Donnerstag, 1. September 2016

Wem Gott will rechte Gunst erweisen - Aus meinem Pilgertagebuch, Teil 3

Tag 2: Samstag, 23.07.2016. Von Roncesvalles nach Espinal. 

Die Abtei von Roncesvalles im Morgengrauen

In den Schlafsälen des großen Pilgerhospizes zu Roncesvalles wird abends um 22 Uhr automatisch das Licht ausgeknipst und "erst" morgens um 6 wieder eingeschaltet - was einige Mitpilger nicht davon abhielt, schon früher aufzustehen und im Schein selbst mitgebrachter Taschenlampen ihre Sachen zu packen. Dass sie dabei mit einiger Wahrscheinlichkeit auch ihre Bettnachbarn aus dem Schlaf rissen, störte sie erkennbar wenig. Ein Ärgernis, das in den kommenden Tagen zur Gewohnheit werden sollte, wenngleich Suse indigniert anmerkte: "Solche Leute hat man in früheren Jahren erst ab León getroffen." 

Wir waren uns jedenfalls einig, dass wir es nach dem Gewaltmarsch über die Pyrenäen erst einmal ruhig angehen lassen wollten. Suses Fuß war doch ziemlich strapaziert, und mir tat auch alles weh. Da traf es sich günstig, dass die nächsten Orte am Weg nur jeweils drei bis sechs Kilometer voneinander entfernt lagen; wir konnten also ganz entspannt loswandern und uns unterwegs überlegen, wie weit wir heute kommen wollten. 

Allerdings fiel uns ein, dass wir beim Einchecken am Abend vergessen hatten, auch gleich Frühstück zu buchen, also gingen wir, nachdem wir gegen 6:30 Uhr aufgestanden waren, schnurstracks zur Rezeption, um zu erfragen, ob wir das noch nachholen könnten. Wir konnten. Es gab zwei verschiedene Frühstücksangebote für Pilger in den beiden an das Pilgerhospiz angrenzenden Hotelbars, zu unterschiedlichen Preisen. Da es schien, als bestehe der Unterschied zwischen dem billigeren und dem teureren Frühstück lediglich in einem Apfel oder einer Orange, entschieden wir uns für das billigere in der Casa Sabina. Möglicherweise ein Fehler, denn dieses Frühstück war eher ein Witz: Für 3,50 € pro Person gab es eine (!) Tasse Kaffee, ein Glas Saft und eine Tostada mit Butter und Marmelade, Nachschlag war nicht möglich. (Den spanischen Begriff Tostada kann man übrigens am ehesten mit "gegrilltes Brot" wiedergeben; was für Brot das ist, variiert von Lokal zu Lokal sehr stark, es können Weißbrotscheiben sein oder längs aufgeschnittene Baguettebrötchen oder irgendwelches anderes Brot. In Roncesvalles waren es Weißbrotscheiben.) Somit brachen wir also in der Morgendämmerung mäßig gesättigt und mäßig gelaunt zu unserer zweiten Wanderetappe auf. 


Angezeigt wird die Entfernung für Autofahrer. Auf Fußwegen ist es (etwas) kürzer...

Auf dem Weg zum knapp 3 Kilometer entfernten Städtchen Burguete kamen wir, wie uns eine Infotafel belehrte, schon wieder durch einen verhexten Wald - den Bosque de Sorginaritzaga, dessen Name soviel bedeutet wie "Eichenwald der Hexen". Dieser Wald, so erfuhren wir, soll im 16. Jh. ein berüchtigter Treffpunkt baskischer Hexen gewesen sein, von denen gegen Ende des Jahrhunderts ganze neun auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. (Dass die Regionalregierung von Navarra eigens eine Serie von Infotafeln über Hexerei in den baskischen Wäldern in der Landschaft verteilt hat, ist übrigens an sich ein interessantes Phänomen, aber das nur am Rande.) 

Die Cruz Blanca, eine alte Wegmarke der Jakobspilger
Kirche San Nicolás de Bari in Burguete
Burguete ist ein recht malerischer kleiner Ort, den Ernest Hemingway mehrmals besucht und in seinem ersten großen literarischen Erfolg Fiesta (1926) geschildert hat. Die hübsche Kirche des Ortes, San Nicolás de Bari, war leider verschlossen, als wir sie erreichten, aber dafür gab es auf dem Kirchplatz weitere Infotafeln über Hexerei und Hexenverfolgung in Navarra im 16. und 17. Jahrhundert. Aus unserer persönlichen Sicht war das Beste an Burguete allerdings die Bäckerei, in der wir uns mit einem zweiten Frühstück für die schmale Kost in Roncesvalles entschädigten. Café con Leche für meine Liebste, Café Americano für mich, dazu ein üppiges Stück Tortilla de Patata. Bei dieser spanischen Spezialität handelt es sich um ein in Form eines Kuchens gebackenes Rührei mit Kartoffelstücken, und die Tortilla in Burguete zeichnete sich dadurch aus, dass sie zudem noch Schinkenwürfel und eine Käsefüllung in der Mitte enthielt. Das Ganze (also einschließlich Kaffee) kostete uns nur 3 € pro Person. 


