polizeibeamten geschützt. Das war aber auch dringend notwendig. Das volle Ausmaß der Feindseligkeit, die unsere Gegner uns entgegen brachten, bekamen wir zu spüren, nachdem der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte. Etwa auf Höhe des Kronprinzenpalais - dort, wo zuvor die Sitzblockade geräumt worden war - empfingen uns hassverzerrte Gesichter und wütende Sprechchöre, die zum Teil unverhohlene Drohungen ausdrückten - etwa: "Kein Vergeben, kein Vergessen - Christen haben Namen und Adressen!" Wenn die Krakeeler allerdings meinten, sie könnten uns damit einschüchtern, dann haben sie etwas Wesentliches nicht einkalkuliert. Christen haben keine Angst. Ein zentraler Satz der christlichen Botschaft lautet "Fürchtet euch nicht". - Gut, zugegeben, Christen sind natürlich auch nur Menschen, und jeder Mensch hat irgendwann mal Angst. Die Konfrontation mit den hasserfüllten Protestierern am Straßenrand wäre theoretisch ein Moment gewesen, der sich dafür angeboten hätte. Aber die anwesenden Christen waren eben für ihren Glauben auf der Straße - und da gilt dann die Zusage Jesu aus Matthäus 5,11f.: "Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden vor euch schon die Propheten verfolgt." 

Ein paar nette Slogans, von der Straße aufgelesen

Dieser nette junge Mann betete, während der Marsch stockte, für die Heilung des Knöchels meiner Liebsten.
Eine ganz andere Frage ist natürlich, woher dieser ganze Hass und Zorn eigentlich kommt. Wenn man bedenkt, dass er sich gegen eine Demonstration richtet, die für das Lebensrecht und die Würde jedes Menschen eintritt, ist das eigentlich kaum zu begreifen. Wenn man sich allerdings anschaut, wie der Marsch für das Leben und dessen Teilnehmer in der Propaganda ihrer Gegner dargestellt werden, dann wundert man sich über gar nichts mehr. Ich habe schon letztes Jahr darüber geschrieben. Liest man beispielsweise den Aufruf des "What the Fuck?"-Bündnisses, dann wird es halbwegs nachvollziehbar, dass jene, die alles glauben, was da behauptet wird, so versessen darauf sind, den Marsch zu stören und zu blockieren. Weil sie nämlich annehmen müssen, einen Haufen frauenhassender, homophober Nazis vor sich zu haben. Schon klar, dass sie die nicht unbehelligt durch Berlins Mitte marschieren lassen wollen. Es bleibt allerdings die Frage, warum diese Fehlwahrnehmung so schwer zu besiegen ist. Es ist ja nicht so, als gäbe es keine durchaus unverdächtigen Quellen, die die Gegendemonstranten eines Besseren belehren könnten. Das Netz gegen Nazis beispielsweise. Da erschien am Tag vor dem Marsch ein Interview mit Juliane Lang vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus - die sich zwar insgesamt kritisch bzw. ablehnend zum Marsch für das Leben äußerte und das Familienbild der "Lebensschützer_innen" als rückschrittlich und populistisch bezeichnete, die Veranstalter aber vom Vorwurf des Rechtsextremismus ausdrücklich freisprach. Und während etwa der Humanistische Verband Deutschlands immer gern dabei ist, wenn es gilt, gegen den Marsch für das Leben zu mobilisieren, fand sich heuer ein Vertreter der (diesem dem Namen nach offenbar weltanschaulich verwandten) Humanistischen Alternative Bodensee, der den Marsch entschieden gegen seine Gegner in Schutz nahm.

