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Mittwoch, 25. Februar 2015

Eine Woche voller Sonntage

Die diesjährige Fastenzeit begann für mich mit einem freien Tag, den ich erst einmal zum gründlichen Ausschlafen nutzte; als spätes Frühstück nahm ich ein mit Käse und Tomatenscheiben belegtes Baguette zu mir, am späten Nachmittag bzw. frühen Abend gefolgt von einem kleinen Nudelsalat. Aber eigentlich will ich hier nicht übers Essen schreiben. Sicher, ich esse in der Fastenzeit weniger als sonst, und bestimmte Nahrungsmittel streiche ich in diesen 40 Tagen auch ganz - oder weitestgehend - von meinem Speiseplan; aber entscheidender als die Ernährungsumstellung erscheint mir in der Fastenzeit dann doch die geistige Vorbereitung auf die Passionszeit und das Osterfest, und deshalb stand es dieses Jahr ganz oben auf der Liste meiner Fastenvorsätze, dass ich das Stundengebet eifriger pflegen wollte als in den letzten Monaten - und nach Möglichkeit wollte ich auch  die Heilige Messe häufiger besuchen als sonst. Im Grunde bin ich da in der Großstadtdiaspora schließlich in einer glücklichen Lage: Mit ein bisschen umsichtiger Terminplanung sollte es in Berlin eigentlich an nahezu jedem Tag der Woche möglich sein, eine Kirche zu finden, in der man vor oder nach der Arbeit in die Messe gehen kann.



Am Aschermittwoch selbst hatte ich, wie gesagt, jede Menge Zeit und besuchte die Abendmesse in St. Antonius, wo Pfarrer Birkhahn gewohnt schnörkellos zelebrierte und gewohnt solide predigte und wo ich mir das Aschenkreuz auf die Stirn zeichnen ließ ("Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst"). Am Donnerstag begann dann meine Arbeitswoche. Ich hatte mir inzwischen einen ersten Überblick darüber verschafft, wann in den für mich einigermaßen unschwer erreichbaren katholischen Kirchen (also vorzugsweise solchen, die entweder nahe an meiner Wohnung oder nahe an meinem Arbeitsplatz liegen) Werktagsmessen stattfinden, aber auf die Idee, ich könne nach dem Besuch der Aschermittwochsmesse womöglich gleich am nächsten Tag schon wieder in die Kirche gehen, kam ich tatsächlich erst im Laufe des Nachmittags. Ich stellte fest: Wenn ich einigermaßen zeitig Feierabend bekäme, würde ich es noch zur Abendmesse in Herz Jesu schaffen. -- Mit dem zeitigen Feierabend ist es an meinem Arbeitsplatz so eine Sache. Offiziell endet die Arbeitszeit an Werktagen um 19 Uhr, aber praktisch kommt man ziemlich häufig schon erheblich früher 'raus. Ausgerechnet an diesem Donnerstag sah es danach aber ganz und gar nicht aus, denn nach einem insgesamt eher ruhig verlaufenen Tag wurde es ausgerechnet gegen 18 Uhr noch einmal sehr betriebsam. Ich war also schon mehr oder weniger dabei, mich damit abzufinden, dass ich es wohl doch nicht mehr in die Abendmesse schaffen würde - da sagte die Personalchefin aus heiterem Himmel zu mir: "Du kannst ruhig schon gehen. Den Rest schaffen wir alleine."

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, schnappte mir meine Jacke und machte mich auf den Weg zur Kirche - wo ich gerade noch während des Einzugsliedes ankam. Pater Jacek Mleczko zelebrierte gemeinsam mit einigen Priestern aus Polen, die in der Gemeinde zu Besuch waren; und ich war zutiefst beeindruckt, als er in seinen Begrüßungsworten an die Gemeinde sagte:
"Dass wir heute hier sind und die Messe feiern dürfen, ist eine Gnade Gottes. Er hat uns eingeladen, und wir sind hier, weil Er uns hier haben will."
Tja, dachte ich, das habe ich wohl gerade am eigenen Leibe erfahren.

Beeindruckend war auch Pater Jaceks Predigt über die Evangeliumsworte "Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten" (Lukas 9,24). Sichtlich bewegt begann Pater Jacek seine Predigt mit der Mitteilung, er habe kurz zuvor mit einem Mann telefoniert, der erklärt habe, er wolle sich in dieser Nacht das Leben nehmen - dieses Mannes wurde dann auch in den Fürbitten gedacht. Pater Jacek fuhr fort, Menschen, denen ihr eigenes Leben nichts wert sei, könnten auch zur Gefahr für Andere werden - das zeige sich etwa im Terrorismus. "Es gibt aber auch Menschen", fuhr er fort, "die ihr Leben ganz und gar Gott zur Verfügung stellen. Auch diese Menschen sind gefährlich. Sie sind gefährlich für das Böse, denn in ihnen kann der Heilige Geist wirken."

Insgesamt war diese Abendmesse in Herz Jesu meiner Motivation, in der Fastenzeit möglichst oft in die Kirche zu gehen, ausgesprochen förderlich; am Freitag hätte es am selben Ort zur selben Zeit abermals die Möglichkeit dazu gegeben, aber diesmal musste ich wirklich bis 19 Uhr arbeiten. War aber gar nicht schlimm, denn in der St.-Johannes-Basilika am Südstern gab es eine Abendmesse um 19:30 Uhr, also ging ich dort hin. Vor der Messe hatte es in einer kleinen Seitenkapelle der großen, prächtigen Basilika eine Kreuzwegandacht gegeben, und die Messe - an der nur rund zehn Gläubige, überwiegend Seniorinnen, teilnahmen - fand nun auch in dieser Kapelle statt. Interessant daran war, dass die Kapelle keinen Volksaltar hatte, sodass eine Zelebration versus populum praktisch ausgeschlossen war. Nun gut, ich habe ja auch schon ein paar in Messen in der außerordentlichen Form des Römischen Ritus miterlebt, also ist die Zelebration versus Deum nichts, was ich noch nie gesehen hätte; aber in der ordentlichen Form war es mir eben doch neu, und der Effekt, den das auf mich hatte, war recht bemerkenswert. Ich stellte nämlich fest, dass ich es ausgesprochen einleuchtend fand, wenn der Priester sich immer dann der Gemeinde zuwendet, wenn er tatsächlich die Gemeinde anspricht - und dass er dann, wenn er zusammen mit der Gemeinde oder auch stellvertretend für die Gemeinde zu Gott spricht, in dieselbe Richtung schaut wie die Gemeinde auch. Damit will ich nicht sagen, dass ich die Zelebration versus populum ab sofort falsch finde und ablehne. Das hieße wohl etwas arg übers Ziel hinausschießen. Ich will nur sagen: Dass man auch im Rahmen der ordentlichen Form versus Deum zelebrieren kann, war mir neu, und ich fand es gut.

Bei der Kommunion gab es einen - nun ja - Zwischenfall: Eine etwas gebrechliche ältere Dame ließ die Hostie fallen. Pfarrer Oliver Cornelius, der es dem Diakon überlassen hatte, den wenigen Anwesenden im engen Gang der Kapelle die Kommunion zu spenden, bemerkte dies sofort und fragte: "Ist eine Hostie 'runtergefallen?" Als das bejaht wurde, drängte er, das Purifikatorium in der Hand, energisch in den Gang und fragte knapp: "Wo?" - "Sie hat sie schon wieder aufgehoben", wollte ihn eine andere Messteilnehmerin beschwichtigen, aber Pfarrer Cornelius erwiderte etwas indigniert: "Ich muss doch den Boden purifizieren!" Man zeigte ihm die Stelle, an der die Hostie den Boden berührt hatte, und er breitete das Purifikatorium darüber, wobei er unwirsch anmerkte: "Es ist schließlich der Leib Christi!"

Das hatte ich so auch noch nicht erlebt - schon allein deshalb nicht, weil ich es, wenn ich mich richtig erinnere, überhaupt noch nie miterlebt habe, dass eine konsekrierte Hostie zu Boden fällt, und das ist ja erst mal beruhigend. Aber auch wenn ich den Gedanken nicht ausblenden konnte, dass diese Szene für Jemanden, der den Glauben an die Realpräsenz Christi in der Eucharistie nicht teilt oder nicht recht verinnerlicht hat, etwas unfreiwillig Komisches an sich haben musste, fand ich den Ernst, die Umsicht und Entschiedenheit von Pfarrer Cornelius' Eingreifen in dieser Situation doch ausgesprochen lobenswert.
(Ob es allgemein üblich oder sogar vorgeschrieben ist, den Boden zu purifizieren, wenn eine konsekrierte Hostie darauf gefallen ist, aber unbeschädigt aufgehoben wurde, vermag ich indes nicht zu sagen. Vielleicht weiß der eine oder andere meiner Leser Genaueres darüber.)

