Dienstag, 12. März 2024

Die Kinder, das Dino-Auto und der Erzbischof

Fangen wir mal so an: Eigentlich und alles in allem war das erste März-Wochenende so schön und entspannt, wie wir es seit dem letzten Urlaub nicht mehr hatten; und man sollte eigentlich denken, gerade die Kinder hätten mit dem Programm, das ihnen geboten wurde – am Freitag Zirkus, am Samstag Gorkistraßenfest – ziemlich zufrieden sein müssen. Wahrscheinlich waren sie das auch, aber trotzdem gab es am Samstagabend eine Krise. Am Rande des Gorkistraßenfests hatte meine Liebste ein Geburtstagsgeschenk für den Jüngsten und ein kleines Geschenk für die Große besorgt und direkt im Laden in Geschenkpapier eingepackt, es beim Nachhausekommen jedoch versäumt, die Geschenke unverzüglich an einem kindersicheren Ort zu verstauen; und so stellte sich – just während ich dabei war, das Abendessen vorzubereiten – heraus, dass die Kinder die Geschenke in einem unbeobachteten Moment gemopst, sie mittels einer Bastelschere aus der Verpackung befreit und im Kinderzimmer mit ihren gespielt hatten. Damit nicht genug, hatten sie es in kürzester Zeit geschafft, das als Geburtstagsgeschenk für dem Jüngsten gedachte Dino-Auto zu beschädigen und Zubehörteile zu verbummeln. Meine Liebste war extrem sauer und ich eigentlich auch, konnte mich aber aus Gründen der Balance nicht ganz so sehr darüber aufregen wie sie. Derweil erweckten die Kinder den Eindruck, sie verstünden gar nicht so recht, was sie Schlimmes gemacht hatten, und warteten einfach darauf, dass die Erwachsenen aufhörten, sauer zu sein – etwa so, wie man auf besseres Wetter wartet. 

Man beachte: Das vordere Horn des Dino-Autos hat schon ziemlich gelitten. 

Der Haussegen hing also gründlich schief, und das änderte sich erst, als unsere Große nach dem Essen den ebenso überraschenden wie brillanten Vorschlag machte, wir sollten eine Gebetszeit abhalten. Das taten wir dann auch – mit Musik aus der Kategorie "ruhiger Lobpreis" ("Erhöre mein Gebet" von Mire Buthmann, "El Shaddai" von Johannes Hartl & Friends, "Du bist der du bist" von Albert Frey und Mitch Schlüter, gesungen von Thomas Enns, und "Wohin sonst" von Thea Eichholz-Müller, gesungen von Joe Falk), einem Psalm-Abschnitt aus der Vesper vom Tag (Psalm 116,10-19) und frei formulierten Bitt- und Dankgebeten. Unser Jüngster schlief dabei auf Mamis Schoß ein, und dann hatte ich die spontane Eingebung, der Großen noch eine kurze Geschichte aus dem Buch "Fromme Geschichten für kleine Leute" von Josef Quadflieg vorzulesen, das mir meine Oma einst zu meiner Erstkommunion geschenkt hat: "Streit um einen Igel". Darin geht es darum, wie zwei Freundinnen in einem Garten einen Igel entdecken und sich prompt darum streiten, wer von ihnen das Tier mit nach Hause nehmen darf. Mir schien die Schilderung recht charakteristisch dafür, wie und aus was für Anlässen auch unsere Kinder oft Streit miteinander haben – und die Große merkte es auch: An der Stelle, an der eins der Mädchen sagt "Ich habe ihn aber zuerst gesehen", entfuhr ihr ein spontanes "Oh", und sie sah sehr betroffen aus. Insgesamt gefiel ihr die Geschichte aber so gut, dass ich danach noch eine zweite aus demselben Buch ("Gretchen Plappermaul") vorlesen musste.

Tags darauf, am 3. Sonntag der Fastenzeit, fuhren wir morgens zur Spandauer Pfarrkirche Maria, Hilfe der Christen, wo Erzbischof Heiner Koch im Rahmen seiner Visitation der Pfarrei Heilige Familie Spandau-Havelland die Messe hielt. Zu Beginn seiner Predigt wandte der Erzbischof an die anwesenden Kinder und erklärte, nun habe er erst einmal den Erwachsenen etwas zu sagen; ihnen, den Kindern, werde er später etwas erzählen. Dieses Versprechen löste er kurz vor dem Ende der Messe ein: Er trat vor an die Altarstufen und forderte die Kinder auf, zu ihm zu kommen – es waren wohl ungefähr zwanzig Kinder, die diese Aufforderung folgten, vielleicht auch mehr. Unsere Große zierte sich zunächst ein wenig, wohl weil sie nicht recht einschätzen konnte, was sie da erwartete; als der Erzbischof den Kindern dann aber ausführlich die Aufgaben eines Bischofs und die symbolische Bedeutung der Insignien seines Amtes – der Mitra, des Rings, des Hirtenstabs – erklärte und dabei immer wieder Fragen nach dem Muster "Was meint ihr...?" einflocht, war sie doch sehr engagiert bei der Sache. Wer schließlich aber allen die Show stahl, war unser Jüngster. Der Erzbischof war gerade dabei, die bildlichen Darstellungen auf seinem Hirtenstab zu erläutern – die alle mit den Heiligen Drei Königen zu tun haben, die dem Jesuskind Geschenke bringen –, da fiel unserem Sohn ein: "Ich habe auch bald Geburtstag!" Und im nächsten Moment erzählte er dem Erzbischof, dass er und seine Schwester die Geburtstagsgeschenke vorzeitig ausgepackt hatten: "Ich habe ein Dino-Auto bekommen und meine Schwester ein Pferd. Wir haben die Pakete aufgemacht und damit gespielt, und Mama und Papa waren sauer." Ich stand dabei und war begeistert. Nun ist der Knabe noch nicht ganz drei Jahre alt und hat schon seine erste Beichte hinter sich, dachte ich; und das dann gleich beim Erzbischof

Im Anschluss an die Messe gab es noch einen Empfang im Pfarrsaal, und dabei ergab es sich, dass wir Erzbischof Koch am Büffet begegneten. Der Jüngste sah aufmerksam zu ihm auf, ging dann aber doch weiter – worauf ich zu ihm sagte: "Du hast gerade so ausgesehen, als wolltest du dem Bischof noch was sagen." – "Na, er hat mir ja schon alles gesagt", merkte Erzbischof Koch an – und fügte grinsend hinzu: "Ganz der Papa." 

Im weiteren Verlauf des Empfangs schenkte eine Frau von der Legio Mariae jedem unserer Kinder eine Wundertätige Medaille aus vergoldetem Silber; als wir die Veranstaltung verließen, liefen wir erneut Erzbischof Koch über den Weg, der gerade in sein Auto einsteigen wollte – und die Kinder rannten auf ihn zu, um ihm freudestrahlend ihre Medaillen zu zeigen. Ich fand das ausgesprochen rührend: Offenbar haben die Kinder für sich abgespeichert, dass der Erzbischof ihr Freund ist, und entsprechend verhalten sie sich jetzt ihm gegenüber. 


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2 Kommentare:

  1. Das ist eine sehr süße, anrührende Familiengeschichte.

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  2. Diasporakatholik15. März 2024 um 15:08

    Eurem Söhnchen Gideon herzlichste Glück- und Segenswünsche zum heutigen 3.(?) Geburtstag - ebenso auch alles Gute und viel Freude den Eltern und der großen Schwester Bernadette
    wünscht der Diasporakatholik aus dem Erzbistum Hamburg.

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