Freitag, 21. Juni 2019

Verstuhlkreisung und Sonnenbrandverharmlosung

Bei den Kollegen von Introibo, dem Ministranten-Blog, ist unlängst ein Gastbeitrag erschienen, der mir über den konkreten Anlass hinaus beachtenswert erscheint. Der Bezug zum konkreten Anlass wird auf Introibo nur durch einen Link hergestellt; ein paar mehr Worte möchte ich darüber dann doch verlieren. Also: Vorausgegangen war dem Beitrag ein Shitstorm gegen die Social-Media-Abteilung des Bistums Mordor Essen. Dieser ging nicht von "unserer" Seite aus, diesmal nicht. Vielmehr hatte die Redaktion über die Pfingsttage eine Serie von "Visuals" zum Thema "Pfadfinder-Pfingstlager" veröffentlicht, und in mindestens zweien dieser Beiträge fiel das Reizwort "Sonnenbrand". Okay, könnte man sagen, ist ja jetzt eine nicht ganz abwegige Assoziation, dass man sich beim Zelten einen Sonnenbrand holen kann, gerade bei diesem Wetter. Aber irgendwie wurde eine Hautkrebs-Awareness-Selbsthilfegruppe (oder mehrere?) auf die Kampagne aufmerksam und schrie Zeter und Mordio. Ich kann nur empfehlen, die oben verlinkte Facebook-Kommentarschlacht in voller Länge nachzulesen, sie ist schlichtweg bizarr. Wer geglaubt hat, der Missbrauchsskandal oder vielleicht "Maria 2.0" würden die Kirche zu Fall bringen, sieht sich eines Schlimmeren belehrt: Sonnenbrandverharmlosung ist der heißeste (!) Neueinsteiger im Sündenregister der Kirche.