Am Samstag ging ich dann - erstmals in der diesjährigen Fastenzeit - nicht zur Messe. Ich musste nämlich auch am Samstag arbeiten; um  vor der Arbeit eine Frühmesse zu besuchen, war es am Freitagabend ein bisschen zu spät geworden, und soweit ich es überblicken konnte, gab es zu geeigneter Zeit an einem geeigneten Ort auch gar keine. Wäre ich jedoch nach der Arbeit in die Abendmesse gegangen, dann wäre das ja bereits die Vorabendmesse des Sonntags gewesen. Da ich aber ohnehin vorhatte, am Sonntagvormittag ins Hochamt zu gehen, fand ich, auf eine Vorabendmesse könne ich gut verzichten.

-- Möglicherweise war das aber doch keine so ideale Entscheidung. --
Am Sonntag um 10:30 Uhr ging ich in die St.-Clemens-Kirche am Anhalter Bahnhof, die derzeit von der benachbarten St.-Bonifatius-Gemeinde mitgenutzt wird, da St. Bonifatius gerade renoviert wird. In St. Clemens, wo seit 2006 das Exerzitienzentrum der göttlichen Barmherzigkeit der  Vinzentiner-Kongregation von Malabar zu Hause ist, wird zwar auch so schon zweimal an jedem Werktag und je dreimal am Samstag und Sonntag Messe gefeiert, aber die erste Messe des jeweiligen Tages ist erst um 13 Uhr, sodass das sonntägliche 10:30-Uhr-Hochamt der Bonifatius-Gemeinde ohne Terminkollision hierher verlegt werden konnte.

Die Kirche war an diesem 1. Fastensonntag ausgesprochen gut besucht; aber erst als ich sah, wie vor dem Altar eine Videobeamer-Projektion auf eine Leinwand geprobt wurde (die in Ermangelung eines Leinwandständers von zwei großen, kräftigen Männern gehalten werden musste), und feststellte, dass anstelle des Gotteslobs quietschgelbe Liederbücher mit dem Titel Jubilate Deo ausgeteilt wurden ("Wir singen heute aus den gelben Büchern", verkündete der Pfarrer vor Beginn der Messe mit spürbarem Mangel an Enthusiasmus. "Ausschließlich aus den allseits beliebten gelben Büchern"), fiel mir wieder ein, dass ich im Wochenplan gelesen hatte, es gebe am 1. Fastensonntag eine Familienmesse. Eigentlich nicht so mein Ding. Die Erfahrung zeigt: Wo "Familienmesse" draufsteht, ist in aller Regel "Kindergottesdienst" drin. - Klar, Kindergottesdienste muss es auch geben. Finde ich prinzipiell eine gute Sache. Nur nicht unbedingt für mich. Ob das, was die Aktiven in den Gemeinden sich unter kindgerechter Gottesdienstgestaltung vorstellen, unbedingt immer tatsächlich so kindgerecht ist, ist allerdings noch einmal eine ganz andere Frage.

Zum Beispiel: Welchen Sinn hat es, bei der Liedauswahl ganz auf späthippieske NGL-Schlager zu setzen (mein alter Favorit, die Kiffer-Hymne "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer", war auch mit dabei), wenn diese von der Kirchenorgel so gravitätisch und getragen begleitet werden, als handle es sich um Choräle aus dem 16. oder 17. Jahrhundert? (Am Rande des Chorraums standen zwar ein Keyboard und ein paar Gitarren, aber die gehörten dem Worship-Team von St. Clemens, das die von den charismatischen indischen Vinzentiner-Patres zelebrierten Abendmessen musikalisch gestaltet. Na, wenigstens die Orgel wird sich gefreut haben, dass sie mal zum Einsatz kam.) - Und dann: Muss man den kompletten Wortgottesdienst dem Auffassungsvermögen von Kindern im Vor- und Grundschulalter anpassen, auch wenn diese Altersgruppe kaum mehr als zehn Prozent der Gottesdienstbesucher ausmacht? Nun, vielleicht muss man das - eine Büffelherde kann sich insgesamt schließlich auch nur so schnell fortbewegen wie ihr langsamstes Tier. Aber manchmal frage ich mich doch, ob man die Kinder nicht unterschätzt und somit unterfordert. Ich jedenfalls fand Kindergottesdienste schon als Kind doof. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Sichtweise.

Die Predigt an diesem 1. Fastensonntag knüpfte an die 1. Lesung aus Genesis 9,8-15 an, drehte sich also um den Bund, den Gott nach der Sintflut mit den Menschen schließt, und um den Regenbogen als Zeichen dieses Bundes. Pfarrer Cornelius - ja, tatsächlich: derselbe, der am Freitagabend in der Seitenkapelle von St. Johannes zelebriert hatte - gestaltete seine Predigt zunächst als Frage-und-Antwort-Spiel mit den Kindern in den ersten Bankreihen, und dann kam der Videobeamer zum Einsatz. Auf die von zwei hünenhaften Gemeindemitgliedern hochgehaltene Leinwand wurde ein Regenbogen projiziert. Toll. Vor dem Hintergrund dieser Projektion spielte sich sodann etwas ab, was offenbar vor allem (aber nicht nur) im evangelisch-freikirchlichen Milieu als "Anspiel" bezeichnet werden würde: die szenische Darstellung einer für das Thema der Predigt beispielhaften Situation. Dieses Anspiel wurde nicht etwa von Kindern aufgeführt, sondern von drei erwachsenen Frauen aus de Gemeinde, die dabei so unbeholfen agierten, wie man es bei Kindern gerade noch als "niedlich" hätte durchgehen lassen; die dargestellte Situation wirkte ziemlich banal und auch in ihrer Gestaltung alles Andere als originell. Ich konnte mir nicht helfen: Ich sagte mir, hätten die Gestalterinnen dieses Anspiels in ihrer eigenen Kindheit etwas öfter Sesamstraße oder Sendung mit der Maus gesehen, hätten sie in der Lage sein müssen, etwas Charmanteres und Ansprechenderes zu fabrizieren. Wenn sie dazu nun aber nicht in der Lage sind: Wieso lassen sie's nicht gleich ganz sein? Gibt es irgendwo ein Gesetz darüber, dass Predigten in Kindergottesdiensten szenische und interaktive Elemente enthalten müssen, egal wie schlecht?

Aber vielleicht bin ich auch - wieder einmal - zu streng. Die Erläuterung des Anspiels fand abermals in Frage-und-Antwort-Form statt, und die Kinder stellten dabei unter Beweis, dass die message durchaus bei ihnen angekommen war. Insofern kann man ja eigentlich nicht klagen.

Davon abgesehen war diese "Familienmesse" ein interessantes Anschauungsbeispiel dafür, dass liturgische... sagen wir mal... Unregelmäßigkeiten keineswegs zwangsläufig auf den "persönlichen Stil" des jeweiligen Zelebranten zurückzuführen sind. Schließlich stand hier - wenn wir die Möglichkeit, dass er einen bösen Zwillingsbruder hat, mal außen vor lassen - derselbe Oliver Cornelius am Altar, der am Freitagabend in St. Johannes ausgesprochen "konservativ" zelebriert hatte; und trotzdem schlichen sich hier und jetzt in die Eucharistiefeier einige jener Unregelmäßigkeiten ein, die mir aus dem Nordenhamer Ritus nur allzu bekannt vorkamen (beispielhaft seien genannt: Vaterunser ohne Embolismus, Ersetzen des Agnus Dei durch irgendein anderes Lied). Eigentlich will ich auf diesen Punkt jetzt gar nicht groß eingehen, aber -- im Grunde frage ich mich bei derartigen Verstößen gegen die Liturgie immer: Was soll das? Welchen Sinn kann es haben, Dinge wissentlich falsch zu machen, die man doch ohne größeren Aufwand ebensogut richtig machen könnte? Und in diesem speziellen Fall: Wieso kann man sich bei einer Werktags-Abendmesse mit zehn Teilnehmern ans Messbuch halten, bei einer sonntäglichen Familienmesse mit schätzungsweise knapp zweihundert Teilnehmern jedoch nicht? Nun gut, irgendwie ahne ich die Antwort auf diese Frage, wenngleich diese Ahnung etwas zu vage ist, um sie in Worte zu fassen.

Aber wie dem auch sei: Pfarrer Cornelius gefiel mir, schon allein als Typ, nach wie vor gut. Und besonders gut gefielen mir seine Vermeldungen. Als er etwa eine Veranstaltung im Kreuzberger Himmel, einer von der St.-Bonifatius-Gemeinde in Form eines gemeinnützigen Vereins betriebenen Gaststätte, zum Thema "Was ist Erlösung?" ankündigte, fügte er hinzu: "Sie dürfen hinterher auch ein Fastenbier trinken. Hinterher. Wenn's dann noch nötig sein sollte." Außerdem wies er darauf hin, dass es im Anschluss an die Messe wie üblich Kaffee gebe -- "aber ohne Zucker. Man muss Zeichen setzen."

