Montag, 4. Februar 2019

Der seltsame Fall der eingekerkerten Nonne, Teil 13

Treue Leser dieser Artikelserie dürfen sich freuen: In meiner Lektüre und Analyse von Dr. A. Rodes Kolportageroman "Barbara Ubryk oder die Geheimnisse des Karmeliter-Klosters in Krakau" bin ich endlich so weit vorgedrungen, dass zumindest schon mal der Eintritt der Titelheldin ins Kloster zur Sprache kommt und sich zugleich ein erster Abgleich der Romanhandlung mit den dokumentierten Fakten des realen Falles Barbara Ubryk anbietet. Wer meint, das habe aber ganz schön gedauert, der möge sich mal vorstellen, wie es den zeitgenössischen Lesern des Fortsetzungsromans gegangen sein mag, die immerhin dafür bezahlt haben. 682 Druckseiten, mithin mehr als 14 Lieferungshefte, hat der Autor verbraucht, um an den Punkt zu kommen, an dem die Geschichte, auf die die Leser seit dem Vorwort der Verleger gewartet haben, erst richtig beginnt. Gehen wir von einer 14-tägigen Erscheinungsweise der Lieferungshefte aus, dann ist seit der spektakulären Entdeckung einer eingesperrten geisteskranken Nonne im Krakauer Karmel schon annähernd ein Jahr vergangen, und die erhofften Enthüllungen über die Hintergründe dieses Skandals stehen immer noch aus. 

Da haben die Leser meines Blogs es doch erheblich besser! Auch wer die Artikelserie über die "eingekerkerte Nonne" bislang nicht verfolgt hat, kann immer noch einsteigen, ohne die zwölf vorangegangenen Artikel dieser Reihe unbedingt nachlesen zu müssen, denn wie gesagt, die eigentliche Story geht jetzt erst richtig los, und die Relevanz der bisherigen 682-seitigen Vorgeschichte für das weitere Geschehen dürfte sich sehr in Grenzen halten. 

Symbolbild: Illustration zu Denis Diderots Roman "Die Nonne", 1797 (gemeinfrei)
Wohlan denn:

Nach der Niederschlagung des Polnischen Aufstands von 1830/31 lebt die Familie Ubryk in Dresden, und zwar in "der größten Zurückgezogenheit": "Einige Jahre verstrichen ruhig und geräuschlos im engen Familienkreise" (S. 684). Während die beiden jüngeren Töchter Therese und Anna in einem "Fräuleininstitute [...] zur weiteren Ausbildung" untergebracht werden, bleibt Barbara "allein bei den Eltern" zurück: "Theils ließ ihr vorgeschrittenes Alter, theils ihre schwächliche Gesundheit die Unterbringung in ein Pensionat nicht mehr statthaft erscheinen." (S. 685). Ihre Mutter achtet strengstens darauf, sie "[n]iemals [...] in männliche Gesellschaft kommen" zu lassen:
"Dies ging um so leichter, als sie in Dresden ein sehr idyllisches Leben führten, keine Gesellschaft aufsuchten und daher nicht wieder aufgesucht wurden. Wenn zufällig die Sprache auf diesen Gegenstand kam, so wußte die sorgsame Mutter geschickt allen Anspielungen auszuweichen." (S. 686). 
Als Barbara jedoch "neunzehn Jahre alt und eine stattliche Dame geworden" ist (S. 685), führt diese überbehütende Haltung der Mutter zu Konflikten -- die dem Autor weidlich Gelegenheit geben, seine vermeintlichen Einsichten in die weibliche Psyche auszubreiten. Mit Blick auf spätere Ereignisse ist es recht bemerkenswert, dass Barbara in einer dramatischen Szene ausruft: "Du sperrst mich wie eine Klosterfrau ein, Mutter!" (S. 688).

