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Montag, 22. Juni 2015

Jubilate Deo - Die große NGL-Evaluation, Teil I

Vor einigen Wochen feierte die Kreuzberger St.-Bonifatius-Gemeinde, deren Sonntagsmessen zur Zeit (wegen Renovierung) in St. Clemens stattfinden, den Dankgottesdienst der Erstkommunionkinder. Ich ging daher wie selbstverständlich davon aus, dass in dieser Messe die "allseits beliebten gelben Bücher", wie Pfarrer Cornelius sie mal genannt hatte, zum Einsatz kommen würden - die NGL-Liederbücher also, die sich einträchtig mit dem Gotteslob den Bücherschrank der Kirche teilen und geradezu prädestiniert für die Verwendung in Kinder-  und Familiengottesdiensten scheinen. Das war aber ein Irrtum: Vor Beginn der Messe sagte Pfarrer Cormelius an "Wir singen heute aus dem Gotteslob". Auch schön. Nun hatte ich mir aber bereits eins der gelben Bücher mit dem Titel Jubilate Deo aus dem Schrank genommen, und mein kurz zuvor neu erwachtes Interesse am Neuen Geistlichen Lied veranlasste mich dazu, das Buch nicht zurückzubringen, sondern es mir vielmehr bis zum nächsten Sonntag (oder einem der nächsten Sonntage) "auszuleihen". Und zwar um es einer umfassenden und kritischen Analyse zu unterziehen. 

-- Wohlan denn! Das Liederbuch trägt zwar, wie gesagt, den Titel Jubilate Deo, aber ich bin dennoch annähernd überzeugt, dass es nicht mit dem gleichnamigen Liederbuch der Initiative "Jugend 2000" identisch ist. Das Buch hat kein Impressum, trägt stattdessen aber im inneren vorderen Buchdeckel den Vermerk, es sei "ausschließlich zum internen Gebrauch in unserer Kirche für die Gestaltung der Gottesdienste bestimmt". Zu den allermeisten Liedern gibt es keinerlei Quellenhinweise, selbst Komponist und Texter werden nur in Einzelfällen namentlich genannt. Die Unterschiede in Format, Schrifttype usw. von Lied zu Lied lassen vermuten, dass das Buch in seiner vorliegenden Form am Fotokopierer entstanden ist. 

Jubilate Deo enthält stolze 410 Lieder, die ungleichmäßig auf 20 thematische Abschnitte verteilt sind, sowie einen Anhang mit weiteren 21 Liedern. Die ersten fünf Abschnitte ordnen die darin enthaltenen 52 Lieder hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit in der Liturgie und tragen daher die Überschriften "Kyrie", "Credo", "Gabenbereitung", "Sanctus" und "Vaterunser" (wobei das Fehlen von Gloria und Agnus Dei auffällt); die Überschriften der weiteren Abschnitte - z.B. "Frieden und Versöhnung", "Vertrauen und Liebe", "Suchen und Fragen" - erinnern vage an die Nachrichtenkategorien der Online-Präsenz von Radio Vatikan. Ab Nr. 351 folgen 43 "Gesänge aus Taizé", ab Nr. 394 dann 16 "Gospels und Spirituals"; diese klammere ich mal aus meiner Analyse aus. Es bleiben also, einschließlich des Anhangs, noch 371 Lieder zu evaluieren. Von diesen kenne ich übrigens 75 Stücke gut genug, um sie beim bloßen Lesen des Texts sogleich im Ohr zu haben; zum Teil, ich gestehe es halb mit, halb ohne Scham, habe ich sie sogar selbst schon mal gesungen. Das macht eine Quote von gut 20% - was einerseits eine so umfassende NGL-Kenntnis meinerseits belegt, dass ich es selbst fast erschreckend finde; andererseits heißt das aber eben auch, dass ich fast 80% der in diesem Buch versammelten Lieder eben nicht kenne. Und meine musikalischen Fähigkeiten reichen nicht aus, mir allein anhand des Notenbildes auszumalen, wie ein Lied klingt. Folglich beziehe ich mich bei meiner Evaluation dieses Liedgutes ausschließlich auf die Texte - und zwar, im Interesse der Gleichbehandlung, auch bei denjenigen Liedern, deren Melodie ich nur allzu gut kenne.

Das hat durchaus Auswirkungen auf die Bewertung. So habe ich an immerhin 78 der 371 Liedtexte - also 21% - nichts auszusetzen gefunden, darunter sind 13 der mir bekannten Stücke. Und da war ich noch großzügig. Von dem zweistimmigen Kanon "Wo zwei oder drei" (Nr. 179) beispielsweise wird wohl keiner leugnen, dass er - zumindest, wenn er von plärrenden Kinderstimmen vorgetragen wird, und genau dafür ist er ja da - absolut zum Davonlaufen ist; aber am Text gibt es nun mal nichts zu bemängeln. Ähnliches gilt für "Kommt herbei, singt dem Herrn" (Nr. 261). Bei dem Vers "Singend lasst uns vor Ihn treten" habe ich schon als Kind immer unwillkürlich gedacht: Och nö, lieber nicht. Trotzdem gibt's an dem Text nicht viel zu tadeln. Und selbst dem an anderer Stelle scharf kritisierten "Nimm, o Herr, die Gaben, die wir bringen" (Nr. 25) konnte ich nach Maßgabe meiner selbst aufgestellten Regeln den Persilschein nicht verweigern, denn seine hier und da leicht ins Häretische lappende Doppelbödigkeit bezieht der Text eben erst daraus, dass er auf die Melodie von Andrew Lloyd Webbers "The Last Supper" gesungen wird. Ohne diesen doppelten Boden wäre es ein durchaus untadeliger Text für ein Gabenbereitungslied.

Dass ich trotz aller Kulanz nicht mehr als 21% der untersuchten Liedtexte als untadelig eingestuft habe, bedeutet im Übrigen nicht, dass die übrigen 79% des Buch-Inhalts durchweg gleichermaßen scheußlich und verdammenswert wären. Vielmehr habe ich die verbleibenden 293 Liedtexte in drei Kategorien (B, C und D -- Kategorie A umfasst die 78 Texte, an denen ich nichts Schwerwiegendes auszusetzen gefunden habe) eingeteilt, und tatsächlich ist Kategorie B - nennen wir sie mal, in klassischem Angeberlatein, "de gustibus..." -  sogar mit einigem Abstand die umfangreichste: Sie umfasst 142 Liedtexte (38,3%), nämlich solche, die zwar für mein Empfinden sprachlich unschön oder formal mangelhaft sind (also z.B. in Hinblick auf Metrum u./o. Reim), die inhaltlich banal, redundant oder kitschig sind oder denen es - gemessen an ihrem Anspruch, geistliche Lieder zu sein - an religiösem Gehalt fehlt; das alles aber in noch erträglichem Maße, also so, dass ich die Verwendung dieser Lieder im Gottesdienst zwar nicht gerade toll fände, aber doch noch ganz gut damit leben könnte. Diejenigen Lieder, bei denen dieselben Mängel so stark ausgeprägt sind, dass es schon weh tut, bilden die Kategorie C ("Ohrenkrebs") - und die umfasst auch immerhin 119 Liedtexte (32,1%). - Die Abgrenzung zwischen Kategorie B und C ist somit nur eine graduelle; wo die Grenze verläuft, lässt sich wohl am besten an ein paar Beispielen aufzeigen.