Ich blieb nicht zum Kaffee, behielt mir aber vor, eventuell am Mittwoch in den Kreuzberger Himmel zu gehen. Zunächst aber war noch die Frage zu klären, wo und wann ich am Montag die Messe besuchen wollte. Die eine Möglichkeit wäre gewesen, früh aufzustehen und um 8 Uhr in die Frühmesse in St. Antonius zu gehen. Da ich am Montag aber erst nachmittags arbeiten musste, kam ich nach einigem Abwägen zu dem Schluss, dass ich lieber länger schlafen und dann um 13 Uhr in St. Clemens in die Messe gehen wollte. So verschlug es mich also den zweiten Tag in Folge in dieselbe Kirche - und dennoch war es eine völlig andere Atmosphäre. Und nicht nur deshalb, weil es diesmal keine Familienmesse war.

Eine der Besonderheiten der St.-Clemens-Kirche ist es, dass sie rund um die Uhr zur Eucharistischen Anbetung geöffnet ist - und soweit ich es aus eigener Erfahrung bezeugen kann, kann man dort auch tatsächlich jederzeit einige betende Gläubige antreffen. Außerhalb der Gottesdienstzeiten ist das Allerheiligste permanent in einer großen Monstranz auf dem Altar ausgestellt, wird erst unmittelbar vor Beginn der Messe feierlich vom Altar genommen und unmittelbar nach dem Ende der Messe ebenso feierlich erneut ausgestellt.

Zur 13-Uhr-Messe am Montag versammelten sich schätzungsweise 30 bis 40 Gläubige, was ich für diesen Wochentag und diese Uhrzeit bemerkenswert viel fand. Die Messe, die von einem mir nicht namentlich bekannten indischen Pater zelebriert wurde, war strikt auf das Wesentliche reduziert: Es gab - mit Ausnahme eines (lateinischen!) Salve Regina zum Auszug - keinen Gesang, es gab keine Predigt, keine "persönlichen Worte" des Zelebranten an die Gemeinde; es gab das Ordinarium und das Proprium und sonst nichts. Dadurch dauerte die Messe kaum länger als eine halbe Stunde, wirkte dadurch aber umso konzentrierter und intensiver. -- Zur Kommunion wurden zwei zusammenklappbare Kniebänke in den Mittelgang der Kirche gestellt; diese musste man nicht benutzen, man konnte auch im Stehen kommunizieren - aber in die Hand bekam man die Hostie nicht. Die Kommunion wird in St. Clemens grundsätzlich in beiderlei Gestalt gespendet, und zwar in der Form, dass der Kommunionspender die Hostie in den Kelch eintaucht, ehe er sie dem Kommunionempfänger auf die Zunge legt.

Am Dienstag schließlich besuchte ich um 9 Uhr die Messe in der akut von der Schließung bedrohten Kirche St. Pius. Die Frühmesse fand dort in einer kleinen und ausgesprochen schlichten Seitenkapelle statt - zum Einen wohl, weil dies der zu erwartenden Anzahl von Teilnehmern angemessener war, zum Anderen aber, weil das Hauptschiff dieser großen Kirche nicht beheizbar ist.


Dem Wochenplan entnahm ich, dass im Anschluss an die Messe ein Seniorentreff stattfinden sollte. Als ich die Kapelle rund zehn Minuten vor Beginn der Messe betrat, waren dort bereits fünf oder sechs Seniorinnen versammelt und beteten gemeinsam den Rosenkranz. Laien-Engagement, wie man es sich wünscht. Im Anschluss an das Rosenkranzgebet kam eine der älteren Damen auf eine andere, die ganz in meiner Nähe saß, zu und fragte: "Ist heute Polykarp oder Matthias? -- Wegen der Fürbitten." Die Angesprochene wusste es auch nicht, aber ich konnte helfen: "Polykarp war gestern." Es war also das Fest des Apostels Matthias, was auch darin zum Ausdruck kam, dass Pfarrer Birkhahn Rot statt Violett trug und dass nach dem Kyrie ein Gloria-Lied gesungen wurde. Aber, merke: Ein Fest ist kein Hochfest und unterbricht somit nicht das Fasten!
Insgesamt erschienen übrigens knapp 20 Personen zu dieser Messe, womit die kleine Kapelle dann auch annähernd voll war; außer dem Diakon (der allerdings "in Zivil" da war), einer Frau um die Vierzig und mir waren es durchweg Senioren, weit überwiegend Seniorinnen.

Somit ist nun also seit Aschermittwoch eine Woche vergangen, ich war an sieben Tagen sechsmal in der Messe, in fünf verschiedenen Kirchen und bei vier verschiedenen Zelebranten. Und ich kann nur sagen: Es  tut mir gut,  die Heilige Messe möglichst häufig zu besuchen. Ich fühle mich seelisch ausgeglichener, zuversichtlicher im Glauben, ich schöpfe Kraft für die Anforderungen des Alltags -- und davon abgesehen ist es auch unheimlich interessant, den Reichtum und die Vielfalt des katholischen Glaubens in der Großstadtdiaspora Berlins zu studieren. Kurz und gut: Ich schätze, ich mache noch eine Weile so weiter...


(P.S.: Folgerichtig war ich heute erneut in der Frühmesse in St. Pius; heute nachmittag findet in der Koptisch-Orthodoxen Kirche in Berlin-Lichtenberg ein ökumenischer Trauergottesdienst für die 21 in Libyen entführten und enthaupteten Christen statt, da will ich ebenfalls hin; und danach vielleicht noch zum Glaubensgespräch in den Kreuzberger Himmel...) 

Freitag, 20. Februar 2015

Kleines Senfkorn Kneipenapostolat

Praktisch jedesmal, wenn ich mich mit meiner lieben Freundin Kati treffe - der "besten Kati von allen", wie ich sie gern nenne -, und wir uns ein paar Stunden lang gegenseitig davon erzählen, was uns gerade so beschäftigt oder auch zu schaffen macht, kommt das Gespräch früher oder später irgendwie auf meinen Glauben. Und zwar ohne dass ich dieses Thema absichtlich forcieren würde.

-- Was Kati und mich verbindet, ist - wie es bei wirklich guten Freundschaften wohl allgemein zu sein pflegt - eine wohlabgewogene Mischung aus Gemeinsamkeiten und Dingen, die uns voneinander unterscheiden. Der Glaube ist etwas, das uns unterscheidet - und manchmal scheint mir sogar, dass er gerade an solchen Punkten, an denen wir uns im Großen und Ganzen sehr ähnlich sind, einen ganz entscheidenden Unterschied macht. Kati scheint das oft klarer zu sehen als ich selbst, und deshalb - so jedenfalls mein Eindruck - ist häufig sie es, die dieses Thema anschneidet.

Zu den Dingen, die Kati und ich gemeinsam haben, gehört es, dass wir beide tendenziell eher idealistisch als pragmatisch denken. Diese Gemeinsamkeit haben wir schon in einem sehr frühen Stadium unserer Bekanntschaft entdeckt. Ich erinnere mich da an einen Abend, der etwa fünf Jahre zurückliegen dürfte: Irgendwie waren wir mit ein paar jungen Männern ins Gespräch gekommen, die bei der Berliner Feuerwehr arbeiteten und uns ausgiebig davon vorschwärmten, wie toll es sei, Feuerwehrmann zu sein. Bemerkenswerterweise sprachen sie jedoch nicht davon, wie befriedigend es sei, einen Beruf auszuüben, der zur Sicherheit der Bevölkerung beiträgt und in dem man zuweilen Gelegenheit hat, Leben zu retten; sie sprachen ausschließlich davon, wie gut diese Arbeit bezahlt werde, bei recht überschaubaren Arbeitszeiten. Kurz und gut, was sie an ihrer Arbeit bei der Feuerwehr so toll fanden, war, dass sie viel Geld und gleichzeitig viel Freizeit hatten. Bei Kati und mir provozierte das jedoch lediglich die Nachfrage: "Und was macht ihr damit?"
Viel Geld und viel Freizeit, da waren wir uns unabgesprochen einig, sind doch kein Wert an sich. Sicher ist es schön, wenn man finanziell abgesichert ist und obendrein noch reichlich Zeit zur freien Verfügung hat - denn das verschafft einem ja einen gewissen Freiraum, sich den Dingen zu widmen, die einem wirklich am Herzen liegen. Aber da kam von den jungen Feuerwehrmännern nichts. Sie schienen nicht einmal die Frage zu verstehen.

Umgekehrt kann man nun natürlich fragen, wie man sich eine idealistische Haltung den Anforderungen des modernen Lebens gegenüber eigentlich leisten können soll, wenn man diesen Idealismus nicht durch einen gut bezahlten und wenig zeitaufwändigen Job "querfinanzieren" kann (oder einfach mit einem silbernen Löffel im Mund geboren wurde). - Nun ja: Ich würde darauf erwidern, das sei ja gerade das Wesen des Idealismus, dass man ihn sich eigentlich nicht leisten kann. Sonst wäre er ja nur ein Hobby. Aber natürlich lauert hier ein Dilemma: Wenn man sich erst einmal darum sorgen muss, Miete und Strom bezahlen können, nicht zu reden von Steuern, Versicherungsbeiträgen undsoweiter, und wenn man es bei all dem Stress noch schafft, morgens zwei farblich zueinander passende Socken anzuziehen, dann steht es doch sehr in Frage, wie viel Zeit und Energie einem noch bleibt, um die Welt zu retten.

Als Christ hat man da natürlich den Vorteil, darauf vertrauen zu können, dass die Welt in einem fundamentalen Sinne bereits gerettet ist. Dieses Bewusstsein bietet einen guten Schutz vor Überforderung. Der Christ braucht nicht das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern zu tragen - das hat bereits ein Anderer getan: Jesus Christus.

Das Faszinierende daran ist, dass diese Überzeugung nicht etwa - wie man speziell aus nichtgläubiger Perspektive leicht annehmen könnte - dazu führt, die Hände in den Schoß zu legen und zu meinen, man müsse selbst gar nichts mehr für die Welt tun, da sie ja bereits in den bestmöglichen Händen sei. Oder sagen wir etwas vorsichtiger, diese Überzeugung führt nicht zwangsläufig zu einer solchen Haltung. Vielmehr kann sie den Menschen auch zum Handeln befreien. Auf diesen bemerkenswerten Umstand hat unlängst auch Josef Bordat hingewiesen: Wer darauf vertraut, dass in letzter Instanz nicht er selbst, sondern eben Gott die Dinge in der Hand hat, der kann umso zuversichtlicher sein Möglichstes tun - in dem Wissen, dass er zwar nie genug tun kann, das aber auch gar nicht muss: Was die eigenen Kräfte und Möglichkeiten übersteigt, dafür wird Gott sorgen. Und auch die Furcht vor einem möglichen Scheitern schwindet, wenn man sich vor Augen hält, dass man niemals tiefer fallen kann als in Gottes Hand. - Oder, wie es im Benedictus, dem Lobgesang des Zacharias aus dem Lukasevangelium, heißt:
"Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, Ihm furchtlos dienen
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsere Tage." (Lk 1, 74f.) 
Meine Freundin Kati ist - "von Haus aus", so zu sagen - nicht gläubig; sie ist, wie sie selbst sagt, atheistisch erzogen worden, hatte allerdings von Kindheit an gläubige Menschen - Christen wie auch Muslime - in ihrem Freundeskreis, hat in der Schule freiwillig am Religionsunterricht teilgenommen und sogar mal im Kirchenchor gesungen. Sie betrachtet Religion(en) mit Respekt und Interesse, zuweilen wohl sogar mit einer gewissen Faszination, und ich habe es mehr als einmal erlebt, dass sie in Diskussionen mit stereotypen Vulgäratheisten vehement den "religiösen Standpunkt" verteidigt hat - aber Glauben liegt ihr nicht, sagt sie. Trotzdem, oder möglicherweise gerade deswegen, scheint es mir manchmal, dass sie mich ein bisschen um meinen Glauben beneidet.

Kürzlich hatten wir mal wieder so eine Diskussion - über die Risiken des Idealismus in der modernen Welt. Ich sagte sinngemäß, wenn man für die Dinge eintritt, an die man glaubt, sollte man auch in der Lage sein, Schwierigkeiten und Nachteile, die einem daraus erwachsen, mit Würde zu ertragen. "Siehst du", erwiderte Kati, "genau das ist der Punkt: Du glaubst."

Zunächst einmal war ich ein wenig überrascht, dass sie das so entscheidend fand. Ich neige meinerseits zu der Ansicht, Kati sei das Paradebeispiel für die häufig zu hörende Überzeugung, man müsse nicht gläubig sein, um ein guter Mensch zu sein. Sie ist nämlich ganz entschieden einer, und von mir selbst würde ich das nicht mit derselben Entschiedenheit behaupten. Aber eines weiß ich: dass ich ohne meinen Glauben ein erheblich schlechterer Mensch wäre, als ich es bin. Und ich hoffe auch und bemühe mich - gerade jetzt in der Fastenzeit, aber auch sonst -, durch meinen Glauben und mit Hilfe meines Glaubens ein besserer Mensch zu werden, als ich es bin. Gleichwohl empfinde ich selbst meinen Glauben gar nicht als so besonders bewundernswert; im Gegenteil habe ich nicht selten das Gefühl, mein Glaube sei längst nicht so stark, so fest und so unerschütterlich, wie er eigentlich sein sollte. Aber in einem sozialen Umfeld, in dem bekennende und praktizierende Christen - erst recht katholische - eher dünn gesät sind, ist die Außenwirkung eben eine andere. Das gilt nicht nur für Kati, auch wenn sie mich sicherlich besser kennt als die meisten Anderen. Aber wie dem auch sei: Wenn mein Glaube etwas ist, das Anderen an mir auffällt, dann finde ich das im Prinzip gut. Wie schon der Apostel Paulus (frei nach dem Propheten Jeremia) sagt: "Wer sich also rühmen will, der rühme sich des Herrn" (2. Korinther 10,17; vgl. Jeremia 9,23). Was ich zuweilen halb scherzhaft als "Kneipenapostolat" bezeichne, ist im Grunde nicht viel mehr als dies: auch in vermeintlich "profanen" Alltagssituationen nicht mit meinem Christsein hinter den Berg halten, ansprechbar sein für Fragen, die sich daraus ergeben, und so ohne allzu aufdringlichen missionarischen Eifer demonstrieren, dass mein Christsein nicht einfach eine theoretische Weltanschauung ist, sondern dass es (und auf welche Weise es) mein alltägliches Sein und Tun ganz konkret und praktisch prägt. Und wenn ich sehe, dass selbst so ein kleiner, nicht gerade heroischer, allerlei Anfechtungen ausgesetzter Glaube wie der meine durchaus eine Wirkung auf Andere hat, dann denke ich oft, es muss doch etwas dran sein an der Aussage, ein Glaube, der nur so groß sei wie ein Senfkorn, könne Berge versetzen (vgl. Matthäus 17,20). Nun gut, einstweilen begnüge ich mich damit, hier und da mal ein kleines Berglein ein kleines Stückchen zu versetzen - und bete regelmäßig mit den Worten des seligen John Henry Newman:

Vom Glanz deines Lichtes beschienen, werde ich selber Licht, um Anderen zu leuchten. 
Ich bin nur wie ein Glas, durch das Du den Anderen scheinst. 
Lass mich zu Deinem Ruhm Deine Wahrheit und Deinen Willen verkünden - 
nicht durch viele Worte, sondern durch die stille Kraft der tätigen Liebe - 
wie deine Heiligen - 
durch meines Herzens aufrichtige Liebe zu Dir. 


Mittwoch, 18. Februar 2015

Then We Take Berlin

[Hinweis: Den folgenden Text habe ich für ein Programm der Berliner Künstlergruppe Die Tönenden Hörlinge verfasst, in dem es thematisch u.a. um die seit Jahresbeginn wieder einmal besonders präsent erscheinende terroristische Bedrohung ging und das am vergangenen Rosenmontag uraufgeführt wurde.] 

They sentenced me to twenty years of boredom. Sie verurteilten mich zu zwanzig Jahren Langeweile - die Übersetzung "Stumpfsinn" habe ich auch einmal gelesen, das passt metrisch besser, aber ich bin mir nicht sicher, ob das als Übersetzung für boredom nicht ein wenig zu stark ist. Wer 'sie' sind, die das lyrische Ich zu dieser Strafe verurteilt haben, das erfahren wir nicht, wohl aber, wofür er diese Strafe erhalten hat: for trying to change the system from within - für den Versuch, das System von innen heraus umzugestalten. Eine Art "Langer Marsch durch die Institutionen" also, und ein solcher kann - wie die Erfahrung der 68er lehrt - durchaus zwanzig Jahre oder länger dauern. Und sicherlich kann einem dabei auch mal ganz schön langweilig werden. Aber ist diese Langeweile dann wirklich eine Strafe oder nicht vielmehr eine notwendige Begleiterscheinung auf dem Weg zum selbstgesteckten Ziel? Oder, anders gefragt: Ist die Langeweile womöglich ein inhärenter Charakterzug eben jenes Systems, das nicht zuletzt deshalb umgestaltet oder, besser noch, umgestoßen zu werden verdient? 

Ich habe Interpretationen gelesen, in denen die zwanzig Jahre Langeweile auf das Eingepferchtsein in Bildungseinrichtungen, also Schule und Universität, bezogen wurde. Und obwohl ich persönlich mich in der Schule durchaus nicht permanent, und an der Uni sogar nur relativ selten, gelangweilt habe, scheint mir diese Deutung nicht abwegig. Das Individuum, das versucht, das System von innen heraus umzugestalten, wäre demnach das Kind, dem seine anarchischen Neigungen mit Hilfe des Bildungssystems ausgetrieben werden sollen. Eine Neigung, die Ordnung der Dinge radikal in Frage zu stellen, kann man bei Kindern im Vorschulalter ja tatsächlich häufig beobachten, zum Beispiel im Supermarkt, wenn sie darauf bestehen, den Schokoriegel, den sie sich ertrotzt haben, sofort aufzuessen, noch ehe er bezahlt ist. Wenn ich sehe, dass Eltern diesem kindlichen Drängen nachgeben und nur noch die leergefressene Verpackung aufs Kassenband legen - ist ja schließlich ein Barcode drauf -, dann denke ich unwillkürlich: Ihr tut euren Kindern keinen Gefallen, wenn ihr sie nicht frühzeitig gewöhnt, dass sie nicht Alles haben können, und schon gar nicht sofort. Der Frust wird nur umso größer, je später im Leben sie feststellen müssen, dass das Prinzip der unverzüglichen Bedürfnisbefriedigung an seine Grenzen stößt. Irgendwann werden sie es feststellen müssen - und dann wird es um Größeres gehen als um einen Schokoriegel. 

-- Aber ich glaube, ich komme ein bisschen von meinem Thema ab. Vielleicht auch nicht, das wird sich noch zeigen. Eigentlich soll es hier jedenfalls um Leonard Cohens First We Take Manhattan gehen - einen Song, der nach dem 11. September 2001, obwohl nicht allzu lange zuvor noch frisch von Joe Cocker gecovert, wie von Geisterhand aus dem Radio verschwand; besonders nachhaltig in Deutschland, was sich womöglich nicht zuletzt daraus erklärt, dass auf die Titelzeile First we take Manhattan die Worte Then we take Berlin folgen. 

Die lange Liste der Songs, die nach Nine Eleven einem inoffiziellen Boykott der meisten Radiosender zum Opfer fielen, umfasst zahlreiche Titel, die inhaltlich überhaupt nichts mit Terrorismus oder einstürzenden Hochhäusern zu tun hatten, sondern lediglich gewisse Reizwörter enthielten, von denen befürchtet wurde, sie könnten unerwünschte Assoziationen auslösen. It's Raining Men zum Beispiel, oder Leaving On A Jet Plane. Klappert man die Liste jedoch nach solchen Songs ab, deren Texte bei genauerem Hinsehen genau diese Art von Assoziationen tatsächlich zu rechtfertigen scheinen, dann landet man über kurz oder lang, wenn nicht bei In The Air Tonight von Phil Collins, dann eben bei First We Take Manhattan

Ganz eindeutig ist das selbstverständlich nicht. Wie Robin Williams im Film Der Club der toten Dichter sagt: Wir sind keine Klempner, wir haben es mit Lyrik zu tun. Ein lyrischer Text, wenn er etwas taugt, funktioniert immer auf mehreren Bedeutungsebenen, und so ist es kaum erstaunlich, dass man immer wieder auf Leute trifft, die aus First We Take Manhattan nichts Anderes heraushören als die lediglich in ein etwas martialisches Vokabular gekleidete Geschichte eines Musikers, der nach Jahren der Erfolglosigkeit seinen großen Durchbruch gekommen wähnt. So ganz geht diese Deutung jedoch nicht auf. Nehmen wir nur mal den Vers Remember me, I used to live for music: Einst lebte das lyrische Ich für die Musik - aber die 'used to'-Form impliziert unmissverständlich: jetzt nicht mehr. Das wäre für einen Musiker, der gerade kurz vor dem lange herbeigesehnetn Durchbruch steht, mehr als sonderbar. Und an anderer Stelle heißt es: I thank you for those items that you sent me, The monkey and the plywood violin. Der Affe mag als unvermeidliches Requisit des stereoptypen Leierkastenmanns verstanden werden und könnte somit ein Symbol für die Jahre der Erfolglosigkeit sein; aber auf einer Sperrholzvioline kann man nicht musizieren. Somit kann sich auch der folgende Vers I practised every night, now I'm ready kaum auf eine Musikerkarriere beziehen. Was aber ist es dann, was das lyrische Ich jede Nacht geübt hat? 

Die beiweitem plausibelste Antwort auf diese Frage scheint mir zu sein: Er bereitet ein Attentat vor. Der Versuch, das System von innen heraus umzugestalten, ist gescheitert und wurde bestraft; jetzt ist es an der Zeit, das System frontal anzugreifen. Mit Gewalt. 

Ich wünsch mir den Tod und kann ihn nicht erwarten 
Bewaffnet mit Bomben und Granaten 
Ich zünd die Bombe inmitten der Menge 
Drück auf den Knopf 
Mitten im Zentrum oder in der U-Bahn 
Drück auf den Knopf 
Al Jannah, al Jannah 
(Das Paradies, das Paradies)

-- Nein, diese Verse stammen natürlich nicht von Leonard Cohen; sie stammen von Denis Cuspert alias Deso Dogg alias Abu Maleeq, dem zum Propagandisten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" avancierten ehemaligen Berliner Gangsta-Rapper. Ich schätze, der Niveauunterschied wird deutlich. Aber Abu Maleeq geht es eben auch nicht um Kunst, sondern um Propaganda. Bei Leonard Cohen heißt es stattdessen: 

I'm guided by a signal in the heavens 
I'm guided by the birthmark on my skin 
I'm guided by the beauty of our weapons. 

Festzuhalten ist hier, dass auch bei Cohen das Handeln des angehenden Terroristen deutlich religiös motiviert ist - man könnte sogar sagen, die religiöse Motivation wirke hier tiefer und ernster als bei Abu Maleeq alias Deso Dogg, bei dem Lebensmüdigkeit bzw. Lebensüberdruss und die Hoffnung auf das Paradies einander gegenseitig zu bedingen scheinen. Cohens Attentäter in spe weiß sich geführt durch ein Zeichen vom Himmel; zudem hat er, so sieht er es jedenfalls, seine Berufung nicht selbst gewählt, sondern er ist dazu geboren - er trägt ein Geburtsmal auf seiner Haut. Gleichwohl freut er sich nicht weniger als Abu Maleeq darauf, dass sich seine Bestimmung endlich erfüllt: How many nights I prayed for this, to let my work begin. 

Neben seinem religiösen Sendungsbewusstsein hegt das lyrische Ich allerdings auch einen persönlichen Groll: einerseits allgemein gegen Jene, die ihn zu zwanzig Jahren Langeweile verurteilt haben und an denen er sich nun rächen will - eine Rache, die er ironisch als Belohnung bezeichnet (I'm coming to reward them); andererseits auch ganz konkret gegen einen gewissen Mister aus dem fashion business, dem er unter anderem vorhält: I don't like these drugs that keep you thin. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, zu unterstellen, dass das lyrische Ich die Modebranche als exemplarisch für die Oberflächlichkeit und Dekadenz jenes 'Systems' betrachtet, gegen das er aufbegehrt; und wenn er auf den Drogenkonsum in dieser Branche zu sprechen kommt, ist es ein durchaus bemerkenswertes Detail, dass diese spezielle Art des Drogenkonsums nicht etwa dazu dient, der tristen Realität zu entfliehen, sondern ganz im Gegenteil dazu, den speziellen Anforderungen dieses Business zu genügen (nämlich dünn zu bleiben). Irgendwie scheint das alles auch im Zusammenhang zu stehen mit etwas Schlimmem, das der Schwester des lyrischen Ichs zugestoßen ist, aber darüber erfährt man nichts Genaueres.

Und last not least scheint der angehende Attentäter auch gegen seine Frau oder Lebensgefährtin einen Groll zu hegen. Zugegeben, es ist nur meine Interpretation, dass von einer solchen überhaupt die Rede ist, und zwar fast überall dort, wo jemand mit you angesprochen wird (von dem fashion business Mister einmal abgesehen). Bei allen Interpretationen zu Cohens Songtext, die ich gelesen habe, hat es mich - gelinde gesagt - überrascht, dass sie sich sämtlich die Zähne an jener wiederkehrenden Passage ausgebissen haben, die von einer anderen Stimme als derjenigen Cohens, nämlich von einer Frauenstimme, gesungen wird:

I'd really like to live beside you, baby 
I love your body and your spirit and your clothes 
But do you see that line there moving through the station? 
I told you, I told you 
Told you I was one of those. 

Niemand, buchstäblich niemand scheint auf die Idee gekommen zu sein, aus dem Wechsel der Gesangsstimme den Schluss zu ziehen, dass hier ein anderes Ich spricht. Nämlich ein weibliches. In meinem Verständnis ist das die Frau des lyrischen Ichs, die weiß oder ahnt, dass ihr Mann auf dem Sprung dazu ist, zum Terroristen zu werden, und sich außerstande sieht, ihn davon abzuhalten. Bei ihm bleiben kann sie aber auch nicht - denn sie gehört zu denen, den Anderen, gegen die der angehende Attentäter sich wendet. Zu denen, die sich im Blick des Fanatikers auf eine gesichtslose Schlange von Menschen reduzieren, die sich durch einen Bahnhof bewegt. Durch einen Bahnhof. Drück auf den Knopf in der U-Bahn.

Dass sie nicht in der Lage sein wird, ihn aufzuhalten, sagt er ihr ganz deutlich auf den Kopf zu: You know the way to stop me, but you don't have the discipline. Disziplin, das haben sie nicht, die oberflächlichen Menschen, die als Kinder nicht daran gehindert wurden, den Schokoriegel im Supermarkt schon aufzuessen, ehe er bezahlt war. Er aber, er hat Disziplin gelernt, auf die harte Tour, in zwanzig Jahren der Langeweile. So gesehen ist es vielleicht sogar nicht nur ironisch, dass er seine Rache an den Leuten, denen er diese Jahre der Langeweile verdankt, als "Belohnung" beschreibt.

Dass die Frau ein oberflächlicher Mensch ist, gibt sie ausgerechnet in der Beteuerung ihrer Liebe zu ihrem Mann zu erkennen. Zwar erklärt sie, auch seinen Geist zu lieben - seinen spirit, was unter anderem auch so etwas wie Hingabe an eine Sache, Ehrgeiz, Engagement, Be-geist-erung bedeutet -, aber das geht beinahe unter neben dem Bekenntnis ihrer Liebe zu seinem Körper - und zu seiner Kleidung. And I still don't like your fashion business, Mister.

- Nahezu alles, was er zu ihr sagt, ist von einer auffallenden Bitterkeit geprägt. You loved me as a loser, and now you're worried that I just might win - man  kennt so etwas. Mit einem höhnischen Lachen 'dankt' er ihr für die albernen, nutzlosen Geschenke, die er von ihr bekommen hat - den Affen und die Sperrholzvioline, wir hörten bereits davon. Und schließlich: Remember me, I brought your groceries in. Er hat ihr die Einkäufe 'reingetragen, was er im Rückblick anscheinend als erniedrigend, entwürdigend empfindet, wie das ganze ruhige, unauffällige Leben an ihrer Seite, das sich letztlich unter die zwanzig Jahre Langeweile subsumieren lässt. Das ist nun vorbei: It's Father's Day and everybody's wounded. Jetzt ist Vatertag, und alle sind verwundet. Im Zuge meiner Recherchen für diesen Vortrag habe ich allen Ernstes nachgelesen, ob der Vatertag in den USA womöglich auf den 11. September fällt. Das ist nicht der Fall: Der Father's Day in den USA, 1974 von Präsident Nixon (ausgerechnet!) zum offiziellen Feiertag erhoben, ist der dritte Sonntag im Juni. Mohammed Atta und seine Gefährten waren wohl keine Leonard-Cohen-Kenner, aber vielleicht wäre es ihnen auch egal gewesen. In Deutschland wird der Vatertag inoffiziell an Christi Himmelfahrt gefeiert, also am sechsten Donnerstag nach Ostern. Das ist ja noch ein bisschen hin.

Aber so lange auch nicht mehr.


Mittwoch, 11. Februar 2015

Schrödingers Katze will jetzt Journalistin werden

Das Wichtigste zuerst: Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst wird nun - in absehbarer Zeit zumindest - wohl doch nicht Erzbischof von Berlin. Das ist zwar schade für die nach Protz und Prunk lechzende Metropole mit dem Faible für überdimensionierte Bauprojekte, aber davon abgesehen hat das neue Betätigungsfeld, das sich dem ehemaligen Limburger Oberhirten stattdessen eröffnet, ohne Zweifel Manches für sich. Als Delegat im Päpstlichen Rat für Neuevangelisation ist er fortan für das Thema Katechese zuständig, und wie man hört bzw. liest, ist er für diese Aufgabe bestens qualifiziert; ja, er gilt (oder galt, bevor sein Name in der Öffentlichkeit praktisch nur noch im Zusammenhang mit Limburger Skandalen und Skandälchen genannt wurde) als ausgewiesener Experte für dieses Thema. Gleichzeitig und andererseits ist dies ein in seiner Außenwirkung vergleichsweise unauffälliger Posten, sehr viel unauffälliger jedenfalls als derjenige eines Diözesanbischofs, und auch das kann nur von Vorteil sein für jemanden, zu dem die Presse ein so ausgesprochen problematisches Verhältnis pflegt. 

Würde man heute, fast ein Jahr nach TvEs Rücktritt als Bischof von Limburg, hundert zufällig ausgewählte Menschen fragen, was er sich in diesem Amt eigentlich genau hat zu schulden kommen lassen, würde man vermutlich hundert unterschiedliche Antworten bekommen, die sich allenfalls im Ausmaß ihrer Ungenauigkeit gleichen. Gut, da war diese Sache mit dem Erster-Klasse-Flug nach Indien, den er dann auch noch geleugnet hat. Daran erinnert sich sicher noch Mancher. Und dann diese Sache mit dem oft verkürzt als "Bischofsresidenz" bezeichneten Diözesanen Zentrum St. Nikolaus, das so viel teurer geworden ist als ursprünglich geplant und bei dessen Finanzierung es so allerlei Unregelmäßigkeiten gab. Was genau Tebartz-van Elst im Zuge dieses Bauprojekt alles - salopp ausgedrückt - verbockt hat und wem dadurch welcher Schaden entstanden ist, könnte man, wenn man die Zeit und Geduld hätte, detailliert in einem über hundert Seiten starken Prüfbericht nachlesen und würde dabei vermutlich zu dem Ergebnis kommen, dass die Vergehen des damaligen Diözesanbischofs an Verwerflich- und Abscheulichkeit doch ein wenig hinter, sagen wir mal, Völkermord zurückbleiben. Das Problem ist, so genau will es kaum Jemand wissen. Es genügt zu wissen, dass TvE ein Böser ist. Das stand schließlich in allen Zeitungen. Er hat sich eine Luxusresidenz bauen lassen, während die einfachen Limburger Katholiken hungernd und frierend am Boden herumkrochen und nach den Brosamen von des Bischofs üppiger Tafel haschten. Irgendwas war auch noch mit Koi-Karpfen, einer Badewanne und einem Adventskranz. Wie genau das alles zusammenhing, ist letztlich nebensächlich. Jedenfalls ist der Tebartz ein ganz übler Gesell. Nach dem im Jahre 2010 ans Licht gekommenen Missbrauchsskandal ist TvE der zweitgrößte Verursacher von Kirchenaustritten, sogar auch aus der evangelischen Kirche. Völlig undenkbar, dass die Kirche so jemandem jemals wieder ein Amt anvertraut, geschweige denn ein wichtiges. Erst recht unter Papst Franziskus, dem Robin-Hood-Papst, der's den Reichen nimmt und den Armen gibt, der Protz und Prunk verabscheut und Korruption erst recht. Der wird diesen Tebartz doch nie und nimmermehr unter seine Augen treten lassen. 

(Ich erinnere mich lebhaft, wie auf dem Höhepunkt des Skandals um das Diözesane Zentrum St. Nikolaus im Berliner Kurier eine Karikatur erschien, in der ein sichtlich ergrimmter Papst Franziskus Bischof Tebartz-van Elst mit einem Kruzifix den nackten Hintern versohlt. Merken wir uns einstweilen diese Bildsprache, wir werden sie noch für später brauchen.) 

Nach all der zu seinen tatsächlichen Verfehlungen in keinerlei nachvollziehbarem Verhältnis stehenden Hetze gegen Bischof Tebartz-van Elst, die in den Medien zu beobachten war und bis heute beispielsweise bei den Nutzern sozialer Netzwerke ihre Früchte trägt, erscheint es halbwegs verständlich - wenn auch nicht unbedingt klug -, dass der Vatikan die bereits am 05. Dezember 2014 erfolgte Ernennung des emeritierten Bischofs zum Delegaten im Päpstlichen Rat für Neuevangelisation lieber nicht an die große Glocke hängen wollte. Tatsächlich bekam die breite Öffentlichkeit erstaunlich lange nichts davon mit. Erst am 23. Januar 2015, also rund sieben Wochen nach der Ernennung, bekam eine deutsche Zeitung Wind davon - und zwar, wer hätte es gedacht, die BILD. Die berichtete, der "Protz-Bischof" solle "jetzt den Posten eines Sekretärs" im Rat für Neuevangelisation einnehmen; eine offizielle Bestätigung für dieses Gerücht konnte man jedoch nicht vorweisen, auch TvEs Sprecherin Eva Demmerle verweigerte eine Stellungnahme. Es blieb also ein Gerücht, das zwar von zahlreichen anderen Zeitungen und Nachrichtenagenturen aufgegriffen wurde, vom Hohen Rat der Wikipedia hingegen als unbelegt und somit unseriös zurückgewiesen wurde. Tage gingen ins Land, die Sache schien im Sande zu verlaufen. Bis zum 04. Februar, an dem Rom-Korrespondent Jörg Bremer auf den Seiten der alten TvE-Erbfeindin FAZ verbreiten ließ: "Papst zeigt Tebartz-van Elst die kalte Schulter". Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es mag ja, so suggerierte Bremer, Kreise im Vatikan geben, die Tebartz gern zu einer Stellung verhelfen würden -- aber Franziskus, dieser Papst zum Knutschen, macht solchen Bestrebungen einen fetten Strich durch die Rechnung! "Ich denke gar nicht daran!", soll er angeblich gesagt haben. Diese Meldung wurde von T-Online, FOCUS und anderen Medien dankbar übernommen, und wie in alten Zeiten wetteiferte man in hämischer Wortwahl gegen den ehemaligen Bischof von Limburg. Tags darauf jedoch, am 05. Februar, las man in der Passauer Neuen Presse wiederum ganz und gar Gegenteiliges: TvE habe nicht nur seine Ernennungsurkunde längst erhalten - das Datum, der Unterzeichner (Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin) und die einleitende Formulierung Summum Pontifex Franciscus nominavit wurden genannt -, sondern habe seine neue Tätigkeit sogar bereits angetreten. 

Im Blätterwald, zumal dem digitalen, machte sich Verwirrung breit. Auf der Nachrichten-Suchmaschine GoogleNews konnte man das seltene Spektakel beobachten, wie einander diametral widersprechende Schlagzeilen verschiedener Periodika zum selben Thema einträchtig untereinander aufgelistet wurden - wobei die Nachbeter der FAZ-Version, Papst Franziskus habe TvEs Ambitionen eine Abfuhr erteilt, vorläufig noch dominierten. Bei dem Bild, das man von TvE einerseits, von Papst Franziskus andererseits hatte (und an dem man selber kräftig mitgebaut hatte), schien das wohl einfach die glaubwürdigere Variante.

Nun, wir wissen, wie die Sache ausging. Die Meldung der Passauer Neuen Presse stellte sich Punkt für Punkt als richtig heraus, allerdings dauerte es noch bis zum 07. Februar, bis dies "aus sicherer Quelle" bestätigt wurde. Dies berichtete nun auch die FAZ - ohne jedoch in irgendeiner Form zu ihrer drei Tage zuvor veröffentlichten Falschmeldung, der Papst habe TvE "die kalte Schulter gezeigt", Stellung zu nehmen oder sich gar dafür zu entschuldigen. Im Gegenteil, diese Falschmeldung blieb abstruserweise weiterhin online, sodass man bei entsprechenden Sucheinstellungen in der Online-Ausgabe der FAZ beide einander widersprechenden Meldungen direkt untereinander sehen konnte. Man fühlt sich an Schrödingers Katze erinnert: Der Papst hat TvE zum Delegaten ernannt, und er hat ihn nicht ernannt. Solange man die Kiste nicht aufmacht und nachsieht, kann man nicht wissen, was nun wirklich stimmt; problematisch wird es dann, wenn man trotzdem eine Aussage über den Inhalt der Kiste machen will.

(Kann man sich angesichts solcher Vorkommnisse noch ernsthaft darüber wundern oder wahlweise beschweren, dass immer mehr Menschen hierzulande den Medien prinzipiell nichts mehr glauben (wollen)? -  "Lügenpresse", das Unwort des Jahres 2014, ist wahrhaftig ein unschönes Wort, und es widerstrebt mir, es zu benutzen; aber vielleicht könnte man sagen, die Medien kreieren eine... alternative Realität?)

In die Phase der Verwirrung über Bischof Tebartz-van Elsts Ernennung oder Nichternennung fügte sich passgenau ein anderer großer Pressehype mit kirchlicher Thematik ein: die Affäre um den "Prügelpapst". Wer einen Hang zum Verschwörungsdenken hat, könnte angesichts der Gleichzeitigkeit der Ereignisse auf die Idee kommen, nachdem die Gerüchte sich verdichteten, dass der Papst dem bösen, bösen "Protzbischof" doch eine Stelle im Vatikan gegeben hat, habe die Presse beschlossen, Franziskus sei fortan kein Guter mehr, und sich auf die erstbeste Gelegenheit gestürzt, dem Pontifex so richtig eins reinzudrücken. -- Was aber war geschehen?

In seiner Katechese bei der Generalaudienz am Mittwoch, dem 04. Februar, hatte Papst Franziskus über die Rolle der Väter in den Familien gesprochen. Dabei war er, wie man es mittlerweile von ihm kennt, vom vorbereiteten Manuskript abgewichen und hatte eine Anekdote eingestreut - über einen Vater, der ihm gesagt habe, manchmal müsse er seinen Sohn "ein bisschen verhauen" - "aber nie ins Gesicht, um ihn nicht bloßzustellen". Franziskus kommentierte: "Wie schön! Das ist der Sinn der Würde. Er muss ihn bestrafen, macht es richtig und schreitet so voran." Die Website von Radio Vatikan gab diese Aussage in ihrem Bericht über die Generalaudienz wider, ohne auch nur den Versuch zu machen, sie irgendwie zu erläutern und dadurch abzumildern. Das Skandalisierungspotenzial dieser Sätze wurde offenbar nicht erkannt. Und zunächst einmal passierte auch gar nichts. Zwei Tage später jedoch sah das ganz anders aus. "Franziskus gibt Erziehungsratschläge - Papst: Kinder schlagen ist in Ordnung" titelte etwa der FOCUS, während die taz fröhlich über den "Prügelpapst vom Petersplatz" alliterierte - garniert mit einem Bild, auf dem ein lachender Franziskus die Wange eines Kleinkinds mit der Hand berührt, was der geneigte Leser offenbar als Ohrfeige interpretieren soll. Und auch sonst verbreiteten landauf, landab allerlei Blätter und Blättchen, der Papst habe das Schlagen von Kindern gutgeheißen, ja sogar gelobt. Auch Politikerinnen wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig und, gähn, Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth standen nicht an, den Papst für seine Worte scharf zu tadeln.

Na gut: Sicherlich war es nur eine Frage der Zeit, bis das sehr wesentlich von den Medien geprägte Bild vom ultraliberalen Wohlfühlpapst Franziskus - dem "gay loving, tree hugging, easy going 'hippie Frank'", wie der bloggende Priester Dwight Longenecker ihn jüngst nannte - Risse bekommen würde. Aber die Art und Weise, wie dies jetzt geschieht, ist schon bemerkenswert - und der Anlass, frei heraus gesagt, etwas tragikomisch. Liest man die Katechese vom 04. Februar im Zusammenhang, dann kann man sich nur die Augen reiben darüber, wie man sie auf die vermeintliche Kernaussage "Manchmal ist ein bisschen Haue schon in Ordnung" reduzieren kann. Aber anscheinend können unsere Damen und Herren Qualitätsjournalisten einfach nicht anders, als einzelne, gern spontane, etwas unglückliche bzw. undurchdachte Aussagen des Papstes aus dem Zusammenhang zu reißen, aufzubauschen und über- bzw. gezielt fehlzuinterpretieren. Erst haben sie auf diese Weise zu seiner Popularität gerade in kirchenfernen Kreisen beigetragen, und nun reißen sie das Gebäude eben auf dieselbe Weise ein, wie sie es errichtet haben.