Barbaras Vater Kasimir versucht nun zwischen Frau und Tochter zu vermitteln und erzählt seiner Frau ein "Mährchen", nach dem das ganze 50. Kapitel seinen Titel - "Engel und Bengel" - trägt. Darin wird Gott Vater von den Engeln, die zur Linken Seines Thrones "schon unzählige Tausende Jahre Halleluja gesungen" haben und die, wie Er verblüfft registriert, "lauter Weiber" sind, damit konfrontiert, dass sie "heirathen" möchten - und zwar diejenigen Engel, "die zur Rechten seines Thrones Jubellieder sangen und Harfen dazu spielten. Da erkannte er, daß es lauter Männer waren, die im Himmel Bengel hießen" (S. 690). Im Ernst. Gott fragt daraufhin Lucifer um Rat, der den Vorschlag macht, selbst die Anführerin der weiblichen Engel zu heiraten -- was diese aber ablehnt und erklärt, dann wolle sie lieber doch nicht heiraten. Die anderen Engel pflichten ihr bei, und damit ist das ganze Thema vom Tisch. 
"Ebenso, meine Elka, müssen wir unserer Barbara Gelegenheit geben, die Männerwelt kennen zu lernen", 
erklärt Kasimir seiner Frau.
"Wenn sie die Selbstsucht derselben erfahren hat und zahlreiche Bewerber um ihre Hand freien, so wird es ihr ergehen wie den Engeln, welche lieber den Gedanken an eine Heirath aufgaben, als sich mit einer ihnen widerwärtigen Persönlichkeit verbanden. Findet sich aber ein Mann, den sie wirklich liebt, so wollen wir ihrem Glücke auch nicht hinderlich sein." (S. 691) 
Ein geeigneter Bewerber findet sich bald: ein vorgeblicher kurländischer Baron namens von Schweitzer, der Kasimir weismacht, er "habe von Kurland bei Nacht und Nebel flüchtig gehen müssen, weil er einige lithauische Insurgentenhaufen während des letzten Aufstandes mit Lebensmitteln unterstützte. Sein bei Mittau gelegenes Edelgut sei von den Russen konfiszirt worden und er lebe hier in der Verbannung" (S. 692). In Wirklichkeit handelt es sich hingegen um einen russischen Spion, der auskundschaften soll, ob Kasimir Ubryk immer noch Kontakte zur polnischen Unabhängigkeitsbewegung unterhält. Die Absicht, Barbara zu heiraten, hat Baron von Schweitzer allerdings wirklich; nur sie ist von dieser Aussicht nicht begeistert: 
"Ich fühle eine so sonderbare Abneigung gegen ihn, daß ich mich vergeblich frage, was er mir zu Leide gethan. Die Süßigkeit seines Wesens ist mir widerwärtig, seine Schmeicheleien hasse ich", 
teilt sie ihrer Mutter mit (S. 694). Elka ist mit dieser ablehnenden Haltung ihrer Tochter gegenüber dem Verehrer durchaus nicht unzufrieden -- sehr im Unterschied zu Kasimir: 
"Kasimir hatte sich bereits so fest an den Gedanken gewöhnt, daß Barbara die Gemahlin des kurländischen Barons werden müsse, daß er eines Tages in heftigen Zorn gerieth, als ihm Elka dagegen Bedenken äußerte. Es fand ein heftiger Auftritt zwischen beiden Gatten Statt, der damit endigte, daß Kasimir erklärte, ein anderer Mann werde niemals die Hand seiner Tochter erhalten als der Herr von Schweitzer." (S. 698)

Den daraus resultierenden Konflikt in der Familie löst der Autor auf recht brachiale Weise:
"Es war ein schwüler Sommernachmittag gewesen. Kasimir war zum Baden in ein Elbebassin gegangen, und klagte, als er des Abends heimgekehrt war, über Schwindel und Ueblichkeiten. Demungeachtet setzte er sich zum Abendtische. Während desselben befiel ihn wiederholter Schwindel. Er wollte sich vom Tische erheben, um ans Fenster zu treten, brach aber, von einem Schlagflusse gerührt, bewußtlos zusammen. [...] In der darauffolgenden Nacht verschied Kasimir, ohne noch zum Bewußtsein gelangt zu sein." (S. 699) 