Beispiel 1: Stein vs. Senfkorn 


Die ausgesprochenen NGL-Klassiker "Ins Wasser fällt ein Stein" (Nr. 128; Text: Manfred Siebald, Musik: Kurt Kaiser) und "Kleines Senfkorn Hoffnung" (Nr. 126; Text: Alois Albrecht, Musik: the one and only Ludger Edelkötter) haben viel gemeinsam - und zwar nicht nur, dass beide Seit' an Seit' (als Nr. 812 und 813) in den gemeinsamen Regionalteil des neuen Gotteslobs für das Erzbistum Berlin und die Bistümer Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg aufgenommen wurden, und auch nicht nur, dass sie so oft so grausig schlecht gesungen werden, was aber ja nicht Gegenstand dieser Evaluation sein soll. - In beiden Texten geht es um kleine Dinge, die große Wirkung entfalten. Besonders in der jeweils zweiten Strophe kommen sich die Texte beider Lieder auffallend nahe:
"Ein Funke, kaum zu seh'n,
Entfacht doch helle Flammen,
Und die im Dunkeln steh'n,
Die ruft der Schein zusammen.
Wenn Gottes große Liebe in einem Menschen brennt,
Dann wird die Welt
Vom Licht erhellt,
Da bleibt nichts, was uns trennt." 
respektive
"Kleiner Funke Hoffnung,
Mir umsonst geschenkt,
Werde ich dich nähren,
Dass du überspringst,
Dass du wirst zur Flamme,
Die uns leuchten kann,
Feuer schlägt in allen, allen
Die im Finstern sind." 
Zur Form ist zu sagen, dass "Ins Wasser fällt ein Stein" drei Strophen hat, "Kleines Senfkorn Hoffnung" hingegen fünf; während in den fünf Strophen des letzteren Liedes, die alle genau parallel aufgebaut sind (der zweite Vers "Mir umsonst geschenkt" kehrt in jeder Strophe wieder), lediglich verschiedene Metaphern für Hoffnung aneinander gereiht werden, die jeweils unterschiedliche Aspekte oder, wenn man so will, "Früchte" der Hoffnung symbolisieren sollen, bringt Siebalds Text lediglich zwei verschiedene Bilder (Stein, der im Wasser Kreise zieht, und Funke, der ein Feuer entfacht) für "Gottes große Liebe"; die dritte Strophe zieht gewissermaßen die Nutzanwendung aus den beiden vorangegangenen und greift dabei deren Metaphorik wieder auf:
"Nimm Gottes Liebe an!
Du brauchst dich nicht allein zu müh'n,
Denn Seine Liebe kann
In deinem Leben Kreise zieh'n.
Und füllt sie erst dein Leben
Und setzt sie dich in Brand,
Gehst du hinaus,
Teilst Liebe aus,
Denn Gott füllt die die Hand." 
Ich glaube, es wird deutlich, warum ich Siebalds Text schon rein vom Aufbau her kunstvoller und gelungener finde als den von Albrecht. Zu Kategorie A hat es dennoch nicht gereicht; dafür sind einzelne Formulierungen zu ungelenk geraten ("Wenn Gottes große Liebe / In einen Menschen fällt", also bitte!), zudem erscheint es nicht recht plausibel, dass "Gottes große Liebe" so betont mit kleinen Dingen verglichen wird, und die Reime sind mir tendenziell ein bisschen zu offensichtlich. An "Kleines Senfkorn Hoffnung" - wo sich, nebenbei bemerkt, überhaupt nichts reimt - habe ich im direkten Vergleich aber doch noch mehr zu kritisieren: Dass das "kleine Senfkorn", der "kleine Funke", die "kleine Münze" usw. direkt angesprochen werden, gibt dem Text etwas unangenehm Verniedlichendes; zudem wäre es besser gewesen, nach drei Strophen aufzuhören, umso mehr, als die in Strophe 4 und 5 herangezogenen Metaphern "Kleine Träne" respektive "Kleines Sandkorn" (im Getriebe!!) allzu gesucht und wenig überzeugend daherkommen. Erschwerend kommt hinzu, dass, obwohl Strophe 1 und 3 direkt an Gleichnisse Jesu (Matthäus 13,31f. und Lukas 15,8-10) anknüpfen und obwohl Hoffnung zu den christlichen Haupttugenden gehört, ein eindeutiger Gottesbezug fehlt: Ein Loblied auf die Hoffnung könnten Nichtchristen, ja sogar religiös gänzlich bekenntnislose Menschen ebensogut anstimmen. Dagegen geht es bei "Ins Wasser fällt ein Stein" explizit um Gottes große Liebe und darum, dass diese es ist, die den Menschen erst befähigt, hinauszugehen und Liebe auszuteilen. Und somit landet dieses Lied bei mir in Kategorie B, "Kleines Senfkorn Hoffnung" hingegen in Kategorie C.

Beispiel 2: Die Hl. Elisabeth von Thüringen gegen die Dreizehnte Fee 


In der Rubrik "Gabenbereitung" des Liederbuchs finden sich u.a. die sehr bekannten Lieder "Wenn das Brot, das wir teilen", hier unter dem Titel "Liebe, die alles umfängt" (Nr. 16; Text: Claus-Peter März, Musik: Kurt Grahl) und "Wenn jeder gibt, was er hat", hier kurz "Wenn jeder gibt" überschrieben (Nr. 18; Text: Wilhelm Willms, Musik: der unvermeidliche Peter Janssens). Besonders das erstere war in meiner Kindheit und Jugend sehr beliebt und ist es vermutlich immer noch - es steht, als Nr. 470, sogar im Stammteil des neuen Gotteslobs.
Das Lied hat fünf Strophen; jede von diesen besteht aus zwei durch "und" verbundenen Konditionalsätzen, dann folgt der Refrain:
"Dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut,
Dann wohnt Er schon in unserer Welt,
Ja, dann schauen wir heut schon Sein Angesicht
In der Liebe, die alles umfängt." 
Die Konditionalsätze in den Strophen beschreiben also so zu sagen Situationen, in denen die Anwesenheit Gottes in der Welt sicht- bzw. spürbar wird. Zwei solcher beispielhafter Situationen pro Strophe ergeben insgesamt zehn, und das ist zuviel. Der von Strophe zu Strophe immer gleiche Satzbau wirkt ermüdend, und besonders wird der Eindruck von Redundanz durch den Refrain verstärkt, der zu allem Übel deutlich länger ist als die Strophen. - Hinzu kommt, dass die sprachlichen Bilder nicht immer geschickt gewählt sind. Der erste Vers der ersten Strophe - "Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht" - bezieht sich natürlich auf das Rosenwunder der Hl. Elisabeth von Thüringen, zu deren 750. Todestag (1981) das Lied geschrieben wurde (wie auch der 2. Vers der 3. Strophe, "Und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt", auf ein derselben Heiligen zugeschriebenes Mantelwunder anspielt); aber wenn man das nicht weiß, könnte man auf die Idee kommen, den Hungernden wäre mit einer Verwandlung von Brot in Rosen schlecht gedient. Bei anderen Textstellen sollte man tunlichst die anarchische Phantasie von Kindern und Jugendlichen einkalkulieren, für die das Lied ja in erster Linie geschrieben zu sein scheint. Der Vers "Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält" (Strophe 3) etwa ist ja an und für sich durchaus schön, verführt aber im Zusammenspiel mit der unbeirrbaren Gleichförmigkeit des Satzbaus aller fünf Strophen zu Verballhornungen à la "Wenn das Brot, das wir teilen, uns selber teilt".

Erheblich weniger Text hat "Wenn jeder gibt, was er hat": nur drei Strophen, die ebenfalls aus je zwei Versen bestehen - aber deutlich kürzeren Versen als "Wenn das Brot, das wir teilen". Auch der Refrain ist deutlich kürzer:
"Wenn jeder gibt, was er hat,
Dann werden alle satt." (2x) 
Man könnte nun denken, wer weniger Text schreibe, könne dabei auch weniger falsch machen, und tatsächlich trifft diese Faustregel im NGL-Bereich häufig zu; in diesem Fall jedoch nicht:
"Wir spinnen, knüpfen, weben,
Wir säen neues Leben" - 
wer denkt da nicht unwillkürlich an Heinrich Heines "Die schlesischen Weber"? - "Kirche, wir weben dein Leichentuch..." - Nun, ganz so weit muss man wohl nicht gehen; aber zumindest liegt es nahe, sich an die als Spinnerinnen dargestellten Schicksalsgöttinnen der griechischen und römischen Mythologie erinnert zu fühlen, die Moiren bzw. Parzen, die in der altnordischen Sagenwelt als Nornen wiederkehren und auch in diversen Märchen ihre Spuren hinterlassen haben, deren bekanntestes sicherlich Dornröschen (KHM 50) ist. - Die Weber-Metaphorik kommt zugegebenermaßen auch in Jesaja 38,12 vor, aber für "neues Leben" steht sie dort gerade nicht - im Gegenteil:
"Wie ein Weber hast Du mein Leben zu Ende gewoben,
Du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch." 
- Und in seiner zweiten Strophe reizt Willms dann auch noch die umgangssprachliche Doppeldeutigkeit des Verbs "spinnen" aus:
"Wir spinnen, träumen, schauen,
Wir fangen an zu bauen." 
Auf der inhaltlichen Ebene ist der gravierendste Unterschied zwischen den beiden Liedtexten aber das Verhältnis zwischen dem Handeln des Menschen und dem Handeln Gottes. In beiden Liedern ist durchgängig von einem "Wir" als Handlungsträger die Rede: In "Wenn jeder gibt, was er hat" beginnt jeder Vers in jeder Strophe mit diesem "Wir", was bei der Knappheit des Texts bedeutet, dass für kaum etwas Anderes Platz bleibt. Dagegen sind es zwar auch in "Wenn das Brot, das wir teilen" wiederum "wir", die das Brot teilen, das Wort sprechen, die Not lindern usw.; aber wenn aus diesem menschlichen Handeln ein Wunder entsteht - das Brot als Rose blüht, das Wort als Lied erklingt -, dann ist das ein Zeichen für die Anwesenheit Gottes in der Welt. Das heißt: Gott wirkt durch das Handeln der Menschen, aber Er ist es, der die Früchte dieses Handelns verwandelt und daraus etwas schafft, was die Menschen aus eigener Kraft nicht zu vollbringen vermöchten. In "Wenn jeder gibt, was er hat" hingegen ist von einem Handeln Gottes - oder überhaupt von Gott - keine Rede. Der Refrain, der in der 3. Strophe ("Wir teilen, was wir haben, / Wir bringen uns're Gaben") lediglich noch einmal paraphrasiert wird, spricht in aller Deutlichkeit die Überzeugung aus, um "alle satt" zu machen, genüge es, dass der Mensch "gibt, was er hat"; der Gedanke, dass der Mensch erst einmal etwas empfangen müsse - von Gott nämlich -, um etwas geben zu können, ist auffallend abwesend. Und das soll ein Gabenbereitungslied sein? Im Grunde hätte man dieses Lied fast schon in Kategorie D (s. unten) einordnen können, aber ich habe ein Auge zugedrückt und es in Kategorie C einsortiert. Folgerichtig drücke ich bei dem wesentlich weniger schlechten "Wenn das Brot, das wir teilen" noch ein weiteres Auge zu und nehme es trotz aller formalen Mängel in Kategorie B auf.

Beispiel 3: Das Leben feiern oder die Auferstehung?


Zwei weitere recht bekannte Lieder, die zu einem direkten Vergleich miteinander herausfordern, finden sich im Abschnitt "Das Leben Feiern": "Unser Leben sei ein Fest" (Nr. 265; Text: Josef-Metternich-Team, Musik: der unvermeidliche Peter Janssens) und "Manchmal feiern wir mitten im Tag" (Nr. 268; Text: Alois Albrecht, Musik: ebenfalls der unvermeidliche Peter Janssens, 1974). Letzteres Lied ist als Nr. 472 ins neue Gotteslob aufgenommen worden, ersteres immerhin in den schon erwähnten Regionalteil der ostdeutschen Bistümer.