Natürlich gibt es unter den Gegendemonstranten und -innen auch solche (und vermutlich nicht gerade wenige), denen jenseits aller sonstigen Unterstellungen die Tatsache, dass sich der Marsch für das Leben gegen Abtreibung richtet, bereits voll und ganz ausreicht, ihn bekämpfen zu wollen. Unter den Linden hörte ich den Ausruf einer einzelnen jungen Frau: "Warum kämpft ihr eigentlich so sehr gegen die Rechte Anderer?". Die Frage klang ebenso wütend wie ehrlich. Nur geht sie von falschen Voraussetzungen aus. Der Marsch für das Leben kämpft nicht gegen, sondern für die Rechte Anderer - nämlich solcher, die keine Möglichkeit haben, selbst für ihre Rechte einzutreten. Wozu vor allem ungeborene Kinder gehören. Wenn die Gegendemonstranten darauf pochen, das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper sei ein Menschenrecht, dann haben sie grundsätzlich Recht. Allerdings geht dieses Recht nicht so weit, andere Menschen töten zu dürfen. - Das Problem liegt hier schlicht und ergreifend in der Weigerung, ungeborene Kinder als Menschen anzuerkennen. In einer Online-Diskussion las ich erst kürzlich die Aussage: 
"Das was abgetrieben wird ist eine kleine Zellmasse, ohne Gehirn, Vitalfunktionen oder Wahrnehmung." 
Diese Aussage ist objektiv falsch. Nach geltendem Recht sind Abtreibungen in Deutschland - sofern keine medizinische Indikation vorliegt, die die Frist noch erheblich verlängern würde - bis zur 12. Schwangerschaftswoche straffrei möglich. Wer schon einmal Bilder von menschlichen Embryonen in der 12. Woche gesehen hat, wird Mühe haben, zu bestreiten, dass es sich um Menschen handelt. Findet die Abtreibung in einem deutlich früheren Stadium statt, ist die davon betroffene "Zellmasse" zwar rein äußerlich nicht so leicht als Mensch erkennbar, aber das ändert nichts daran, dass es sich um einen lebenden Organismus handelt, der zweifelsfrei der Spezies "Mensch" angehört und nicht Bestandteil des Körpers der schwangeren Frau ist. Wem das noch nicht ausreicht, dem Embryo Menschenrechte zuzuerkennen, der sei auf einen anderen Aspekt der Auseinandersetzung hingewiesen: Während Lebensschützern häufig vorgeworfen wird, sie wollten Abtreibung ohne Ausnahme verbieten, wird auf der Gegenseite regelmäßig die Forderung laut, Abtreibung ohne Ausnahme zu legalisieren. In der Konsequenz hieße das, dass Abtreibungen bis unmittelbar vor der Geburt durchgeführt werden dürften - also auch dann, wenn das Kind bereits außerhalb des Mutterleibs lebensfähig wäre. Die Vorstellung, dass allein der Zeitpunkt der Geburt darüber entscheidet, ob ein Kind ein vom Willen seiner Mutter unabhängiges Recht auf Leben hat oder nicht, ist so absurd, dass es weh tut - aber in den USA ist das bereits Realität. Da ist es dann gedanklich nur noch ein kleiner Schritt zu der Auffassung eines Peter Singer, es müsse erlaubt sein, Säuglinge auch noch nach der Geburt zu töten. 

-- Dass gerade dort, wo zuvor die Sitzblockade aufgelöst worden war, die Aggressionen besonders hochkochten, hat sicherlich auch seine Gründe. Ich kann mir schon ganz gut das Gejammere in der linksradikalen Szene darüber ausmalen, dass "deutsche Polizisten" - die ja, einem in jenen Kreisen verbreiteten Vers zufolge, sowieso "Gärtner und Floristen" (oder wie ging der Spruch nochmal?) sind - wieder einmal "mit Gewalt" den Lebensschützern den Weg gebahnt haben. Tatsächlich haben die Polizisten aber nur das getan, wofür Polizisten nun mal da sind: den Rechtsstaat verteidigt. Der Versuch, eine genehmigte Demonstration zu blockieren, ist nach § 21 des Versammlungsgesetzes eine Straftat. Nach § 111 des Strafgesetzbuches ist zudem auch der öffentliche Aufruf zu rechtswidrigen Handlungen strafbar. Und jetzt warte ich darauf, dass Katja Kipping verhaftet wird. Ach nee, die genießt als Bundestagsabgeordnete ja Immunität. 