Als die Redaktion aus der Frühstückspause zurückkam und den Scherbenhaufen sah, knickte sie prompt ein, schlug sich mit fliegenden Fahnen auf die Seite der Kritiker und schubste damit diejenigen, die die "Pfingstlager"-Beiträge verteidigt hatten - darunter mehrere aktive Pfadfinder-Gruppenleiter - sprichwörtlich unter den Bus. Ich könnte mich lange damit aufhalten, wie erbärmlich ich das finde, gerade wenn man bedenkt, wie vollkommen gegensätzlich dieselbe Redaktion mit Kritik aus dem "frommen Lager" umgegangen wäre. Aber regen wir uns nicht auf, sondern betrachten es lieber analytisch. Was die Debatte zeigt - so meint Gastbloggerin Cassandra in ihrem Beitrag auf Introibo -, ist, "dass 'Kirche' mit 'nett bis zum plemplem' und 'betroffener Mitmenschlichkeit' gleichgesetzt wird": Praktisch jeder, der "irgendwie 'kirchlich engagiert'" sei, werde früher oder später mit einer besonders unter Kirchenfernen verbreiteten Erwartungshaltung konfrontiert, derzufolge man "grundsätzlich alles unterstützen" müsse, "weil 'Jesus hat gesagt, ihr sollt nicht richten' und Glauben bedeute Gefühligkeit und Betroffenheit sowie allerlei soziale und in den letzten 10 Jahren immer stärker auch ökologische Projekte zu unterstützen". Da stellt sich nun natürlich die Frage:
"Wie konnte das passieren?
Wann sind wir zum Stuhlkreis im Kindergarten geworden?
Genau da. Im Kindergarten der katholischen Gemeinde St. Anonyma in Klein-Hinter-Pusemuckel.
Dort hat man sich zwar verhalten wie in der stinknormalen städtischen Betreuungseinrichtung, aber man war Kirche.
Man nahm Kinder aus allen möglichen Familien auf ('nicht richten!'), hatte aber gar nicht den Anspruch, missionieren zu wollen.
Falls sich die Familien mal in den 'FamiGo' getraut haben, wurde zwar was von Jesus erzählt, aber im Vordergrund stand das 'Thema' des Gottesdienstes, wahrscheinlich sogar ein löbliches Anliegen.
Nur verfestigte sich der Eindruck, Kirche sei halt ein Sozialverein." 
Da sind wir natürlich bei einem Themenkomplex, an dessen unterschiedlichen Facetten ich mich schon mehrfach abgearbeitet habe - zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier und kürzlich erst hier - und der mich wohl auch weiterhin stark beschäftigen wird, mindestens solange, bis alle meine Kinder (ich habe zwar, anders als Cassandra, bisher nur eins, aber das muss ja nicht so bleiben) ihre Erstkommunion hinter sich haben: Was stellen sich Eltern, die eine "christliche Erziehung" für ihre Kinder wünschen, unter diesem Begriff vor, und wie sieht das in der Praxis aus? Was für eine Vorstellung davon, was christlicher Glaube sei, wird Kindern in kirchlichen Einrichtungen vermittelt? Und was für ein Glaube wird daraus, wenn die Kinder größer werden?  Ich denke, man kann mit einigem Recht behaupten, jenes Phänomen, für das der Soziologe Christian Smith die Bezeichnung "Moralistisch-Therapeutischer Deismus" geprägt hat, ist in den christlichen Großkirchen ein weitgehend hausgemachtes Problem. Nicht dass irgend etwas falsch daran wäre, Kindern beizubringen, nett und rücksichtsvoll miteinander umzugehen; ganz im Gegenteil. Aber wenn man den Eindruck vermittelt bekommt, das sei im Großen und Ganzen bereits die Kernbotschaft des Christentums, wird's problematisch. "Gott will, dass wir gut sind" ist laut Smith einer der fünf zentralen Glaubenssätze von MTD, und natürlich ist dieser Satz an sich richtig; aber was ist denn "gut", und woher wissen wir, was gut ist? Wenn die Kirche (oder der Kindergarten oder die Schule in kirchlicher Trägerschaft) den Kindern darauf keine überzeugenden Antworten gibt, dann suchen sie sich ihre Antworten auf diese Fragen eben woanders. Und wenn dann vom Kindergarten her noch die Vorstellung im Hinterkopf festsitzt, das moralisch Gute sei zugleich das Christliche, ergeben sich mitunter recht eigenwillige Vorstellungen davon, wie Christen zu sein und zu handeln hätten. Da steht dann der, der sich zur Lehre der Kirche bekennt, schon mal unversehens als "unchristlich" da.


Wohlgemerkt ist dies alles nicht nur ein Problem der Kinder- und Jugendkatechese. Cassandras These ist ja lediglich, dass das Phänomen der Verstuhlkreisung seinen Anfang im Kindergarten genommen habe. Diese Anfänge liegen aber mittlerweile schon lange genug zurück, dass die heutigen Kinder und Jugendlichen wohl bereits die dritte Generation von Katholiken bilden, die ihre kirchenbezogene Sozialisation in dieser Form erfährt. Wir müssen daher davon ausgehen, dass Viele, die in den letzten Jahrzehnten Erzieher in kirchlichen Kindergärten, Religionslehrer, haupt- oder ehrenamtliche Katecheten, Pastoral- oder Gemeindereferentinnen oder gar, Gott bewahre, Priester geworden sind, diese Friede-Freude-Eierkuchen-Pastoral schon allein deshalb weitertradieren, weil sie es selbst nicht anders kennen und folgerichtig annehmen, das müsse so sein. Und das wirkt sich dann in allen möglichen Bereichen kirchlicher Arbeit aus. Hören wir nochmals Gastbloggerin Cassandra: 
"Ich will auf keinen Fall die Caritas und ihre vielen und tatsächlich wertvollen Dienste niederreißen, aber worin unterscheidet sich eigentlich die kirchliche Sozialberatung von anderen Anbietern? Kirche präsentiert sich als Vereinigung von irgendwie 'engagierten Menschen' -- da sollte sich eigentlich keiner wirklich wundern, wenn man vor allem als Betroffenheitsclub 'rüberkommt." 
Die Kirche, so resümiert sie, habe sich selbst "das Image eines 'du, ich versteh das total'-Vereins gegeben"; und nun müsse sie wohl damit leben, dass sie so wahrgenommen wird. 

--- Muss sie das? Nun ja, vielleicht dann, wenn sie sich weiterhin an dem festklammern will, was im Pastoralplan-Sprech so gern als "gesellschaftliche Relevanz" angepriesen wird. Wobei ich mich mehr und mehr frage, ob diese Bezeichnung nicht eigentlich Etikettenschwindel ist. Ich wüsste jedenfalls nicht, was an "den Leuten nach dem Mund reden, um nur ja keine schlechte Presse zu bekommen" so sonderlich relevant sein sollte. But maybe that's just me... 



1 Kommentar:

  1. Ein ungewohnt kurzer, aber nichtsdesdotrotz ungemein zutreffender Artikel von dir.
    Ich denke das Problem ist eigentlich ganz einfach.
    Ein einfacher Blick in ein Geschichtsbuch, in die Zeitung oder hinter die Fassaden in der Umgebung, auch die eigene, zeigt einem dass das Böse, das Unvollkommene, die schlecht gewordene gute Absicht, scheinbar das Sagen hat. Und selbst wer ein kleines bisschen Ahnung von Natur hat, weiß die Natur ist grausam, herzlos, gefühllos und keinesfalls nett.
    Das Schicksal ist ein mieser Verräter, war der Titel eines Bestsellers und ja es steckt eine tiefe Lebenswahrheit in dem Titel.
    Man kommt also, um es abzukürzen, überhaupt nicht durch pure Anschauung auf die Idee, dass über allem ein guter und dazu allmächtiger Gott ist, der alles im Griff hat.
    Auch die reine Bibellektüre gibt einen nur guten Gott der alles und jedes versteht und von vorneweg verzeiht, der dafür sorgt dass am Ende für alle alles gut wird, erst mal nicht her, gerade das AT spricht da schon eine andere Sprache, auch und wenn es dort durchaus Passagen gibt die den alles für alle gut werden lassende Gott ansagen.
    Dass also Gott gut ist und dazu alles vermag das ergibt sich nicht aus der Anschauung, noch weniger aus der Lebenserfahrung und auch nicht aus der Gotteserfahrung einzelner Leute, schon gar nicht von denen, die Feinde haben.
    Dass Gott aber gut ist, ergibt sich aus der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus und zwar aus der theologischen Aufarbeitung wie das zusammengeht, der allmächtige Schöpfergott, der alles gut geschaffen hat, und die Realerfahrung von einer Schöpfung die Gott selber kreuzigt, was der nicht verhindert, es scheinbar nicht kann.
    Der Glaube sagt, dass Gott gut ist und was nun gut ist, das lässt sich der Glaubende von Gott sagen, sorum läuft es klassisch. Wir nun in der postchristlichen Kirche setzen das, was sich genau nicht sofort erschließt, dass über allem ein guter Gott ist, aber einfach vorraus und dann kommt automatisch der Anspruch zustande, dass Gott ja das, was man gerade als gut empfindet auch genauso sieht.
    Also klassisch versucht man Mensch, Kirche, Welt von Gott her zu denken, was nicht leicht ist, weil "wer kennt schon die Gedanken Gottes?"
    Neuerdings versucht man ausgehend von der Allerlösungslehre (wobei der Christ schon die Hoffnung haben darf und soll, dass alle erlöst werden, keine Frage) eben all das was Menschen gerade als gut empfinden , sozusagen als Manifestation Gottes zu sehen.
    Um es griffig zu formulieren, eigentlich sollte man den Menschen von Gott her denken, aber in den modernen Gemeinden denken wir Gott vom Menschen her und halten das für die einzige Weise der Gotterkenntnis.

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