Die Verfasserangabe "Josef-Metternich-Team" beim Text von "Unser Leben sei ein Fest" lässt auf kollektive Autorschaft schließen, und so sieht der Text auch aus: Man kann ihn sich gut als das Ergebnis eines Brainstormings vorstellen. Jede der vier Strophen beginnt mit dem Vers "Unser Leben sei ein Fest" und endet mit den Versen "Unser Leben sei ein Fest, / An diesem Abend und jeden Tag" (wobei "Abend" bei Bedarf auch durch "Morgen" ersetzt werden kann); dazwischen folgen pro Strophe drei weitere Verse, die einander strukturell allesamt gleichen und durchaus durch kollektive Assoziation entstanden sein mögen. Man kann von Glück sagen, dass auf diese Weise nicht noch mehr Strophen entstanden sind, denn durch diesen Aufbau wirkt das Lied doch arg redundant und ermüdend.

"Manchmal feiern wir..." hat ebenfalls vier Strophen, die ähnlich schematisch aufgebaut sind; das Schema lässt sich wie folgt darstellen:
"Manchmal feiern wir mitten im (a)
Ein Fest der Auferstehung.
(b) werden (c),
Und ein (d) ist da."
Hinsichtlich ihrer strukturellen Eintönigkeit nehmen sich die beiden Liedtexte also nichts. Inhaltlich fallen aber selbst in dieser schematischen Darstellung schon einige Unterschiede ins Auge. Während in Lied Nr. 265 das ganze Leben "ein Fest" sein soll, wird in Nr. 268 nur "manchmal", und zwar mitten in irgendwas Anderem, ein Fest gefeiert; andererseits wird dieses immerhin konkreter benannt: ein Fest der Auferstehung soll es sein. Hat Nr. 268 also im Vergleich zu Nr. 265 den ausgeprägteren christlichen Gehalt? -- Weit gefehlt. Die oben ausgelassenen Mittelverse der vier Strophen von "Unser Leben sei ein Fest" verleihen dem Lied stellen nämlich explizit Jesus in den Mittelpunkt; hier ein paar Beispiele:
- Jesu Geist in unserer Mitte
- Jesu Licht auf unseren Wegen
- Jesu Wort als Quell unserer Freude
- Jesus selbst als Stamm der Gemeinde.
Gerade die prägende Gegenwart Jesu in unserem Leben, so wird hier deutlich, ist es, die unser Leben zu einem Fest machen soll. Mit der Klarheit dieser christozentrischen Botschaft kommt "Manchmal feiern wir mitten im Tag" nicht mit. Da ist zwar von "Auferstehung" die Rede, aber ob damit wirklich die Auferstehung Jesu als reales Ereignis, ja als das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte gemeint ist, bleibt ungewiss; ja, man kann den Eindruck haben, "Auferstehung" stehe hier lediglich als Chiffre für einen plötzlichen Zuwachs an ideeller Lebensqualität - an "Glück" (Strophe 1), "Friede" (Strophe 3), "Geist" (Strophe 4). Und mit was für einem technischen Vokabular das, was in solchen Momenten geschieht, beschrieben wird! Da werden Stunden eingeschmolzen, Sätze aufgebrochen, Waffen umgeschmiedet, Sperren überwunden... aber eben nur manchmal. Die Welt von "Manchmal feiern wir..." ist gewissermaßen ein geistliches Villabajo, wo man noch schrubbt, während in Villariba schon gefeiert wird - weil da Jesus ist.

Während also formal gesehen beide Lieder gleichermaßen schrottig sind, erhält "Unser Leben sei ein Fest" klare Pluspunkte auf der inhaltlichen Seite und wird mit der Aufnahme in Kategorie B belohnt, während "Manchmal feiern wir..." in Kategorie C darben und riesige Paella-Pfannen säubern muss. Die Aufnahme dieses Liedes ins Gotteslob betrachte ich als eine klare Fehlentscheidung.

Insgesamt ist es sicherlich ermutigend, dass das Buch "Jubilate Deo" mehr Lieder der Kategorie B als der Kategorie C enthält; aber dann gibt es ja auch noch die Kategorie D: 32 Lieder - 8,6% des gesamten Textkorpus -, die nun wirklich gar nicht gehen. Lieder, bei denen ich nicht nur selbst die Flucht ergreifen, sondern dies auch meinen geneigten Lesern nahelegen würde - weshalb ich die Kategorie D, nach einem berühmten Ausspruch Gandalfs des Grauen, "Flieht, ihr Narren!" benannt habe. Diese Kategorie ist solchen Liedtexten vorbehalten, die deshalb nichts im Gottesdienst oder in gottesdienstartigen Feiern verloren haben, weil sie nicht einfach nur doof, sondern mehr oder weniger offen häretisch sind. Oder, in einem nicht ganz so streng nach Inquisition und Scheiterhaufen riechenden Vokabular gesagt: weil sie für die Verkündigung der christlichen Heilsbotschaft nicht nur nicht förderlich, sondern sogar schädlich sind. Nämlich indem sie diese Botschaft einseitig verkürzen oder verzerren, ideologisch aufladen oder gleich ganz und gar durch eine andere Heilslehre ersetzen. Die betreffenden 32 Liedtexte bieten genug Stoff für nicht nur einen, sondern sogar zwei eigenständige Blogbeiträge... demnächst also mehr zu diesem Thema!

Sonntag, 14. Juni 2015

Nein, meine Suppe ess' ich nicht!

Suppendiskussionen pflastern meinen Weg. 

Etwas über zwei Jahre ist es her, dass ich – manche Leser werden sich erinnern – unter der Parole "Gegen den Feind am eigenen Suppentopf!" zur persona non grata (oder gar "gratinata") in der linksautonomen Volksküchen-Szene erklärt wurde (zumindest in einem Lokal dieser Art; in einigen anderen, die ich nach wie vor besuche, ist man toleranter, und in wiederum anderen weiß man vermutlich nicht, wer ich bin.) Nun hat mich das Suppenthema wieder eingeholt, wenn auch aus ganz anderer Richtung: Diesmal zähle ich selbst zu den Rädelsführern einer Kampagne, die man mit "Gegen den Suppentopf am Altar!" überschreiben könnte. - Ich gebe zu, das klingt kryptisch. Lässt sich aber alles erklären.



Dass ich auf das Thema aufmerksam wurde, war eine mittelbare Nachwirkung des jüngst geschilderten Predigt-Slam beim Evangelischen Kirchentag. Die Hintergrundrecherche für meinen diesbezüglichen Artikel hatte mich mit der Nase auf die gar nicht mal so überraschende Tatsache gestoßen, dass die meisten Slammer, deren Auftritten in der Stuttgarter Steigkirche ich beigewohnt hatte, auch bloggen. So entdeckte ich die Blogs Kirchengeschichten, Frau Auge, Pastor's Diary und zwischengerufen - und fand sie für den ökumenischen Blick über den dunkelkatholischen Tellerrand durchaus interessant und aufschlussreich. - Jedenfalls: Auf dem Blog von Frau Auge – alias Birgit Mattausch, Pfarrerin in der Württembergischen Landeskirche (und, dies nur nebenbei angemerkt, ungefähr gleichaltrig mit mir) – verwies mich ein kurzes Posting mit dem Titel "Rosen, Gurken, Salz und Segen" auf eine Veranstaltung im Rahmen des Martin Luther Grave Rotation Events, die mir (Gott sei Dank, möchte man fast sagen) entgangen war: das "Feierabendmahl 'taste it'", gestaltet von der Künstlerin Gabi Erne. In der anlässlich des Kirchentags zur "Atelierkirche" umgestalteten Evangelischen Brenzkirche, die passenderweise "Am Kochenhof" (!) liegt, gab es 

„Geschmacksproben zum Lob (Erdbeeren), zur Klage (Bittertee u. Schokolade), zum Bekenntnis (Salz mit Gurke), zur Bitte und zum Dank (Asure), zum Mahlfeiern (Brot, traubensaft und Kräuterquark) und zum Segen (Nüsse).“
-- Sagen wir mal so: Wenngleich dieser so zu sagen „synästhetische“ Ansatz – man google mal die Phrase "mit allen Sinnen" und schaue sich an, was man da so alles findet – für mein Empfinden stark nach esoterisch gefärbter Wellness schmeckt, will ich gar nicht ausschließen, dass die Assoziation von Lob, Klage usw. mit bestimmten Geschmackserlebnissen durchaus „Sinn machen“ (im BourdieuschenSinne) kann und dass dem Essen auf diese Weise so etwas wie eine spirituelle Dimension abgewonnen werden kann. Allerdings frage ich mich: Habt ihr keinen Pfarrsaal? Und hat der nicht vielleicht sogar eine Küche? Müsst ihr dieses Spektakel partout im Kirchenraum abhalten und so tun, als wäre es ein Gottesdienst? - Die Website der "Atelierkirche" präsentiert eine Vielzahl "wunderbare[r] Fotos von Josh von Staudach", die dem Betrachter vermitteln sollen, "wie intensiv diese gottesdienstliche Feier war". Nun gut - „intensiv“ kann ja alles Mögliche heißen. Spätestens beim Anblick von weiß gekleideten Jungfrauen(?), die am Altar mit Salz und Gurken hantieren, vermittelt sich mir der Eindruck, es mit einem heidnischen Ritual zu tun zu haben.