Herr von Schweitzer glaubt nun, "die mit ihren Töchtern alleinstehende Mutter werde seinen Wünschen nicht auf die Dauer widerstehen können" (S. 700), und hält förmlich um Barbaras Hand an, kassiert jedoch eine unmissverständliche Abfuhr. -- Elka beschließt nach dem Tod ihres Mannes, mit ihren Töchtern nach Warschau zurückzukehren, und erhält vom russischen Gesandten in Dresden die Zusicherung, "der Familie würde nach ihrer Rückkehr in die Heimath kein Leid geschehen. Der Urheber ihres Unglückes wäre todt und für Rußland existire demnach kein Grund mehr, Frau und Kinder zu bestrafen" (S. 700f.). 

"In Warschau miethete sich Elka ein Landhaus an den Barrieren, dessen einsame und ruhige Lage ganz mit der Einsamkeit ihres nun endlich zur Ruhe gekommenen Herzens zu harmoniren schien" (S. 701). Derweil haben die Jesuiten ihren lange gehegten Plan, das Vermögen der Familie in die Hände zu bekommen, keineswegs aufgegeben; gleichzeitig haben jedoch auch "die Karmeliterinnen in Warschau ihre Augen auf das noch immer sehr bedeutende Vermögen der drei Fräuleins Ubryk geworfen. Das Kloster war arm, ohne Einkünfte und konnte sehr gut ein verfügbares Kapital verwerthen" (S. 719). Das 51. Romankapitel trägt daher die Überschrift "Zwei Orden im Kampfe um ein Erbe". -- Elka widmet sich derweil ganz "der Erziehung, oder wenn man will, Ueberwachung ihrer Töchter. Alle drei waren zu schönen Mädchen herangewachsen und auf dem Standpunkte, jede Stunde heirathen zu können" (S. 701); und richtig: 
"Therese und Anna hatten bei ihrem lebensheitern, frischem Wesen bald ihre Anbeter gefunden [...]. Es war im dritten Jahre nach der Rückkehr aus der Verbannung, als Therese den Kaufmann Paul Niemojowski in Warschau, und Anna, die jüngste Tochter Elkas, den privatisirenden, aber sehr geschätzten Philologen Ludwig Gorzkowski in Krakau heirathete, wo er als Ehrenmann und Patriot in hoher Achtung stand." (ebd.) 

Diese Entwicklung der Ereignisse ist "ein unerwarteter Schlag für die Jesuiten und Karmeliter":  
"Beide Orden sahen sich in ihren gehegten Hoffnungen betrogen. Insbesondere waren die Jesuiten über den Verlust wüthend, der sie dadurch an dem Vermögen traf.
Das Gesammtvermögen, ohnehin durch die Ereignisse von 1831 beträchtlich geschmälert, war nun bis auf einen Dritttheil dem Orden für immer verloren. Jetzt galt es, das Wenige noch zu retten. Beide, Jesuiten und Karmeliter, konzentrirten nun ihre Tätigkeit auf dieses Dritttheil, der Barbara zugehörte, und beide sahen ihren Sieg nur darin, daß Barbara in ein Kloster geschafft würde." (S. 722f.) 