Festzuhalten bleibt allerdings, dass Papst Franziskus in seiner Anekdote über den Vater, der auch beim Schlagen seiner Kinder deren Würde achtet, keinerlei Missbilligung für das Schlagen von Kindern hat erkennen lassen. Und dieser Umstand stellt alle jene, die den Papst gern gegen die nun über ihn hereinbrechende übertriebene, teilweise ausgesprochen ätzende Kritik verteidigen möchten, vor einige Schwierigkeiten. Vereinfacht gesagt habe ich in den vergangenen Tagen drei verschiedene Verteidugungsstrategien, oder sagen wir: drei Abstufungen der Kritik an der Kritik beobachtet:

A) "Der Papst hat gar nichts Falsches gesagt. Es geht hier schließlich nicht darum, Kinder mit Gürteln, Hosenträgern, Kleiderbügeln oder Schlimmerem grün und blau zu prügeln. Das wäre selbstverständlich zu verurteilen. Aber ein kleiner Klaps zur rechten Zeit schadet einem Kind sicher weniger als manche andere, vermeintlich 'gewaltfreien' Erziehungsmaßnahmen - und erst recht als zu wenig Strenge in der Erziehung."
-- Diese Argumentationslinie findet sich hier und da in Diskussionsbeiträgen in sozialen Netzwerken, stößt dort aber in der Regel umgehend auf massiven Widerspruch und wird als Verharmlosung alltäglicher Gewalt gegen Kinder verurteilt. Zwar können die Verfechter dieser Auffassung dadaruf verweisen, dass auch die Bibel - und zwar Altes und Neues Testament - durchaus zustimmend bzw. lobend über körperliche Züchtigung als Erziehungsmittel spricht (vgl. z.B. Sprüche 13,24 u. Hebräer 12,6); andererseits stehen sie aber im Widerspruch zur geltenden Rechtslage, denn in Deutschland wie auch in 38 anderen Ländern der Erde (darunter etwa Schweden, der Südsudan und Turkmenistan) ist nicht nur brutales Verdreschen von Kindern verboten, sondern jegliche Gewalt gegen Kinder. Dass der Papst in seinen Generalaudienzen zur ganzen Welt spricht und dass in vielen Teilen der Welt Schläge als Erziehungsmaßnahme nicht nur erlaubt, sondern gang und gäbe sind, macht die Sache aus Sicht seiner Kritiker nicht besser - gerade weil das so sei, täte er besser daran, sich gegen das Schlagen von Kindern auszusprechen, anstatt Diejenigen, die ihre Kinder schlagen, auch noch darin zu bestärken.

B) "Der Papst ist missverstanden worden. Seine Äußerung zielte nicht darauf ab, das Schlagen von Kindern gutzuheißen, sondern hervorzuheben, dass die Würde des Kindes unter allen Umständen zu achten sei. Ausgerechnet einen Vater, der seine Kinder zwar 'manchmal ein bisschen haut, aber nicht ins Gesicht', als positives Beispiel heranzuziehen, war wohl eine etwas ungeschickte und nicht gut durchdachte Wahl, aber das Ausmaß der öffentlichen Empörung hierüber sieht schon stark nach absichtlichem Missverstehenwollen aus. Außerdem muss man sich nur mal anschauen, wie lieb der Papst immer mit Kindern umgeht. Wie könnte man da auf die Idee kommen, er würde das Schlagen von Kindern befürworten?"
-- Das ist, beispielsweise, so in etwa die Argumentationslinie des offiziellen Vatikansprechers Pater Lombardi, den man um die Aufgabe, ständig erklären zu sollen, was der Papst denn nun wieder mit dieser oder jener locker-flapsig hingeworfenen Bemerkung gemeint hat, wahrlich nicht beneiden möchte. Den Einwand, der Papst hätte, wenn er vor aller Weltöffentlichkeit über das Schlagen von Kindern spricht, dieses unmissverständlich verurteilen sollen bzw. müssen, kann allerdings auch diese Verteidigungsstrategie leider nicht entkräften.

C) "Die Aussage des Papstes war tatsächlich ein ärgerlicher Fauxpas - schon allein, weil sie den Eindruck erwecken konnte, der Papst billige oder lobe leichte Formen körperlicher Züchtigung. Möglicherweise denkt er sogar tatsächlich so - dann wäre ihm zu widersprechen, was übrigens, da es sich ja nicht um eine lehramtliche Aussage handelte, Jedem zusteht, auch jedem noch so gläubigen und kirchentreuen Katholiken. - ABER: Die übertriebene Skandalisierung dieser Äußerung ist noch erheblich schlimmer als die Äußerung selbst. Die potentielle Gefährlichkeit der inkriminierten Sätze, die darin liegt, dass schlagende Eltern sich durch den Papst bestätigt fühlen könnten, wird durch die einseitige und überzogene Deutung, die die Medien den Papstworten beilegen, eher noch verstärkt. Zudem verstellt die ganze künstlich aufgeblasene Empörung über eine nebenbei in die Ansprache des Papstes eingestreute Anekdote den Blick auf sehr viel größere Probleme, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das gewollt ist. In der Kritik an den Worten des Papstes steckt ein gerüttelt Maß an Heuchelei, insbesondere wenn sie von Leuten wie Schwesig und Roth kommt, die mit ihrer familienfeindlichen Politik Kindern wesentlich Schlimmeres antun."

-- Ich gebe zu, die Grenzen zwischen diesen drei Standpunkten, besonders zwischen B) und C), sind recht fließend; und meine eigene Sicht der Dinge schwankt je nach Tagesform mehr oder weniger stark zwischen allen dreien. Zur weiteren Orientierung möchte ich hier ein paar, wie ich finde, ausgesprochen lesenswerte Stellungnahmen verlinken:

- "Papstwort über Erziehungsklapps pusht bewährte Pressespielchen" (Petra Lorleberg auf kath.net
- "Kippen durch klapsen" (Peter Winnemöller auf katholon.de)
- "Entwürdigend" (Bastian Volkamer auf Echo Romeo).

-- Was aber hat das nun alles mit der Personalie Tebartz-van Elst zu tun? - Nun, ursächlich vielleicht gar nichts, das weiß man nicht so genau. Aber beide Fälle illustrieren recht eindringlich, was dabei herauskommt, wenn einflussreiche Medien mehr Wert auf Stimmungsmache als auf korrekte Information legen. Und welche Macht sie haben, den Einen zum Schurken und den Anderen zum Helden zu stempeln oder im Bedarfsfalle auch aus einem Helden einen Schurken zu machen. Dass ich zuweilen den Eindruck habe, dies werde besonders gern bei Kirchenthemen praktiziert, mag zum Teil daran liegen, dass ich die Berichterstattung zu anderen Nachrichtenfeldern weniger aufmerksam verfolge; aber müsste ich meinen Eindruck "Wenn's um die Kirche geht, kann man der Presse nichts glauben" zu "Man kann der Presse überhaupt nichts glauben" revidieren, würde ich mich auch nicht unbedingt besser fühlen.

Einen eher unerwarteten Zusammenhang zwischen der Personalie Tebartz-van Elst und der Affäre um den "Prügel-Papst" stellt übrigens Dirk Schümer in einem Kommentar für die Welt am Sonntag her. Unter der Überschrift "Von der Faust des Heiligen Vaters" bemüht sich Schümer offenkundig, das seit der "Watschn-Rede" merklich ins Schwanken gekommene Charakterbild des Papstes in der Öffentlichkeit zusammenzuhalten: Zwar passt das neue Image des "Prügel-Papsts" nicht recht zum alten des allzeit jovialen, herzlichen, toleranten und fortschrittlichen Papa Franz, wohl aber - mit ein bisschen gutem Willen - zum Bild des entschlossen und tatkräftigen Kirchenreformers. Und im Zusammenhang mit der Reformbedürftigkeit der Kirche, speziell des Klerus, muss natürlich wieder der Name Tebartz-van Elst fallen. Schümer erklärt:
"Geistliche im maßgeschneiderten Habit, die sich in römischen Sterne-Restaurants die Klinke in die Hand geben, verachtet der Papst ebenso unverhohlen wie den deutschen Exbischof Tebartz-van Elst, der nach einem Skandal um seine luxuriöse Limburger Residenz abgesetzt wurde und von Franziskus seitdem ostentativ keine neue Aufgabe zugeteilt bekommt." (Hervorhebung von mir.) 
Hier gilt es sich an die oben angesprochene Karikatur aus dem Berliner Kurier zu erinnern: Kinder darf der Papst zwar nicht verprügeln, Protzbischöfe aber sehr wohl. Das Peinlichste an diesen an Peinlichkeiten nicht armen Zeilen Schümers ist jedoch, dass sein Kommentar am 08. Februar erschien - zu einem Zeitpunkt also, zu dem bereits allgemein bekannt war, dass Bischof Tebartz-van Elst eben doch vom Papst eine "neue Aufgabe zugeteilt" bekommen hat...

Aber keine Bange: Der Gipfel des Irrsinns ist damit noch nicht erreicht. Wenn du denkst, absurder geht's nicht mehr, kommt von irgendwo "Wir sind Kirche" daher. Am 09. Februar veröffentlichte der Deutschlandfunk ein Interview mit Christian Weisner, dem Bundessprecher der so genannten "Kirchenvolksbewegung". In diesem Interview erklärt Weisner der staunenden Öffentlichkeit, was der Papst gesagt habe, sei nicht schlimm, und zwar weil es eben Franziskus gesagt habe. Der sei nun mal ein Guter und könne daher gar nichts Schlimmes sagen. Hätten Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. das gesagt, dann wäre es schlimm gewesen.

So kann man es natürlich auch sehen.