Als ich dieses Fundstück auf Twitter verlinkte und mein Befremden darüber zum Ausdruck brachte, erntete ich rasch einige Reaktionen, die Übereinstimmung mit meiner Irritation ausdrückten. Sie kamen sämtlich von katholischer Seite, obwohl ich denken würde, auch Lutheraner müssten ein Problem damit haben, derartigen Ringelpiez mit dem Abendmahlsverständnis des Begründers ihrer Konfession zu vereinbaren. Immerhin geht auch die lutherische Theologie – auch wenn dieser Aspekt seit der Leuenberger Konkordie von 1973 etwas aus dem Bewusstsein geschwunden sein mag – von der Realpräsenz Christi in der Eucharistie aus. Somit ist das Abendmahl auch im lutherischen Verständnis immer noch ein Sakrament – und keine spirituell angehauchte Erlebnisgastronomie.

Wie dem auch sei: Im Zuge dieser Twitter-Diskussion wurde ich auch noch auf andere Fallbeispiele eines... äh... "kreativen" Umgangs mit dem Thema Eucharistie bzw. Abendmahl aufmerksam gemacht. Den Vogel schoss dabei ein YouTube-Video von 2012 über einen Gottesdienst in der Universitätskirche Marburg ab – bei dem abermals die oben schon erwähnte Gabi Erne in zentraler Funktion mit von der Partie war:

„Sie kochte vor der Gemeinde und wies so auf den ursprünglichen Zusammenhang von (Küchen-)Tisch und Altar hin. Anschließend gab es leckere Kürbis-Kartoffel-Karotten-Kirchensuppe für alle.“
Das Video in voller Länge (knapp 10 Minuten) möchte ich eigentlich niemandem zumuten (aber wer starke Nerven und ein Faible für die Faszination des Grauens hat: bittesehr!); ein paar Details muss ich hier jedoch hervorheben. Der Gottesdienst, um den es da geht, wird geleitet von Prof. Dr. Thomas Erne - wer hätt's gedacht: dem Ehemann der Koch-"Künstlerin" -, der im Interview erklärt, ein Gottesdienst sei eine "Religions-Performance", und zu bedenken gibt, dass "das Abendmahl für uns alle ein schwieriges Format ist". Unbedingt zitierwürdig sind auch die Einladungsworte zur Suppenkommunion: "Kommt an die Tische - die Suppe ist heiß und sie duftet köstlich." Und dann füttern die Gottesdienstteilnahmer sich gegenseitig. - Irritationen bei den Teilnehmern gab es durchaus, räumt Prof. Erne ein, aber: "Es muss schon ziemlich gut sein, [damit] sich jemand aufregt. Über Sachen, die nicht gut sind, regt man sich nicht auf." Schon klar. Deshalb erfreuten sich beispielsweise die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki ja auch allgemeiner Beliebtheit.

Jedenfalls verspürte ich das Bedürfnis, mein Entsetzen mit Anderen zu teilen, und verlinkte das Video daher auf Facebook und auf Twitter. Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Auf Facebook kamen sie überwiegend aus den Reihen der Blogoezese, und das Urteil war einhellig: "Was für eine Barbarei", "Ich habe bis 4:20 durchgehalten, brauche jetzt aber irgendwie therapeutischen Aggressionsabbau" oder einfach "AAAAARRGH!". Auf Twitter meldete sich genau eine meiner virtuellen Bekannten ausführlicher zu Wort. Sie ist, das muss betont werden, durchaus keine ketzerfressende Erzkatholikin, sondern im Gegenteil ökumenisch sehr aufgeschlossen und auch in innerkatholischen Debatten ausgesprochen moderat. Dennoch gipfelte ihre Stellungnahme in der Aussage: „Mich gruselts bei der Vorstellung, dass solche Typen a) auf künftige Pfarrer und b) auf Gläubige losgelassen werden.“

Und dann schickte sie mir einen Link zu einem Artikel aus der "Arbeitshilfe zum Weitergeben", einer Publikation der Evangelischen Frauen in Deutschland e.V.; der Titel lautete "Mit Leib und Seel' – Erfahrungen mit der Nähe des Göttlichen machen", und, ach guck, verfasst war der Artikel von Birgit Mattausch alias Frau Auge. Thema des Beitrags: Impulse zu einer Gottesdienstgestaltung, die nicht allein auf Texte und somit auf "kognitive Fähigkeiten" ausgerichtet sein, sondern alle Sinne ansprechen soll. Was ich schon mal lustig fand, denn das leistet die katholische Liturgie schließlich schon von jeher. Mit dieser haben Frau Mattauschs Anregungen – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie dem "vielerorts längst eingeführte[n] Friedensgruß" - nun aber gar nichts zu tun. Stattdessen geht es zu wie bei der Ergotherapie. Es geht vor allem darum, sich selbst zu fühlen, und als höchstes Qualitätsmerkmal gilt es, wenn bei einer Übung "Tränen flossen" bzw. wenn "Viele weinen". - Eine Übung, die darauf abzielt, Gottes Geist durch Atmen zu erleben ("Gottes Geist ist Atem, der belebt. Deshalb achten wir jetzt einmal einen Moment auf unseren Atem. Wir atmen ein. Wir atmen aus. Wir lassen unseren Atem kommen und gehen."), und die darin gipfelt, Papiertüten aufzublasen und platzen zu lassen, bezeichnet Frau Mattausch selbst als etwas "zugegebenermaßen Gewagtes" - was den Rückschluss zulässt, dass sie die anderen Übungen, die sie schildert, nicht gewagt findet. Dazu gehören auch Gabi Ernes Kochgottesdienste:
"Zum Schmecken gehört natürlich das Abendmahl. Aber die Hostie und der Schluck Traubensaft [!]  sind eine höchst sublimierte Form des Essens und Trinkens – ganz im Gegensatz sicher zu den Mahlgemeinschaften der Menschen um Jesus! Vielleicht lässt sich das Abendmahl wieder besser verstehen, wenn es einmal oder ab und an unter dem Fokus des Schmeckens und Essens gestaltet wird. In der Stuttgarter Jugendkirche kocht die Künstlerin Gabi Erne regelmäßig auf dem Altar."
Das Drama nahm seinen Lauf, als ich meine Twitter-Diskussionspartnerin darauf hinwies, dass ich die Autorin dieses Irrsinns beim Predigt-Slam in Stuttgart erlebt hatte. Dabei benutzte ich Frau Mattauschs Twitternamen, wohl wissend, dass sie über diese Mention - wie das auf Twitter heißt - benachrichtigt werden würde und dadurch auch in der Lage sein würde, die gesamte Konversation nachzuverfolgen. Im Grunde ging es mir dabei um Transparenz, ich wollte nicht "hinter ihrem Rücken" über sie reden. Diese gute Absicht wurde mir aber schlecht gedankt. Offenbar in der Annahme, gegen sie solle ein Shitstorm vom Zaun gebrochen werden, twitterte @FrauAuge



Na schön: Wenngleich ich immer noch nicht recht einsehen mag, inwieweit die politische Kategorie "rechts" geeignet sein soll, jemanden zu klassifizieren, der Wert auf einen  ehrfürchtigen Umgang mit dem Heiligen und eine unverfälschte Verkündigung des Glaubens legt, habe ich mich mit derartigen Bezeichnungen (in anderen Fällen auch: "vorgestriger erzkatholischer Geiferer", "kalter Pharisäer", "Gotteskrieger") mittlerweile recht gut angefreundet. Aber dass nun auch meine wie gesagt ausgesprochen moderate Diskussionspartnerin diesem Diktum verfiel, fand ich schon etwas tragikomisch. 

Parallel dazu, dass sie sich ihrer eigenen Filterbubble gegenüber zum Mobbingopfer stilisierte, ersuchte @FrauAuge uns "Rechtsaußen"-Katholiken, sie "aus der Konversation [zu] entfernen" ("Bringt ja nix. Wisst Ihr und weiß ich."), und verwies auf Lot und Abraham - was offenbar bedeuten sollte "Gehen wir getrennte Wege, damit wir uns nicht in die Quere kommen". Nun ging es beim Streit zwischen Abraham und Lot zwar meines Wissens um Weideplätze und nicht um die Frage der artgerechten Haltung der Schafe, aber geschenkt. Zum Abschied fand sie zunächst freundliche Worte ("Vergnüglichen Abend weiterhin", "Alles Gute für Euch beide"), musste aber etwas später partout noch einmal nachtreten: "Und nächstes Mal vielleicht ein bisschen freundlicher unter Geschwistern." - Na ich weiß ja nicht: Kritiker diffamieren und delegitimieren, die inhaltliche Auseinandersetzung verweigern, dann aber von den Anderen "geschwisterliches" Verhalten einfordern? - "Und Dinge, die Geschwistern lieb sind, sollten andere nicht durch den Dreck ziehen." Zugestanden. Aber könnte man sich vielleicht darauf einigen, dass zu den Dingen, die man nicht durch den Dreck ziehen sollte, auch das Heilige Sakrament der Eucharistie gehören könnte? 

Mehr oder weniger mitten in der Debatte quittierte mein Akku den Dienst - was vermutlich gar nicht so schlecht war, denn so konnte ich ein bisschen von dem Thema 'runterkommen, bevor ich - passenderweise - zum Nightfever in der Rosenkranz-Basilika ging. Nachzutragen wäre noch, dass, wie ich inzwischen erfahren habe, das Veranstaltungsformat "Feierabendmahl" keine neue Erfindung ist: Vielmehr wurde dieses Konzept, bei dem es - mit den Worten der Theologin Dorothee Sölle - um "mehr essen beim Abendmahl und mehr beten beim Essen" gehen soll - bereits 1978 beim Evangelischen Kirchentag in Nürnberg eingeführt. "Seitdem hat es", so las ich es auf der Homepage des Pfarrers i.R. Hansjochen Steinbrecher, "seinen Platz gefunden nicht nur auf Kirchentagen, sondernn auch in vielen Gemeinden". So zum Beispiel in der Evangelischen Stephanus-Gemeinde Berlin-Zehlendorf; dort wird einmal im Monat "Feierabendmahl" gefeiert. Vielleicht gehe ich nächsten Monat mal hin... 


(P.S., und da ich weiter oben schon den Blog Kirchengeschichten - von Slam-Meister Holger Pyka - erwähnte: 
Meint der das hier eigentlich ernst??)

Donnerstag, 11. Juni 2015

Slam, Slammer, am Schlimmsten

Vor wohl so ungefähr zehn Jahren begegnete ich eines Abends im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg unverhofft einem ehemaligen Kommilitonen, der Schauspieler geworden war - schon während des Studiums war er häufig auf diversen Off-Bühnen zu sehen gewesen - und der mich aus schierer Freude über dieses überraschende Wiedersehen spontan zum Essen einlud. Dabei erzählte er mir, er werde am nächsten Sonntag in einer nahe gelegenen evangelischen Kirche predigen, und lud mich dazu ein. 
"Wie, du predigst da?", fragte ich verständnislos - und fügte hinzu: "Ich wusste gar nicht, dass du gläubig bist." 
"Bin ich auch nicht", bestätigte mein Bekannter. "Also nicht im eigentlichen Sinne. Mein Verhältnis zum Glauben ist eher ein suchendes. Aber das stört die Kirche nicht. Im Gegenteil, ich glaube, die wollten mich gerade deshalb haben. Für so eine Reihe mit Gastpredigten zum Thema 'Was bedeutet Glauben für mich?'. Von ganz verschiedenen Leuten." 

Ich ging tatsächlich hin. Martin (so hieß mein Bekannter) trug einen Text vor, der in Tagebuchform verschiedene Erlebnisse reflektierte, die im weitesten Sinne etwas mit Religion zu tun hatten; der Text war interessant und vielschichtig und warf Fragen auf, ohne Antworten zu geben. Ich fand ihn durchaus gelungen und den Vortrag - erwartungsgemäß - sehr gekonnt, wunderte mich allerdings darüber, dass so ein Beitrag den Platz einer Predigt in einem regulären Sonntagsgottesdienst einnahm. Die Gemeinde jedoch war, wie sich beim anschließenden Beisammensein im Pfarrgarten zeigte, mehr als angetan; eine nicht mehr junge Dame erklärte sogar, das sei die beste Predigt gewesen, die sie seit Langem gehört habe. 

I. 

Dieses Erlebnis fiel mir wieder ein, als ich bei meinem Kurzbesuch auf dem Evangelischen Kirchentag am Samstagabend die Abschlussveranstaltung eines Workshops im Zentrum Gottesdienst in der Steigkirche besuchte: einen so genannten Predigt-Slam. Wie Poetry Slam, nur eben als Predigt. Der Andrang bei dieser Veranstaltung war enorm: Schon fast eine halbe Stunde vor Beginn mussten die Kirchentags-Helferlein den Neuankömmlingen die wenigen noch verbliebenen Sitzplätze einzeln anweisen, und da die Plätze in den Kirchenbänken bei Weitem nicht ausreichten, kamen kirchentagstypische Papphocker und Papphockerinnen zum Einsatz. - Das Konzept der Veranstaltung: Sieben Teilnehmer (und -innen) des Workshops tragen einen jeweils selbst verfassten Text vor, eine Jury aus dem Publikum vergibt Punkte dafür - wobei zwischen der Qualität des Texts und der Qualität des Vortrags nicht differenziert wird: Beides wird als Einheit betrachtet. Der einzige Unterschied zum Poetry Slam ist der, dass der vorgetragene Text eine Predigt sein soll. So weit, so (mehr oder weniger) lustig.

Es liegt aber wohl einigermaßen auf der Hand, dass es bei diesem Predigt-Slam um mehr ging als nur um eine heitere Samstagabendveranstaltung: nämlich darum, eine neue Art des Predigens einzuüben. Deshalb hatte es im Vorfeld einen Workshop gegeben, bei dem die Teilnehmer im Verfassen und Vortragen Slam-tauglicher Texte geschult wurden; darüber, was bei diesem Workshop so alles eingeübt wurde, berichtet ein Artikel des Magazins Chrismon (dessen Verfasser, Burkhard Weitz, mir übrigens in der U-Bahn gegenüber saß, als ich nach dem Predigt-Slam zurück in die Stuttgarter Innenstadt fuhr).

Geleitet wurde der Workshop von den erfahrenen Slammern Bo Wimmer (der die Abschlussveranstaltung moderierte) und Holger Pyka (der selbst am Wettbewerb teilnahm und ihn - um hier gleich schon mal alle Spannung 'rauszunehmen - mit der maximal möglichen Punktzahl von 27 Punkten gewann). Pyka wirft im Chrismon-Artikel die Frage auf: "Ist die Slampredigt eine Predigt?" - und gibt darauf gleich zwei denkwürdige Antworten:
"Nein, denn sie wird bewertet. Es gehe beim Poetryslam darum, einen Wettbewerb zu gewinnen. Zweite Antwort: Ja, denn auch die Sonntagspredigt wird bewertet, spätestens dadurch, dass sich Menschen entscheiden, nicht zum Gottesdienst zu kommen. Wenn die meisten Plätze in der Kirche leer blieben, so Pyka, sei das auch ein Votum."
Eine Aussage, die durch ihre Zirkelschlüssigkeit besticht - aber doch immerhin deutlich macht, worum es geht: so zu predigen, dass es bei den Leuten ankommt - dass es idealerweise sogar Leute anlockt. - Nun könnte man sagen, die Vorstellung, Leute würden deshalb in die Kirche kommen, weil sie eine tolle Predigt hören wollen, sei im Ansatz ausgesprochen protestantisch; in ihren Konsequenzen ist sie aber möglicherweise noch nicht einmal das. Man muss hier einmal die Frage stellen: Was ist eine Predigt im klassischen protestantischen Verständnis eigentlich, was sollte sie sein?
Tante Wiki definiert eine Predigt als "Rede mit religiösem Inhalt oder eine Rede im Kontext einer religiösen Feier". Konzentrieren wir uns hier getrost auf den zweiten Teil dieser Definition: die Predigt im Gottesdienst, v.a. im katholischen Bereich auch Homilie genannt. Klassischerweise dient sie - auch wenn das in der Praxis nicht immer und überall so gehandhabt wird - der Auslegung der im Gottesdienst verlesenen Schrifttexte. Die Katholische Kirche hatte das Predigen seit dem Mittelalter ausschließlich Priestern und Diakonen vorbehalten; das heißt: Die Vollmacht, der Gemeinde das Wort Gottes auszulegen, wurde an die Weihe gebunden. Die protestantischen Konfessionen haben aber das Weihepriestertum abgeschafft und kennen nur das "allgemeine Priestertum der Gläubigen"; was also qualifiziert da einen Einzelnen, den Anderen das Wort Gottes auszulegen, ja, sie im Glauben zu unterweisen? - Dieses Problem ist durchaus komplex, aber man kann durchaus auch versuchen, es ganz einfach zu betrachten: Handelt es sich beim protestantischen Prediger um einen Pastor oder sonstigen Berufstheologen, dann besteht eine kaum bestreitbare Qualifikation zur Schriftauslegung und Glaubensunterweisung in seinen im Vergleich zu den Zuhörern fundierteren und umfassenderen theologischen Kenntnissen. An die Stelle von göttlicher Vollmacht durch Weihe tritt somit fachliche Kompetenz - womit bei der Predigt der Aspekt der Belehrung Unwissender in den Vordergrund tritt. Nicht ohne Grund ist die traditionelle Amtskleidung evangelischer Geistlicher der Talar, der ursprünglich zur akademischen Kleidung an mittelalterlichen Universitäten gehörte. Der Prediger, zuvor ein geweihter Gottesmann, wird mit der Reformation in erster Linie zum Lehrer.

Problematisch daran ist aus heutiger Sicht, dass es nicht besonders populär ist, sich belehren zu lassen. Die Leute mögen es nicht, wenn man von oben herab zu ihnen spricht, deshalb haben die Kanzeln vielerorts ausgedient. "Der klassische Prediger distanziere sich von vornherein vom Publikum: durch Talar, Altar und Kanzelsegen", wird abermals Holger Pyka zitiert; beim Slam-Workshop dagegen sollen die Teilnehmer lernen, ihrem Publikum von Gleich zu Gleich gegenüberzutreten: "Keine Verkleidung [!], keine Barriere". Na fein: Dieses von Gleich zu Gleich entspricht ja auch sehr schön der Idee des allgemeinen Priestertums der Gläubigen. Aber damit stecken wir wieder mittendrin im bereits angesprochenen Dilemma: Wenn der Typ, der da vorne steht und predigt, just a regular Joe ist - nur ein ganz normaler Typ -, warum steht dann gerade der da vorne und predigt? - Die einzige Antwort, die es darauf noch gibt, lautet: Weil er es KANN. Und dass er es kann, dafür soll der Slam-Workshop sorgen.

Und was lernt man da so? - Spontaneität, Improvisation, freies Assoziieren, "Elfchen" schreiben - letzteres eine Gedichtform, bei der der erste Vers aus einem Wort besteht, der zweite aus zwei Wörtern, der dritte aus drei, der vierte aus vier und der fünfte wieder nur aus einem. Kann ich auch:
Chrismon. 
Platte Schreibe. 
Phrasen tönen hohl. 
Substanz sucht man vergeblich. 
Altpapier. 
Das alles seien "Übungen, die auch in einer Gemeinde ganz viel Phantasie triggern können", meint Chrismon-Autor Weitz wie zur Bestätigung - und beruft sich nochmals auf Holger Pyka, der meint, "Slammer würden eine größere Vielfalt an Formen und Stilmitteln in die Predigt bringen" - und nicht zuletzt "Spielfreude".
"Die Form ist offen: Balladen, Parabeln, Briefe, Witze, Gebrauchsanweisungen. Auch die Palette der Stilmittel ist groß: Übertreibung, Endreim, Kontrast, Ironie, Wiederholung, Metaphern, rhetorische  Fragen, Pausen - was einem so einfällt." 
-- Angesichts des beschriebenen Trainingsprogramms kann es nicht verwundern, dass einige der sieben Slam-Beiträge des Samstagabends sich zumindest passagenweise anhörten wie eine Mischung aus freier Lyrik und Freestyle-Rap. Noch dominanter ist allerdings der stilistische Einfluss von Stand-up-Comedy. Auch das ist nur allzu verständlich: Angesichts des Wettkampfcharakters der Veranstaltung muss der Slammer natürlich bestrebt sein, das Publikum möglichst schnell für sich einzunehmen, und das geht am besten, indem man es zum Lachen bringt.

Klare Aussagen, Glaubensaussagen gar, muss man in den sieben Slam-Beiträgen mit der Lupe suchen. Das ist durchaus kein Versehen: Man will ja nicht belehren. Mindestens zwei der Beiträge enthalten sogar deutliche satirische Seitenhiebe auf "Fachtheologen", deren Fachwissen letztlich nur eine Distanz zwischen ihnen und dem Publikum aufbaue, die man ja gerade nicht will. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, dass gerade diejenigen Beiträge, die noch am ehesten bestrebt schienen, etwas theologischen Gehalt zu vermitteln, bei Jury und Publikum am schlechtesten ankamen. "Glaubensunterweisung" ist out, Predigten nach Slammer-Art dürfen und sollen Denkanstöße bieten, Fragen aufwerfen -- aber keine Antworten geben. Die Antworten sollen die Hörer sich bitteschön selbst suchen, man will ja niemanden bevormunden.

(Das Problem an Denkanstößen ist freilich, dass man nie weiß, in welche Richtung der angestoßene Gedanke rollt. Nicht umsonst sagt man ja, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung wechseln könne. Und je "poetischer" und vieldeutiger die Texte daherkommen, je mehr Assoziationsspielraum sie bieten, desto größer ist das Risiko, dass beim Hörer ausgesprochen heterodoxe, ja häretische Botschaften ankommen. Sofern das nicht sogar so gewollt ist - beispielsweise, wenn die biblische Sündenfall-Erzählung in den Versen "Riskier doch den Garten / Um Welt zu gewinnen" zusammengefasst wird.)

Klar ist jedenfalls: In Predigten nach Slammer-Art wird kein Glaube verkündigt, es wird lediglich Material bereitgestellt, aus dem der einzelne Hörer sich seinen eigenen individuellen Glauben gestalten kann. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was man früher einmal unter einer "Predigt" verstanden hat.

Aber zweifellos ist das total zeitgemäß, und die Leute lieben es. Slammer-König Holger Pyka, seines Zeichens Pastor in Köln, berichtete launig, jüngst habe ihn sogar eine 70jährige Dame aus seiner Gemeinde gefragt, wann es denn mal wieder im Gottesdienst eine Predigt im Slam-Stil geben werde. Merke: Das ist das ultimative Qualitätssiegel für eine gelungene Innovation - wenn sie sogar den alten Leuten gefällt. Dabei ist das so erstaunlich ja nun eigentlich nicht; man vergisst nur allzu leicht, dass die originale Hippie-Generation auch schon im Rentenalter angekommen ist. 

II. 

Im Grunde hätte ich den Predigt-Slam in der Steigkirche gar nicht für wert gehalten, ihn hier so einlässlich zu bespreche, wenn es nicht so offensichtlich wäre, dass dieses Format gewissermaßen Teil eines Versuchslabors für die Kirche der Zukunft ist. Die Auffassung, genau so müsse man heute predigen (und morgen erst recht), schien für Teilnehmer und Publikum ein unhinterfragbares Dogma zu sein. -- Zugegeben, bei den Protestanten habe ich es im Grunde aufgegeben, mich darüber zu wundern, dass sie so erpicht darauf sind, die letzten Reste von Tradition, liturgischer Form und inhaltlicher Verbindlichkeit, die es bei ihnen noch gibt, auch noch über Bord zu werfen: Diese Neigung ist dem Protestantismus wohl in gewissem Maße inhärent. Man könnte sagen, in der Reformation haben die Protestanten das herrliche, architektonisch anspruchsvolle Gebäude der katholischen Dogmatik und Liturgie eingerissen, und jetzt hocken sie in den immer weiter zerfallenden Ruinen und spielen mit Backförmchen. Als Katholik könnte ich nun zwar sagen "Soll'n se doch, wenn's ihnen Spaß macht"; befremdlich ist es aber, dass es augenscheinlich auch nicht gerade wenige Katholiken gibt, die finden, so ein imposantes Gebäude sei doch gar nicht mehr zeitgemäß, die Ruinen der Protestanten seien viel gemütlicher, und sie würden auch viel lieber mit Backförmchen spielen.

Fallbeispiele ließen nicht lange auf sich warten. Von der Steigkirche aus fuhr ich mit der U-Bahn zum Schlossplatz und ging von dort zur katholischen Domkirche St. Eberhard, der Konkathedrale des Bistums Rottenburg-Stuttgart. Eigentlich hatte ich die Absicht, dort - sofern die Kirche noch offen sein würde - etwas Ruhe und innere Einkehr in katholischer Umgebung zu suchen; diesbezüglich hatte ich aber kein Glück: Als ich kurz vor 22 Uhr dort eintraf, war die Kirche nicht nur offen, sondern es waren auch auffallend viele Leute dort - und wie sich zeigte, hatte das einen Grund. Ich hatte mich kaum in der Bank niedergelassen, da begann die Orgel zu spielen, und eine Frau in einer Mantelalbe kam herein und postierte sich am Ambo. Eine Liednummer wurde eingeblendet, aber wie sich zeigte, bezog sie sich nicht auf das Gotteslob, sondern auf das Kirchentags-Liederbuch: Gesungen wurde "Meine Zeit steht in Deinen Händen". Anschließend begrüßte die Frau in der Albe alle Anwesenden "zum Nachtgebet". Schau an, da betritt man aufs Geratewohl eine Kirche und kommt genau rechtzeitig zum Nachtgebet. Schöne Sache eigentlich. Nun hätte ich mir allerdings als Nachtgebet etwas gewünscht, das zumindest eine gewisse Ähnlichkeit mit der Komplet hätte. Idealerweise natürlich eine "richtige" Komplet. Ich meine: Da hat man mal um 22 Uhr eine ausgesprochen gut besuchte Kirche; wäre das nicht eine ideale Gelegenheit, die Schönheit des Stundengebets - dessen Pflege schließlich auch das so gern beschworene II. Vatikanische Konzil so nachdrücklich gewünscht hat (vgl. Sacrosanctum Concilium Kap. IV) - einer großen Zahl von Menschen nahe zu bringen? Oder anders gefragt, muss man partout neue Formen gottesdienstartiger Feiern aushecken, während man gleichzeitig die Schatzkammern der kirchlichen Tradition noch lange nicht ausgeschöpft hat? - Die Gestalter dieses Nachtgebets waren offenbar der Meinung, man müsse. Man hatte geradezu den Eindruck, jegliche Ähnlichkeit mit der Komplet solle gezielt vermieden werden. Gewissenserforschung? Schuldbekenntnis? Hymnus? Psalmodie? Nix da, die Dame am Ambo hielt eine gefühlig-schwammige Ansprache darüber, was Beten bedeute und warum es so wichtig sei, dann wurde eine weitere Nummer aus dem Kirchentagsliederbuch gesungen ("Laudate omnes gentes", also wenigstens ein Vers aus einem Psalm, und der sogar auf Latein - man staunt!). Anschließend kündigte die Vorturnerin eine "Lesung aus dem Evangelium nach Johannes" an, las aber stattdessen aus der Apostelgeschichte. Das Pfingstereignis. Und nach einem weiteren grausigen Kirchentagsschlager folgte doch tatsächlich eine Art Predigt - in der die Albenträgerin allen Ernstes Parallelen zwischen dem Pfingstereignis und dem Evangelischen Kirchentag zog: "Plötzlich ist da etwas, das Mut macht und Hoffnung... Die Funken, die sich hier in diesen Tagen neu entzünden, werden wir voll Freude weiter versprühen..." An dieser Stelle stieg ich innerlich aus, betete lieber still für mich die Komplet aus dem Gotteslob und verließ dann die Kirche. In Sicht- und Hörweite einer Gruppe afrikanischer Trommler setzte ich mich auf eine Bank und betete dort noch einen Rosenkranz. Die schmerzhaften Geheimnisse erschienen mir als die passendsten.

III.  

Nachdem ich in der Nacht erst ziemlich spät und nur mit viel Glück noch einen Schlafplatz ergattert hatte, hatte ich am Sonntagmorgen Mühe, aus den Federn zu kommen; zur 10-Uhr-Messe in St. Eberhard war ich folglich ein bisschen spät dran, dachte mir aber: Na, um 12 Uhr ist ja auch noch eine. Dann muss ich mich ja nicht beeilen. Ein Fehler, wie sich zeigte - oder vielleicht auch nicht, denn wäre ich nicht in die 12-Uhr-Messe gegangen, dann könnte ich jetzt auch nicht darüber bloggen. Sonntags um 10 Uhr zelebriert nämlich Stadtdekan und Dompfarrer Christian Hermes, und bei dem kann man sich darauf verlassen, dass alles rite et recte zugeht. Um 12 Uhr hingegen ist Pfarrer ***** ********* dran und verfährt mit dem Messbuch, wie er es für richtig hält. Die Stuttgarter wissen das und stellen sich darauf ein - das hat mir Pfarrer ********* im Wesentlichen selbst bestätigt.

[Wichtiger Hinweis: Die Nennung des Namens des Zelebranten in der ersten Fassung dieses Artikels beruhte, wie sich inzwischen herausgestellt hat, anscheinend auf einem Irrtum meinerseits. Bis zur endgültigen Klärung des Sachverhalts ersetze ich den Namen deshalb durch Sternchen.]

Das Erste, was mir auffiel, war die Gewandung des Priesters: Er trug nämlich nicht, wie ich zu dieser Zeit des Kirchenjahres erwartet hätte, eine grüne Kasel, sondern lediglich eine Albe (oder etwas Ähnliches) mit einer breiten grünen Stola drüber. Aber es kann ja sein, dass das unter bestimmten Voraussetzungen als liturgisch korrekte Kleidung durchgeht - ich wüsste es nicht. Das Zweite, was mir auffiel, war eine gewisse Neigung des Zelebranten zu frei formulierten Ansprachen an die Gemeinde in einer wenig zeremoniell wirkenden Sprache; na gut, Geschmackssache. Ein bisschen stutzen musste ich, als bei der Lesung (der einzigen; die - eigentlich - erste war weggelassen worden, aber das erlebt man ja öfter) die schlichte Einleitungsformel "Lesung aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther" durch eine längere "Anmoderation" des Pfarrers ersetzt wurde. Dass Pfarrer ********* nicht selbst predigte, überraschte mich deshalb nicht besonders, weil ich vor dem Betreten der Kirche flüchtig einen Aushang mit einer Liste von Gastpredigern für die sonntäglichen 12-Uhr-Gottesdienste wahrgenommen hatte. Besondere Aufmerksamkeit hatte ich diesem Umstand nicht geschenkt, aber nun gab es mir doch zu denken, dass der Mann, der jetzt - wiederum nach einer Anmoderation durch den Pfarrer - das Wort ergriff, offenbar weder Priester noch Diakon war: Es war Dr. Michael Krämer, Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) im Bistum Rottenburg-Stuttgart. Nun sind Laienpredigten in der Heiligen Messe zwar eigentlich ein eklatanter Verstoß gegen Can. 767 § 1 CIC, aber wie man so hört und liest, werden sie dennoch vielerorts von den Diözesanbischöfen toleriert, z.T. wohl auch aktiv gefördert. Mir fiel allerdings auf, dass der Begriff "Predigt" oder gar "Homilie" in diesem Gottesdienst - vermutlich "aus Gründen" - konsequent vermieden wurde; es hieß lediglich "Herr Dr. Krämer legt uns die biblischen Texte aus".  

Das, was er sagte, fand ich zunächst durchaus gut. Er begann damit, über den Begriff des Glaubens zu sprechen und darüber, was darunter landläufig so alles verstanden werde; er führte aus, dass das lateinische credere von 'cor' und 'dare' stamme und somit im Wortsinne "sein Herz geben" bedeute, und dass auch das im Neuen Testament für 'glauben' verwendete Verb pisteuein ("treu sein, vertrauen"), wie auch, seiner Etymologie nach, auch das deutsche Wort 'glauben' selbst, eine persönliche Beziehung ausdrücke. Dann aber kam er auf das Tagesevangelium (Markus 3,20-35) zu sprechen - im Speziellen auf die Schriftgelehrten, die Jesus unterstellen, er treibe Dämonen mit Hilfe des Beelzebul, des Fürsten der Dämonen, aus. Und auf Jesu harte Worte gegen jene, die "den Heiligen Geist lästern", indem sie für dessen Wirken einen vermeintlich "unreinen Geist" verantwortlich machen. Ich legte die Ohren an, als Dr. Krämer Parallelen zwischen den damaligen Schriftgelehrten und heutigen Theologen zog und erklärte, ähnliche Vorwürfe, wie sie hier gegen Jesus erhoben würden, müssten sich heute Menschen anhören, "die zum Beispiel mit alten kirchlichen Traditionen brechen wollen, weil sie sich als nicht lebensfähig erwiesen haben". Aha, dachte ich, jetzt wird das eine kirchenpolitische Kampfrede. Und was für eine: Konservative Katholiken, die gewissen "Reform"-Bestrebungen reserviert bis entschieden ablehnend gegenüberstehen, werden kurzerhand der Sünde wider den Heiligen Geist bezichtigt, der schlimmsten Sünde also, die es gibt - der schlechthin unvergebbaren Sünde. Man könnte auch sagen, sie werden verbal zur Hölle geschickt. Eigentlich hätte ich da schon gehen sollen. 

Dr. Krämer spielte auch auf Leute an, die sich tadelnd über "falsche Barmherzigkeit" äußerten: "Als ob es so etwas geben könnte, 'falsche Barmherzigkeit'!" Nun, da kann ich dem Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Rottenburg-Stuttgart nur raten, mal Chestertons Orthodoxie zur Hand zu nehmen; da kann er, auf S. 69 der Ausgabe aus der Eichborn-Reihe Die Andere Bibliothek, nachlesen, dass es sehr wohl ein falsches Verständnis und in der Folge auch eine falsche Anwendung der "für sich genommen mystischen und fast irrationalen Tugend der Barmherzigkeit" geben kann und tatsächlich gibt

Dass der Redner dann noch die Verantwortung der Kirche für die Armen und Ausgegrenzten betonte und sich dabei auf Papst Franziskus berief, ist für sich selbst genommen sicher nicht zu tadeln, im Kontext des zuvor Gesagten aber doch mindestens ärgerlich. Allerdings fiel mir dabei auf, dass Pfarrer ********* tatsächlich physiognomisch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Papst hat - während Michael Krämer selbst mich eher an Michael Schmidt-Salomon erinnerte.

Nach dieser Predigt - pardon: Schriftsauslegung - sah ich der Eucharistiefeier mit einer gewissen Anspannung entgegen. Zu Recht, wie sich zeigte: Fragte ich mich zu Beginn des Eucharistischen Hochgebets noch, ob der Pfarrer womöglich lediglich eine Variante verwendete, die sprachlich etwas "moderner" und schlichter daherkam als die mir bekannten Texte, die aber gleichwohl approbiert sein mochte, fiel ich fast aus der Bank, als Pfarrer ********* mitten ins Hochgebet eine ausgedehnte Würdigung des Evangelischen Kirchentags samt Segensbitte für dessen Teilnehmer einschob! - - Ich meine: Soll er doch den Kirchentag loben und preisen und für die Kirchentagsbesucher beten, soviel er will, nette ökumenische Geste, aber... im Eucharistischen Hochgebet?! ("Warum denn nicht?", entgegnete er ungerührt, als ich ihn später darauf ansprach.) Dass beim Vater Unser der Embolismus weggelassen wurde ("Das ist in unserer Diözese so üblich. Das macht sogar der Bischof so."), fiel demgegenüber kaum noch ins Gewicht, und ebenso, dass das Agnus Dei durch ein anderes Lied ersetzt wurde (das immerhin inhaltlich untadelig war: Es handelte sich um "O heil'ger Leib des Herrn"). Was mir dann aber endgültig den Rest gab, war der Umstand, dass die Eucharistie - in beiderlei Gestalt - in Keramikschalen und -bechern (ohne Henkel) gereicht wurde. Passte ja durchaus ins Bild - "neue Bescheidenheit", sehr en vogue bei "reformorientierten" Katholiken gewisser Couleur, die dabei sogar Papst Franziskus auf ihrer Seite wähnen (obgleich dieser, wie schon seit Namenspatron Franz von Assisi, persönliche Anspruchslosigkeit sehr wohl von der Frage des angemessen würdevollen Umgangs mit dem Heiligen, ja dem Allerheiligsten zu trennen und zu unterscheiden weiß) -- aber muss ich hier jetzt ernsthaft Redemptionis Sacramentum Nr. 117 zitieren, um zu begründen, weshalb ich angesichts dieses Sakrilegs fluchtartig die Kirche verließ?

(Ich bekam gerade noch mit, dass die Kommunion vom Pfarrer selbst, Dr. Krämer, der Lektorin und einer weiteren Frau ausgeteilt wurde.)

Draußen angekommen, kam ich bald zu dem Schluss, dass ich nicht einfach gehen konnte, ohne dem Pfarrer meinen Unmut mitgeteilt zu haben. Also wartete ich bis zum Ende der... äh... sagen wir mal: Feier und ging dann wieder hinein. - Ich fand Pfarrer ********* im Mittelgang im Gespräch mit zwei Frauen mittleren Alters - die ihn, wie ich mir schon fast gedacht hatte, überschwänglich für den "schönen Gottesdienst" lobten. Ich stellte mich dazu und lauschte erst einmal, bekam so auch mit, wie Pfarrer ********* über Kollegen spottete, die die Messe strikt nach Messbuch lesen. Er sonnte sich sichtlich in der Popularität seiner Gottesdienste, zu denen - wie er mir gegenüber später noch einmal nachdrücklich wiederholte - regelmäßig 500 bis 600 Leute kämen; das veranlasste mich schließlich zu dem Einwurf: "Wäre es dann nicht konsequenter, Sie würden Ihre eigene Kirche aufmachen?" 