Tatsächlich verspürt Barbara nämlich, anders als ihre jüngeren Schwestern, keinerlei Neigung, zu heiraten - was ihrer Mutter nun doch zu missfallen beginnt: Sie macht "ihre Tochter darauf aufmerksam [...], sie wäre nun 23 Jahre alt und möge sich entschließen, einem Manne ihre Hand zu reichen, da es sonst zu spät würde" (S. 707). Barbara hat indes "bereits in Dresden gelernt, die Kirche lieb zu gewinnen" (ebd.) -- wozu der antiklerikale Erzähler süffisant anmerkt: 
"Wir lassen unentschieden, ob ein frommer Sinn der beste Wächter der Jungfräulichkeit ist. Viele Mütter glauben es wenigstens, und sie mögen diese Illusion behalten, bis sie sich im Laufe unserer Erzählung eines Bessern überzeugt haben. Nur muß erwähnt werden, daß die jungen Damen nicht so sehr des Betens wegen den Kirchenbesuch lieben, als vielmehr wegen der angenehmen Gesellschaft junger Männer." (S. 706)
Inzwischen hat der Beichtvater des Warschauer Karmels, Pater Gratian, es mit allerlei Winkelzügen vermocht, jenen Beichtstuhl "des Karmeliterklosters St. Joseph" (S. 709) zu besetzen, den Barbara regelmäßig aufsucht -- womit wir zu einem weiteren klassischen Motiv der antikatholischen Literatur des 19. Jahrhunderts kommen: der emotionalen Manipulation junger Frauen durch ihre Beichtväter. Pater Gratian versteht es, die emotionale Unreife Barbaras für seine Zwecke zu nutzen: 
"Barbara hatte noch nicht geliebt, sondern wollte erst lieben. Ihr Verlangen blieb unbefriedigt, und sie fiel von dem einen Extrem in das andere, aber nur, um wieder zu dem vorigen zurückzukehren. Ein Weib, das mit so tiefem Gefühle begabt war, wie sie, mußte nothwendig der Macht unterliegen. Als ihr die Liebe versagt blieb, empfand sie Eckel [sic] vor derselben; als sie sich an dem Eckel übersättigt hatte, brach das Liebessehnen mit neuem Ungestüme aus, und es bedurfte nur der Umstände wie sie in der Folge wirklich eintraten, um sie auf die verderbliche Bahn zu leiten, auf der die Frömmigkeit Hand in Hand mit der Ausschweifung geht." (S. 706) 
Weniger blumig ausgedrückt: Der Beichtvater bringt Barbara dazu, dass sie sich in ihn verliebt, redet ihr aber gleichzeitig ein, die Gefühle, die sie für ihn empfindet, seien keine sinnliche Liebe, sondern
"jenes höhere Gefühl, das die Theologen Gottesfurcht nennen! Gottesfurcht nennen sie es, wenn das Herz des Kindes sich dem Herzen der Mutter entfremdet, Gottesfurcht, wenn die Tochter in religiösem Wahne die wehrende Mutter schmäht und beschimpft, Gottesfurcht, wenn sie sich in wahnsinnigem Fanatismus über den schneidenden Schmerz des Mutterherzens freut, dem sie eine Einwilligung endlich abgetrotzt hat!!" (S. 727) 

Auf diese Weise bewegt er Barbara, die inzwischen "im 25. Lebensjahre" steht (S. 728), dazu, ins Kloster einzutreten; ihre Mutter ist zwar dagegen, gibt ihren Widerstand aber schließlich auf. Fast drei Druckseiten füllt der Autor mit der Auflistung der Ausstattung, die Barbara ins Kloster mitbringen muss; ihre Mutter kommentiert dies mit den Worten: 
"Du sollst die verlangte Ausstattung erhalten, Barbara. Von Deinem Erbtheile jedoch gebe ich Dir nur die Hälfte mit, 400,00 Gulden bekommst Du bei Deinem Eintritte, die andere Hälfte fällt Dir erst nach meinem Tode zu. Wenn Dich Dein Entschluß plötzlich reuen und Du wieder das Kloster verlassen würdest, so soll noch immer für Dich gesorgt sein." (S. 736) 