Als wir endlich den Lustgarten erreichten, wo der ökumenische Abschlussgottesdienst stattfand, hatte gerade die Predigt von Weihbischof Renz begonnen. Gleichzeitig begann es kräftig zu regnen. Nach kurzem Bedenken entschieden meine Liebste und ich uns dafür, uns lieber ins Trockene zu flüchten - und etwas zu essen. War doch alles recht anstrengend gewesen. Die Predigt gab's ja zum Glück auch online. 
Abschlussgottesdienst - im Regen.
Wie ich folglich nachlesen konnte, betonte Weihbischof Renz:
"Wenn sich [...] Christen für das Lebensrecht der Ungeborenen und für eine passive Sterbebegleitung alter und kranker Menschen einsetzen, sind sie [...] keine 'selbst ernannten oder sogenannten Lebensschützer', wie sie immer wieder einmal diffamiert werden [...], sondern 'von Gott ernannte Lebensschützer'. Deshalb stehen Christen immer auf der Seite des Lebens und sie stehen immer auf, wo immer dieses Recht auf Leben begrenzt, bestritten oder gar abgesprochen wird, ganz besonders an den 'Rändern', also ganz am Anfang und ganz am Ende des menschlichen Lebens." 
Auf dem Rückweg trafen wir in der S-Bahn zufällig eine ehemalige Arbeitskollegin meiner Liebsten mit ihren Kindern. Mitten im Gespräch fiel der Kollegin auf, dass uns noch die wie Stimmkarten gestalteten Flyer mit der Aufschrift "Ja zum Leben!" (auf der grünen Seite) und "Gegen Abtreibung / Selektion / Euthanasie" (auf der roten Seite) aus den Hemdtaschen herausschauten, und sie fragte uns, ob wir gerade von einer Demo kämen. Wir bejahten, und meine Liebste erzählte in ein paar kurzen Sätzen vom Marsch für das Leben. Eins der Kinder sagte sehr ernst: 
"Abtreibung ist, wenn man sein Baby tötet." 
So schwer ist das also gar nicht zu verstehen. 


4 Kommentare:

  1. Hallo, wunderbar beschrieben wie es war ;-) Ist es ok, wenn ich den Postlink poste? ;-)

    AntwortenLöschen
  2. Zu den Auseinandersetzungen rund um den Marsch für das Leben habe ich eine klare Meinung: es werden dort keine verfassungsfeindlichen Ziele verfolgt deshalb gibt es auch kein Recht dazu, den Marsch zu blockieren und Teilnehmer zu beschimpfen. Von den Veranstaltern würde ich mir mehr Klarheit und Offenheit wünschen. Als Ziel des Marsches wird angegeben, die "Zahl der Abtreibungen massiv einzudämmen". Wie das exakt erfolgen soll und was das in Hinblick auf das Strafrecht bedeutet bleibt allerdings komplett unklar. Klar ist nur, dass die Beratungsregelung entschieden abgelehnt wird, es gibt aber keinen konstruktiven Vorschlag dafür was statt dessen kommen soll. Dass einen "massive Einschränkung" auch nur durch eine Verbesserung der Beratung oder etwaiger Hilfsangebot erreicht werden kann halte ich für sehr zweifelhaft. Nur etwa 10 % aller Frauen, die eine Beratung aufsuchen lassen sich auf eine solche ein - die übrigen 90 % haben zu dem Zeitpunkt ihre Entscheidung - aus mehr oder weniger guten Gründen - schon getroffen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das ist alles sehr richtig und stimmig dargelegt. Mir persönlich geht es vor allem darum, erst einmal ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein ungeborenes Kind ein *Mensch* ist, der ein Recht auf Leben hat. Ich habe das Gefühl, dass diese Tatsache insgesamt zu wenig wahrgenommen wird. Wäre sie in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter - auch bei denen, die Schwangerenkonfliktberatungen durchführen -, dann könnte man viel für den Schutz des ungeborenen Lebens erreichen, auch ohne den mühsam errungenen Kompromiss des aktuell gültigen Paragraphen 218 erneut aufzuschnüren. Glaube ich. Vielleicht bin ich da auch ein bisschen naiv.

      Löschen