In einem der eher läppischen Jakobsweg-Romane, die wir daheim "zur Vorbereitung" gelesen und uns nach Kräften darüber lustig gemacht hatten, heißt es über die Gegend um Burguete: "...die Landschaft wird lieblich und erinnert an ein deutsches Mittelgebirge". Und, was soll ich sagen: Es stimmt! Der Eindruck war so frappierend, dass ich unversehens anfing, Wanderlieder der deutschen Romantik zu singen, von Eichendorffs "Der frohe Wandersmann" bis hin zu Wilhelm Müllers "Das Wandern ist des Müllers Lust", letzteres sowohl in der "volkstümlichen" Vertonung von Carl Friedrich Zöllner als auch in derjenigen von Schubert (aus "Die schöne Müllerin"). 


Nach weiteren rd. 3 Kilometern erreichten wir Espinal, das, passend zur Landschaft, wirkte wie ein reizendes, wohlgepflegtes Schwarzwalddorf, nur dass es eben nicht in Baden-Württemberg liegt, sondern in Navarra. Wie Tante Wiki zu berichten weiß, wurde Espinal im Jahre 1269 von König Theobald II. von Navarra gegründet, und zwar ausdrücklich zu dem Zweck, "den frommen Pilgern zwischen Roncesvaux und Viscarret einen weiteren Platz zur Erholung anzubieten". Wie Recht er damit doch hatte! Meine Liebste und ich jedenfalls waren uns einig: Hier bleiben wir! Bevor wir uns um eine Unterkunft bemühten, besuchten wir aber die Kirche des Ortes, San Bartolomé. Ein recht moderner Bau, aber "trotzdem" durchaus schön gestaltet. 




Dies war, nebenbei bemerkt, seit unserem Bahn-Zwischenstopp in Bayonne die erste Kirche, die wir geöffnet vorfanden. (Nun gut, in St. Jean Pied-de-Port hatten wir die Öffnungszeit der Kirche nur knapp verpasst, und in Roncesvalles hätten wir ja in die Pilgermesse gehen können, wenn wir nicht so fertig gewesen wären.) -- Kurze Zeit nach uns betraten drei junge Frauen die Kirche, die ebenfalls mit Wanderrucksäcken und Regenüberwürfen ausgestattet waren. Zunächst setzten sie sich still in eine Bank, dann, nach einer Weile, stimmten sie einen beeindruckenden mehrstimmigen Gesang an. 

Eine Unterkunft zu bekommen, bereitete keine großen Schwierigkeiten, obwohl - oder weil? - Espinal ein eher untypischer Pilgerstopp ist, ein Ort, an dem jemand, der mit gesunden Füßen aus Roncesvalles aufgebrochen ist, nicht unbedingt zum Übernachten Station machen würde. Wir quartierten uns jedenfalls im "Hostal Haizea" ein - eigentlich ein rustikaler Landgasthof, der aber im Dachgeschoss drei geräumige Mehrbettzimmer für Pilger bereithält. Nicht teurer als das Pilgerhospiz in Roncesvalles und erheblich komfortabler. Zunächst waren wir die einzigen Übernachtungsgäste im Dachgeschoss, aber später kamen noch eine Gruppe (oder Familie) aus Indien und eine Schar Motorradfahrer hinzu. Motorradpilger gibt es offiziell eigentlich nicht, für eine Pilgerreise nach Santiago sind als Verkehrsmittel neben den eigenen Füßen nur Pferd und Fahrrad zugelassen. Ob sie trotzdem Pilgerausweise hatten oder ob der Wirt des Haizea die Schlafplätze im Dachgeschoss bei Bedarf auch an Nicht-Pilger vergibt, sei mal dahingestellt; Platz war ja genug, und gestört haben die Biker auch nicht. 

Im Restaurant des Haizea erfuhren wir, dass dort auch ein Pilgermenü angeboten wurde, allerdings erst ab 19:30 Uhr. An die spanischen Essenszeiten mussten wir uns erst noch gewöhnen. Nun dachten wir, man könne vielleicht etwas Anderes zu essen bekommen, aber nix da: Die Küche öffnete überhaupt erst um 19:30 Uhr. Immerhin war zu beobachten, dass sich der Gastraum, je näher die Essenszeit rückte, zusehends füllte, und zwar offenbar vor allem mit Einheimischen. Immer ein gutes Zeichen, wenn ein Restaurant auch von den Anwohnern geschätzt und frequentiert wird. Bis die Küche endlich ihren Betrieb aufnahm, hatten wir mehr als genug Zeit gehabt, die Speisekarte zu studieren, und bestellten daher schließlich doch nicht das Pilgermenü, sondern etwas aus der Rubrik "Traditionelle Gerichte". In meinem Fall: Txistorra - weil das so schön baskisch klang, dabei gibt's dieselbe Wurst auch auf Spanisch, da schreibt sie sich nur anders - con huevos fritos y patatas. Lecker. Besonders die Eier waren hervorragend, und ich merkte mir die Vokabel huevos fritos für zukünftige Bestellungen. 



Somit waren wir, auch wenn wir am zweiten Tag unserer Wanderung nur etwa 6,5 Kilometer geschafft hatten, alles in allem recht zufrieden und guten Mutes; kurz vor dem Einschlafen dachte ich lediglich, der "spirituelle" Aspekt des Pilgerns sei bisher noch ein bisschen kurz gekommen. Nun, der Besuch der Kirche San Bartolomé mit der unverhofften Gesangsdarbietung der drei fremden Damen war schon einmal ein Anfang gewesen; für die kommenden Tage erhoffte ich mir mehr davon. Die Erfüllung dieses Wunsches sollte nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen... 


(Fortsetzung folgt!) 

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