Hier ist es nun an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass der Roman beansprucht, eine wahre Geschichte wiederzugeben – und dass es von dem authentischen Fall, auf den er sich bezieht, auch noch andere literarische Bearbeitungen gab. So erschien bereits Ende 1869 in Philadelphia ein schmales Büchlein mit dem reißerischen Titel "The Convent Horror: The Story ofBarbara Ubryk. Twenty-One Years in a Convent Dungeon Eight Feet Long,Six Feet Wide", das sich als autobiographischer Bericht von Barbara Ubryk selbst ausgab und das noch 1957 neu aufgelegt wurde; noch heute kursiert der Text als angeblich authentisches Dokument auf antikatholischen Internetseiten, so etwa auf der evangelikalen Website jesus-is-lord.com. Barbaras Leben vor ihrem Eintritt ins Kloster wird in "The Convent Horror" nur knapp skizziert; hier eine nur leicht gekürzte Übersetzung der betreffenden Passage: 
"Nach dem Tod meines Vaters im Jahr 1843, als ich sechzehn Jahre alt war, zog meine Mutter aus Wien zum Wohnsitz ihrer Schwester, meiner Tante Pauline Bertholenski, in der Nähe von Krakau. Zuvor war ich ein Jahr lang der Aufmerksamkeit eines jungen Herren aus Wien gewürdigt worden, und tatsächlich waren wir verlobt, denn ich liebte ihn sehr innig, und er hatte um meine Hand angehalten. Er liebte mich jedoch nicht so wie ich ihn, denn als sich beim Tod meines Vaters herausstellte, dass ich kein großes Vermögen erben würde, wurde mein Verehrer plötzlich abweisend und bat mich schließlich, ihn aus dem Verlöbnis zu entlassen. Obwohl mein armes Herz gebrochen war, sagte ich ihm Lebewohl und war entschlossen, niemals einen anderen Verehrer zu erhören. Man sagte, ich sei schön, und oftmals nach diesem Vorfall tadelte mich meine Mutter, weil ich die Aufmerksamkeiten mehrerer junger Herren zurückwies, die um mich werben wollten.
[...] Ich litt nun unter Melancholie, was meine Mutter äußerst zornig gegen mich werden ließ, so sehr, dass sie mich manchmal schlug und mich dazu zwang, Herren zu empfangen, die uns zu Hause besuchten. Einmal warf sie mir vor, ich würde, wenn ich nicht heiratete, stets eine Last für sie sein. Ich war daraufhin außer mir, und in einem Moment des Grams fasste ich den Entschluss, ins Kloster der Karmelitinnen einzutreten […]. Kurze Zeit später begann ich mein Noviziat, das damit endete, dass ich im Jahr 1846 den Schleier nahm und die Gelübde einer karmelitischen Nonne ablegte." 


Schon die genannten Daten und Orte machen deutlich, dass es sich hier um eine völlig andere Geschichte handelt als in Dr. Rodes Roman: Die Barbara des "Convent Horror" ist rund zehn Jahre jünger, ist in Wien aufgewachsen, es ist keine Rede davon, dass sie in Warschau gelebt hätte, der Tod ihres Vaters und ihr Eintritt ins Kloster sind um mehrere Jahre nach hinten verlegt. Man beachte auch die Erwähnung der Schwester ihrer Mutter -- in Dr. Rodes Roman hatte Barbaras Mutter lediglich einen Bruder, der zudem schon lange verstorben ist. 

Bei allen offenkundigen Widersprüchen zwischen diesen beiden Versionen der Geschichte stellt sich dennoch die Frage: Wie steht es mit den Übereinstimmungen? Dem Tod des Vaters, der daraufhin geplatzten Verlobung, dem Streit mit der Mutter? Können diese Gemeinsamkeiten wirklich rein zufällig sein? 