Die Damen reagierten empört, als ich erklärte, ich fände es (so wörtlich) "unverschämt", so eigenmächtig mit der Liturgie umzuspringen wie hier geschehen; Pfarrer ********* selbst jedoch blieb souverän wie der Sonnenkönig. Er wisse schon, was er tue, sei überzeugt davon und stehe dazu. Auf meinen Einwand, es könne doch wohl nicht zuviel verlangt sein, dass man, wenn man als Katholik in eine katholische Kirche gehe, dort eine ordentliche Heilige Messe erwarte "und nicht irgendeinen selbstgebastelten Zirkus", erwiderte er, ich hätte ja auch nach St. Mariä Himmelfahrt in Feuerbach gehen können, dort gebe es (so wörtlich!) "Lefebvre-Messen" [*] - "alles ganz korrekt im alten Stil und auf Latein". ("Wie schrecklich!", entfuhr es einer der Damen.) Im Übrigen sei die Liturgie doch im Großen und Ganzen korrekt gewesen: Alle wesentlichen Elemente, Kyrie, Gloria, Credo, Hochgebet und so weiter, seien doch in der Messe enthalten gewesen, und sogar in der richtigen Reihenfolge. 

Eine der Damen fragte mich verständnislos, ob ich denn glaubte, Gott würde seine Gegenwart in der Eucharistie von der strikten Einhaltung liturgischer Formen abhängig machen. Mir schien, mir solle hier ein quasi-magisches Verständnis der Wandlung unterstellt werden - als seien die Wandlungsworte eine Zauberformel, die korrekt aufgesagt werden müsse, damit sie "funktioniert" -, also verneinte ich, erklärte aber, viele Elemente dieses Gottesdienstes fügten sich für mich zu einem Gesamtbild zusammen, aus dem die demonstrative Haltung spreche: "Der Römische Ritus ist uns scheißegal, wir machen hier unser eigenes Ding." (Ich hätte natürlich auch sagen können, zum gültigen Spenden eines Sakraments sei laut kirchlicher Lehre auch die richtige Intention des Spenders notwendig, und bei einem Zelebranten, der so offensichtlich auf die Tradition und Lehre der Kirche und die Einheit mit der Kirche scheißt, dürfe man hinsichtlich der richtigen Intention ja wohl seine Zweifel haben - aber darauf kam ich in dem Moment nicht.) Während die Damen erkennbar nach Luft schnappten angesichts des Tonfalls, den ich ihrem vergötterten Ortsschamanen gegenüber anzuschlagen wagte, erklärte Pfarrer ********* spöttisch, ich könne mich gern beim Bischof über ihn beschweren - oder auch gleich beim Papst: "Schreiben Sie ihm einen Brief, mit einem netten Gruß von mir." 

Eine der Damen äußerte Unverständnis darüber, dass ich - so ihr Eindruck - so einen großen Wert auf Worte lege. Leider fiel es mir in dem Moment nicht ein, zu erwidern: "Wenn Worte unwichtig sind, warum müsst ihr sie dann ändern?" 

Tatsächlich ist dies nämlich ein ziemlicher Knackpunkt der ganzen Debatte. Bei all seiner unerschütterlichen Selbstzufriedenheit konnte Pfarrer ********* letztlich doch nicht auf den Versuch verzichten, mir zu beweisen, dass er Recht und ich Unrecht hätte; und eins seiner zwei Lieblingsargumente war, um die Leute zu erreichen, müsse man eine Sprache sprechen, die die Leute verstehen. Daher müsse man die Texte aus dem Messbuch modernisieren, denn die seien ja "schon 40 Jahre alt". Man könnte sich fragen, was die armen Deutschlehrer da sagen sollen, die gezwungen sind, ihren Schülern Texte aus dem 19. oder sogar 18. Jahrhundert zuzumuten; aber im Grunde griffe auch dieser Einwand noch zu kurz. Eigentlich müsste man viel grundsätzlicher fragen: Was gibt es an der Heiligen Messe eigentlich zu verstehen? Die Predigt, ja, die sollte in verständlicher Sprache gehalten sein (was - siehe oben - nun auch nicht heißt, dass man sie partout dem Sprachstil von TV-Moderatoren, Stand-up-Comedians und Gangsta-Rappern anpassen sollte, aber in dieser Hinsicht war die "Schriftauslegung" des Dr. Krämer durchaus untadelig). Aber das Eigentliche an der Messe, die Eucharistie, ist nun einmal ein Mysterium; zu behaupten, dieses zu verstehen, wäre schon im Ansatz häretisch. Natürlich ist es im Sinne eines aktiven Mitvollzugs (actuosa participatio) zu wünschen, dass die Gemeinde ein gewisses Grundverständnis für die Bedeutung der liturgischen Handlungen hat; aber das ist doch nichts, was man ihnen jeden Sonntag aufs Neue erklären müsste (oder könnte). Und wenn es tatsächlich Katholiken gibt (und offenbar gibt es sie), die nach Erstkommunion- und Firmvorbereitung immer noch nicht in der Lage sind, den Ablauf einer Heiligen Messe geistig mitzuvollziehen, dann muss in der Katechese aber eine ganze Menge im Argen liegen. Und, also, das hab ich ja so richtig gern: wenn dieselben Leute, die über Jahrzehnte die Katechese kaputt"reformiert" haben, jetzt die schlechte religiöse Bildung der Kirchenmitglieder zum Vorwand nehmen, das sprachliche (und damit auch geistige) Niveau der Messe abzusenken. 

Pfarrer ********** zweites Lieblingsargument stammte - was zu der Berufung auf "Zeitgemäßheit" doch irgendwie in einem heiklen Spannungsverhältnis zu stehen schien - aus der beliebten Rubrik "Aber die Urkirche...!": Er verwies darauf, die Liturgie sei schließlich nicht fertig vom Himmel gefallen; in den ersten vier Jahrhunderten z.B. habe es überhaupt noch kein Eucharistisches Hochgebet gegeben. Er betonte, er habe sich bei den Einsetzungsworten "sogar" (!) an den Wortlaut des Messbuchs gehalten - "obwohl die Einsetzungsworte in dieser Form nicht von Jesus stammen - das ist erwiesen". Und als ich das Keramikgeschirr bemängelte, aus dem die Kommunion gereicht worden war, erwiderte Pfarrer *********: "Was glauben Sie denn, was Jesus im Abendmahlssaal gehabt hat? Gold und Silber?" - Da reichte es mir, und ich sagte schroff, er solle aufhören, mir mit solchen historizistischen Pseudoargumenten zu kommen. "Das sind keine Pseudoargumente", blaffte er zurück. "Studieren Sie mal ein bisschen Kirchengeschichte und Liturgiegeschichte!" 

Damit war er fertig mit mir; die Damen allerdings noch nicht. Sie wollten wissen, wo ich herkäme, und dann was ich in Stuttgart mache. Ich erklärte, ich sei tags zuvor angereist, um "noch ein bisschen was vom Evangelischen Kirchentag mitzukriegen", und nun hätte ich - weil ja schließlich Sonntag sei - eine katholische Messe besuchen wollen. "Und jetzt sind Sie enttäuscht", resümierte die eine Dame, etwas Ähnliches wie Verständnis andeutend. Guter Trick, die Debatte von der Sach- auf die Personenebene zu verlagern. Kann ich auch, ich mache es nur meist lieber umgekehrt. Die andere Dame war unversöhnlicher. "Sie waren also beim Evangelischen Kirchentag", stellte sie fest. "Und da haben Sie sich gar nicht inspirieren lassen, von dieser Stimmung, diesem Geist, diesem Glauben?" 
"Was für ein Glauben denn?", gab ich trocken zurück. 
"An Gott!", erwiderte die Dame energisch, sie schrie es fast. 
"Gott ist ein weiter Begriff", brummte ich und verabschiedete mich. 




[* Einige meiner Leser werden zweifellos sehr genau verstehen, wie die Bezeichnung 'Lefebvre-Messe' gemeint und wie das zu bewerten ist; aber ich schreibe hier ja nicht nur für die, die schon alles wissen (und es im Zweifel genauer wissen als ich selbst). Für alle Anderen daher hier ein paar Erläuterungen: Die Kirche St. Mariä Himmelfahrt im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach wird tatsächlich von der von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) betrieben, der wegen ihres Widerstands gegen die Liturgiereform 1975 die kirchliche Anerkennung entzogen wurde. Trotzdem sind die Messen, die dort gefeiert werden, keine "Lefebvre-Messen", denn Lefebvre hat sie schließlich nicht erfunden; es sind ganz einfach Messen nach dem Messbuch von 1962, das übrigens seit 2007 als außerordentliche Form des Römischen Ritus wieder gesamtkirchlich zugelassen ist. Indem Pfarrer ********* mich nun gerade zur FSSPX nach Feuerbach verwies - und nicht etwa nach St. Albert in Zuffenhausen, wo die von Rom anerkannte Priesterbruderschaft St. Petrus (FSSP) ebenfalls lateinische Messen in der außerordentlichen Form zelebriert - wollte er mir offenbar zu verstehen geben, dass er mich bei den mit dem Vatikan zerstrittenen Ultra-Traditionalisten am besten aufgehoben wähnt; dabei hatte ich doch gar nicht der außerordentlichen Form das Wort geredet, sondern lediglich gefordert, dass die ordentliche Form auch wirklich ordentlich zelebriert werde. Aber aus Sicht eines Pfarrer ********* genügt das offenbar schon, um als Lefebvre-Anhänger dazustehen. Mit anderen Worten: Nicht diejenigen, die Lehre und Tradition der Kirche ignorieren, sind die wahren Schismatiker, sondern die, die sie verteidigen. Das passt ja auch sehr schön zu Dr. Krämers "Schriftauslegung". Und ich fürchte beinahe, die glauben das echt.]