Sonntag, 29. Dezember 2013

Der Schamane von Butjadingen

Vor einigen Jahren veröffentlichte eine Ärztin aus meinem Heimatort, man höre und staune, einen Roman: "Der Medicus von Butjadingen". Der Roman spielte im 18. Jahrhundert, die Titelfigur war ein junger Arzt, der - als erster studierter Mediziner überhaupt - in der noch tief im Mittelalter steckenden und obendrein malariaverseuchten nördlichen Wesermarsch praktiziert. Ich bin gern bereit anzunehmen, dass das Buch, was die medizinhistorischen Hintergründe angeht, kenntnisreich geschrieben ist; über die literarische Qualität des Romans möchte ich hingegen lieber den Mantel des Schweigens breiten. - Als das Buch herauskam, mokierte ich mich allerdings vor allem über den allzu offensichtlich an Noah Gordons Weltbestseller (dessen Verfilmung ja gerade in die Kinos kommt) angelehnten Titel. "Ich warte auf die Fortsetzung", witzelte ich damals gern. "Der Schamane von Butjadingen."
Zeitweilig spielte ich sogar mit dem Gedanken, diese Fortsetzung selbst zu schreiben, als Persiflage natürlich. Inhaltliche Ideen hatte ich dazu jedoch keine, deshalb wurde nichts daraus. Inzwischen aber hätte ich eine inhaltliche Idee zu dieser Überschrift: Die Titelfigur eines Romans namens Der Schamane von Butjadingen würde ich definitiv dem Pfarrer von St. Willehad in Nordenham, Hochwürden Erhard B., nachempfinden.

Dieser Gedanke kam mir, weil ich auch dieses Jahr wieder - wie es sich für einen wohlerzogenen (und alleinstehenden) Sohn gehört - die Weihnachtstage bei meiner Mutter verbracht habe, in der Heimat. Insgesamt ist das immer sehr schön, nur in kirchlicher Hinsicht nicht. Schon letzte Weihnachten habe ich etwas dazu geschrieben; seitdem sind einige evangelische Pfarrstellen in der Region neu besetzt worden, aber auf katholischer Seite hat sich nichts Wesentliches geändert. In der einzigen katholischen Kirche, die von der Wohnung meiner Mutter aus unschwer ohne Auto zu erreichen ist - nämlich St. Willehad - zelebriert nach wie vor der eben besagte Erhard B., der bekannt ist für seine wirren, langatmigen und gefühlstriefenden Monologe, sein esoterisch anmutendes Vokabular - ständig ist von irgendwelchen Kraft- bzw. Energieströmen die Rede und vom "Einklang von Körper, Seele und Geist" - und nicht zuletzt für seinen, vorsichtig ausgedrückt, eigenwilligen Umgang mit der Liturgie. Besonders über Letzteres habe ich mich bei einigen früheren Gelegenheiten so sehr geärgert, dass ich die Messe vorzeitig verlassen habe.

Gleichwohl muss ich gestehen, dass es in meinem Leben eine Zeit gegeben hat, in der ich bei Kirchbesuchen sehr viel weniger Wert auf die Einhaltung liturgischer Formen gelegt habe und auch gar nicht recht begreifen konnte, was daran so wichtig sein sollte. Ich ziehe daher durchaus die Möglichkeit in Betracht, dass einige meiner Leser das auch nicht so richtig nachvollziehen können. Wer Wert auf liturgische Korrektheit legt, setzt sich leicht dem Verdacht der Kleinkariertheit und Erbsenzählerei aus, sieht sich in einen Topf geworfen mit Leuten, die bei Aufführungen von Goethes Faust oder Schillers Don Carlos mit dem Reclam-Heft in der Hand im Publikum sitzen, die Dialoge mitlesen und Magengeschwüre bekommen, wenn sie eine Kürzung oder, schlimmer noch, eine Änderung bemerken. Es gibt da allerdings einen wesentlichen Unterschied: Eine Klassikeraufführung an einem deutschen Staatstheater ist, auch wenn mancher Bildungsbürger das vielleicht gern anders sehen möchte, kein Sakrament. - Ich habe überhaupt nichts gegen das Regietheater, wohl aber gegen das Eindringen des Regietheaters in die Heilige Messe. Anstatt diesen Punkt noch weiter zu vertiefen, verweise ich lieber auf einen kürzlich erschienenen Artikel des Bloggerkollegen Vincentius Lerinensis mit dem Titel "Liturgie der Buchhalter?" - da steht für mein Empfinden alles Wesentliche zu diesem Thema drin.
- Hinzufügen möchte ich, dass ich mir kleine Abweichungen in der Form durchaus noch gefallen lassen würde, wenn ich wenigstens sicher sein könnte, dass der Inhalt stimmt. Aber so ganz lässt sich das ja nun nicht voneinander trennen. Ich hoffe, anhand einiger weiter unten folgender Beispiele wird deutlich werden, wie ich das meine.

-- Ich befand mich also, als ich am Abend des 23. Dezember in meinem Heimatstädtchen eintraf, in einem Dilemma. Über die Weihnachtstage gar nicht zur Kirche gehen? - Inakzeptabel. Aber zu Pfarrer B.? Auch nicht unheikel. Beim Kaffeetrinken am Heiligabend sagte ich zu meiner Mutter, wenn ich zur Christmette ginge, könne ich nicht dafür garantieren, dass ich nicht mittendrin aufstehen und dem Zelebranten zurufen würde "Was erzählen Sie hier eigentlich für einen Scheiß?!". Meine Mutter bat mich eindringlich, das nicht zu tun.
Also verzichtete ich auf die Christmette, um stattdessen im Kreise der Familie Bescherung zu feiern. Allerdings nicht direkt im Kreise meiner Familie, sondern derjenigen des Lebensgefährten meiner Mutter. Aber warum auch nicht. Sind ja alles nette Leute, und ehrlich gesagt rührt es mich, mit welcher Selbstverständlichkeit sie mich seit Jahren in ihre eingespielte familiäre Festtagsgestaltung integrieren. Dass es mir an diesem Heiligabend dennoch nicht erspart bleiben würde, in Diskussionen verwickelt zu werden, in denen mir die Rolle des Quotenkatholiken zufiel, muss ich irgendwie geahnt haben. Na, andernfalls hätte mir wohl auch was gefehlt.
Schon im Vorfeld malte ich mir aus, welche Anlässe sich wohl für eine solche Debatte eignen mochten. Ich hatte da zwei konkrete Vermutungen: a) überkandidelte Vorstellungen darüber, wie Papst Franziskus die Kirche revolutionieren werde; b) die 31 Millionen von Limburg. Die Entscheidung fiel früh, schon beim Essen. Dabei begann alles so harmlos.

Meine Mutter und ihr Partner hatten an einer vom Lions Club ausgerichteten Lotterie teilgenommen, aber nichts gewonnen. Nun erläuterte meine Mutter, wie diese Lotterie funktionierte: Die Preise seien von Sponsoren gestiftet worden, die Einnahmen gingen an den Lions Club - "und von dem Gewinn tun die dann irgendein gutes Werk."
Der Schwiegersohn des Schwiegersohns des Partners meiner Mutter - nennen wir ihn mal der Einfachheit halber bei seinem Namen, nämlich Torsten - warf scherzhaft ein: "Also so ähnlich, wie die katholische Kirche das macht."
Ich setzte geräuschvoll meine Teetasse ab. "Mooo-ment."
Aber es war zu spät. Jemand Anderes am Tisch machte eine spitze Bemerkung über prunkvolle Residenzen, und schon gab ein Witzwort das andere. Ich setzte mein "I am not amused"-Gesicht auf und verkündete: "Zu diesem Thema werde ich mich vor dem ersten Bier nicht äußern."
Torsten sorgte daraufhin dafür, dass ich mein erstes Bier umgehend erhielt; wenig später wurde mir, um meine Diskussionsfreudigkeit anzuregen, auch noch eine Flasche Scotch vor die Nase gestellt, und auf der Stirn meiner Mutter zeigten sich Sorgenfalten.
Die Diskussion ließ dennoch auf sich warten. "Du musst mir schon eine Vorlage liefern", sagte ich zu Torsten. "Von alleine fang' ich nicht mit dem Thema an." Als Torstens Frau davon erzählte, wie sie und er einmal in einem Hotel, aufgrund von Buchungsschwierigkeiten, ein kostenloses Upgrade von einem normalen Doppelzimmer zu einer Suite bekommen hatten, raunte ich Torsten zu: "Wir nähern uns unserem Thema, merkst du's? Business Class und so." Eine weitere exzellente Vorlage ergab sich, als beiläufig erwähnt wurde, dass die bei der Bescherung gereichten mit Marmelade gefüllten Krapfen "Bischofsmützen" hießen. Und nach dem dritten Glas Scotch wollte ich das Thema dann auch langsam mal hinter mich bringen.
Ich erklärte, ich hätte gar nicht die Absicht, Bischof Tebartz-van Elst pauschal von allen Vorwürfen freizusprechen; sicherlich habe er Fehler gemacht, auch wenn noch nicht geklärt sei, worin genau die bestanden und wer da noch so alles mitverantwortlich sei; aber die Hetze, die gegen ihn veranstaltet werde, fände ich schändlich und erschreckend, und es steckten offensichtlich Motive dahinter, die mit den Baukosten des Limburger Diözesanzentrums oder der Frage, woher eigentlich die für das Upgrade des Indienflugs eingesetzten Bonusmeilen stammen, gar nichts zu tun haben. Ich war nicht direkt überrascht,  dass man mir in dieser Argumentation nicht folgen mochte. Stattdessen wurden mir die Klassiker der debatte aufs Brot geschmiert: die Badewanne, der Adventskranz. Gähn. Was soll denn damit bewiesen werden? dass Bischof Tebartz-van Elst als Bauherr inkompetent ist? Na, wenn's denn so wäre: Würde DAS die ganze Aufregung rechtfertigen?

Letztendlich führte die ganze Diskussion erwartungsgemäß zu nichts, und als Torsten mangels weiterer Argumente auf das Thema "kirchliches Sonderarbeitsrecht" ausweichen wollte, fand die Mehrheit der Familie, man solle doch lieber zu weniger konfliktträchtigen Gesprächsthemen zurückkehren. Ich wagte dennoch ein Schlusswort:
"Als einziger Katholik an diesem Tisch schlage ich mal vor, ihr lasst diese Themen meine Sorge sein."
Da reichte mir sogar Torsten lachend die Hand. Ich sagte ja schon: nette Leute.

Ein Gutes hatte die Debatte aber doch. Nicht ihr Inhalt, aber ihr Verlauf. Denn der verhalf mir, ich weiß selbst nicht genau wie, zu einer Eingebung, wie ich mein Kirchenbesuchs-Dilemma lösen konnte. "Ich habe folgenden Kompromissvorschlag", sagte ich zu meiner Mutter. "Ich gehe morgen vormittag zur Messe und werde Pfarrer B. nicht ins Wort fallen; aber nach der Messe frage ich ihn, ganz höflich und freundlich, ob er nicht der Meinung ist, dass seine Gemeinde ein Recht auf eine liturgisch korrekt zelebrierte Messe hat." Dagegen hatte sie keine Einwände.

Die Messe fand um 10:30 Uhr statt, und nachdem ich mein geplantes Vorgehen noch in der Nacht auf Facebook gepostet und dafür zahlreiche 'Likes' geerntet hatte, fragte ich mich auf dem Weg zur Kirche bang, was ich machen sollte, wenn Pfarrer B. wider Erwarten rite et recte zelebrieren und mir somit gar keinen Anlass zu Kritik bieten würde. Allzu große Sorgen bereitete mir dieser Gedanke jedoch nicht. Beim Betreten der St. Willehad-Kirche fiel mir auf, dass es hier bereits das neue Gotteslob gab - dass es offenbar aber nicht benutzt wurde, jedenfalls nicht bei dieser Weihnachtsmesse, denn für diese gab es kopierte Faltblätter. Und die ließen schon mal Schlimmes befürchten - allein deshalb, weil zahlreiche Rubriken auf bezeichnende Weise umbenannt worden waren. Statt des Tagesgebets wurde eine "Einführung" in Aussicht gestellt, statt der Homilie bzw. Predigt eine "Ansprache", statt des Eucharistischen Hochgebets "Das große Lob- und Dankgebet". Es sollte sich zeigen, dass alle diese Umbenennungen nicht von ungefähr kamen. Schon das Tagesgebet war nämlich kein Tagesgebet (schon gar nicht das für diesen Tag vorgesehene), sondern Pfarrer-B.-typisches langatmig-gefühliges Geschwurbel. Dass die erste Lesung ausgelassen wurde, trieb mir nicht den Blutdruck in die Höhe: Dergleichen erlebt man öfter, auch bei liturgisch korrekteren Zelebranten als diesem. Aber schade war's doch um den schönen Jesaja-Text. Das Evangelium bot einmal mehr Gelegenheit, den Kontrast zwischen Pfarrer B.s säuselndem Sprachduktus und seinem harten norddeutschen Akzent zu bewundern:

"So eielten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe laach.  
Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesaacht worden war."

Die Predigt - pardon: Ansprache - begann vielversprechend: Pfarrer B. zitierte aus der Enzyklika Spe salvi Benedikts XVI., und auch darüber hinaus brachte er einige interessante Gedanken in seinem Wortsalat unter, etwa über die signifikante Häufigkeit des Wortes "heute" im Lukas-Evangelium, wodurch die immerwährende Aktualität des Heilsgeschehens betont werde. Leider irrte er aber immer wieder ab in sinnfreie Anekdötchen und schwammige Kalenderweisheiten, sodass man am Ende nicht recht wusste, was er eigentlich sagen wollte. Das ist generell das Problem mit Pfarrer B.s "Ansprachen": Als "take-home-message", wie man in Motivationstrainer- und ähnlichen Kreisen grausigerweise tatsächlich zu sagen pflegt, kommt dabei selten mehr oder Anderes heraus als bei Fausts Antwort auf die Gretchenfrage.

"Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Faßt und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau ich nicht Aug in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut."

(Und wenn Gretchen darauf erwidert "Ungefähr sagt das der Pfarrer auch, / Nur mit ein bißchen andern Worten", dann könnte man denken, sie wäre bei Pfarrer B. in die Messe gegangen...)

Bald darauf begannen die liturgischen Ausfallerscheinungen manifest zu werden. Das Credo (für die Nichtkatholiken und/oder Nichtlateiner unter meinen Lesern: das Glaubensbekenntnis) entfiel ersatzlos - kein gutes Zeichen, für mein Empfinden. Das Eucharistische Hochgebet, das ja, ich erwähnte es schon, im Programmheft auch gar nicht als solches firmierte, wurde von Pfarrer B. ziemlich frei nach (pardon) Schnauze variiert. An dieser Stelle mal ein genereller Einwand. Das nachkonziliare katholische Messbuch lässt ja nun wahrlich an so manch einer Stelle Freiräume zur individuellen Gestaltung. Umso mehr sollte man davon ausgehen, dass die vorgeschriebenen Texte, da, wo sie vorgeschrieben sind, schon ihren Sinn und Grund haben. Vom Eucharistischen Hochgebet gibt es ganze vier verschiedene zulässige Versionen; muss man sich da partout noch eine eigene zusammenbasteln wollen? Das Gute an vorgeschriebenen Texten ist ja nicht zuletzt, dass alles Wesentliche bereits drinsteht; wer sich an sie hält, der macht nichts falsch. Wer aber von ihnen abweicht, begibt sich auf unsicheren Boden - umso mehr, wenn er sowieso eine Neigung zum Schwafeln hat. - Irritiert war ich, dass im Programmheft ein Lied an einer Stelle folgte, an der die Liturgie eigentlich keines vorsieht. Der Text dieses Liedes lautete:

"Trinken wir aus diesem Becher,
Essen wir von diesem Brot,
Sind wir eins in Jesus Christus
Und verkünden seinen Tod.
Preisen ihn, der auferstanden,
Uns befreit aus allen Banden,
Denn er kommt, denn er kommt,
Denn er wird kommen in Herrlichkeit."

Erst nachdem dieses Lied gesungen worden war, ging mir auf, dass an dieser Stelle eigentlich das Geheimnis des Glaubens am Platze gewesen wäre. Man wird feststellen, dass der Liedtext durchaus an selbiges Geheimnis angelehnt ist, aber... (Ich überlasse es den liturgiebeflissenen Katholiken unter meinen Lesern, sich mit Grausen zu winden, und den Anderen, zu fragen "Na und?".) - Beim Friedensgruß wünschte die Gemeinde sich rundherum "Frohe Weihnachten"; ich aber erwiderte jedesmal verstockt "Friede sei mit dir." Das Agnus Dei fiel übrigens auch aus, stattdessen wurde "Ich steh an deiner Krippen hier" gesungen. Zur Kommunion ging ich lieber nicht - wer weiß, in was der Schamane von Butjadingen Brot und Wein gewandelt hatte...

Kurz vor der Entlassung kündigte Pfarrer B. noch Geschenke für die Gemeinde an, und gleich darauf wurden sie auch schon von freiwilligen Helferlein hereingetragen: Kakteen, aber nicht so knollig-stachlige, sondern solche mit gezackten Blättern - Weihnachtskakteen werden sie zuweilen genannt, auf Botanisch hören sie auf den lustigen Namen Schlumbergera. "Jede Familie" sollte ein solches Pflänzchen bekommen, aber ich war ja ohne Familie da und bekam daher alleine eins. (Ich gab das Gewächs später an meine Mutter weiter.) Der Kaktus, so wurde erläutert, solle die Hoffnung symbolisieren; man solle ihn hegen und pflegen, auf dass er wachse und gedeihe. (Gab's da nicht mal so ein Neues Geistliches Lied "Kleiner Kaktus Hoffnung, mir umsonst geschenkt"? Nein, aber so ähnlich.)
Während die Kakteen verteilt wurden, verschwand Pfarrer B. kurz in der Sakristei - und kam mit einer riesengroßen Kaktusstaude wieder zurück. Diesen Kaktus, so berichtete er stolz, habe er vor Jahren geschenkt bekommen, da sei der genauso klein gewesen wie die, die gerade verteilt wurden, und nun schaut mal alle her, sooo groß ist der geworden. Er hielt den Kaktus mit beiden Händen in die Höhe, etwa auf Höhe seiner Stirn, sodass das Schlumbergera-Ungetüm bei ungenauem Hinsehen so wirkte, als trüge Hochwürden eine grüne Rasta-Perücke. Die Gemeinde lachte und applaudierte, mich jedoch befiel gelindes Befremden. Der Schamane von Butjadingen und sein heiliger Kaktus, dachte ich.
In die allgemeine Heiterkeit hinein stellte Pfarrer B. launig fest, dass er über die Katkusgeschichte ja beinahe vergessen hätte, den Entlassungssegen zu spenden. Abermals Gelächter und Applaus. Klar: Wer braucht noch einen Segen, wenn er schon einen Kaktus hat?
Nichts wie raus hier, dachte ich, aber das Schlusslied ("O du fröhliche") wartete ich noch ab. Dann flüchtete ich an die frische Luft, und die Gemeinde tat es mir gleich.
Draußen wartete ich auf den Pfarrer. Ich wartete lange, und als er endlich auf dem Kirchenvorplatz erschien, übersah er mich, der ich ja keins von seinen Schäfchen war, zunächst völlig.
Entschlossen trat ich einen Schritt auf ihn zu. "Kennen Sie mich noch?"
Pfarrer B., der mir in der 7.- und 8. Klasse Religionsunterricht erteilt hatte und bei meiner mündlichen Abiturprüfung Protokollführer gewesen war, stutzte, besann sich, aber dann fiel ihm doch mein Name ein. Gleich darauf demonstrierte er mir, dass er sich auch noch an die Vornamen meiner Geschwister erinnerte. Nach diesem Gesprächseinstieg fiel es mir nun etwas schwer, auf meine Kritik zu sprechen zu kommen, aber das hatte ich mir ja nun selbst eingebrockt.
Ich gab mir also einen Ruck und formulierte meine kritische Anfrage genau so, wie ich es am Abend zuvor angekündigt hatte: Ob er nicht der Meinung sei, dass seine Gemeinde ein Recht auf eine liturgisch korrekt zelebrierte Messe hat. Hochwürden reagierte souverän: "Ich finde das korrekt, so wie ich das mache." Er deutete an, seine Gemeinde finde das ebenfalls gut. Das mag so sein - jedenfalls der Teil der Gemeinde, der sich das noch antut. Wie ich von meiner Mutter weiß, sind nicht wenige Nordenhamer Katholiken schon vor Jahren zur Nachbargemeinde Herz Jesu abgewandert. Hätte ich auch gemacht, wenn ich ein Auto zur Verfügung gehabt hätte.
"Was hat Ihnen denn gefehlt?", fragte Pfarrer B. mich nun. "Das Credo?"
Das hätte ich nun schlicht bejahen können, oder auch erklären, dass es mich ganz einfach nervt, wenn im öffentlich-rechtlichen deutschen Katholizismus jedes kleines Kasperle meint, in der Messe sein eigenes Theater veranstalten zu müssen; im Grunde fand ich es aber schon im Ansatz absurd, einem Priester erklären zu sollen, warum es wichtig ist, sich an die Liturgie zu halten. Und genützt hätte es wohl auch nicht. Es war kaum zu verkennen: Dieser Mensch ist SO im Reinen mit sich, der findet sich selber SO okay - da dringt man mit Kritik einfach nicht durch.

("Bei dem sollten mal die Jungs mit den weißen Kutten vorbeischauen", hatte ich tags zuvor zu meiner Mutter gesagt. "Mit Fackeln und Mistgabeln und so."
"Der Ku-Klux-Klan?"
"Ich dachte eher an die Dominikaner.")

 Überrascht war ich allerdings von der Resonanz, die meine punktuellen Andeutungen zu diesem Thema in den einschlägigen sozialen Netzwerken gefunden hatten. Als ich nach der Messe wieder online ging, stellte ich fest, dass inzwischen sogar der frisch gekürte religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion sich dazu geäußert hatte. Auf Twitter. Man möchte das für einen Witz halten, aber es stimmt tatsächlich. Ebenfalls für einen Witz halten möchte man, wer der frisch gekürte religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion ist, aber auch das ist leider wahr: none other than Volker Beck. Na, offenbar nimmt er seine neue Aufgabe ja sehr ernst. Am Heiligabend hatte mein Twitter-Bekannter @Ratisbonus mir den Rat gegeben, bei meiner Auseinandersetzung mit Pfarrer B. den Vers Matthäus 18,15 zu beherzigen. Darauf erwiderte nun @Volker_Beck:



Ich nehme an, was Herr Beck mir damit sagen wollte, ist, dass ich der Pharisäer bin, der sich selbst erhöht und darum - im Gegensatz zum Zöllner, der sich selbst erniedrigt - nicht als Gerechter nach Hause zurückkehren wird. Ein kräftiger Schuss vor den Bug, aber derartige Vorwürfe sind ja keine Seltenheit, da gewöhnt man sich dran. Vermutlich war Volker Beck bloß sauer, weil ich einen Artikel des Idea-Magazins, der sich kritisch zu Becks Wahl zum religionspolitischen Sprecher äußert, auf Twitter verlinkt und diesen Link mit einem leicht boshaften Wortspiel mit Becks Namen garniert hatte. Na, wie dem auch sei, ein bisschen stolz war ich ja nun doch, dass der neue religionspolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, praktisch als eine seiner allerersten Amtshandlungen (!), die liturgischen Kasperliaden des Hochwürden B. aus N. an der W. gegen meine erzreaktionäre Kritik verteidigt.

Und dann, bzw. eigentlich schon kurz vorher, sprang im Kölner Dom Josephine Witt halb nackend auf den Altar. Damit konnte ich in puncto mediale Aufmerksamkeit natürlich nicht mithalten...