Die Antwort auf diese Frage lautet kurz und schlicht: ja. Diese Elemente der Vorgeschichte von Barbara Ubryks Eintritt ins Kloster sind lediglich konventionell. Das zeitgenössische Publikum der Sensationspresse und -literatur konnte sich offenbar schlichtweg nicht vorstellen, dass eine junge Frau aus anderen Gründen als aus enttäuschter Liebe freiwillig in ein Kloster eintreten sollte. Kolportage-Romancier Dr. Rode legt in seinem Roman sogar der Priorin des Warschauer Karmels die Aussage in den Mund: "Uebrigens gehen nur solche Frauenzimmer in das Kloster, welche entweder von ihren Eltern dazu gezwungen werden, oder mit der Welt zerfallen sind" (S. 720). Was natürlich blanker Unsinn ist: Tatsächlich erlebte das Klosterwesen insgesamt, und Frauenklöster in besonderem Maße, in Mitteleuropa um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen enormen Aufschwung – in einem solchen Ausmaß, dass das liberale Bürgertum darin eine Bedrohung für die Familie und für die Volkswirtschaft sah. Der nationalliberale Reichstagsabgeordnete Johann Friedrich von Schulte, ein Mitbegründer der schismatischen "Altkatholischen Kirche", veröffentlichte 1872 eine Broschüre mit dem Titel "Die neueren katholischen Orden und Congregationen besonders in Deutschland, statistisch, canonistisch, publicistisch beleuchtet" - eine bei aller tendenziösen Ausrichtung äußerst informative Quelle -, in der er mit Blick auf den Aufschwung der weiblichen Orden durchaus scharfsichtig darlegt, dass es für viele Frauen gänzlich rationale Gründe gab, dem Klosterleben den Vorzug vor Ehe und Familie zu geben: 

"Es wird, besonders in den mittleren Ständen, immer schwerer, zeitig zu heirathen, die Wohnungen und Lebensmittel sind zu theuer, die Mädchen und Jünglinge haben gar vielerlei Bedürfnisse, die Frau ist im Ganzen nicht in der Lage durch ihre Arbeit erklecklich zu verdienen u.s.w. Wie sich viele Mädchen der 'besseren Stände' zu Gouvernanten ausbilden, gehen noch mehr in Klöster. Das Klosterleben mit seinen kleinen Pflichten ist nicht ganz leicht, den Vergleich mit dem Leben einer Hausfrau, die von früh bis spät sorgen, hunderterlei kleine Leiden ertragen, Tags arbeiten, Nachts oft das kranke Kind, den kranken Mann pflegen, sich in die oft vielfältigen Launen des Mannes fügen muß, hält es nicht aus. Dieses Leben kennen die Mädchen aus eigner Anschauung. Man gewöhnt sich bald, zur bestimmten Stunde aufzustehen, auch Nachts, wenn man früh schlafen geht, täglich mehrere Stunden zu beten, weil das keine Anstrengung, sondern eine Beschäftigung für Personen ist, deren Ideenkreis sich mehr und mehr verengt." (Schulte, S. 39) 

Für das Verständnis der bürgerlich-liberalen Polemik gegen das Klosterwesen ist es daher wesentlich, dass im Gesellschaftsentwurf des liberalen Bürgertums eine Alternative zur Ehe – zumindest für die Frauen – schlicht nicht vorgesehen bzw. erwünscht war: Ehe und Mutterschaft wurden als ‚natürliche Bestimmung„ der Frau apostrophiert, eine Bestimmung, der die Nonnen sich sträflicherweise entzogen. Die Attraktion, die das Klosterleben auf viele Frauen ausübte, wurde somit als Bedrohung der bürgerlichen Familie – und das heißt in letzter Konsequenz: der bürgerlichen Gesellschaft – wahrgenommen. So hält in Dr. Rodes Roman auch Elka ihrer Tochter vor: 
"Das Weib muß das Menschengeschlecht fortpflanzen, muß dem Staate Bürger liefern, muß dem Manne unterthan sein. Eine Jungfrau versündigt sich an der menschlichen Gesellschaft, und am Staate, wenn sie sich zu heirathen weigert. Sie verkennt ihre hohe Bestimmung, und macht sich zum unnützen Gliede der menschlichen Gesellschaft." (S. 708) 


