Montag, 30. Januar 2012

Mehr Kaminholz wagen!

Kurz nach Weihnachten habe ich mir einen alten Traum erfüllt und mir einen Hausmantel gekauft. Das war keine sonderlich große Investition - 100% Polyester und außerdem Winterschlussverkauf -, aber für mich ist dieser Mantel dennoch ein Stück Luxus im Alltag. Jetzt brauche ich eigentlich nur noch einen Rasierspiegel, den man unter der Dusche anbringen kann.

Das mag sehr genügsam klingen, wirft zugleich aber auch die Frage auf, warum ich mir einen solchen Rasierspiegel nicht schon längst gekauft habe. Die Antwort ist jedoch ganz einfach: Ich bin überzeugt, dass es wichtig ist, Wünsche zu haben, die man sich nicht erfüllt. Schon the one and only Wilhelm Busch schrieb hellsichtig:

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt,
Kriegt augenblicklich Junge.

 Mit anderen Worten: Solange man kein Auto hat, kommt man vielleicht auch ganz gut ohne aus. Hat man aber erst mal eins, dann will man bald entweder ein schnelleres oder noch ein zweites. Dasselbe gilt für Computer, Mobiltelefone, Stereoanlagen, Haushaltsgeräte undundund. Volkswirtschaftlich gesehen erfüllt dieses Immer-mehr-Wollen natürlich einen nützlichen Zweck, aber tut mir leid, mir wäre das nicht nur zu teuer, sondern vor allem auch zu anstrengend. Deshalb bemühe ich mich, meine materiellen Bedürfnisse gering zu halten. Diese Einstellung hat im Grunde nur einen echten Nachteil: Wenn Verwandte oder Freunde mich fragen, was ich mir zu Weihnachten oder zum Geburtstag wünsche, fällt mir meist nichts ein.

Vielleicht gibt es ja im Bereich der Konsumbedürfnisse so etwas wie eine kritische Masse - eine gewisse Menge an Besitztümern, die erst mal vorhanden sein muss, ehe der Wunsch nach mehr entstehen und sich dann exponentiell fortentwickeln kann; und vielleicht habe ich diese kritische Masse infach noch nicht erreicht. 

Das jedenfalls war mein Eindruck, als ich kürzlich mal in ein paar Katalogen blätterte, die mit der Post gekommen waren und die ich ausnahmsweise mal nicht ungelesen ins Altpapier entsorgt hatte. Diese Kataloge - es waren zwei, interessanterweise aber beide vom selben Versandhaus - schienen eigens dafür konzipiert zu sein, Antworten auf den verbreiteten Stoßseufzer "Was schenkt man jemandem, der schon alles hat?" anzubieten; deshalb, so vermute ich, nennt sich dieser Versandhandel auch pro idee.

Tatsächlich bestätigt sich hier der Eindruck, dass man schon einiges besitzen muss, um sich für die Artikel aus diesen Katalogen zu interessieren. Wenn man zum Beispiel keinen Flachbildfernseher hat, dann braucht man auch keine Flat-TV-Staffelei für 899 € - auch wenn man bei dem Preis denken könnte, der Fernseher wäre inklusive, aber das ist er nicht. Was da 899 € kostet, sind allen Ernstes nur drei Edelstahl-Stangen, die man zusammenschrauben und einen Flachbildfernseher daran montieren kann - "[w]andunabhängig freistehend", womit man zwar den Raumvorteil verschenkt, den ein Flachbildfernseher böte, wenn er direkt an die Wand montiert würde, aber gehen wir mal beruhigt davon aus, dass die Zielgruppe dieser Kataloge ausreichend Platz in ihren Wohnungen hat. - Ein weiteres Beispiel: Wer nur eine überschaubare Anzahl an Krawatten (oder, horribile dictu, gar keine) besitzt, der braucht auch kein Tie Rack mit Ionisator für 69 €, das "bis zu 70 Krawatten und Schals übersichtlich und rutschfest" ordnet und mittels des eingebauten Ionisators "unangenehme Gerüche neutralisiert und Bakterien reduziert". Wer keine Terrasse hat, braucht keinen Terrassenheizer Rio Grande für 389 €, und wer keinen Garten hat, braucht keinen Vibrasonic Molechaser - worunter man sich ein Gerät vorzustellen hat, das seismische Schwingungen in den Erdboden ausstrahlt und damit Maulwürfe vertreibt. Wer hingegen einen Garten hat, der kommt womöglich mit einem 'Molechaser' gar nicht aus, und je größer der Garten ist, umso mehr von den Dingern braucht man - deshalb gibt es sie auch im praktischen Dreierpack für 134,50 € (Einzelpreis 49,95 €, Batterien nicht enthalten).

Hat man weder Garten noch Terrasse, sondern nur einen Balkon, kann man sich aber immerhin ein Vogelfutterhaus im Bauhausstil anschaffen; das ist ein harmloser Spaß und kostet nur 32 €. Etwas tiefer in die Tasche greifen muss man für den Duschkopf 'Evolution' (69,95 €), der Luft ins Duschwasser mischt und dieses so bis zu zehnmal sauerstoffhaltiger macht, und erst recht für den Ionen-Haartrockner (94,50 €). Wofür der gut sein soll? Man höre und staune: "Während Sie Ihre Haare trocknen, pflegen Millionen winziger elektrisch geladener Teilchen Ihr Haar - es wird nicht spröde, sondern fällt schön volumig [!], mit geschmeidiger Spannkraft - bis in die Spitzen."

Für das Kind im Manne gibt es das Modellflugzeug Dakota DC-3 aus echtem Aluminiumblech, stolze 65x89x17 cm groß und 1,5 kg schwer, für läppische 649 €; und wem das noch nicht teuer genug ist, dem ist der Panasonic Relax Chair wärmstens zu empfehlen: Für 2.699 € entspannt er "Körper und Geist mit sanft wiegenden Bewegungen - auf Wunsch im Einklang mit meditativer Musik". Was aussieht wie ein stinknormaler Liegesessel, verfügt tatsächlich über "3 computergesteuerte Programme [...]. zum Regenerieren zwischendurch, zum ausgiebigen Relaxen, zum Chillen [!] und als Einschlafhilfe nach einem hektischen Tag" -- und um die Schulden zu vergessen. (Aber ohne Flachs: Der Hinweis auf den "hektischen Tag" ist durchaus charakteristisch für die beiden Kataloge. Am laufenden Band wird dem potentiellen Kunden Anerkennung dafür gezollt, wie hart er arbeitet, um sich den ganzen Krempel leisten zu können - den er sich somit, so die nicht mal besonders unterschwellige Botschaft, im wahrsten Sinne des Wortes verdient hat und sich gefälligst gönnen soll...)

Wer einen Hund hat, kann sich nicht nur einen Designer-Fressnapf von Alessi für 53 € zulegen (Katzenfreunde kommen mit 46 € etwas günstiger weg), sondern auch GEODOG, das elektronische Hundehalsband mit GPS für 299 €; das Ding informiert einen sogar per SMS, wenn der Hund aus dem ihm erlaubten Aktionsradius ausbüxt ("bin dann mal weg. lg, bello"). Hast du kein' Hund, guckst du nur.

Noch mehr tränen dem geneigten Katalogleser jedoch die Augen, wenn er keinen Kamin besitzt. Denn für Kaminbesitzer hat der auf stilvolle Wohnideen spezialisierte pro idee-Katalog "Villa P." erstaunliche Schmankerln zu bieten. Es beginnt auf S. 4 mit Kaminanzündern aus in Naturharz getränktem Pinienholz. Die machen was her, machen "chemische Anzünder und gefährliche Brennstoffe" obsolet, verbreiten angenehmen Tannenduft und kosten nur 34,95 € - nicht etwa pro Stück, sondern für etwa 180 Hölzer, was rund ein halbes Jahr lang jeden Abend ein schönes Kaminfeuer ergibt. Vorausgesetzt, wie gesagt, man hat einen Kamin. Gleich daneben ist ein Antiker Bambuskorb aus China (Preis: 149 €) abgebildet: "Einst ein Obst- und Blumenkorb. Heute ein antikes Wohnaccessoire" - und auf dem Katalogfoto gefüllt mit, jawohl, Kaminholz. Wer's noch komfortabler mag, dem sei der Vario-Kaminholzwagen von der Rückseite des Katalogs empfohlen: geeignet für bis zu 0,14 Kubikmeter Kaminholz, sowohl aufrecht stehend als auch liegend ein stilvolles Möbelstück und in Kombination mit einer separat erhältlichen Holz-Auflage für 39 € sogar als Sitzbank einsetzbar - und das gute Stück kostet nur 298 €!

Auch der auf S. 14f. angepriesene Ulmenholz-Quader für ebenfalls 298 € macht so richtig erst in Kombination mit einem Kamin Spaß. Zwar ist dieses antike - nämlich aus über 100 Jahre altem Holz bestehende! - Stück nicht etwa zum Verfeuern gedacht, sondern als "edles Piedestal, dekorative Blumesäule, markante Dielen- oder Telefonablage" oder was einem sonst noch Irres einfällt; aber der Thrill, sich vorzustellen, irgendein banausenhafter Hausgenosse oder Gast könnte den edlen Baumleichnam nach der dritten Flasche Rotwein für schnödes Brennholz halten und in den Kamin schieben, ist schlechthin unbezahlbar!

Vergleichsweise günstig wäre es da sogar, stattdessen die luxuriösen Teak-Handtuchhalter von S. 12f. zu verheizen, wenn das Feuerholz knapp wird; denn die Dinger kosten nur 149 €, brennen aber bestimmt auch gut. Solange aber der Vario-Kaminholzwagen gut gefüllt ist, kann man sich mit dem "großzügigen Teakholzständer" fühlen wie in "noblen Spas" und "luxuriösen Wellness-Oasen" - allerdings nur, wenn man ein größeres Badezimmer besitzt als zum Beispiel ich, denn würde ich mir einen 88x38x76,5 cm großen Handtuchhalter ins Bad stellen, käme ich selbst nicht mehr rein.

Aber ohne Zweifel entspannt es sich nach einem üppigen Wannenbad am besten vor dem Kamin; und wenn dann der Ulmenholzquader im Feuer glimmt und die anheimelnden Klänge der Wolfsgeheul-CD von Sounds of the Earth (18,90 € und nicht in diesem Katalog!) aus den selbstverständlich sauteuren Hifi-Boxen dringen, fehlt zur ultimativen Gemütlichkeit eigentlich nur noch die Alpakafell-Kuscheldecke für 1.498 €; auch wenn man bei fortgeschrittenem Rotweinpegel vielleicht auf die Idee kommt, sich zu fragen, ob es nicht noch geiler gewesen wäre, einen Jagdausflug in die Anden zu unternehmen und das Alpaka selbst zu erlegen.

Aber wie sagte doch die Mutter meines Pfarrers einst so treffend: "Man kann in alles einen Sinn legen, und man kann auch in alles Unsinn legen." Tatsächlich glaube ich, man darf die volkswirtschaftliche wie auch die psychosoziale Bedeutung solcher Luxusramsch-Kataloge keinesfalls unterschätzen. Indem sie Begehrlichkeiten wecken, fördern sie nicht nur die Konsumfreudigkeit und damit die Binnennachfrage, sondern mittelbar auch Arbeitsmoral und Gewerbefleiß, indem sie dem Leser plastisch vor Augen halten, was es alles gibt, wofür es sich lohnt, noch härter zu arbeiten und noch mehr Geld zu verdienen. Denn dass man irgendwann im Leben mal zuviel Geld haben könnte und gar nicht mehr wüsste, was man damit anfangen soll, das ist eine Vorstellung, die pro idee einem gründlich austreibt. Dem materiell eher anspruchslosen Menschen hingegen veranschaulichen solche Kataloge, was er alles nicht zu seinem Glück braucht; und das ist schließlich auch was wert.

2 Kommentare:

  1. Der brennende Edelholzquader ließ mich sofort an den Schelmenroman "Adrian der Tulpendieb" denken. Da brät sich jemand die Tulpenzwiebel, für die der Held sein Hab und Gut verspekuliert hat, und Adrian merkt es erst, als sie aufgegessen ist (und er dadurch sofort ein armer Mann).

    Natürlich wird man sich mit all solchem Krempel eher kein Kind leisten können. Wenn doch, ist das Kind in einer besonderen, nicht geringen Gefahr. Ich habe als junge Frau mehrmals als Babysitterin solcher schon nicht mehr im Babyalter befindlicher Kinder gearbeitet. Ziemlich verwöhnte Gören, in einem Fall komplett spiel- und sozialunfähig.

    Das Schwierige ist, daß ein gewisses Maß an Luxus einfach ein kulturelles Bedürfnis ist. Und wie fließend die Grenzen von "ein gewisses Maß" zu "bescheuert viel" sind, hast Du ja gezeigt.

    Hausmantel und Rasierspiegel sind ein guter Anfang. Bei Budapester gibt für den Herren Hausschuhe für 460,00 Euro.

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  2. Jo. Braucht man nicht. Für die 2700 Euro Relaxstuhl kann ich mir z. B. 300 Abende lang je zwei Bier oder 200 Abende je 3 Bier, etc., im Stammlokal bestellen, Trinkgeld eingeschlossen... gut, wenn man mal einen schön herben Cocktail oder zum Hernachdrübernachsinnen vorher ins Theater gehen will, wird's teurer.

    Gut, oder je nach Reiseort zwei oder mehr Zehntagesurlaube (einer reicht fürs Wohlbefinden, aber es stehen halt 2700 Euro zum Vergleich da) nach dem Motto "ich schlaf im Hostel, weil's da eh schöner ist, gönne mir aber alles, was ich will"... wenn auch durchaus mindestens *ein* wesentlicher Grund dafür ist, daß das ein gesellschaftlich akzeptierter Grund dafür ist, für Familie und Freunde nicht zur Verfügung zu stehen...

    Okay, lassen wir mal dahingestellt, worauf ich alles verzichten *könnte*, wenn ich *wirklich müßte* ("ein Mensch erklärt in edlem Sinn / er gebe notfalls alles hin / doch eilt es ihm damit nicht sehr / denn vorerst gibt er gar nichts her", Eugen Roth) (ich erinnere mich, daß mir auf dem Übungsplatz die Kälte tagsüber quasi nichts ausmachte, durchaus viel aber, daß das Wasser abends nur lauwarm war)... aber einstweilen brauche ich schon recht viel: halt eben sinnvolle Sachen. :D

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