Aber zurück zum Vergleich zwischen Dr. Rodes "Barbara Ubryk"-Roman und "The Convent Horror": Bei näherem Hinsehen offenbaren die oben angesprochenen vermeintlichen Übereinstimmungen zwischen den beiden Versionen der Geschichte tatsächlich nur weitere Widersprüche. In Dr. Rodes Roman hat Barbara von vornherein nicht die Absicht, Herrn von Schweitzer zu heiraten; er ist ihr sogar ausgesprochen zuwider, und es ist lediglich ihr Vater, der die Verbindung wünscht. Zu einem formellen Heiratsantrag Schweitzers kommt es erst nach Kasimir Ubryks Tod, und Barbara lehnt diesen entschieden ab. Im Gegensatz dazu heißt es in "The Convent Horror", dass Barbara ihren Verehrer innig liebt und förmlich mit ihm verlobt ist, bevor ihr Vater stirbt – und der Mann ist es, der das Verlöbnis löst. Der eigentliche "Elefant im Raum", der größtmögliche Widerspruch zwischen den beiden fiktionalen Versionen der Affäre Ubryk, ist indes der Grund, der in "The Convent Horror" für das Scheitern des Verlöbnisses angegeben wird: Nach dem Tod von Barbaras Vater erfährt ihr Verlobter, dass sie keine nennenswerte Erbschaft zu erwarten hat – während Rodes ganzer Roman auf der Prämisse aufbaut, dass Barbara eine reiche Erbin sei! 

Derweil ist es mir gelungen, dem polnischen Wikipedia-Artikel über die Affäre Ubryk mit Unterstützung von Google Translate einige Informationen über die tatsächliche Biographie der "unglücklichen Nonne von Krakau" zu entnehmen. Dort heißt es, Barbara Ubryk sei am 14. Juli 1817 geboren worden, was sich mit den Altersangaben in Dr. Rodes Roman (nicht hingegen in "The Convent Horror") durchaus deckt, aber diese Information wird der Autor wohl ohne besonders großen Rechercheaufwand der zeitgenössischen Tagespresse haben entnehmen können. Als Geburtsort wird Węgrów in Masowien angegeben. Zudem verrät der Artikel, dass die Heldin unserer Geschichte eigentlich Anna Ubryk hieß und Barbara ihr Ordensname war; bei Dr. Rode ist Anna der Name von Barbaras jüngster Schwester. Übrigens hatte die echte Barbara (bzw. Anna) Ubryk laut polnischer Wikipedia nicht nur zwei, sondern drei Schwestern, und beide Eltern starben früh. Bereits 1838 begann sie ein Noviziat beim Orden von der Heimsuchung Mariens in Warschau, brachte dieses aber nicht zu Ende -- angeblich, weil sich schon damals die ersten Symptome einer psychischen Erkrankung bei ihr zeigten. 1840 trat sie dann als Novizin in den Karmel der damaligen Freien Stadt Krakau ein und legte dort ein Jahr später ihre ewigen Gelübde ab. Dabei fällt mir übrigens auf, dass das Kloster der Karmeliterinnen, in das Barbara Ubryk in Dr. Rodes Roman eintritt, in Warschau liegt. Hat der Autor vorübergehend vergessen, dass auf dem Titelblatt seines Romans von den "Geheimnisse[n] des Karmeliter-Klosters in Krakau" die Rede ist -- und dass, wie jeder zeitgenössische Zeitungsleser wusste, die Entdeckung der wahnsinnigen, eingesperrten Nonne sich realiter in Krakau ereignet hatte? Wie wird er sich da wohl wieder rauswinden? 

Es bleibt spannend. 


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen